Ein schädelechtes Geweih

Wenn überhaupt die ehrsamen und tugendhaften Frauen, die unsere Kollegen mit deutlichen Angeboten ihrer zweifelhaften Reize überschütten, wüßten, welche verachtungsvolle Lustbarkeit ihr Ergüsse meistens auslösen, sie würden sich dreimal besinnen, ehe sie zu Feder und Papier greifen. Die Schauspieler wissen sehr wohl, daß sie von der Gesellschaft, die sich in bürgerlichen Selbstbetrug »die gute« nennt, mißachtet werden, und sie rächen sich dafür durch die Verhöhnung der liebebedürftigen Gesellschaftsdamen, die sich ihnen antragen, durch die geschlechtliche Benutzung vieler von den Frauen, die an Sittlichkeit und Ehrbarkeit turmhoch über den Komödiantinnen zu stehen meinen, und endlich auch noch dadurch, daß sie manchem der ehrenhaften, nobeln und sich überhebenden Herren dieser Kreise, der einen Komödianten nicht gern mit dem Rockärmel streift, ein schädelechtes Geweih aufsetzen. Auch ein Stück sozialen Ausgleichs.
Helene Scharfenstein: Aus dem Tagebuche einer deutschen Schauspielerin. Stuttgart, 1912.

  • ISSN 2367 - 3907
    © Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.
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