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Die Einwohner Münchens

Gemüths-Eigenschaften der Einwohner.
Moralischer Charakter.
Der Münchner ist gefühlvoll, aber nicht sentimental; sein Gefühl ist kräftiger Natur und nicht leicht veränderlich; sinnlichen Eindrücken ist er sehr zugänglich und gerne nachgebend. Seinem moralischen Charakter nach ist der Münchner ehrlich und bieder, in den untern Volks-Klassen bis zur Derbheit; er schmeichelt und heuchelt nicht gerne; er ist gutmüthig, daher sein Witz, den er gerne und nicht ohne Glück spielen lässt, selten verletzend; er ist freundlich im Umgang, aber nicht zuvorkommend, eher leicht misstrauisch und zurückhaltend; er ist nicht neidisch und geizig; früher mehr sparsam, ist der Bürger neuerlich nicht selten zur Verschwendung hinneigend (in München existiren drey Leih-Häuser, die häufig sehr in Anspruch genommen werden); er ist in hohem Grade mildthätig und wohlthätig und nicht leicht zählt eine Stadt so viele wohlthätige Vereine und so reichliche Spenden für Unglückliche und milde Anstalten; er ist gerne heiter und lustig und zwar oft lärmend und ausgelassen; er ist nicht händel- und streitsüchtig, wird auch nicht leicht zum Zorne gereizt oder in Affekt gebracht, wenn aber, so ist er tapfer, keck bis zur Waghalsigkeit; leicht wieder versöhnt und abgekühlt ist er ohne Rachsucht und trägt nicht lange nach; er ist geduldig und erträgt Unbill oft mit Ruhe, und Unglück mit Resignation, wofür sein Verhalten in den Cholera-Jahren 1836 und 1854 Zeugniss gibt; er ist anhänglich in der Freundschaft und Ehe, treu seinem Worte wie seiner Sitte und Gewohnheit, daher mehr zum Conservatismus geneigt und allem Umsturz, wenn auch nicht vernünftiger Reform abhold; er ist dankbar für Wohlthaten, voll Anerkennung für fremdes Verdienst, fast zu bescheiden für sein eignes. Er liebt gern Prunk und Putz, besonders die weibliche Hälfte, ist aber weder hochmüthig noch ruhmredig; er ist arbeitsam, aber kein Freund zu grosser Anstrengung, er ist endlich sehr sinnlich und genusssüchtig, liebt Tanz, Musik, Spiel und die Genüsse der Tafel und des Geschlechts oft mehr als gut und billig ist. Selbst aber bis in die tiefern Volksschichten hinab ist sein Charakter weder zur Lasterhaftigkeit noch zum Verbrechen hinneigend.
Religiöser Charakter.
In religiöser Beziehung kann der Münchner, seinen Geistes- wie Gemüths-Anlagen entsprechend, als streng kirchlich bezeichnet werden, haftet sich gern mehr an die Form als das Wesen, wesshalb ihm auch der katholische Ritus mit seinem Gepränge, seinen Prozessionen, Reliquien, Wallfahrten, Litaneyen, Bruderschaften u.s.w. mehr zusagt, als der nüchterne protestantische, dem auch nur ein Zehntheil der Bewohner, und diese meist ein gewandert, angehört. Er vergisst desshalb auch oft das Christenthum über der Kirche, die er fleissig besucht, auch gerne mit Legaten und Stiftungen bedenkt (wofür der grosse Reichthum der hiesigen Pfarreyen spricht), und deren Gebote streng eingehalten werden, besonders vom weiblichen Geschlecht; letztres hängt namentlich in der Neuzeit dem Marien-Kultus leidenschaftlich an. Er ist übrigens gottvertrauend, sowie duldsam gegen Andersgläubige, findet daher auch wenig Anstoss an gemischten Ehen, an der Zulassung der Juden zum geselligen Verkehr, an Anstalten, die verschiednen Kulten gemeinschaftlich sind, wie Krankenhäuser, Kirchhöfe, Schulen u.s.w. Seit 1803, wo das erste protestantische Kind in München getauft wurde, hat sich die Zahl der Protestanten dahier auf 16,000 gehoben. Wenig Städte mit paritätischer Bevölkerung können sich einer gleichen gegenseitigen religiösen Toleranz wie München rühmen; sowohl im ehlichen als gesellschaftlichen und politischen Verkehr wird hier selten ein Misston wahrgenommen, der in der Ungleichheit des Glaubens-Bekenntnisses seinen Grund hätte. Religiöse Schwärmerey und Hang zum Mysticismus kommen hier nur selten vor, und wenn dem Münchner auch hin und wieder abergläubische Vorurtheile ankleben, so glaubt er doch nicht mehr an Gespenster und Hexen. Dass man an einem Freytag keine Reise oder kein Unternehmen beginnen, dass man sich nicht zu Dreyzehn an die Tafel setzen soll, der Glaube an manche sympathetische Mittel oder Wirkungen u. dgl.; diese Schwäche Einiger theilt der Münchner wohl auch mit Vielen an andern Orten. Das Tischrücken und Geisterklopfen der kürzlich vergangnen Jahre hat in München nur kurze Zeit und in wenig Kreisen beschäftigt. Was wir mit Obigem über Geistes- und Gemüths-Anlagen sowie über den Charakter der Münchner Bevölkerung geäussert haben, gilt selbstverständlich von der Mittelklasse der Bewohner; die höchsten Spitzen der Gesellschaft befinden sich eben so mehr oder minder im Strome der modernen Geistesrichtung und Civilisation, als die untersten Schichten sich auf ähnlicher Stufe bewegen, wie in andern Hauptstädten, obwohl man in München eine eigentliche Volks-Hefe nicht kennt. Im Ganzen ist der Münchner Adel gut gebildet und gesittet, der Beamte anerkannt thätig und rechtschaffen, der Gewerbsmann nicht betrügerisch, aber auch nicht gerade häuslich; nur die dienende Klasse ist in neurer Zeit, durch Putz- und Genusssucht verleitet, weniger ehrlich und anhänglich geworden, als der frühere Ruf sie kennzeichnete.
Dr. Karl Wibmer: Medizinische Topographie und Ethnographie der k. Haupt- u. Residenzstadt München. Herausgegeben von einer Commission des ärztlichen Vereins in München. Zweites Heft. Die Lage, das Klima, die Stadt und die Einwohner von München. München, 1863.

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