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Die Altbayern an den Gräbern ihrer Lieben

Altbayrische Cultur-Skizzen

Der katholische Altbayer vom Land will keine »prunklose Beerdigung.« Der Glaube und die Ehre sind’s, die auch das Leichenbegängniß noch widerspiegelt; der Glaube an ein Helfenkönnen und Wiederfinden, die Familienehre, die einen Zuwachs erhält, wenn man dem Verstorbenen nachrühmen kann: »Er hat eine schöne Leiche gehabt.« Zur »schönen Leiche« gehört ein unabsehbarer Zug hinter dem Sarg. Am Deutlichsten entfaltet der Opfergang die große Verwandtschaft, die Beliebtheit, die Geltung in Stadt und Land. Ist es ein tagwerkschwerer Einöder, so entziffert der Opfergang im Begräbniß, Siebent und Dreissigst leicht 4½ Tausend Leidtragende.

Der ländliche Leichenzug in Altbayern zeichnet sich durch sein ernstes Gebet aus. Der Altbayer sieht streng darauf, daß es hinter dem Verstorbenen unaufhörlich schalle: »Vater unser« und »O Herr, gib ihm die ewige Ruhe.« Vorbeter mit Stentorstimmen sind die Zierde jedes Leichenbegängnisses. Hinter dem Sarg des Kindes beten Vater und Gevatter vor. Der Gevatter spielt in Altbayern überhaupt die allergrößte Rolle; er wird mit Umsicht erkoren, dann aber auch eingeweiht in alle Familienbegebnisse. Da wird kein Kauf oder Verkauf abgeschlossen, keine Gutsübergabe vorgenommen, kein Leibthum geschrieben, kein Sohn und keine Tochter ausgeheirathet, ohne daß der Gevatter zu Rath gezogen wird: »Gevatter, wie meinst denn Du?« So ist auch im Leichenbegängniß des altbayerischen Bauers der Gevatter eine Hauptperson; er ist Vorbeter gemeinschaftlich mit dem Oberknecht, der die stangendicke katholische Hauskerze trägt, wenn er im langen und treuen Dienst so zu sagen ein Familienmitglied geworden ist.

Von sentimentaler Rücksicht verstehen diese Vorbeter nichts; sie sind einzig bedacht, daß der Vorderste wie Hinterste sie deutlich höre. Wird z. B. ein Ausnahmbauer begraben, so kommen diese Vorbeter vom Land in die Stadt, und wie draussen durch die ländlichen Fluren, so beten sie herinnen durch die städtischen Gassen ihr Vater unser dermassen donnerstimmig, daß die katholischen, protestantischen, jüdischen und freireligiösen Fenster klirren. Lungen haben die altbayerischen Leichenvorbeter wie von Juchtenleder; wenn auch der Zug bergauf steigt, sie setzen nicht aus. Wie die Städter ihre Verstorbenen begleiten: die Hüte auf, mit pommadig gekreuzten Armen, Alltägliches plaudernd, das wäre im ländlichen Altbayern ein Gräuel. Alle gehen barhaupt, ob nun ein achtundzwanziggradiger Hundstag sengt oder ein eisiger Dezember peitscht.

Versteht es dann der Geistliche, mit eben so zartsinnigen wie markigen Worten ein Lebensbild zu zeichnen, in welchem der Todte nochmal dramatisch vor die Lebenden tritt; so hat der Altbayer am frischen Grabe ein offenes Herz, erbaut sich am Guten, verzeiht die Schwächen und läßt sich für alles Edle gewinnen. Beim Opfergang darf kein Leidträger fehlen; hier kontrollirt das Auge die Gegenseitigkeit, – denn nur den vertretenen Familien wird seiner Zeit »auf d’Leich« gegangen. Es kann das Hof-Ceremoniell nicht gemessener verlaufen, als der altbayerische Leichenopfergang: an der Spitze der Kreuzelträger, nach ihm die acht Träger, dann die minder- und großjährigen Söhne, – hinter ihnen die vier bis fünf Tauf- und Firm-Gevatter, – hernach die Brüder und Schwäger, die gesammte weitschichtige Vetternschaft vom sogenannten 99zigsten Suppenschnittl, die Dorfnachbarn, die Pfarrgenossen, die Auswärtigen in unabsehbarer Reihenfolge. Die ländliche Seelnonne, die derb und fest das »Todtenweib« heißt, geht mit der lichtflimmernden Laterne nach und schließt den Opfergang, der wichtig wesentlich ist, weil er die volle Familienehre entfaltet. Steht ein altbayerischer Tafernhof voll ländlicher und städtischer Kutschen, so weiß Jedermann: es ist eine Großbauernleiche. – Daher gilt als Hauptsorge, daß die Leichenbitterinnen (Einsagerinnen) frühzeitig genug und in gehöriger Armee auslaufen; ein Aemtlein, das viele und hitzige Bewerberinnen zählt, weil Reichnisse in Mehl, Brod und Geld daran hängen. Gehen noch ab eigene Staffetten zu Fuß und Wägerl, damit ja die bedeutenden Verwandten zur angesagten Zeit eintreffen. Und wenn Alle da sind, aber der Gevatter noch nicht, so muß das ganze Leichenbegängniß »noch ein Bißl verziehen«; die Pünktlichkeit muß der Vetternschaft weichen.
Am Begräbnißtage selbst verabschiedet man sich, zumal wenn der dreimalige Schaufelwurf dröhnt, unter bitterlicher Wehklage vom Todten. Doch begraben ist nicht vergessen.

Allsonntäglich treten die altbayerischen Söhne und Töchter zu den elterlichen Gräbern, um Vater und Mutter den „Weihbrunn” zu geben und kindlich eingedenk zu sein: da unten ruht jenes Mutterauge, das so viele Nachtwachen gehalten für uns, der Vaterarm der uns erzogen, jenes elterliche Haupt, das sich abgekümmert um unsertwillen, jenes Elternherz, das die unermüdliche Triebfeder aller Gutthaten gewesen. Mitunter sehr ausdrucksvoll und drollig verabschiedet sich die katholische Altbayerin von ihrem Eheherrn; zumal im bayerischen Wald erzählt sie am frischen Grab die häuslichen Geschichten. – So wehklagte denn auch eine untröstliche Ehehälfte am Mittelregen, und als ihr Schmerz den Gipfel erstieg, da rief sie mit verzweiflungsvollem Sarkasmus in’s Grab hinein: »O mei Mo! Hast Du den gelben Brei so gern gessen – öitza iß brav!!« Den Dreissigst, also das volle Leichenbegängniß, schlißt die die sogenannte »Begräbniß;« das ist der Leichentrunk in der Wirthsstube. Gäste sind nur: der Kreuzelträger, die Träger, die Ministranten, der Vicemeßner, das Todtenweib, die Familie, die Verwandtschaft, erkorene Nachbarn. Nach dem Schmaus wird der Todtenpsalter gebetet, wobei die Seelnonne und der Vicemeßner vorbeten, und welchen die Seelnonne folgendermaßen schließt: »Für Voda und Muada, für Schwesta und Bruada, für Oehnl und Ahnl, für Död und Dod und für die ganz verstorbene Froandschaft: Vater unser etc.« – Gewöhnlich spinnt sich aber die amtseifrige, geschäftsbeflissene Seelnonne, – da eine die andere überbietet, derart in nimmer endende Vater unser ein, daß die Ministranten, – nachdem sie gezecht haben, nicht mehr in’s Gebet wollen. Da geht aber der Bauer ohne Federlesen in den Roßstall und peitscht die Rangen in’s Gebet mit dem gut altbayerischen »Ochsenfiesel.«
Der schwäbische Postbote – Feuilleton zur Neuen Augsburger Zeitung Nr. 16. 1871.

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