Kein Grab ist stumm

 

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Biographische Schriften (1833)

Seit meiner letzten Anzeige starb er arme, alte, brave Maler Stephan, starben Straub, und Schega, und viele andere giengen dahin, deren Andenken uns rühmlich und lehrreich ist. Ich will dießmal nur des Straubs, und des Schega, und der übrigen in der Folge gedenken.

Straub.

Einen Auszug der vornehmsten Lebensumstände dieses berühmten Künstlers (so wie vieler anderer damals lebender bayerischer Künstler, nebst den Anzeigen ihrer Werke) hat uns schon im Jahre 1772 unser um die Gelehrsamkeit und die Künste bestens verdiente Herr Oberlandesregierungrath Johann Caspar Edler von Lippert in dem zu Augsburg gedruckten monatlichen Kunstblatt (3ter Jahrgang 7tes Stück S. 53) geliefert.

Johann Baptist Straub wurde 1704 den 23. Jun. zu Wiesensteig, einem im schwäbischen Kreis liegenden, und nach Bayern gehörigen Städtchen, geboren. Sein Vater, Johann Georg, war daselbst ebenfalls Bildhauer, und hielt seine fünf Söhne, welche er aus zweien Ehen, nebst einigen Töchtern, erhalten hatte, sämmtlich zu seiner Kunst an, wie sie sich dann auch auf dieselbe mit vielem Eifer verlegt, und sich in verschiedenen Ländern, als Philipp zu Grätz in Steiermark, Joseph zu Marburg ebend., Johann Georg zu Rackersburg ebend., und Franz zu Agram in Kroatien, als Bildhauer niedergelassen haben.

Unser Johann Baptist hatte kaum einige mechanische Fertigkeiten bei seinem Vater erlernet, als ihn dieser nach München schickte, und seinem Freunde, dem kurfürstlichen Hofbildhauer Gabriel Luidl gleichsam erst von neuem in die Lehre gab. Binnen vier Jahren, welche er bei diesem Künstler übte, brachte er es so weit, daß man ihn vor vielen andern wählte, die prächtigen Verzierungen, womit die schönen Zimmer der kurfürstlichen Residenz verherrlichet werden sollten, zu verfertigen. Er verließ nunmehr seinen Lehrmeister, und widmete sich gänzlich seiner ehrenvollen Arbeit, welche er in zwei Jahren zur größten Zufriedenheit des Hofes vollendete. Da er aber je länger je mehr wahrnahm, wie groß der Umfang seiner Kunst, und wie unendlich viele der Stufen wären, welche ein Künstler mit Talent durch Hülfe einer geistreichen Anleitung, durch lange und reife Betrachtungen des Schönsten in seiner Art, und durch unabläßliche Versuche und Uebungen besteigen müßte, um eine höhere Vollkommenheit zu erreichen, so faßte er den Entschluß, nach größern Städten, wo damals die Bildhauerkunst nicht so fast mehr geachtet, als durch Bestellung häufiger und schöner Arbeiten mehr ermuntert und geübt würde, zu wandern.

Mit diesem Vorsatze kam er nach Wien zu Herrn Ignaz Gunst, und nachmals zu Herrn Christoph Mader, Bildhauer des Prinzen Eugenius. Bei diesem Mader blieb er drei Jahre, und nahm an dessen zahlreichen und prächtigen Arbeiten immer einen unmittelbaren Antheil. Er wurde auch wegen seiner Geschicklichkeit täglich mehr bekannt, und als der Herr Abt de Monte Serrario eben einen neuen Kloster- und Kichenbau vornahm, erhielt von ihm unser Straub den Auftrag, die Bildhauerarbeit zu verfertigen. Diese bestand in einer Madonna von der Größe, wie sie in Spanien zu Monte Serrato zu sehen ist, dann in den Oratorien, einer Kanzel, und verschiedenen erhabenen Arbeiten, und Verzierungen, welche in dieser Kirche noch diese Stunde zu sehen sind. Die Schönheit dieser Arbeiten zog ihm viele Achtung zu, und erwarb ihm zumal die Freundschaft des kaiserlichen Hofbaumeisters Freiherrn von Fischer, und des berühmten Architekten Bibiena, deren Umgang und Unterricht ihm vielen Nutzen verschaffte.

Dieser glückliche Fortgang des jungen Straub, und sein täglich wachsender Ruf machte seine Landsleute auf eine edle Art eifersüchtig; sie wünschten ihn bei sich zu haben, und der berühmte bayerische Hofbildhauer Andreas Faistenberger lud ihn ein, nach München zurück zu kommen, und mit ihm gemeinschaftlich zu arbeiten. Straub folgte diesem Aufruf mit tausend Freuden, arbeitete einige Zeit mit Faistenberger, aber bald darauf für sich selbst. Seine Werke erhielten auch allen den Beifall, und eine sieben Schuh hohe Venus mit drei Genien, welche er zu einem Springbrunnen in das Graf königsfeldische Haus verfertigte, gefiel so sehr, daß ihn der Kurfürst, und nachmalige Kaiser Albert sogleich zum Hofbildhauer ernannt, und sohin mit München auf immer verbunden hat. Herr von Lippert nennet in seiner dem augsburgischen Kunstblatt eingerückten Anzeige 75 der ansehnlichsten Werke, welche unser Straub seit 36 Jahren, als der Zeit seines Aufenthaltes in München, verfertiget hat, deren Wiederholung aber hier zu weitläufig seyn möchte.

Straub hatte sich zweimal verheirathet, als a) mit Theresia Elisabetha, einer Tochter des hiesigen Hofkupferstechers Fr. Xaver Spät, mit welcher er binnen einer ellfjährigen Ehe fünf Kinder erzeugte, welche aber alle ihrer Mutter in das frühe Grab gefolgt sind, b) mit Elisabetha Theresia, Tochter des kurf. Hofgerichtsadvokatens und Auditors Herrn Johann Schluttenhofer. In dieser Ehe erhielt er zehn Kinder, wovon aber nur noch zwei Töchter am Leben sind. Was unserm Straub zur vorzüglichen Ehre gereicht, ist, daß auch seine Scholaren berühmte Künstler geworden sind. Der ältere war Herr Franz Ignaz Günter, Bildhauer in München, von dessen Leben und vorzüglichem Werken ich im nächsten Theile eine befriedigende Erwähnung machen werde. Der zweite Scholar war Herr Franz Xaver Messerschmid, sein Schwestersohn, der sieben Jahre bei ihm zugebracht, und einen ganz besondern Grad von Vollkommenheit erreicht hat. Messerschmid wurde nachmals zu Wien kais. kön. Hofbildhauer und Professor der Skulptur bei der dasigen Akademie der Künste, gieng aber einige Zeit darauf nach Preßburg, wo er unlängst gestorben ist. Zu einem Denkmal der Dankbarkeit gegen seinen Vetter und Lehrmeister hat er dessen Portrait nach der Natur, von Ton, im Profil, so wie auch die Portraite der straubischen Töchter, deren damals drei am Leben waren, in Ein Stück zusammengeformt, und nachmals in Blei gegossen, wie sie noch vorhanden sind. Auch verfertigte er für die verstorbene zweite Frau des sel. Straub den schönen einfachen Leichenstein, voll sanfter Rührung und stiller Melancholie, dessen ich im ersten Theile meines Jahrbuches S. 163 erwähnet habe. Auch unser noch lebende Hofbildhauer, Herr Roman Booß, der die ältere Tochter des Herrn Straub geheiratet hatte, stand bei ihm neun Jahre in Arbeit. Herr Johann Bapt. Straub starb den 15ten Juli 1784 im 80sten Jahre seines Alters.

Lorenz von Westenrieder: Sämmtliche Werke: Biographische Schriften. Kempten, 1833.

 

 

 

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