Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Rüthling Bernhard, geboren 18. April 1834 in Berlin, entstammte der bekannten Schauspielerfamilie Rüthling. Es war ihm nicht leicht geworden, sich der Kunst, für die er seit seinen Jünglingsjahren erglühte, zuzuwenden und nur mühsam brachte er sich vorwärts. Endlich gelang es ihm, nach einigen unbedeutenden Engagements 1858 Mitglied des Augsburger Theaters zu werden, und dort fing ihm das Glück zu lächeln an. R. nahm dort sowohl auf wie außer der Bühne eine erste Stellung ein und versetzte die Augsburger in tiefe Betrübnis, als er 1864 einem schmeichelhaften Antrage ans Hoftheater in München Folge leistete. Er debütierte daselbst am 1. Oktober als »Rochester« in »Waise von Lowood«. Auch dort dauerte es nicht lange und er beherrschte das ganze Fach der ersten Helden und Liebhaber mit souveräner Meisterschaft und war es nur natürlich, daß ein so großes Talent auch weit und breit bekannt wurde. Gar manche erste Hofbühne Deutschlands bewarb sich um seinen Besitz, allein da sich seine Stellung von Rolle zu Rolle immer mehr und mehr befestigte und er immer höher in der Gunst des Publikums stieg, lehnte er alle Anträge ab und wirkte verehrt und geliebt bis zu seinem Ableben in München. Die Münchner Schauspielkunst wußte am besten, was sie an ihm besessen, und fühlte auch am schmerzlichsten, was sie an ihm verlor. In München erschien er auch als erster »Siegfried« in den »Nibelungen« (12. März 1870), als »Mellefont« in »Miß Sarah Sampson« (29. November 1875) und »Fritz« in »Freund Fritz« (am 28. Mai 1877). Das letzte Stück, in dem er sich auf den Brettern zeigte, und dem er, schon ein kranker Mann, noch seine besten Kräfte lieh, war das Schauspiel »Ein Erfolg« von Lindau. Welche Bedeutung R. als Schauspieler besaß, spricht wohl am besten aus den Worten Ernst von Possarts, der am offenen Grabe des Künstlers klagend ausrief: »Es will Abend werden in den Räumen des Münchner Schauspiels!«

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.