Kein Grab ist stumm

 

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Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Görres Johann Joseph, Dr. phil., von, 1776 (Koblenz) - 1848, Historiker, Publizist, Laientheologe und Universitätsprofessor; G. ist die große symbolische Gestalt der »Katholischen Bewegung« Deutschlands im 19. Jahrhundert, weil er den Weg von der Aufklärung zu erneuter tiefer Gläubigkeit in stetem Ringen mit sich selbst repräsentiert und in den Auseinandersetzungen der wiedererstandenen Kirchlichkeit mit dem modernen Staat, namentlich z. Z. des »Kölner Ereignisses«, wegweisende Gedanken formulierte; von aufgeklärten Weltgeistlichen im Koblenzer Gymnasium unterrichtet, bildete G. sich autodidaktisch in den Naturwissenschaften und der Medizin weiter; während der Französischen Revolution, für die er anfangs begeistert war, brach er mit dem ererbten Glauben und verspottete er kirchliche Einrichtungen (Das Rothe Blatt, Rübezahl); erst während seiner Tätigkeit als Lehrer der Naturwissenschaften in Koblenz (-1814) vollzog sich eine innere Wandlung; lange rückte er, J. G. Herder folgend, die Wiederentdeckung des Mythischen in den Mittelpunkt seines Denkens, ein zweijähriger Aufenthalt in Heidelberg als Privatdozent brachte ihn mit der jüngeren Romantik in enge Verbindung und führte ihn auch auf die christlichen Traditionen zurück; die volle Rückwendung zur Kirche erfolgte aber erst, als die preußische Reaktion ihn wegen des Buchs »Teutschland und die Revolution« auswies und er in Straßburg als Flüchtling leben mußte, wo ihn die Ideen der kirchlichen Restauration und der elsässischen Bewegung berührten; im Kampf gegen den Liberalismus entfaltete er seine Fähigkeiten, als er 1826 von König Ludwig I. nach München als Professor der Allgemeinen und Literatur-Geschichte berufen wurde; hier bildete G. den Mittelpunkt eines Kreises bedeutender und geistig wie künstlerisch regsamer Katholiken, die das öffentliche Leben beeinflußten und späteren Zusammenschlüssen, wie den Katholikentagen und dem Zentrum (katholische Partei), vorarbeiteten; wie ein Patriarch verehrt und von Besuchern aus aller Welt, z. B. von Ch.-R.-F. Montalembert, H. F. R. de Lamenais, F. von Eckstein u. a., aufgesucht, redigierte er mit seinem Sohn Guido seit 1838 die »Historisch-politische Blätter«, nachdem zuerst die Münchner Zeitschrift »Eos« das Sprachrohr von G. und seinem Kreis gewesen war; das Kölner Ereignis wurde Anlaß zum »Athanasius« (1837), in dem das Problem Staat und Kirche aufrüttelnd behandelt wurde; die »Wallfahrt nach Trier« (1845) setzte sich mit Liberalismus und Deutschkatholizismus auseinander, 1836 bis 1842 erschien die »Christliche Mystik« (4 Bde.), die große Summe seines Wissens und Denkens, die den Widerstreit der Theologie und der modernen Naturwissenschaft durch eine leiblich-geistige Harmonielehre zu überwinden trachtete und eine Lebensphilosophie entwickelte; G. wirkte auch in organisatorischer (Görres-Gesellschaft) und politischer Hinsicht (gemäßigter Konservatismus) nach.

© Dr. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.