Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Campi Antoinette, geboren am 10. Dezember 1773 in Lublin, war die Tochter des polnischen Tonkünstlers Miclacewicz und vertauschte schon am 2. Februar 1792 ihren polnischen Namen gegen einen italienischen, indem sie sich mit dem bekannten Mozart-Sänger und Buffo der Guardasonischen Truppe in Prag, Gaetano Campi, ehelich verband.

Frühzeitig entwickelte sich ihr musikalisches Talent und sie nahm ihr erstes Engagement bei der erwähnten italienischen Gesellschaft 1785 in Warschau. Mit derselben zog sie gastierend umher und errang, besonders in Prag und Leipzig große Erfolge. 1801 nahm sie als erste Sängerin ein Engagement am Theater a. d. Wien unter Schickaneder an, welche Bühne sie am 13. Juni desselben Jahres als »Kiasa« in »Alexander« betrat. Sie feierte derartige Triumphe an der erwähnten Privatbühne, daß die Hofoperntheater-Direktion auf sie aufmerksam wurde und ihre künstlerische Kraft wünschte. Es kam auch Anfang 1818 zum Engagement. Ihre Erfolge blieben ihr hier wie dort getreu und machte sie sowohl in Wien als auf ihren Gastspielen in Dresden, Frankfurt, München, Stuttgart, Berlin, Warschau etc. geradezu Furore.

Ihre Leistungen wurden den hervorragendsten künstlerischen Darbietungen ihrer Zeit beigezählt. Als 1822 die deutsche Hofoper in Wien aufgehoben wurde und viele der bisherigen Mitglieder mit einer größeren Abfindungssumme verabschiedet wurden, bat sie, man möge sie nicht ganz entlassen, und ihrer wiederholt gerühmten, großen Kunst gedenkend, der sie auch 1820 den Titel einer k. k. österreichischen Kammersängerin verdankte, sie nur dann und wann bei Festlichkeiten singen lassen, um der jüngeren Generation zu zeigen, wie man einst gesungen. Allein diese Bitte wurde ihr, obzwar sie noch immer ausgezeichnet sang und noch immer imstande war, mit den neuen Gesangssternen zu konkurrieren, rundweg abgeschlagen und unweigerlich ihre Entlassung beschlossen.

Tief gekränkt wandte sie sie sich nun nach München, wo sie bei ihrem Gastspiel geradezu Sensation hervorrief. Doch gleich nach der Ankunft erkrankte die Künstlerin und binnen vier Tagen starb sie, am 1. Oktober 1822, an einer Gehirnhautentzündung. Man sagt, daß der kalte Empfang des Münchener Intendanten auf die ohnehin durch ihre Entlassung in Wien tiefgekränkte Künstlerin den schmerzlichsten Eindruck hervorgerufen haben soll.

C. sang musterhaft in der alten italienischen Weise und war eine sogenannte Bravoursängerin. Sie gehörte zu den gefeiertsten Sängerinnen und ist es unmöglich, alle Rollen aufzuzählen, die sie in deutschen und italienischen Opern unter dem Jubel der Zuhörer sang. Der Umfang ihrer Stimme betrug in ihrer Blütezeit volle 3 Oktaven und man stellte sie, hinsichtlich dieser Mittel sowohl als ihrer musikalischen Bildung wegen neben die Catalani, einige erhoben sie sogar in ihrem Enthusiasmus über dieses Weltwunder an Stimme.

Der strenge Castelli meldet von dieser ausgezeichneten Koloratursängerin in seinen »Memoiren«: »Ihre Kehlengeläufigkeit war wirklich wunderbar, sie konnte alles damit machen, was sie wollte, ja selbst wenn sie etwas heiser war, konnte sie noch die schwersten Partien singen; sie besaß keine Brust-, sondern eine etwas spitze Kopfstimme. Gehaltene Töne waren bei ihr weder voll noch schön, aber das musikalische Feuerwerk brannte sie bewunderungswürdig ab. Sie sang den Part der Königin der Nacht in der hohen Tonart, in welcher ihn Mozart ursprünglich schrieb, und das Stakkato klang wie springende Perlen. Mit Virtuosität sang sie auch die Donna Anna im »Don Juan« und die Constanze in der »Entführung«. Jedenfalls gehörte die C. zu den abnormen Kunsterscheinungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Ludwig Eisenberg’s Großes Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.