Kein Grab ist stumm

 

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Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften (1835)

Campi, Madame Antonia, Kaiserl. Oesterreichische Cammer- und Hof-Opernsängerin in Wien.

Sie war aus Polen gebürtig, kam ums Jahr 1785 als erste Sängerin zu der italienischen Operngesellschaft des Guardasoni, welche damals abwechselnd in Prag und Leipzig spielte, und heirathete hier bald darauf den bei dieser Gesellschaft befindlichen italienischen Baßsänger Campi; ihr Familienname aber ist bis jetzt nicht bekannt geworden.

Im Jahre 1787 schrieb der unvergeßliche Mozart in Prag eigens für sie die Parthie der Donna Anna in der Oper »Don Juan«, welche auch ihrer ausgezeichnet schönen, milden und weichen Stimme vollkommen angemessen war, und in welcher sanften und sentimentalen Rolle sie sich überall glänzenden und dauernden Beifall erwarb. So widmete sie ihr Talent und ihren Fleiß den Bewohnern Prag’s und der Börse des Theaterunternehmers Guardasoni viele Jahre hindurch mit großer Aufopferung, und wurde demohngeachtet von letzterem schlecht belohnt und keineswegs anständig behandelt.

Dieserhalb verließ sie Prag im Jahre 1801 und ging nach Wien, wo sie als erste Sängerin an Schikaneder’s Theater an der Wien angestellt wurde und sich ebenfalls den wohlverdienten Beifall des Publicums zu erhalten wußte. Zu Anfang des Jahres 1818 kam sie in Wien als erste Sängerin zum Hof-Opern-Theater und wurde 1820 zur Kaiserl. Cammersängerin ernannt.

Im Herbst 1818 gab sie Gastrollen in Leipzig, wo sie die ältern Freunde der dasigen Oper, deren Mitglied und schönste Zierde Madame Campi vor mehr als 20 Jahren gewesen war, mit Achtung und großer Erwartung empfingen; aber mit Bewunderung und lebhaftester Freude sahen sie ihre Erwartungen in gewisser Hinsicht noch übertroffen.

Die Frische ihrer Stimme, die nun einmal der Blüthezeit des Lebens vorbehalten ist - diese kaum abgerechnet, fand man an der trefflichen Künstlerin noch all die Vorzüge, mit welchen sie früher ihre Zuhörer so oft entzückt hatte, und eine wahrhaft bewundernswürdige Geübtheit, Fertigkeit und Geschicklichkeit, für die auch das Allerschwierigste nicht nur ausführbar, sondern leicht scheint, war noch hinzugekommen. Jedoch wünschte Jedermann, wie auch früher schon in Prag und Wien, daß sie sich, besonders in Mozart’s Musik, durch ihre große Kehlgeläufigkeit nicht zu so zahllosen, und noch weniger zu ganz harmoniewidrigen Verzierungen hinreißen ließe.

Nicht geringern Beifall ärndtete sie hierauf in Dresden ein, so wie im Herbst 1819 in Frankfurt a. M., München und Stuttgart. Die Anmuth der Jugend hatte sie verlassen, die Blüthe der äußern Form, welche auf den Bühnen unserer Tage oft über Gebühr geschätzt wird, war verwelkt, und dennoch wußte diese Frau durch den Zauber ihres Gesanges jedes dafür empfängliche Gemüth zu fesseln.

Im August 1821 gab sie Gastrollen in Prag, wie im September und October in Berlin, trat auch an beiden Orten in einigen Concerten auf, und bewies auf’s neue, wie sehr sie in ihrer Kunst mit dem Geiste der Zeit fortgeschritten, so wie an Ausdruck und Empfindung gewonnen habe, und daß sie unbestritten zu den ersten Bravour-Sängerinnen ihrer Zeit gerechnet werden müsse. In demselben Jahre 1821 unternahm sie auch eine Kunstreise nach Warschau, wo sie während des Reichstages sowohl in drei Concerten, wie auch als Amenaide in der Oper »Tancred« von Rossini außerordentlichen Beifall erhielt und das Glück hatte, von Sr. Majestät dem Kaiser von Rußland, Alexander dem Ersten, mit einem kostbaren Brillantringe beschenkt zu werden.

Um die Mitte des Septembers 1822 besuchte sie München wieder, dachte wohl daran, in Erinnerung des vor einigen Jahren daselbst erhaltenen Beifalls, neue Lorbeeren zu pflücken, wurde aber plötzlich von einem Entzündungsfieber ergriffen und fand statt derselben – ihr Grab. Sie starb in München am 30. September 1822 und wurde am 3. October in öffentlicher Feier ehrenvoll zur Erde bestattet, wobei sich Chöre der Münchner Musikvereine versammelt hatten, um einen von Capellmeister Stunz componirten Trauergesang anzustimmen. Der Schmerz des tiefgebeugten anwesenden Gatten, der schnelle unerwartete Glückswechsel ergriff alle Herzen. Ein feierliches Todtenamt in der Cathedralkirche schloß diese Auftritte der Trauer.

Der Umfang der Stimme der Madame Campi wir in deren Blüthezeit sehr bedeutend, von klein g bis ins dreigstr. f, mithin beinahe 3 Octaven. Am schönsten und einander vollkommen gleich waren indeß die Töne vom mittleren bis zum hohen c; die tiefen waren nicht so stark und wohlklingend, und manche der höheren etwas scharf, zuweilen fast kreischend.

Ihre Stimme hatte aber nicht allein eine außerordentliche Kraft, sondern war auch äußerst biegsam, und nicht minder, erfreuete sie durch Deutlichkeit, Bestimmtheit und Reinheit des Vortrags; aber auch ihr Gesang mit halber Stimme war sehr schön. Ihr Triller war überraschend und unübertrefflich; kühn, richtig abgemessen und sehr gleichförmig, was sie öfters durch staunenswerthe Durchführung zeimlich langer Trillerketten bewies. Ihr Tragen des Tones vom leisesten Piano bis zum stärksten Forte war herzergreifend, und die Sicherheit, womit sie sich öfters vom tiefsten Tone bis zum höchsten hinaufschwang, möchte wohl jetzt nur noch wenigen Sängerinnen eigen seyn, wie sie auch überhaupt die größten Schwierigkeiten im Gesange mit seltener Fertigkeit überwand.

Das schönste Staccato, die vollkommenen Coloratouren und das kunstgemäß ausgebildete Portamento wurden überall bewundert. Ihr vibrirender Ton bewies ihre große Uebung in der diatonischen Tonleiter, die chromatischen Scalen führte sie mit großer Präcision aus, und mit vollem Recht mußte man ihr die drei Puncte der alten Singschule: formare, fermare und finire, zugestehen. Ihre belebte Declamation und die ihr eigenthümliche Leidenschaft im Spiele wurde noch bewundert, als sie bereits an Jahren ziemlich weit fortgeschritten war. Bedeutende Theater-Kenntnisse unterstützten sie dabei.

Bei einem Vergleiche zwischen der Catalani und der Campi wurde versichert, daß letztere, bei einer länger erhaltenen und umfangreicheren Stimme, eine weit gründlichere Gesangsmethode, bedeutendere Musikkenntnisse und einen längeren und präciseren Triller habe. Nur zwei Fehler wurden an ihr, als ihren herrlichen Gesang verunstaltend, getadelt. Der eine war: das zu plötzliche Verstärken und gleich darauf eben so jähe Verschlucken der Töne, welches sie oft so sehr übertrieb, daß es, besonders in gebundenen Noten, fast in ein Heulen ausartete. Der zweite bestand darin, daß sie nicht drei Töne nach einander ohne Mordent, Vorschlag oder irgend einen anderen Schnörkel vortrug, und zwar in jedem Zeitmaaße.

v. Wzrd.

Baron von Winzingerode: Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Stuttgart, 1835.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.