Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Die Geschichte der Zeitmesskunst (1903)

Johann Mannhardt.

Johann Mannhardt (Biographie des Meisters von E. Gohlke, aus »Die Turmuhr des Berliner Rathauses von Georg F. Bley 1894«) wurde am 31. August 1798 in Bürstling, einem kleinen Dorfe in Bayern, als Sohn eines Zimmermeisters geboren. Der Vater starb im Jahre 1803, seine Familie in Dürftigkeit zurücklassend. Die Mutter hatte vollauf mit ihrem kleinen Haushalt zu thun und bekümmerte sich wenig oder gar nicht um die Erziehung ihrer vier Knaben, die ohne Schulbildung heranwuchsen, sich aber dafür umsomehr mit den Werkzeugen des Vaters beschäftigten, worin sich besonders Hans und der ältere Bruder Franz hervorthaten.

Etwa zehn Jahre alt, kam Hans zu dem Bauer am Sonnenreut bei Warngau, einem Verwandten von mütterlicher Seite. Von dort besuchte er ab und zu die Schule im nahen Allerheiligen, weil andere auch dahin gingen, um wenigstens das A B C zu lernen. Zur Christenlehre gingen sie nach Warngau.

Bald jedoch kehrte er, das Zimmerzeug immer mit sich führend, nach seinem Heimatdorfe zurück, um Ziegen und Kühe zu hüten und in seinen Musestunden Holzschuhe anzufertigen, Ziegenhütten zu bauen und an Alpenhütten herum zu flicken. Von der Alp heimgekehrt, zimmerte er während des Winters für seine zwei Bauern - bei jedem Bauer immer eine Woche - allerlei kleine Gerätschaften für die Wirtschaft. Darüber vergass er in seinem Eifer als Zimmermann den Schulbesuch ganz und gar; der in ihm wohnende unbewusste Schaffenstrieb drängte in unaufhörlich zur Arbeit.

Doch die ereignissvolle Wendung im Leben Mannhardt’s, die ihn in andere Bahnen lenkte, in welchen er sein angeborenes Talent zur vollen Geltung bringen konnte, sollte bald eintreten. Ein Knecht, der bei einem Nachbarbauer diente, besass eine Taschenuhr, die er beim Uhrmacher Deisenrieder in Gmund zur Reparatur gegeben hatte. An einem Sonntag ging er mit Mannhardt nach Gmund zur Kirche und veranlasste letzteren, mit zu dem Uhrmacher zu kommen, um die Uhr dort abzuholen.

Das war nun etwas nach dem Sinne des Hirtenknaben, der hier zum erstenmale eine mechanische Werkstatt betrat, in welcher ihm unter allen Werkzeugen eine Drehbank ganz besonders gefiel und die weit besser war als diejenige, welche er sich selbst angefertigt hatte. Sie zeichnete sich noch besonders dadurch aus, dass sie mit Riemen zur Bewegung des Fussschwungrades und an der Spindel mit einer Scheibe von Messing versehen war. Deisenrieder merkte sofort, dass Mannhardt das lebhafteste Interesse für diese Mechanik zeigte und fragte ihn, ob er Lust habe, Uhrmacher zu werden.

Mannhardt sagte: »Ja, mir wäre es schon recht, aber wir können kein Lehrgeld zahlen«; worauf Deisenrieder ihm erwiderte, dass das nichts zu sagen habe, er müsse dafür aber länger lernen. Der Junge war damit einverstanden und mit dem schönen Leben auf der Alm war es vorbei. Nach Hause zurückgekehrt, teilte er dem Paten und der Mutter sein Vorhaben mit. Der Pate sagte gleichgiltig: »Was Du lernst, kümmert mich nichts.« Die Mutter war derselben Meinung und äusserte mit gleicher Zärtlichkeit: »Meinetwegen gehst zum Teufi!«

Mannhardt trat nun seine Lehre an, in der er acht Jahre (bis zum Jahre 1821) verblieb. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass Deisenrieder die Turmuhr in Gmund zu reparieren hatte, wobei ihm Mannhardt fleissig zur Hand ging. Letzterer musste die Uhr dann auch noch vier Jahre lang aufziehen.

Diese Uhr diente nun dem vorwärts strebenden Lehrling zum ernsthaftesten Studium und wurde ausschlaggebend für sein späteres Wirken in der Kunst. An jedem einzelnen Teile derselben übte er sein Nachdenken und machte Pläne, wie dieselben verbessert werden könnten. Wenn er dann dem Meister seine Verbesserungsvorschläge auseinander setzte, kam es oft zu ernsten Zerwürfnissen zwischen beiden, da sich der alte erfahrene Meister den Vorschlägen seines Lehrlings nicht fügen wollte.

Nach beendigter Lehrzeit schied Mannhardt als Geselle von Meister Deisenrieder. Er hatte keinen Pfennig Geld und wusste nicht wohin er sich wenden sollte. Doch dies machte ihm wenig Sorge, ihn erfüllte nur ein einziger Gedanke und sein ganzes Sinnen und Streben war darauf gerichtet, eine Turmuhr nach seiner eigenen Konstruktion bauen zu dürfen. Da er als geschickter Arbeiter bekannt war, kam er sehr bald auf Empfehlung als Geselle zu der Witwe des Schlossermeisters und Grossuhrmachers Fritz in Miesbach.

Dieses Geschäft lag vollständig darnieder; es gab wenig zu thun und die Werkstatt befand sich in einem verwahrlosten Zustande. Der junge Geselle hatte hier von Grund auf überall Neues zu schaffen und sämtliche Werkzeuge in Stand zu setzen. Hier fühlte er sich in seinem Elemente, hier konnte er, von niemand abhängig, seine Verbesserungen und neuen Ideen, über die er solange nachgedacht, ausführen und auf ihren praktischen Wert prüfen. Obgleich mit der Uhrmacherei vollauf beschäftigt, fand er doch noch Zeit zu allen möglichen sonstigen mechanischen Arbeiten, die, in ihrer Ausführung immer originell, Zeugnis von seinem Universalgenie ablegten. Endlich sollte auch sein sehnlichster Wunsch, eine Turmuhr nach seinen eigenen Ideen zu bauen, erfüllt werden.

Für die Kirche zu Egern am Tegernsee sollte eine Turmuhr beschafft werden, mit deren Anfertigung Mannhardt betraut wurde. Er löste diese Aufgabe in kurzer Zeit und stellte eine Uhr mit einer Hemmung her, die ganz abweichend von den bis dahin bekannten Systemen war.

Durch einen günstigen Zufall fand sich nun auch für Mannhardt in der Person des Generalmauth-Direktors von Miller aus München ein einflussreicher Gönner. Derselbe hatte während seines Aufenthaltes in Miesbach die Verdeckungsscheibe seines Fraunhofer'schen Perspektives verloren; als er nun einen Boten in Miesbach beauftragen wollte, ihm zu München im Fraunhofer'schen Institut eine neue Schraube zu bestellen, wurde ihm gesagt, dass hier ein Uhrmachergeselle sei, der ihm die Schraube auch anfertigen könne. Der Direktor zweifelte daran, liess sich aber doch endlich überreden, Mannhardt diese Arbeit ausführen zu lassen. Wie erstaunte er aber, als er die Arbeit zurück erhielt und fand, dass diese Schraube die gediegenste des ganzen Perspektives war. Anstatt der verlangten 24 Kreuzer zahlte er Mannhardt einen halben Kronenthaler. Herr von Miller besuchte ihn in seiner Werkstatt und ersah aus Mannhardt's Arbeiten bald, dass er es mit einem sehr begabten Menschen zu thun habe. Er lud ihn ein, ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Hier fand nun Mannhardt Gelegenheit, durch allerhand neue Arbeiten und Reparaturen seine staunenswerte Geschicklichkeit zu zeigen und sich die Gunst des Herrn von Miller in vollem Masse zu erwerben.

Nach München zurückgekehrt, vergass derselbe seinen Günstling nicht; auf seine Veranlassung brachte Mannhardt die für Egern gebaute Turmuhr im Sommer des Jahres 1826 zur Ausstellung nach München. Auf Antrag des Herrn von Miller wurde dieselbe einer Kommission des Polytechnischen Vereins zur Prüfung übergeben. Nachdem in zehn Punkten die Vorzüge dieser Uhr aufgezählt worden waren, erklärte die Kommission, dass sich Johann Mannhard's von Gmund, eines Uhrmachergesellen und Werkführers in Miesbach, Uhr von den gewöhnlichen Kirchturmuhren wesentlich unterscheidet, jeder Fachmann muss sie, trotz ihres billigen Preises, als vollendetes Meisterwerk anerkennen.

Ferner bemerkte diese Kommission, dass Johann Mannhardt durch die vorzügliche Ausführung dieser Uhr, welche als eine ganz neue Erfindung zu betrachten sei, sich als ein ausgezeichneter Künstler im Fache der Grossuhrmacherei gezeigt habe und in dieser Hinsicht jedmögliche Aufmunterung und Unterstützung verdiene.

Die Uhr wurde dann wieder nach Egern zurückgebracht, wo sie sich noch heute im Gange trefflich bewährt.

Mit dieser Uhr hatte Mannhardt im wahrsten Sinne des Wortes sein Meisterstück abgelegt; man war in München auf ihn aufmerksam geworden und als die Mitglieder der Prüfungs-Kommission ihm den Vorschlag machten, sich in München zu etablieren, folgte Mannhardt mit Freuden diesem Rufe. Mit wenig Geld im Beutel, aber den Kopf voll neuer Ideen traf er im Jahre 1827 dort ein. Doch kam er nicht mit ganz leeren Händen nach München; noch in Miesbach war ihm zufällig eine alte Plombiermaschine unter die Hände gekommen, die ihm unpraktisch erschien; schnell machte er sich an die Arbeit, um eine solche nach seiner eigenen Idee herzustellen. Dieselbe fand in München an massgebender Stelle solchen Beifall, dass man sofort 12 Stück derselben bei ihm bestellte. Später erhielt er noch eine Bestellung auf 270 Stück, die hauptsächlich für die bayerischen Zollämter bestimmt waren.

Kurze Zeit nach seiner Ankunft in München verheiratete sich Mannhardt.

In der ersten Zeit waren die Verhältnisse des jungen Meisters in München durchaus keine glänzenden; denn innerhalb der ersten sechs Jahren hatte er nicht eine einzige Turmuhr anzufertigen. Jedoch verschmähte Mannhardt keine Arbeit, die sich ihm darbot; so half er dem Gürtler Eisendorf aus Miesbach bei Anfertigung des Kreuzes für die neue protestantische Kirche in München, das er gefräst, genietet und zusammen geschraubt hat. Diese Arbeit wurde ihm zum Segen; denn bei dieser Gelegenheit erhielt er (1833) den Auftrag, für die genannte Kirche eine Turmuhr zu bauen. Mannhardt fertigte dieselbe nach demselben Prinzip wie die Uhr in Egern, jedoch in grösserem Massstabe. Nun folgten in kurzer Zeit Aufträge auf drei andere Turmuhren, die er bis zum Jahre 1837 vollendete und deren vorzügliche Arbeit Mannhardt's Ruf in immer weitere Kreise verbreitete.

In Anerkennung seiner Verdienste um die Mechanik wurde ihm am 1. Juli 1837 von König Ludwig I. von Bayern die goldene Civilverdienst - Medaille verliehen. Die reiche und mannigfaltige Thätigkeit auf allen Gebieten der Mechanik, die Mannhardt jetzt entwickelte, lässt sich schwer beschreiben und in ihren verschiedenen Bahnen verfolgen.

Im Jahre 1844 kam Mannhardt in den Besitz einer Werkzeug- und Maschinen-Fabrik in München, in welcher er anfangs 44 Arbeiter, im Jahre 1861 aber deren 116 beschäftigte.

Von nun an verfertigte er die verschiedenartigsten Maschinen nach seiner eigenen Erfindung, die sich alle als höchst praktisch und originell in ihrer Ausführung bewiesen, so unter anderen Farbemaschinen, Makaroninudelpressen, lithographische Pressen, auch eine Bratmaschine für die königliche Hofküche. Unter seiner Leitung wurden für die Pinakothek elf eiserne Oberlicht-Dachstühle angefertigt. Für die Maffei'sche Maschinenfabrik baute er das Hammerwerk, Kammrad u. s. w. Die sämtlichen lithographischen Pressen in der königlichen Steuerkataster-Kommission, ferner Maschinen für die königl. Münze, Zeughaus, Eisengiessereien u. s. w. sind seine Arbeit. Mit dem Mechaniker Koch baute Mannhardt die erste rationelle Ölmühle in München, wofür beide den von der Regierung ausgesetzten Preis von 800 Gulden erhielten.

Bei all dieser umfangreichen und anstrengenden Thätigkeit, die einigemale auch mit empfindlichen Geldverlusten verbunden war, vernachlässigte Mannhardt dasjenige nie, was er zu allen Zeiten als die Hauptaufgabe seines Lebens betrachtet hatte: die Anfertigung und Verbesserung der Turmuhren.

Im Jahre 1842 erhielt er den ehrenden Auftrag, für die Domkirche zu München eine Uhr zu bauen. Diese Uhr gilt als Normaluhr der Hauptstadt, sie zeigt auf beiden Türmen an sechs Zifferblättern die Zeit. Diesem vorzüglichen Uhrwerke folgten Bestellungen auf Uhren in den Stadtturm zu Winterthur in der Schweiz, für die Bahnhöfe in Zürich, Nürnberg, Augsburg und München. Zur Erweiterung seiner Kenntnisse und um den gesteigerten Anforderungen der Kunst auf dem Felde der Uhrmacherei entsprechen zu können, unternahm Mannhardt grosse Reisen in Deutschland, Frankreich, England, Irland und Schottland: überall studierte er die berühmtesten Turmuhren und bemühte sich, daheim die Erfolge seiner Studien bestens zu verwerten. Nach dem Vorbilde oben genannter Uhren fertigte Mannhardt auch solche für minderbemittelte Gemeinden zu billigen Preisen, mit kleinem Werke.

Eine derartige Uhr wurde 1850 zur Industrie-Ausstellung nach Leipzig geschickt und mit der goldenen Medaille ausgezeichnet. Diese Uhr kam in den Rathausturm nach Fürth. Eine gleiche Uhr wurde für die St. Peterskirche in Würzburg bestellt. Mannhard's Ruf ging bereits in alle Welt hinaus. Für seine engere Heimat, für Bayern, sind über 200 Uhren aus seiner Werkstatt hervorgegangen; aber auch im Auslande waren seine Uhren berühmt und gesucht. Nicht nur in allen Teilen Deutschlands verkündeten sie seinen Ruhm als eines ganz tüchtigen Grossuhrmachers, sondern auch in der Schweiz, Österreich, Böhmen, Ungarn, Mähren, Siebenbürgen, der Moldau, Wallachei, Kroatien, Holland, England, Irland, Russland, Italien, Griechenland, Nord- und Südamerika, Mexiko, Westindien, ja selbst im äussersten Süden Afrikas, auf dem Kap der Guten Hoffnung und in der Kapstadt wurden seine Uhren begehrt.

Dieser glänzenden und erfolgreichen Thätigkeit fehlte es natürlich auch nicht an äusseren Zeichen der Anerkennung. Auf allen Industrie-Ausstellungen, sowohl in Deutschland und Österreich, wie in Paris und London, wurden Mannhardt's Uhren mit den ersten Preisen ausgezeichnet.

Im Jahre 1867 wurde Mannhardt Mitglied der National-Akademie für Ackerbau etc. und Inhaber einer goldenen Medaille erster Klasse. Die Gesellschaft für Hebung der Künste und Industrien in London verlieh ihm in Anerkennung der nach Paris zur Ausstellung gesandten Gegenstände eine Medaille erster Klasse mit Diplom, nachdem er schon früher zum Ehren-Vicepräsidenten dieser Gesellschaft ernannt worden war.

Auf Verwendung des Königs Ludwig I. von Bayern erhielt er aus dem Industrie- und Kulturfond des Landes 6000 Gulden Unterstützung. Im hohen Aufträge reiste Mannhardt im Jahre 1865 nach Rom, wo schon im Jahre 1858 drei Mannhardt'sche Uhren aufgestellt waren, und erhielt vom Papst Pius IX. den Auftrag zur Anbringung einer Uhr mit Viertelschlagwerk im Vatikan.

In demselben Jahre wurde Mannhardt auch mit der Herstellung der Uhr im neuen Rathause zu Berlin betraut, deren bewunderungswürdiges Werk die Leser aus der im Auftrage des Central-Verbandes der deutschen Uhrmacher herausgegebenen Brochüre betitelt: »Die Turmuhr des Berliner Rathauses, gebaut 1870 von Johann Mannhardt in München, von Georg Bley«, studieren können (Vertragsmässig war die Lieferung dieser Uhr mit Th. 2700 übernommen; infolge ungeahnter Schwierigkeiten bei dem Bau und Aufstellen derselben stellte aber Mannhardt eine Nachforderung, welche ihm in Höhe von Th. 1300 auf Befürwortung hiesiger Sachverständiger seitens des Magistrats auch bewilligt wurde. Unserer jetzigen Münzeinheit entsprechend kostet demnach die Uhr Mk. 12000. ).

Von hervorragender Bedeutung ist Mannhardt's Erfindung einer Uhr mit freischwingendem Pendel, ein Problem, über welches schon Galilei und Huyghens vergeblich nachgedacht hatten.

Schon bei der ersten Uhr in Egern legte er dieses System zu Grunde und vollendete 1862 eine solche Uhr, deren Gang sich ohne Öl und ohne Reibung vorzüglich bewährte. Für diese Originalität erhielt Mannhardt von der bayrischen Regierung ein Privilegium auf fünf Jahre.

Das Werk kam nach Stuttgart, nachdem es von der königl. Akademie der Künste und Wissenschaften zu München, sowie von dem Central-Verwaltungs-Ausschuss des Polytechnischen Vereins in Bayern nach Verdienst gewürdigt worden war. Im Jahre 1868 fertigte Mannhardt eine acht Tage gehende Uhr an, bei der er das System des freischwingenden Pendels noch bedeutend verbessert und vereinfacht hatte. Diese Turmuhr ging in allen Temperaturverhältnissen mit einer Genauigkeit, wie es bis dahin bei einer Grossuhr nicht festgestellt werden konnte.

Mannhardt war im Stande, an seiner Turmuhr schon bei 2 Grad Temperatur-Unterschied den hundertsten Teil einer Linie als Schwingungsdifferenz abzulesen. Solche Erfolge wurden selbst in England, wo man für diesen Zweck bedeutende Mittel aufgebracht hatte, nicht erreicht.

Auf der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 zogen die Mannhardt'schen Uhren die Bewunderung aller Fachmänner auf sich, und unter den schmeichelhaftesten Ausdrücken wurde ihm der höchste Preis, die Fortschrittsmedaille, als Reformator der Grossuhrmacherei, zugesprochen.

Welch' grossartigen Aufschwung seine Uhrenfabrikation genommen hat, geht daraus hervor, dass über 1300 Stück Grossuhren in seiner Werkstatt gefertigt worden sind. Mit der Fabrikation dieser vortrefflichen Uhren hielt die Herstellung von vorzüglichsten Maschinen und genial erdachten Werkzeugen gleichen Schritt. Schon in der im Jahre 1862 veröffentlichten Preisliste finden sich unter 62 Nummern nicht weniger als 24 verschiedene neue Maschinen zum Verkauf angeführt, darunter eine Hobelmaschine für 2600 Gulden mit einem Gewicht von 92 Zentnern, ferner eine Räderschneidmaschine zu demselben Preise mit einem Gewicht von 66 Zentnern, sodann 7 Drehbänke, von denen die teuersten 6500 Gulden kosteten. Auch eine Räderdrehbank, für Triebräder jeder Grösse, 22 Fuss lang und 3 Fuss 2 Zoll hoch, mit einem Gewicht von 315 Zentnern ist in dieser Liste aufgeführt. Weiter finden sich dort acht verschiedene Pressen für Buchbinder, Kupferdrucker, dann eine Eisenbahnbillet-Druckmaschine im Preise von 2146 Gulden, ferner eine Billetdatum-Presse zu 90 Gulden u. s. w. verzeichnet.

Mannhardt errichtete auch eine Spezial-Werkstatt zur Anfertigung von Werkzeugen und Maschinen für den Eisenbahnbau. Der Wert aller von ihm verkauften Fabrikate ist auf Millionen anzuschlagen. Trotz alledem aber hatte Mannhardt es nicht zu pekuniären Erfolgen gebracht. Verluste der schlimmsten Art brachten ihn um alles, was er in langen Jahren sich durch mühsame Arbeit errungen hatte. Seine Frau, mit der er lange Jahre in glücklicher Ehe lebte, war gestorben, und auch seinen einzigen Sohn raubte ihm der Tod. Alle diese schweren Schicksalsschläge jedoch konnten den thätigen Mann in seinem Denken, Sinnen und Streben nicht aufhalten, er verscheuchte in Nachdenken und Grübeln über neue Probleme versenkt, Kummer und Sorgen. Hier erst tritt die geistige Grösse dieses genialen Mannes in seiner ganzen Bedeutung hervor, der unbeirrt, trotz aller Widerwärtigkeiten des Lebens, seinem weit gestellten Ziele zustrebte.

Mannhardt starb 1878 in München 80 Jahre alt. Die Mannhardt'sche Turmuhrenfabrik aber hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

Claudius Saunier: Die Geschichte der Zeitmesskunst von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Bautzen, 1903.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.