Kein Grab ist stumm

 

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Die Kunst für Alle (1887)

Ferdinand von Miller,
geb. 18. Okt. 1813, † d. 11. Febr. 1887.

Ein Nekrolog von Fr. Pecht

Daß die kräftigsten Charaktere, die ursprünglichsten Begabungen der Nation immer wieder aus dem dunkeln Schoße der Masse zuwachsen, dafür ist der eben dahingeschiedene berühmte Erzgießer v. Miller neben Makart und Defregger bei uns das glänzendste Beispiel. In ihm, der kaum je ordentlichen Schulunterricht genossen, verlor die deutsche Kunst einen ihrer eifrigsten Förderer, München seinen hervorragendsten und gemeinnützigsten Bürger, Deutschland einen feurigen Patrioten. Vereinigte er doch hohe Intelligenz, angeborne Weitklugheit, praktischen Sinn und außerordentliche Thatkraft in seltenem Grade mit idealem Wollen und immer bereiter Aufopferungsfähigkeit.

Dabei war dieser durch eigene Kraft zu hohen Ehren gelangte Mann, der im Reichs- und Landtage mit seiner natürlichen Beredsamkeit und der Kraft seines Willens so vieles Wohlthätige gewirkt, die Interessen der nationalen Kunst unermüdlich vertreten hat, ein ächter, noch mehr vom Gemüt als vom Verstand beherrschter Süddeutscher, voll glühender Liebe für seine Heimat und ein von der tiefsten Religiosität durchdrungener Katholik. In unserer an großen Intelligenzen und schwachen Charakteren so reichen Zeit war diese so recht aus einem Stück gehämmerte, mit der ganzen Frische des selbstgemachten Mannes ansgestattete Kernnatur eine wahre Erquickung und besaß deshalb eine zahllose Menge von Freunden und Verehrern.

Umgeben von seinen acht Söhnen, die alle gut geraten, mehrere sogar sehr ausgezeichnete Männer geworden sind, glich er einem Patriarchen, war nicht weniger das wahre Muster eines guten Familienvaters, wie im öffentlichen Leben ein Vorbild jeder Bürgertugend. Hat er durch seine glänzenden Leistungen der Münchener Erzgießerei einen Weltruf, sich selber ein großes Vermögen errungen, obwohl er für seine zahlreichen Arbeiter väterlich sorgte, für jeden Leidenden eine offene Hand besaß, so liegt doch sein Hauptverdienst wenigstens in der zweiten Hälfte seines unermüdlichen Wirkens, in dem außerordentlichen Aufschwung, den er erst der Metalltechnik, dann dem ganzen Kunstgewerbe in München gab.

Schon in den fünfziger Jahren stiftete er mit anderen die Schule des Vereins zur Ausbildung der Gewerbe, wie diesen Verein selber und ward dann, nachdem er in der Mitte der siebziger Jahre die Gießerei seinen Söhnen überlassen, die Seele des durch ihn neu belebten Kunstgewerbevereins. Er allein setzte jene berühmte Kunst- und kunstgewerbliche Ausstellung von 1876 durch, von welcher sich recht eigentlich der Aufschwung des deutschen Kunstgewerbes herschreibt, und hat damals neun Monate lang als ihr Vorstand eine ganz unerhörte Thätigkeit entfaltet, - leider auch durch solche Selbstaufopferung den Grund zu der Herzkrankheit gelegt, der er schließlich erlag. Denn von der eifrigsten Erfüllung einmal übernommener Pflichten konnte ihn nichts abhalten. Die bei uns so verbreiteten Rücksichten für die eigene Bequemlichkeit kannte er nicht. So gab es denn keine gemeinnützige Unternehmung in München, wo der »alte Miller« nicht mit an der Spitze gestanden hätte, sei es die Dampfschifffahrt auf dem Starnbergersee, die Eisenbahn nach Tegernsee, die neuen Münchener Kirchenbauten, zu deren einem er sogar den Bauplatz schenkte, die Centennarfeier des Königs Ludwig, wie er einst 1870 im Ständesaal durch seinen Übertritt den Anschluß Bayerns an das übrige Deutschland entschieden, 1872 die Ausschreibung einer Summe von zwei Millionen Gulden aus der französischen Kriegsentschädigung für den Bau der neuen Akademie durchgedrückt hatte.

Läßt daher sein Tod eine breite, schwer auszufüllende Lücke, so ist doch glücklich jedes Gemeinwesen zu nennen, das solche Bürger zählt.

Friedrich Pecht: Die Kunst für Alle. Heft 11. 1. März 1887.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.