Kein Grab ist stumm

 

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Conversationslexicon für bildende Kunst (1844)

Deurer, Peter Ferdinand, geb. 1779 in Mannheim, machte seine Studien in Düsseidorf und Kassel, kam hierauf in seine Vaterstadt zurück, rettete bei der französischen Belagerung Mannheims hier die Schätze der berühmten Gallerie, ward bald hernach Gallerie-Inspector zu Augsburg und Professor der dasigen Kunstschule, gab jedoch im J. 1826 den Staatsdienst auf und wanderte nun nach Rom, um in der ewigen Stadt völlig der Kunst zu leben.

Sein ausserordentlichstes Werk, welches er hier zu Stande brachte und als seine Lebensaufgabe betrachtete, ist eine Kopie der in Borghesischen Gall. befindlichen Grablegung von Raffael. Zugleich legte er eine schöne Sammlung älterer Gemälde an, die er zwar nur auf 30 Nummern brachte, unter denen aber kaum eine war, die nicht werthvoll hätte heissen dürfen.

Im J. 1843 wanderte Deurer, nach Beendigung seiner Kopie der raffaellschen Grablegung, zur Kur nach Kissingen und begab sich dann für den Winter nach München, um im Frühjahr Marienbad zu besuchen und darauf nach Rom zurückzukehren. Indess das Schicksal wollte es anders; er wurde das Opfer von Leberleiden, die er sich durch anhaltendes sitzendes Arbeiten zugezogen zu haben schien, und es überfiel ihn, von ihm und den Seinigen ungeahnt, der Tod mitten im Gespräch mit diesen am 9. Januar 1844 zu München.

Ob seine in Rom nachgelassene Gemäldesammlung dort versteigert oder durch seinen Sohn, den Maler Ludwig Deurer in Mannheim, nach Deutschland gebracht worden, ist uns bis zum Moment, wo wir dies schreiben, unbekannt geblieben. Eins der werthvollsten Gemälde der Deurerschen Sammlung war die Bathseba im Bade von Paris Bordone aus der Gallerte Fesch; das Bild ist 7 F. 3 Z. hoch, 6 F. 9 Z. breit, und bietei drei lebensgrosse weibliche Figuren mit reicher architektonischer Umgebung in aller Fülle und Frische des venezianischen Kolorits. Sodann machte sich in der Sammlung ein Bildchen von Pietro Perugino bemerklich, die Auferstehung Christi, Skizze zu dem grossen Bilde in der Vatikanischen Sammlung; ferner eine Landschaft von Gaspar Poussin aus der Gall. Aldobrandini (4 F. 6 Z. hoch, 6 F. breit); eine heil. Familie, halbe Figuren, ein ganz vorzüglich inniges Bild des eigentümlich strengen Florentiners Sandro Botticelli (2 F. 10 Z. hoch, 2 F. 3 Z. breit); eine Anbetung der Könige von Andrea del Sarto (3 F. 2 Z. hoch, 2 F. 7 Z. breit).

Die übrigen Stücke der Samml. waren: Christus, vor ihm eine knieende Frau, von Nicolas Poussin; die Farbenskizze einer Himmelfahrt Mariens von Tintoretto; Flucht nach Aegypten, von Baroccio; grosses Bild eines Jünglings und Mädchens vom Ritter d' Arpino; Madonna mit Kind, angeblich von Murillo; zwei Landschaften, Tivoli und Terni, von Orizonte; von Heiligen umgebene Madonna, aus der Schule des Lionardo da Vinci; Maria mit dem Christkindchen und Johannes, von Ghiriandajo; Madonna von Innocenzo da Imola; Kopie der Correggischen Kalharienvermählung, von Schidone; Apotheose einer Nonne, von Leandro Bassano; Maria mit dem Kinde, ein sehr altes Bild von Ceccarelli Sanese; Madonna von Filippo Lippi; Krönung Mariens von Tiberio d' Assisi; Maria mit Kind von Crivelli; ein Temperabild: la Madonna degii angeli, von Sano di Siena; Landschaft von Domenichino; Trinker von Isaac Ostade; Landschaft von Hobbema; Bauern von Adrian Brouwer; Gesellschaft von Le Ducq; alte Kopie eines Nachtstückes von Schalken. Als Krone dieser Sammlung aber war Deurer’s vortreffliche Kopie nach Raffael zu betrachten.

Conversationslexicon für Bildende Kunst. Leipzig, 1844.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.