Kein Grab ist stumm

 

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Allgemeine Zeitung (1844)

München, 12 Jan. Wir haben abermals den Verlust eines ausgezeichneten Künstlers zu beklagen. Am 9 d. M. starb hier der Maler Ferdinand Deurer aus Mannheim an den Folgen eines Leberleidens, das er sich durch anhaltendes sitzendes Arbeiten scheint zugezogen zu haben, im Anfang seines 68sten Jahrs.

Er war im verflossenen Jahr aus Rom, wo er seit langer Zeit lebte, nach Deutschland gekommen um das Bad Kissingen zu gebrauchen, beabsichtigte sich den Winter über in München aufzuhalten, um im Frühjahr nach Marienbad zu gehen und sodann nach Rom zurückzukehren, als ihn am obengenannten Tag, ohne vorherige Anzeigen nahender Gefahr, mitten im heitern Gespräch mit den Seinen, plötzlich der Tod überfiel.

Deurer war ein Mann von feiner Bildung, großer Kenntniß und von mannichfachen Verdiensten. Er war es, dessen Entschlossenheit und Thätigkeit wir die Rettung der Schätze der Mannheimer Gemäldegalerie bei dem Einfall der Franzosen zu Anfang des Jahrhunderts besonders verdanken. Er ward später zum Galeriedirector in Augsburg und zum Professor der dortigen höhern Kunstschule ernannt, gab aber im Jahr 1826 den Staatsdienst auf, um in Rom ganz der Kunst zu leben. Dort hatte er die Aufgabe bald gefunden dir gewissermaaßen die seines Lebens geworden ist. Hingerissen von den Schöpfungen Raffaels, schien ihm nichts so lohnenswerth als diesen Genius ganz zu verstehen, und bald hatte er sich entschlossen eines der herrlichsten Werke desselben, die Grablegung in der Galerie Borghese zu copiren, und zwar so zu copiren daß man das Original noch einmal neugeschaffen sehen sollte. Der Ausführung dieses mit allem Feuer der Kunstliebe und Bewunderung gefaßten Vorsatzes widmete er fortan mit größter Energie seine ganze künstlerische Thätigkeit, so daß er es vor seiner Abreise aus Rom vollendet in seinem Atelier zurücklassen konnte. Schreiber dieser Zeilen sah das Bild im Jahr 1837; ist es, wie nicht zu zweifeln, in dem Geist, mit der Treue und Tüchtigkeit zu Ende geführt als es damals bereits demselben nahe gebracht war, so muß man sagen daß schwerlich eine zweite Copie der Art von einem ältern classischen Werke in unsern Tagen gemacht worden ist, und daß es, soweit eine Copie und namentlich eine nach Raffael an die Stelle des Urbildes treten kann, diese Aufgabe vollkommen löst.

Deurer hat sich auch während seines langen Aufenthalts in Italien eine Anzahl auserlesener Kunstschätze erworben, Gemälde älterer Meister von hohem Werth. Diese, sowie seine eigene Arbeiten, dürfen wir hoffen im Laufe dieses Jahres in München zu sehen, da sein Sohn, der Maler L. Deurer in Mannheim, der um ihre Versendung nach Deutschland zu besorgen, wie wir hören, selbst nach Rom reisen wird, wohl eines deßfalls einst gegen seinen Vater ausgesprochenen hohen Wunsches gern eingedenk seyn wird.

Allgemeine Zeitung Nr. 15. Montag, 15. Januar 1844.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.