Kein Grab ist stumm

 

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Almanach für Freund der Schauspielkunst (1841)

Maria Klauer geb. de Bruyn, erblickte im Jahre 1816 zu München das Licht der Welt. Sie hatte sich dem Lehrfache bestimmt, und ihre früheste Bildung war darauf berechnet, sie für diesen Beruf tüchtig und geeignet zu machen. Doch die dramatische Kunst übte eine große Gewalt auf das für alles Schöne und Edle empfängliche Gemüth der aufblühenden Jungfrau, und namentlich waren es die großartigen Leistungen der genialen Sophie Schröder, welche einen so mächtigen Eindruck auf sie hervorbrachten, daß in ihr der lange vorher gehegte Entschluß, sich der Schauspielkunst zu widmen, vollends zur Reife gedieh. Mit dem angestrengtesten Eifer begann und vollendete sie die Vorbereitungen für ihre neue Laufbahn, und betrat, nachdem sie erst nach vielen Bitten die Einwilligung ihres Vaters erhalten hatte, am 11. September 1833 zum ersten Male die Bühne zu Regensburg in der Rolle der Hedwig in dem Theodor Körner’schen Schauspiele gleiches Namens. Der Erfolg dieses ersten theatralischen Versuches war nicht allein ein glücklicher, sondern die Debütantin wußte sich auch durch ihre folgenden Darstellungen die Gunst des Publikums in solchem Grade zu gewinnen, daß sie bald der Liebling desselben wurde. Freiherr von Schenk, der Dichter des »Belisar«, wurde aufmerksam auf das emporkeimende Talent, unterstützte die jugendliche Künstlerin mit seinem Rathe, regelte ihre Studien, und unter so trefflicher Leitung machte sie immer größere Fortschritte.

Fast zwei Jahre blieb sie in Regensburg, ging dann im October 1835 auf einige Monate nach Coblenz, und trat von da aus ein Engagement bei der vereinigten Cöln-Aachner Bühne an, wo sie in Cöln als Clärchen in Göthe’s »Egmont«, Käthchen von Heilbron, und Olga in Raupach’s »Isidor und Olga« mit ungetheiltem Beifalle debütirte.

1836 folgte sie dem neuen Mitdirektor des Hamburger Stadttheaters, Mühling, dorthin. Hier debütirte sie als Griseldis, Maria Stuart und Olga, und hatte sich der günstigsten Aufnahme zu erfreuen. Mißheiligkeiten mit der Direction führten jedoch eine baldige Auflösung des Contracts herbei.

Hr. von Holtei, der um diese Zeit die Theaterdirektion in Riga übernahm, engagirte sie nun für diese Bühne; allein unsere Künstlerin trat dieses Engagement nicht an, sondern zog es vor, nach dem Badeorte Dobberan zu gehen, wo das Großherzoglich Mecklenburg-Schwerinsche Hoftheater im Sommer Vorstellungen zu geben pflegt. Hier spielte sie mit so glänzendem Erfolge die Griseldis, daß sich die Direction schon nach dieser ersten Rolle beeilte, sie unter die Mitglieder dieses Hoftheaters aufzunehmen. Seit dieser Zeit wirkte sie hier zur allgemeinen Zufriedenheit des Hofes und des Publikums.

Nach Ablauf Ihres Contracts mit der Schweriner Bühne gab sie im August und September auf dem Berliner Hoftheater Gastrollen, und trat hier als Maria Stuart, Johanna d’Arc, Isaura, in »die Schule des Lebens«, Adele Müller, in: »Die gefährliche Tante«, Hedwig, in »der Ball zu Ellerbrunn«, Corona von Saluzza, Prinzessin Eboli und Griseldis mit Beifall auf. Von Berlin ging sie nach Breslau zu Gastrollen, und ein Zerwürfniß zwischen ihrem Gatten und der dortigen Theater-Direction gab nicht allein dem Breslauer Publikum auf einige Tage Stoff zur Unterhaltung, sondern auch Auswärtige erhielten davon durch die öffentlichen Blätter Kunde.

Seit ihrem Mecklenburgischen Engagement war die Künstlerin keine dauernden Verpflichtungen mit einer andern Bühne mehr eingegangen, sondern sie gastirte in der letzten Zeit in Hamburg, Magdeburg, Leipzig und Dresden, wo überall ihr Talent nach Gebühr gewürdigt wurde. Eine große Sehnsucht nach ihrer Vaterstadt hatte sich ihrer bemächtigt, und sie freute sich ungemein darauf, diese nach einer siebenjährigen Abwesenheit wiederzusehen. Leider sollte diese Freude von kurzer Dauer sein, denn am 2. August 1840 ging sie in München in ein besseres Leben über, zur großen Trauer ihres Gatten, Arthur Clauer aus Aachen, mit dem sie sich vor Antritt ihres Hamburger Engagements vermählt, und eine sehr glückliche Ehe geführt hatte.

Die Gestalt der Mad. Clauer war zwar nicht imponirend, aber von den besten Verhältnissen, ihre Gesichtsbildung angenehm, und ihr Auge lebhaft und sprechend. Ihr Talent und ihre Mittel wiesen sie vorzüglich auf das tragische Fach hin, und ihre Maria Stuart, Griseldis, Olga, Johanna d’Arc etc. gehörten in jedem Falle zu den bemerkenswerthen Leistungen, die selbst das gebildetste, bedeutende Ansprüche machende Publikum befriedigen konnten. Eine lebendige Phantasie war ihr eigen und ein kräftiges, der Modulation und Nüancirung sehr wohl fähiges Organ unterstützte sie trefflich in ihren künstlerischen Intentionen. In Berlin wollte man, obgleich man die ehrenwerthen Bestrebungen der Künstlerin keinesweges verkannte und im Beifallspenden gegen sie eben nicht karg war, doch in der Ausführung ihrer tragischen Rollen zu viel künstlichen Pathos, in der Rede zu viel Deklamation finden. Auf andern Theatern gefiel sie auch in dem Fache der jugendlich-sentimentalen Schwärmerinnen, z. B. Louise Miller, Clärchen, Käthchen, Leonore etc., und auch ihre Leistungen im Lustspiele, z. B. im »Pariser Taugenichts«, Catharina v. Rosen, in: »Bürgerlich und Romantisch«, Frau v. Uhlen, in: »Die eifersüchtige Frau« werden als ausgezeichnet gerühmt. In Berlin konnte sie jedoch mit Rollen der letzteren Gattung nicht so effectuiren, da sie (wir urtheilen nur nach der Hedwig im: »Ball zu Ellerbrunn« und der Adele Müller, die sie spielte) durch eine Künstlerin besetzt sind, welche gerade hierin als unerreichbares Muster für alle deutsche Schauspielerinnen glänzt.

Im Leben bewährte sich der Charakter der Mad. Clauer als ein sanfter und liebenswürdiger, und Alle, die sich ihr näherten, rühmen die Bescheidenheit, die sie zeigte, wenn von ihren Leistungen die Rede war, oder wenn es darauf ankam, sich als Künstlerin geltend zu machen. Da nun auch, wie schon oben bemerkt wurde, ihre häuslichen Verhältnisse zu einem günstigen Urtheile über sie berechtigen, so wird ihrem Biographen das seltene Vergnügen zu Theil, das »De mortuis nil nisi bene« streng befolgen zu können, ohne darum der Wahrheit das Mindeste vergeben zu dürfen.

L. Wolff (Hrsg.): Almanach für Freunde der Schauspielkunst auf das Jahr 1840. Berlin, 1841.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.