Kein Grab ist stumm

 

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Catalog der nachgelassenen Kunst-Sammlungen des Bildhauers und Architekten Lorenz Gedon in München (1884)

Vorwort.

Jede Sammlung trägt etwas von der Eigenart ihres Besitzers an sich: kleine, engherzige Ansichten treten darin ebensowohl zu Tag, wie ein vornehmer, von Liebe und Begeisterung getragener Sinn. So spiegelt die Sammlung Gedon’s im besten Sinn den Geist, der sie in’s Leben gerufen und darüber gewaltet hat. Sie ist nicht das Ergebniss systematischen Sammeleifers; sie umschliesst nicht förmlich ausgebaute Einzelheiten und bevorzugt nicht besondere Richtungen, Schulen oder Länder: sie ist vielmehr das Ergebniss von Bestrebungen, welche einen Theil der Lebensaufgabe des Künstlers ausmachten.

Lorenz Gedon (geboren 12. November 1843 zu München, ebendaselbst gestorben 27. December 1883) wurde schon als junger Bildhauer, an der Hand der alten Meister, mit Geist und Form des deutschen Mittelalters vertraut; dieser ersten Liebe blieb er zeitlebens treu und wenn er sich auch später der jüngeren Kunstrichtung mehr zuwandte, so verliess er desshalb die ältere nicht und handhabte ihre Formen dauernd mit wahrster Empfindung und Sicherheit. Lernen und Sammeln, Schaffen und Erhalten gingen bei Gedon Hand in Hand und die folgenden Blätter legen Zeugniss ab für die seltene Gunst, womit sein Streben auf dem Gebiete des Sammelns gekrönt ward.

Sein Leben spielte inmitten einer reichen Thätigkeit ab. Die grossen Ateliers und die Wohnräume waren angefüllt mit den redenden Zeugen alter Kunstthätigkeit. Wie er selbst unter den anregenden Eindrücken seiner Sammlung lebte und wirkte, so waren die Räume seines Künstlerheims eine Schule des Geschmackes für Viele, die empfindenden und lernbegierigen Sinnes dahin kamen. Mit Gedon’s Hingang haben die alten trauten Werkstätten nun freilich eine durchgreifende Veränderung erfahren müssen. Indess sollte die Sammlung, die von seinem Künstlergeiste getragen war, nicht zerbröckeln, ohne nochmals von dem Geschmacke ihres Begründers und ihrer eigenen Schönheit Zeugniss abzulegen. Gedons Freund, Rudolf Seitz, hat den vielgestaltigen Reichthum in den grossen Atelierräumen zu einem herrlichen Gesammtbilde vereinigt. Wie in der scheidenden Sonne das Licht des Tagesgestirns nochmals zum vollen Glanze sich vereint, so bietet die Gedon’sche Sammlung in ihrer letzten Aufstellung einen Anblick wie nie zuvor. Es ist der würdigste Trauerschmuck, welchen der Freund dem früh verschiedenen Genossen bereiten konnte, indem er die ganze Fülle dessen, was Gedon’s Besitz umfasste, in einer solchen Uebersicht vereinigte.

Beim Eintritt empfangt uns ein weiter Saal, in dessen Mitte die Schreine mit den Edelmetall-Geräthen und mit den herrlichen Gläsern und Krügen aufgerichtet sind. Um diese Kunstheiligthümer reihen sich, gruppenweise geordnet, die einzelnen Abtheilungen. Mit vornehmer Breite entfalten sich Gobelins über den weiten Durchlässen. Gegen die nördlichen Fenster hängen ehrwürdige Fahnen, den Raum mit farbigem Lichte überfluthend; darunter die Bamberger Domfahne mit dem Bilde Heinrich’s II. und Kunigunden’s. Die Fenster sind mit vielfach gewundenem Eisenwerke des 17. und 18. Jahrhunderts vergittert. Dem Eingang gegenüber baut sich ein reizend gegliederter gothischer Altar der Syrlin’schen Schule auf mit einer vorzüglichen in Holz geschnittenen Gruppe der Madonna und Mutter Anna mit dem Christuskinde und mit Heiligenfiguren, Engeln und Wappen aufs Reichste geschmückt. Roccocoschranken umschliessen den Vorraum. — Nebenan hängt auf einem Prachtteppich ein Tafelbild der Massys’schen Richtung und darunter ein in Holz geschnitztes, vergoldetes Roccocorähmchen von der höchsten und geschmackvollsten Ueppigkeit und mit eminenter Technik gearbeitet.

An kostbaren Truhen, Instrumenten und Stoffen vorbei wenden wir uns zu einem traulichen Erker, darin geschlagene Schüsseln und Leuchter in Gelbmetall in reicher Menge aufgestellt sind. Am Wandpfeiler haben zwischen zierlichem Schrankwerk die mächtigen Zinnkrüge und Innungshumpen ihren Platz gefunden. Reiches Zinngeräth, worunter viele Prachtstücke, auch Schüsseln von Briot und Enderlein, bedeckt die Flächen. An den freien Wänden treten in den wuchtigen Formen der Spätrenaissance und des Barock eichene Thürrahmen mit ihren Verdachungen heraus, neben welchen sich eine feingegliederte Kanzel mit Escheneinlagen aufbaut, die mittels alter Verglasung zu einem reizenden Auslug umgestaltet ist. Ein Gobelin mit grossen historischen Motiven, alte Portraits und biblische Bilder der niederländischen Schule schliessen gegen die Holzdecke ab.

Werfen wir nun noch einen Blick auf die in diesem Saale aufgestellten goldenen und silbernen Geräthe, Krüge und Gläser so finden wir eine Vereinigung der kostbarsten und edelsten Kunstgegenstände, deren Anzahl und Reichthum viele Museen mit Neid erfüllen könnte. Da ist vor Allem der berühmte silbermontirte Cocosbecher, eine Eule darstellend, dessen reizvolle Technik das Auge des Kenners auf sich zieht. Ihm schliessen sich circa 20 Becher und Kannen in allen möglichen Formen und Grössen getrieben, ciselirt und gravirt an. Das in der That eines Jamnitzers würdige Pulverhorn, welches Lossow mit eben so viel Liebe wie Verständniss in seiner Zeichnung wiedergegeben hat, und der silberne Dreifuss einer Schale repräsentiren die besten Goldschmiedearbeiten der Renaissanceperiode. Nicht weniger interessant sind die kirchlichen Geräthe, wie Kelche, Reliquienbehälter und Rauchfass in dieser Abtheilung, welche noch eine Menge der reizendsten Schmuckgegenstände, Anhänger, Gürtelketten, Agraffen, Dosen, Medaillen u. s. w. enthält.

Bei den nebenan in geschmackvollster Weise aufgestellten Krügen und Gläsern fallt das Auge sofort auf einen braun glasirten Raerener Krug, der als wahres Monument unter seinen Genossen in der Höhe von 60 Centimeter aufragt. Mit schönster hellbrauner Glasur vereinigt er eine Schärfe in seinen geschmackvollen Wappenverzierungen und der oben umlaufenden Hohlkehle, die ihn zu einem Prachtstück ersten Ranges macht. Ihn umgeben kleinere aparte und seltene Krüge der verschiedensten Art und eine Anzahl deutscher, niederländischer und italienischer Gläser, deren edle Formen uns wohl schon auf den van der Helst’schen Bildern niederländischer Schützenmahlzeiten oder auf den Stillleben de Heems begegnet sind.

Links vom Eingang öffnet sich auf der Höhe der Estrade ein Prachtportal aus gewundenen, mit Weinlaub verzierten Säulen in glänzendem Barock. Dazwischen spannt sich in massigem Faltenwurf ein reicher Stoff. Durch das stylvoll gegliederte, gothische eiserne Thor treten wir in einen tonnengewölbten gothischen Saal. In farbigem, durch gemalte Glasscheiben hervorgerufenen Dämmerlichte umfängt uns der anheimelnde Raum. Abgefasste Sparren gliedern, mit charaktervollen eisernen Rosetten befestigt, die Längenachse der schlicht vertäfelten Decke, in der Naturfarbe des Holzes. Gothisches Chorgestühl zieht sich rechts an den Wänden hin und mittelalterliche Geräthe der seltensten Art fesseln den Blick.

Ein eiserner Topfhelm des 13. Jahrhunderts, ein Todtenschild von 1322 und ein rother Heroldsrock mit weissem Astkreuz sind zu einer Trophäe vereinigt. Daneben steht ein tadellos erhaltener gothischer Doppelschrank mit reichem Zinnenschluss und vollständigem Beschläge. Gothische Gobelins und Holzschnitzereien bedecken die Wände und vorzügliche Holzfiguren, unter welchen eine Statue des hl. Benedikt von edelstem Ausdruck und höchster technischer Vollendung hervorragt, sind längs derselben aufgestellt.

Nach links umwendend erblicken wir eine lauschige Ecke, ein gothisches Studierstübchen, dem Gehäuse ähnlich worin uns Dürer seinen hl. Hieronymus schildert. Bunte Scheiben, mit dem Wappen Willibald Pirkheimers, dämpfen das Licht, das über romanische Manuscripte, alte Buchbände und frühes Tintenzeug auf dem Studiertisch gleitet. Vor demselben steht, wie eben von dem Besitzer verlassen, einer jener kaum auffindbaren frühitalienischen, mit Elfenbein eingelegter Scheerenstühle, ein sogenanntes Certosini-Möbel. Den Hintergrund bilden ein kleiner höchst interessanter gothischer Gobelin »wie der Fuchs den Gänsen predigt<, Bücherkästen, Hausgeräthe, Holzschnitzereien und kunst- wie kulturhistorische Merkwürdigkeiten verschiedenster Art. Nur schwer trennt man sich von diesem gemüthlich anheimelnden Raum, dessen stimmungsvoller Zauber eine fesselnde Kraft ausübt. An einem kostbaren gothischen Tisch mit verschiedenfarbigen Holzintarsien vorbei, erblicken wir eine vornehme Madonnenstatue aus Stein mit Spuren von Bemalung, die sich in antikisirender Form von einem Baldachin abhebt, der aus gothischem, mit goldenen und silbernen Ornamenten durchwirkten Sammt hergestellt ist. In dem dunklen Seitengrund der Halle stehen riesige gothische Sakristei-Truhen mit wuchtigen Beschlägen, Sculpturen kirchlicher Art, ein gewaltiges byzantinisches Kreuzbild und so manches, was sonst nur in den seltensten Fällen im Schatten alter Kirchenräume sich vereinigt findet.

Nach der entgegengesetzten Seite der Ausstellung uns wendend, sehen wir zunächst in einem kleineren Mittelraume die Wände mit farbenprächtigen, goldgestickten alten japanischen Seidentapeten bedeckt. Reizende Wappensculpturen in Stein sind ringsum aufgestellt und eine Schweizer Brunnensäule mit reichster Hochreliefschnitzerei der besten Renaissancezeit ist selbst in beschädigtem Zustand noch ein glänzendes Zeugniss des Geschmackes und der Technik.

Im nächsten Saal wird das Auge durch eine erlesene Zahl kostbarer Eisengeräthe gefesselt. Frühe Werkzeuge von schönster Zeichnung und Durchführung, herrliches Klein-geräth, wie jenes Glöckeleisen zum Spitzenkrausen (das im Catalog irrthümlich als Lockeneisen bezeichnet ist), getriebene und geschnittene Prachtstücke der Schmiedekunst erwecken gleichmässig Staunen und Bewunderung. Geschick und Geschmack theilen sich hier in der That in das Lob. Ueberhaupt bietet die hier ausgebreitete Sammlung an Eisengeräthen die Fülle an prachtvollen Leistungen. Die gothische Zeit ist mit einer Anzahl der herrlichsten Schlossbleche, Ringe, Thürklopfer u. s. w. vertreten. Renaissance und Barock, sowie die Spätzeit glänzen in einer Folge vorzüglicher Stücke. Die wuchtigsten Schlösser und Angeln wechseln mit meisterlich behandelten Zierstücken.

Die Wandflächen sind hier mit Gobelins, holzgeschnitzten Wappen, Stammbäumen und ernstblickenden Bildnissen geschmückt. Die ganze Schlusswand wird durch ein prächtiges, wahrhaft monumentales Schrankmöbel der Spätrenaissance eingenommen. Die Glaskasten in diesem Saale bergen neben einer Menge herrlicher Bucheinbände in Silber und Leder, kostbarster Waffen, Lederarbeiten und Stoffe ein vollständig erhaltenes Hemd aus der Zeit Holbeins mit ebenso reich wie geschmackvoll gesticktem und gefälteltem Kragen und Manchetten, geradezu ein Unicum. Unter den hier noch eingereihten kleineren Holzschnitzereien befindet sich ein Lüstreweibchen, in der Zeichnung eines Hans Holbein würdig und von einer Ausführung, welche der Zeichnung vollständig entspricht.

In den rückwärts liegenden Zimmern umziehen mit Ahorn vertäfelte Wandbekleidungen die Wände, an welchen Truhen und Schränke, reizvoll geschnitzt und in vielfarbigen Holzarten eingelegt, aufgestellt sind. Was überdies die Zeit an Gefässen und Geräthen, Instrumenten und Spielen zum gesellschaftlichen Zeitvertreib besass, ist hier in zum Theil kostbaren Stücken vertreten.

Der Bedeutung nach nicht an letzter Stelle, sondern nur mit Rücksicht auf den Ort ihrer Aufstellung sind hier die Stein-Skulpturen zu erwähnen, welche in dem Hofe gegen Süden vereinigt sind. Wir treffen dabei auf eine Menge der feinsten Bauglieder (theilweise vom Ulmer Dom) aus der früheren wie aus der Zeit des Barock. Jeder Rest bezeugt noch, dass es der Mühe werth gewesen, ihn vor dem Untergang zu bewahren, und so sind in der That die Steine noch redende Zeugen für Gedon’s richtige Empfindung.

Nicht ohne Schmerz sehen wir die Sammlung Gedon’s nunmehr ihrer Auflösung entgegengehen. Die Erinnerung an ihre Bestände wird zwar in der folgenden Aufzählung, welche durch die künstlerischen Beigaben Heinrich Lossow’s, Fritz August Kaulbach's und Rudolf Seitz’ einen erhöhten Werth erhält und für deren weitere Ausstattung Gedon’s langjähriger Freund Dr. Georg Hirth pietätvoll bemüht war, erhalten bleiben. Die einzelnen Stücke aber gehen nunmehr hinaus in die Welt und nicht wenige werden sogar dauernd das Gedächtniss Gedon’s in ihre neue Heimath verpflanzen. Ohne Gedon’s Sammeleifer wären die wenigsten Gegenstände an der Stelle, wo sie jetzt vereinigt sind: ihm gebührt darum die Anerkennung und der Dank dafür, dass er sie der Verborgenheit entzogen und auf den Leuchter gestellt hat. Jetzt, wo sie wieder zerstreut werden, ist ihre Zukunft gesichert; ja noch mehr, sie werden Samenkörnern gleich eine neue Aussaat für Sinn und Geschmack an der Kunst der Vorzeit sein. Und in diesem Gedanken sei der Sammlung das Geleite gegeben: selbst in ihrer Auflösung wird es an fruchtreichem Gewinn nicht fehlen, der in Gedon’s Thätigkeit als Sammler wurzelte.

Mainz, im Mai 1884.

Dr. Friedrich Schneider.

Dr. Friedrich Schneider: Vorwort aus dem Catalog der nachgelassenen Kunst-Sammlungen des Bildhauers und Architekten Lorenz Gedon in München, 1884.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.