Kein Grab ist stumm

 

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Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst (1884)

P. Auktion Gedon. Am 17. Juni soll in München der Verkauf von Lorenz Gedons, - des so früh Verstorbenen - Sammlung beginnen. Die Versteigerung wird im Atelier des Künstlers durch Heberle aus Köln geschehen, welcher soeben den prächtig ausgestatteten Katalog (Verlag von Georg Hirth in München) versandt hat. Das Atelier Gedons war seit einer langen Reihe von Jahren für jeden Kunstfreund, der München besuchte, ein Hauptanziehungspunkt: hier fand man stets mannigfache Anregung in der köstlichen Umgebung, im Umgang mit dem lebensfrohen Künstler. Noch wenige Monate vor seinem Tode zeigte er einigen Besuchern des Münchener Kunstgewerbe-Kongresses seine Schätze, freilich schon mit dem Gefühl des unabwendbaren nahen Endes. Und welche Schätze! Gedon hat - ein echter Künstler - niemals systematisch gesammelt: was er fand, war es schön oder paßte es in irgend einen Winkel seiner Räume, er kaufte es, gleichgiltig, ob es sich irgend einer Gruppe seines Besitzes einfügte, oder ob es einzeln dastand und einzeln blieb. Dadurch hat die Sammlung etwas durchaus Individuelles bekommen, sie ist gleichsam ein getreues Abbild seiner Persönlichkeit geworden.

Seine vielfachen Beziehungen als Bildhauer und Architekt brachten Gedon mit allen Kreisen in Berührung, warfen ihn in der Welt umher, nicht bloß auf den breiten Straßen, welche die Menge wandelt, sondern auch auf wenig bekannten oder gänzlich unbekannten Wegen. Dort suchte er, fand er, rettete er: manches Stück ist durch seinen Kennerblick ans Licht gefördert, in seinem Wert erkannt, vor Untergang bewahrt. So enthält denn die Sammlung eine reiche Fülle vortrefflicher Stücke, vielfach Arbeiten von höchster Schönheit und größter Seltenheit. Alle Epochen künstlerischen Schaffens, vom frühen Mittelalter an bis in die Empire-Zeit hinein, sind durch Kunstwerke vertreten. Kaum ist es möglich, irgend eine Gruppe als besonders wertvoll hervorzuheben. Der vortrefflich gearbeitete Katalog ermöglicht auch denjenigen, denen es nicht vergönnt gewesen, noch bei Lebzeiten des Meisters einen Blick in seine schönen Räume zu werfen, sich ein Bild von der Sammlung zu machen, er ist zugleich geeignet, dies Bild auch späteren Zeiten zu erhalten. In ganzer Schönheit wird der Besitz des Künstlers nochmals allen Kunstfreunden während der Tage vom 14.-16. Juni vorgeführt werden: Rudolf Seitz, der langjährige Freund des Verstorbenen, hat den künstlerischen Nachlaß in den Atelierräumen in überaus geschickter Weise aufgestellt. Eine Schilderung dieser Aufstellung giebt Friedrich Schneider im Vorwort des Kataloges, wo er dem Verblichenen warme Worte als Nachruf widmet. Mit ihm wird jeder Kunstfreund die Sammlung nicht ohne Schmerz ihrer Auflösung entgegengehen sehen; sicherlich wird aber ein großer Teil der Schätze, die hoffentlich zum größten Teil in öffentlichen Besitz übergehen, den Namen des früheren Besitzers dauernd erhalten und noch späten Geschlechtern Kunde geben von dem Kunstsinn, dem Wirken und der Sammlung Lorenz Gedons.

Auktionskataloge

Catalog der nachgelassenen Kunstsammlungen des Bildhauers und Architekten Lorenz Gedon in München; Kunsttöpferei, Glas, Arbeiten in edlem und unedlem Metall, Elfenbein, Emaille, Holz und Stein, Bucheinbände, Erzeugnisse der Textilindustrie, Waffen, Gemälde usw. Versteigerung in München den 17.-21. Juni durch J. M. Henerle (Lempertz’ Söhne) aus Cöln. 125. S. 1257 Nummern. Mit vielen Illustrationen. 4°. Verlag von Georg Hirth in München. Kleine Ausg. ohne Lichtdruck Mk. 2.-. Grosse Ausg. mit Lichtdrucken Mk. 10.-.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst Nr. 34. 5. Juni 1884.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.