Kein Grab ist stumm

 

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Gelehrte Anzeigen (1848)

Königl. Akademie der Wissenschaften.

Hierauf las Hr. Hofrath Dr. v. Schubert:
Denkrede auf Dr. Michael Pius Erdl, gewesenen ordentlichen Professor der vergleichenden Anatomie und Physiologie, Adjuncten der anatomischen Sammlung des Staates zu München.

Der Kreis der Mitglieder unsrer Akademie der Wissenschaften hat in dem jetzt nahe zu Ende gehenden Jahre große und schwere Verluste erlitten. Der freudige, geistig kräftige Kämpfer für deutsche Freyheit in den Zeiten der Befreyungskriege gegen Frankreich: Joseph von Görres, machte den Anfang des Ausscheidens für immer; ihm folgte eine Reihe von Männern, deren Wirken zur Erweiterung des wissenschaftlichen Erkennens und für geistige Bildung nicht nur in unsrem Kreise, sondern weit außer demselben eine wohl verdiente Anerkennung gefunden hat und noch ferner finden wird.

Der Hingeschiedene, zu dessen Lob ich heute einige Worte sagen will, war der jüngste von jenen allen; er hatte schon frühe die Hand an ein bedeutendes Tagwerk des Lebens gelegt; ein viel versprechender Anfang war von ihm gemacht, da wurde er abgerufen von dem so glücklich begonnenen Baue.

Warum gerade ich mich bewogen fühlte, hier vor diesem hohen Kreise das Andenken an Dr. Michäel Pius Erdl, des viel thätigen Lehrers an der hiesigen Hochschule und außerordentlichen Mitgliedes unsrer Akademie zu erneuern, das wissen die, welche mein persönliches Verhältniß zu dem Hingeschiedenen kannten. Neben der Verwandtschaft des Blutes hat noch eine andre ihre Rechte, welche in einer Zuneigung wurzelt, die mit dem Blute der Adern nicht zugleich erkaltet.

Ich kannte Erdl seit seinem Uebertritt an die hiesige Universität. Er war mir einer jener Zuhörer, durch deren lebendigere Theilnahme der Lehrer selber sich angeregt fühlt zur freudigeren Mittheilung dessen, was er zu geben hat. Er ward in Gesellschaft seines geistesverwandten Jugendfreundes, des Doctor Johannes Roth, mein treuer Begleiter auf der Reise nach dem Orient. Schon hier war es, wo der 22jährige Jüngling sich als glücklicher Beobachter einen Ruhm erwarb, welcher ihm in der Geschichte der bedeutendsten geographischen Entdeckungen unsres Zeitalters bleiben wird. Ich meine hier seine von Alexander von Humboldt, Berghaus, Russegger und andren Meistern der Erdkunde rühmlich erwähnten barometrischen Bestimmungen der Senkung des Jordanthales unter den Spiegel des Mittelmeeres (Weil diese Messungen in Schuberts Reise nach dem Morgenlande mitgetheilt sind, wird öfters der Name jenes Reisenden statt Erdls seinem genannt.). Ich bin es der Ehre meines hingeschiedenen jungen Freundes schuldig und spreche es hier unbedenklich aus, Erdl war der erste, der diese höchst merkwürdige, unerwartete Thatsache zur öffentlichen Kunde brachte; der erste, der jene Senkung in ihrem ganzen Verlaufe, vom Tiberiassee bis zum todten Meere, ja noch südwärts von diesem an einigen Punkten der Araba beobachtete. Durch ihn wurde Russeggers Aufmerksamkeit und bald auch die Theilnahme der Freunde der Länderkunde in ganz Europa auf eine Erscheinung hingelenkt, die in ihrer Art und in ihrer Ausdehnung vielleicht einzig ist auf Erden.

Meinem bescheidenen jungen Freunde kam es nicht in den Sinn, sich um das Prioritätsrecht der Entdeckung von der tieferen Lage, zunächst des todten Meeres, mit dem Engländer Beke zu streiten, dessen Bruder, damals Consul in Leipzig, bald nachdem Erdls barometrische Beobachtungen bekannt geworden waren, in einer Zeitung anzeigte, daß sein Bruder, der Marinelieutenant Beke ein oder zwey Tage früher als Erdl aus dem Siedpunkt des Wassers am Ufer des todten Meeres, die tiefe Senkung desselben gefunden habe. Immerhin bleibt es hierbey bemerkenswerth, daß der englische Beobachter mit seinem ungleich vollkommneren Apparat fast nur dasselbe Resultat fand, auf welches mein Reisegefährte durch die Unvollkommenheit seines Instrumentes, davon ich nachher noch reden will, beschränkt war und daß er nicht vielmehr der vollen, erst von Russegger unter den günstigsten Umständen der Beobachtung aufgefundenen Wahrheit näher kam als der Erdl'schen Angabe. Und welcher andre Beobachter als Erdl hatte vor Russegger die Senkung des Wasserspiegels des Tiberiassees entdeckt, die noch lange nachher bezweifelt worden war? welcher andre Reisende die Senkungen in der Araba? Die große Thatsache ist es werth, daß wir einige Augenblicke bey ihrer Betrachtung verweilen.

Als vor einigen Jahrzehnden Engelhardt und Parrot ihre Beobachtungen über die Lage des kaspischen Meeres bekannt machten, aus denen es hervorgieng, daß der Wasserspiegel dieses Sees um einige hundert Fuß tiefer liege als der des Mittelmeeres, da wurde nicht nur das alte Vorurtheil, nach welchem eine unterirdische Verbindung dieser Meere statt finden sollte, tief erschüttert, sondern die Behauptung jener beyden Reisenden erschien mit allen bisherigen Ansichten in so kühnem Widerspruche, daß man Zweifel gegen dieselben erhob, auf welche die beyden genannten Beobachter selber eingiengen, indem sie nach einer neuen Prüfung derselben ihre Behauptung fast ganz zurücknahmen. Später hatte man in einigen Salzsteppen von Sibirien Senkungen der Erdoberfläche unter das Niveau des Meeres wahrgenommen, welche zum Theil bis gegen 300 Fuß zu betragen scheinen.

Den Reisenden in Palästina war es schon mehrfach aufgefallen, daß, wenn sie von der Gegend des Mittelmeeres über Nazareth den Weg nach dem Tiberiassee nahmen, das Aufwärtssteigen bis zu den Höhen, die den Kessel des Sees gegen Westen umgränzen, in keinem Verhältniß stehe mit der Tiefe, in welche sie bis zum Wasserspiegel desselben hinabsteigen mußten. Noch vielmehr drängt sich dem Reisenden diese Beobachtung auf, der von Osten oder Westen her nach den südlichen Jordansauen und zu den Ufern des todten Meeres hinabsteigt, ja schon das Augenmaaß bey der Aussicht nach diesem Meere von den Höhen des Oelberges oder der Umgegend von Bethlehem, noch mehr aber die unverhältnißmäßig hohe Temperatur der Jericho-Ebene mit ihrem Palmen-Klima mußte, so sollte man meinen, die tiefe Lage dieser Gegend errathen lassen. Dennoch, wer hätte es für möglich gehalten, daß ein ganzes Flußthal in einer Ausdehnung von 30 geographischen Meilen mit zwey Seen so sehr tief, und daß namentlich der Wasserspiegel des todten Meeres mehr denn 1300 Fuß tief unter dem Niveau des nachbarlichen Mittelmeeres liegen könnte? Diesen über alle Erwartung großen Unterschied der Niveaus hat Russegger, dem hiezu alle Mittel zu Gebote standen, in Uebereinstimmung mit Seymonds trigonometrischen Bestimmungen mit Sicherheit nachgewiesen, warum aber unser Erdl gerade hier in einem viel engeren Kreise der Angaben stehen blieb, dieß muß ich noch erörtern.

Man erzählt von einem berühmten Virtuosen auf der Violine, daß er in einem Gefängniß sitzend zuletzt, da die andern Saiten seines Instrumentes dahin waren, auf zweyen, ja auf einer Saite seine bewundernswerthe Kunst geübt habe. In einem ähnlichen Zustand der äußeren Beschränkung an den nöthigen Mitteln befand sich Erdl bey seinen barometrischen Messungen im Jordansthale.

Wir hatten in München drey Barometer mit uns genommen, welche weniger zwar durch die Vortrefflichkeit als durch die Dauerhaftigkeit ihrer Construction sich empfahlen. Die Glasröhre derselben war in einem dicken, ausgehöhlten Holzcylinder so eingefügt, daß der oberste Theil der Röhre in der Holzkapsel verborgen blieb. Selbst die höchsten Barometerstände, welche in unsrer Hochebene vorkommen, konnten damit in hinlänglicher Genauigkeit beobachtet werden und auch zur Messung einer solchen Tiefe, die noch um ein oder etliche hundert Fuß unter das Meeresniveau hinabreichte, wären sie brauchbar gewesen. Sie erfüllten mithin ganz den Zweck, zu welchem sich ihrer unsre Feldmesser zu bedienen pflegen, nicht aber jenen, zu welchem uns die Barometer in einer Tiefe dienen sollten, welche mehr als 1000 Fuß unter dem Wasserspiegel des Meeres lag. Denn da, z. B. am todten Meere stieg die Quecksilbersäule weit über den noch sichtbaren Theil der Glasröhre hinauf in die Kapsel, so daß man ihre Höhe nur noch nach dem Gehör aus dem Anschlagen des Quecksilbers am Ende der Röhre taxiren konnte. Deßhalb und weil wir noch sonst manche Gebrechen und Ungleichheiten an unsren Barometern bemerkten, versorgten wir uns in Wien mit einem vollkommneren und kostbareren Werkzeug dieser Art. Aber dieses beste unter unsren Werkzeugen verunglückte uns, nebst noch einem andren bey einem mitten in der Nacht ausgebrochenen Sturme, der unser Schiff vor Rhodos traf und welcher alles Bewegliche in der Kajüte übereinander stürzte. Wir waren jetzt noch auf zwey unsrer Münchner Werkzeuge beschränkt, mit ihnen traten wir die Landreise zu Kamele von Kairo aus in die Wüste an.

Wer die Unbequemlichkeiten einer solchen Reise und schon die des Auf- und Absteigen- vom Kamelrücken kennt, wird es leicht begreiflich finden, daß auch nach wenig Tagen das eine von jenen beyden letzten Barometern ein zerstörender Unfall traf. Das einzige, welches alle seine Gefährten überlebt hatte, war das des Dr. Erdl. In der That eine Mutter kann ihr Kind nicht mit zärtlicherer Sorgfalt pflegen als dieser das ihm anvertraute gebrechliche Instrument. Er trug es den ganzen Tag hindurch auf seinem Rücken, nur am Abend, wenn das Zelt aufgeschlagen war, hing er es an einer Wand desselben auf. Aber auch hier drohten demselben Gefahren. Ein furchtbarer Windstoß warf in der Nacht vor dem 12. März unser Zelt am Ufer des Ailanitischen Meerbusens des rothen Meeres zu Boden und begrub uns, die wir in seinem Innern schliefen, unter seinen Wänden. Wir alle hielten jetzt das Barometer für verloren; es war ganz geblieben und diente kurze Zeit nachher meinem jungen Reisegefährten zu der Messung jener theilweisen Depressionen der Araba, welche in einem vermuthlichen vormaligen Flußbette oder Becken eines hier gewesenen kleinen Landsees von ihm bisher einzig beobachtet wurden. Vor Hebron, an den Abhängen des Gebirges Chalil, stürzte mein junger Freund mit seinem Barometer vom Kamel, aber sowohl er als sein Werkzeug blieben unversehrt. Es sollte ihm der Lohn seiner treuen Sorgsamkeit noch in reicherem Maaße werden. Denn obgleich sein Barometer aus den vorhin angeführten Gründen zur Messung des ganzen Betrages der Depression des todten Meeres nicht, ausreichte, war doch durch sie so viel gewiß geworden, daß jene Depression wenigstens 600 Fuß betrage. Erst Russegger und Seymond setzten dann, wie bereits erwähnt, die große Thatsache in ihr vollkommenes Licht: daß hier durch den Einsturz eines Deckengewölbes über einer, dem alten Jordansbecken gleich laufenden Höhlung eine Eintiefung von mehr als 1300, ja, wenn man die gemessene Tiefe des todten Meeres hinzunimmt, von 3000 Fuß unter dem Meeresspiegel entstanden sey. Obgleich Erdl da, wo seine Mittel nicht ausreichten, weit hinter seinem glücklichen, trefflichen Nachfolger dieser barometrischen Beobachtungen zurück blieb, kam er ihm dagegen desto näher bey den Messungen der Depression des obern Jordanthales, denn unser junger Reisender allein hat vor Russegger dort die über 500 Fuß tiefe Lage des Tiberiassees unter dem Meeresniveau beobachtet, während selbst die trigonometrischen Messungen des Lieutenants Seymond, die am todten Meere so gut mit Russeggers Bestimmungen zusammen trafen, in einen Irrthum verfielen, welcher weit über 400 Fuß beträgt. Meinem jungen Freunde bleibt in jedem Falle der Ruhm, daß er zuerst vor Allen die merkwürdige Erniedrigung des Landes nordwärts, so wie südwärts vom todten Meere in einer Ausdehnung beobachtet hat, in welcher weder vor ihm, noch auch bisher, wad die südliche Erstreckung betrifft, nach ihm ein andrer Reisender sie erkannt hat.

Doch dieser Ehrenkranz, den sich unser Erdl durch seine barometrischen Messungen erworben, war von ihm, wie durch ein besonders Glück nur im Vorübergehen, an der Seite seines Weges erbeutet worden. Wir müssen ihn jetzt auch von jenen mehr zur allgemeinen Kunde gelangten Leistungen in den eigenthümlichen innren Haushalt seines wissenschaftlichen Wirkens begleiten: zu den Forschungen im Gebiet der Entwicklungsgeschichte des thierischen Lebens und seiner leiblichen Gestaltungen, vom ersten, für das bewaffnete Auge sichtbaren Keime an bis zu seiner Vollendung. Denn diese Forschungen waren es, zu denen Erdl sich von frühe an vorzugsweise hingeneigt und berufen fühlte; sie waren es, die er sich zum Tagwerk seines Lebens erwählt hatte. Was er in der kurzen Zeit, welche ihm dazu vergönnt war, an jenem Tagwerk gethan, das sind freylich zum Theil nur die im weitesten Umfang nach allen Seiten hin angelegten Fäden eines kunstreichen großartigen Gewebes, das der jugendliche Meister einer andren Hand zur Ausführung überlassen mußte; einzelne jedoch der Arbeiten, von denen die Anlage der Fäden ausgieng, sind mit solcher Gründlichkeit und Genauigkeit ausgearbeitet, daß sie dem Gebiete der Literatur, zu welchem sie gehören, für immer bleiben werden.

Das war an Erdl so ehren-, so bewundernswerth, daß er, ohne nach dem Effect zu haschen, den die Beschäftigung mit dem großartig Augenfälligen bey der Menge hervorbringt, mit gewissenhafter Treue und mühseligem Fleiße auch das scheinbar Unbedeutendste, Kleinste erfaßte und in gründliche Bearbeitung nahm. Ein Beyspiel dieser Art giebt uns seine mikroskopische Untersuchung über den innren Bau der Haare der verschiedensten Säugthiere, mit 96 Abbildungen, ein andres seine treffliche Arbeit über den innren Bau der Zähne, so wie jene über den Bau der Igelstacheln. Wer es versteht in diese Arbeiten tiefer einzugehen, der wird auch in ihnen es bestätigt finden, daß wir, um die Gesetze ihrer Gestaltungen zu begreifen, der Natur nachgehen müssen in jene verborgensten Anfänge ihrer Werke, die in dem scheinbar Kleinsten liegen. Eine Fülle von neuen, genaueren Wahrnehmungen und Entdeckungen in dem großentheils mikroskopisch Kleinen legte der fleißige Mann in seinen Abhandlungen über den Kreislauf der Infusorien, über die Organisation der Fangarme der Polypen, über die Entwicklung des Hummereyes und die Organe an der Außenfläche der Seeigel nieder. Seine Untersuchungen über den innren Bau des thierischen Auges, namentlich der Fische hatte er schon in Aegypten begonnen und während unsrer langen Quarantäne in Livorno war er ohne Aufhören mit dieser Arbeit beschäftigt, welche durch die Leichtigkeit, mit welcher man dort sich Seefische verschaffen konnte, sehr begünstigt wurde. Es war dieß auch der Gegenstand, den er sich zu seiner Inauguraldissertation für Erlangung der medizinischen Doktorwürde erwählte, eine Arbeit, durch welche er sich die Achtung seines verehrten Lehrers, des berühmten Anatomen Döllinger in vorzüglichem Maaße erwarb. Mit einer wahrhaft väterlichen Zuneigung nahm sich seit jener Zeit Döllinger der wissenschaftlichen Leitung und weiteren Ausbildung seines jungen Freundes an, und dieser hat es bis an sein Ende dankbar erkannt, was er diesem Lehrer zu danken hatte.

(Schluß folgt.)

Königl. Akademie der Wissenschaften.
Denkrede auf Dr. Michael Pius Erdl.

(Schluß.)

Erdls wissenschaftlicher Ruf im Gebiet der vergleichenden wie der menschlichen Anatomie war bereits begründet, sowohl durch die erwähnten Arbeiten, zu denen auch noch die Untersuchungen kamen über die Blutgefäße in Helix algira, und die reichen Beyträge zur Anatomie der Polypen in Rudolph Wagners trefflichem zootomischen Atlas, so wie durch mehrere andere in gelehrten Zeitschriften zerstreute, gehaltvolle Aufsätze. Da wurde ihm der ehrende Auftrag, die von dem berühmten Spix hinterlassenen Tafeln für Cephalogenesis als ein neues Werk zu bearbeiten, und daß sie unter Erdls Hand durch die vielen neu hinzugefügten Abbildungen so wie durch die wohlgelungene, zeitgemäße Umgestaltung des beygefügten Textes dieses wirklich geworden seyen, wird kein unbefangener Sachverständiger läugnen mögen. Dasselbe gilt von der von ihm besorgten neuen Ausgabe und Vollendung von Oesterreichers anatomischem Atlas. Eine höchst bedeutende Entdeckung fiel etwas später in seine glückliche Hand; es war die an einem Nilfisch, dem Gymnarchus niloticus gemachte, in welchem er außer einem elektrischen Organ von ganz besondrem Baue wirkliche Lungen auffand. Die bisher allgemein angenommene Abgränzung der beyden niedersten Klassen der Wirbelthiere, der Fische von den Amphibien, wurde hierdurch selbst bey den Knochenfischen schwankend gemacht; jener Fisch athmet, wie die Larven mancher Amphibien zugleich durch Kiemen und durch Lungen. Das Hauptwerk jedoch unsres Hingeschiedenen Freundes und Collegen war seine Entwicklungsgeschichte des Menschen und des Hühnchens im Eye. Leider sind von diesem durch seine Abbildungen, so wie durch seinen erläuternden Text gleich schätzbarem Werke nur die beyden ersten Hefte öffentlich erschienen; sie fanden eine Anerkennung bey den Anatomen und Physiologen der verschiedensten Länder von Europa, welche für das jugendliche Streben ihres Verfassers in hohem Grade aufmunternd, für alle seine Freunde höchst wohlthuend war.

Wenn man die Reihe der literarischen Arbeiten und der zum Theil umfassenden Werke erwägt, welche Erdl bis zu seinem 32. Jahre, bis zu dem ihm so nahe gesteckten Zielpunkt seines vielthätigen Lebens veröffentlicht hat, wenn man dabey seiner Wirksamkeit als Lehrer, als Verfertiger einer überaus zahlreichen Menge von zootomischen Präparaten für die Sammlung, deren Adjunkt er war, in Anschlag bringt, dann begreift man kaum, wie seine fleißige Hand die Zeit und die Kraft zu all diesen Leistungen gewinnen konnte. Die Achtung jedoch vor der Geschicklichkeit dieser glücklichen Hand steigert sich noch, wenn man es weiß, daß Erdl nicht nur die saubern Abbildungen zu all diesen Arbeiten selbst gezeichnet, sondern selbst lithographirt und, was noch mehr ist, mühsam in Stahl gestochen habe; denn er war nicht nur ein trefflicher Künstler in Werken des Bleystifts, der Feder und des Pinsels, sondern auch des Grabstichels. Welcher Aufwand an Zeit, an mühseligem Fleiße hat nur allein zur Fertigung einer einzigen Tafel seiner Embryologie gehört!

Das Vaterland erkannte den Werth eines solchen Talentes; Erdl wurde bald nach seiner Rückkehr zum Adjuncten bey der anatomischen Sammlung des Staates, dann zum ordentlichen Professor in der medizinischen Facultät ernannt; wurde als außerordentliches Mitglied in die physikalisch-mathematische Klasse unsrer Akademie gewählt. Was er als Lehrer gewirkt das bezeugen die Schüler, die er gezogen; in ihnen hat er dem Vaterland eine vielversprechende Aussaat hinterlassen. Von seiner Thätigkeit als Adjunkt zeugen jene meisterhaften Präparate, zu denen er das Material zum Theil mit großen Opfern auf seinen Reisen in den Küstengegenden von Nizza, dann des adriatischen Meeres und später in Frankreich, England, Portugal und Spanien gesammlet hat.

Dieß Alles war und leistete Erdl als Gelehrter, als Lehrer, als Mitgenosse unsres akademischen Wirkens. Wir müssen an diesen Leistungen des jugendlichen Mannes nicht allein die seltnen Gaben, sondern auch das seltne Glück bewundern, das diesen Gaben auf dem Wege ihrer Entwicklung und Bethätigung überall entgegenkam. Wohin er nur seine Beobachtungen und Forschungen richtete, da war es ihm verliehen entweder etwas ganz unerwartet Neues zu finden, wie die Senkung des Jordanthales, wie das Daseyn der Lungen in einem Fische und mehreres Andre dieser Art, oder es gelang ihm irgend eine bis dahin noch dunkel gebliebene Seite seines Gegenstandes in ein neues, helleres Licht zu setzen. Was seine Hand angriff, das gelang ihm; er glich einem Bergmann, der bey jedem seiner Schurfversuche auf edle, bauwürdige Geschicke stößt.

Und welches Glück war ihm in seinem äußren Leben beschieden! Nur wenig Söhne dürfen solcher Eltern sich rühmen, als die seinen sind; an ihnen fand er ein Vorbild der Berufstreue, der bürgerlichen Einfachheit, Lauterkeit der Gesinnung und der Gottesfurcht; schon dieses Elternhaus war ihm eine Schule der innren Bekräftigung für das ganze Leben. Er fand Lehrer, welche ihm mit väterlicher Liebe die Hand reichten, fand frühe eine Anerkennung seiner Tüchtigkeit zum öffentlichen Lehramt und bald nachher in seinem häuslichen Leben ein Glück der gegenseitigen Liebe, das keinen Wunsch unerfüllt ließ, als den einer längeren Dauer.

Doch, so weit dieses überhaupt von dem Menschen gesagt werden kann, darf man es aussprechen: Erdl war eines solchen Glückes werth. Es war in ihm ein Gemüth, das unter der Zucht der Demuth und des sittlichen Ernstes stand; er wußte sich überall, selbst unter den Türken und Arabern, unter den rohen Fischern von Dalmatien und Portugal Liebe und Achtung zu gewinnen, weil in ihm selber eine Fülle der Liebe, eine Achtung des Werthes der Menschennatur war.

Was soll in unsren Tagen eine Klage um die Tobten seyn? Sollte sie nicht zu einem Triumphgesange werden für Die, welche aus der Unruhe der Zeit hinauskamen in die Ruhe, die von des Lebens Mühen und endlos unabsehbaren Kämpfen nicht mehr gestört wird?

Doch auch uns Ueberlebenden bleibt ja, mitten im Dunkel der Gegenwart, die Hoffnung auf eine aus schweren Kämpfen zur Geburt kommende, beßre Zukunft. Möge das Licht dieser Hoffnung mit all seinen Kräften und Segnungen und mit den Freuden ihrer Erfüllung im reichsten Maaße aufgehen über dem Haupte des hochtheuern, geliebten Königes, dessen Geburtsfest wir heute hier in unserm Kreise, zugleich mit allen Treuen des Landes feyern.

Dr. von Schubert: Gelehrte Anzeigen Nro. 241 & 242. Herausgegeben von Mitgliedern der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. München. 2. & 5. December 1848.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.