Kein Grab ist stumm

 

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Aus dem Münchner Kunst- und Künstlerleben (1841)

In ziemlich abweichender Weise äußert sich die Kunstthätigkeit Kaulbach's. Wenn die bisher genannten Künstler vornehmlich mit dem Bilderschmuck öffentlicher bauten und somit mit der Lösung einer gegebenen Aufgabe beschäftigt sind, so scheint es Kaulbach vorzuziehen, in seinem Atelier zu bleiben und den wechselnden Eingebungen seiner Muse zu folgen.

In einem großen Wiesengarten der S. Annavorstadt, nahe dem englischen Park, ganz abgesondert von Wohngebäuden, steht ein ziemlich beträchtliches Haus, ohne obere Stockwerke, mit hohem weiten Saal und mehreren Nebenzimmern; Weinreben ranken sich vor der Thüre zur Laube und Waldbäume bilden ein schattiges Bosquet.

In diesem Hause, das die Huld des Königs dem Künstler als Werkstatt überlassen, findet man ihn vom frühen Morgen bis späten Abend mit Entwerfen und Ausführen von Gemälden und Zeichnungen beschäftigt, umgeben von einer Anzahl jüngerer Künstler, die unter seiner Leitung ihre Studien machen. So groß der Saal ist, so ist er doch mit Cartons und Bildern, mit Gypsabgüssen und Gewändern, mit Pflanzen und Vögeln, mit Waffen und Geräthen mancher Art so erfüllt, daß man sich fast beengt fühlt.

Was den meisten Fremden, die ihn besuchen, in die Augen fällt, sind die Studien und Bilder in Oelfarben; da dergleichen und in dieser Weise bei unsern Historienmalern nicht gefunden werden. Kaulbach's großes Talent, die Natur in ihren Formen aufzufassen und wiederzugeben, hat ihn auch nicht verlassen, als es galt, diese durch Farben mehr zu beleben: er hat einen feinen und edlen Farbensinn.

Die Brustbilder römischer Modelle, ein Hirtenknabe der Campagna, und neuerdings einige lebensgroße Porträtgestalten hiesiger Künstler beurkunden hinlänglich diese weit entwickelte Fähigkeit. Zwei der letztgenannten Bilder sind dem Künstlerzug von 1840 in München entnommen, der Ritter Schellenberg nämlich (Heinlein) und ein Falkonier, und gehören dem König von Bayern. Wahrheit, d. i. Natürlichkeit, aber in großen Zügen, erscheint hier und bei einem dritten Gemälde von gleicher Größe, einem ungarischen Edelmann, als Hauptmotiv. Für letzteren, einen Herrn Istvan v. Pronay, der unter seiner Leitung sich für die Historienmalerei ausbildet und in einem Carton, dem Tode des gegen die Türken oftmals siegreichen Feldherrn Johann Hungady, Vaters von Matthias Corvinus, ein glückliches Talent zeigt, hat Kaulbach das oftgenannte Gemälde aus Goethe's fünfter Elegie gefertigt, das als Geschenk v. Pronay's, das neuerrichtete Museum in Pesth zieren wird, sobald die für den Kupferstecher Felsing angefangene Zeichnung dnach fertig seyn wird. (Eine verkleinerte Copie findet man in der neuesten Ausgabe von Goethe's Werken.)

An dem großen Carton, der Zerstörung Jerusalems, hat Kaulbach im Laufe des Winters ein gut Theil gearbeitet. Außer der Gruppe der geretteten Christen ist noch die der untergehenden Leviten, des Hohenproesters und seiner Familie und einiger beuteführenden Römer vollendet worden. Ueber die letztliche Bestimmung dieses Gemäldes, das unter den würdigsten Denkmalen der Kunst unserer Tage in oberster Reihe genannt werden muß, ist noch nichts entschieden. Keinesfalls eignet es sich - der Größe und selbst der Auffassung wegen - für Oelmalerei; hier tritt Frescomalerei in das angestammte Recht, und wohl sollte ihm die Wand eines Palastsaales oder besser noch die Vorhalle einer Kirche zur Aufnahme gewährt werden.

Vielfältig ist auch Kaulbach beschäftigt mit Zeichnungen in kleinem Format, die zu Illustrationen poetischer Werke dienen. So hat die neue und die neueste Ausgabe von Goethe's Werken eine bträchtliche Zahl Compositionen seiner Hand; so die von Schiller; so fertigt er eine Reihenfolge von Zeichnungen zum Reinecke Fuchs, in denen der humoristische Geist des Originals neue und volle Blüthen treibt; so hat er endlich zu dem Kalender, zu welchem, wie oben erwähnt, Cornelius das Titelblatt gegeben, die Monate in länglichen Vignetten geliefert, Gruppen von Kindern, in denen sich der Charakter der jedesmaligen Zeit auf heitre und unbefangene Weise ausspricht.

Aus dem Münchner Kunst- und Künstlerleben. Kunstblatt No. 57. Dienstag, den 20. Juli 1841.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.