Kein Grab ist stumm

 

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Münchener Conversations-Blatt (1830)

Vorgestern um 4 Uhr Nachmittags wurde die sterbliche Hülle der Frau Pauline Stieler, königl. Hofmalersgattin, welche vier Wochen nach ihrer Entbindung, allgemein bedauert, von der Erde schied, feierlich in das Grab gelegt. Gegen 30 Fackelträger geleiteten den Zug, und eine zahlreiche Menge, worunter sich hohe Staatsbeamte, Offiziere und Künstler befanden, erwiesen der hochgeschätzten Frau die letzte Ehre. Am Grabe hielt der Herr Diakon Kaiser eine rührende und tröstende Rede. Frauen und Mädchen waren in seltener Anzahl zu sehen. Manche unter diesen pflegen sich bei den Beerdigungen junger Frauen einzufinden, um die Aeußerungen des Schmerzes des zurückbleibenden Gatten zu prüfen, und seine Thränen zu zählen. Diese Hoffnung wurde dießmal vielen vereitelt. Herr Stieler geleitete die Leiche der geliebten Gattin nicht zur Ruhestätte. Wir können dieß nur billigen. Der Schmerz soll nicht zur Schau getragen werden. Die größten Künstler des Alterthums haben ihn deßwegen mit verhülltem Antlitz abgebildet. Nur ein gefühlloses Gemüth kann dem gebrochenen Herzen eines tief gebeugten Gatten diesen Gang voll unnennbaren Jammers aufbürden wollen. Wenn darin der Beweis der wahren Liebe liegen sollte, so wäre es der Verstellung sehr leicht, ein liebloses Leben in der Ehe mit dem Schaugepränge der sogenannten letzten Ehre zu übertünchen. Möchten doch alle wahrhaft fühlende Menschen sich vereinen, dieses Vorurtheil durch Wort und That zu bekämpfen!

Münchener Conversations-Blatt. Mitgabe zum Bayer'schen Beobachter Nro. 309. München. Freitag, den 5. November 1830.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.