Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Die bildende Kunst in München (1842)

Joseph Stieler,

geboren am 1. November 1781 zu Mainz, wo sein Vater Münz-Stempelschneider war. Nach dessen frühem Tode beschäftigte er sich, ohne besondere Anleitung, mit der Miniaturmalerei, und ging im Jahre 1798 nach Würzburg, um bei dem Maler Fesel die Oelmalerei zu erlernen, worauf er sich 1800 nach Wien wandte, sich an der dortigen Akademie ganz auszubilden. Um die nöthigen Mittel zur Fortsetzung tiefer Farben- und Charakterstudien zu erwerben, reiste er im J. 1805 nach Polen, und fertigte in Warschau und Krakau viele Bildnisse, daß er im folgenden Jahre sich nach Paris begeben konnte wo damals der größte Schatz von Kunstwerken zusammengebracht war. Dort setzte er seine Uebungen mit steigendem Erfolge unter der Leitung des berühmten Gerard fort, copirte Vieles, und malte außer mehreren Bildnissen auch ein Altargemälde »der hl. Karl« für den damaligen Großherzog von Frankfurt, wohin er im J. 1808 ging, und seine Kunst in der Porträtmalerei schon mit großem Ruhme übte.

Im Jahre 1810 unternahm er eine Reise nach Italien, wo er eine Zeitlang in Mailand weilte, um die Bildnisse mehrerer Personen am Hofe des Vicekönigs Eugen zu fertigen, und ging dann nach Rom, die großen Meisterwerke zu studiren und durch beständige Uebung in der Ausführung der vielen Aufträge selbst die Meisterschaft zu erringen, was er auch erreichte.

Außer Porträten vollendete er in Rom ein Altargemälde: die Befreiung des hl. Leonhard durch einen Engel aus dem Kerker, welches in der Leonhardskirche in Frankfurt sich befindet.

Die äußerst zarte geschmackvolle Ausführung und sprechende Ähnlichkeit der Bildnisse, die er in Mailand gemalt hatte und von welchen das Eine an den König Maximilian von Bayern geschickt wurde, war Ursache, daß ihn dieser an seinen Hof nach München berief, 1812; wo er die ganze königliche Familie in lebensgroßen Bildnissen in voller Naturwahrheit und in der gefälligsten Weise darstellte, unter ihnen den Prinzen Karl zu Pferd, in einem kräftig lebendigen Bilde. Von nun an erhielt er fortwährend, sowohl vom Hofe, als von Privatpersonen, die bedeutendsten Aufträge; dann, nachdem er sich eine Zeitlang in Wien aufgehalten hatte, um die Bildnisse des Kaisers und der Kaiserin für den König von Bayern zu fertigen, führte er nach seiner Rückkehr das Bildniß des Königs wiederholt in ganzer Figur und im Krönungsschmucke für die große Gemäldesammlung in München aus, worauf ihn derselbe zum Hofmaler ernannte.

Stieler ist vorzugsweise der Schilderer weiblicher Anmuth und Schönheit, die er im wundersamen Farbenschmelze wiederzugeben weiß, weswegen er denn eine Menge weiblicher Bildnisse aus kaiserlichen, königlichen und fürstlichen Familien von ganz Europa gemalt hat. Wie schön er auch die Umgebung zur Abrundung und zur Steigerung der Wirkung eines interessanten Bildes zu benützen weiß, zeigte er in den zwei großen Bildern mit ganzen Figuren, deren Eines den Herzog Maximilian mit dessen Gemahlin, das Andere die Prinzessinen Sophie und Marie darstellt, auf einem Hügel bei Tegernsee ruhend, in Mitten der großartigen duftigen Alpenwelt.

Das Bildniß seines Töchterchens setzte er in eine Gebirgslandschaft am Ufer eines klaren Gewässers, wie es, das blonde Lockenköpfchen ganz gegen den Beschauer gewendet, auf den rechten Arm gestützt, Blumen in die vorübereilenden Wellen wirft; die mit gelben Stiefelchen bekleideten Füßchen sind übereinander gelegt, das weisse Kleid über das Knie zurückgeschlagen.

Manche seiner Gemälde zeugen von seinem tiefen, lyrischen Gefühle, das er, je nach Gelegenheit, frei walten läßt. Bekannt sind am meisten: das schlafende Kind, dem sich eine Schlange nähert, aber von seinem Engel beschützt wird; zwei Kinder, am Grabe der Mutter betend; der Fischer nach Göthe. Alle Figuren in Lebensgröße.

Seine Figuren heben sich auf einem reichen, dunklen Hintergrunde sehr vorteilhaft hervor, in allen seinen Bildnissen sind die Züge sehr ähnlich, Stoffe und Schmuck sehr täuschend und glänzend nachgebildet.

Zu seinen berühmten Bildnissen gehört das von Göthe, welches er im Auftrage des Königs Ludwig im Jahre 1828 in Weimar malte, wohin er eigens deswegen reiste.

Im k. Saalbau zu München wird von ihm eine Sammlung weiblicher Bildnisse aufgestellt werden, die er im Aufträge des Königs Ludwig fertigte, aus welchen die Nachwelt erkennen mag, wie mannichfach sich der Charakter weiblicher Schönheit in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Bayern, zumal in München, und wie angenehm und charakteristisch sich zugleich die Kunst der Bildnißmalerei ausgesprochen hat.

Ganz im Geiste dieses Meisters mit lebendiger Charakterschilderung, heiterer und gefälliger Farbengebung und trefflicher Vollendung bis in das Einzelnste, obgleich edler Einfachheit, führt sein Neffe Dürk die Bildnisse aus, deren er bereits mehrere im königlichen Aufträge fertigte, und Joseph Bernhardt. Beide sind seine Schüler.

Dr. Johann Michael von Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.