Kein Grab ist stumm

 

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Allgemeine Zeitung (1841)

München, 14 Januar. Heute früh um 6 Uhr starb an einer schleichenden Unterleibskrankheit Dr. Ignaz Döllinger, k. b. Hofrath und Obermedicinalrath, Professor der Anatomie und Physiologie, Senior der medicinischen Facultät, ordentl. Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Mit ihm geht einer der trefflichsten Lehrer, eine der Hauptzierden unsrer Universitär zu Grabe. Sein unerwarteter Tod hat auf seine Kollegen wie auf die akademische Jugend, und alle, die den verdienstvollen Mann kannten, einen tiefen, schmerzlichen Eindruck gemacht.

Döllinger wirkte seit einem halben Jahrhundert (in Bamberg, dann in Würzburg, seit 1823 in München) als Lehrer. Er hat Schüler in allen Gegenden der Erde zurückgelassen. Ueberall wird die Nachricht von seinem Tode dankbare Erinnerungen wecken; denn wenn es je einen Lehrer der Medicin gegeben, der mächtig anregend auf seine Schüler gewirkt hat, so war es Döllinger. Ein vielumfassender Geist, eine glückliche Gabe der Beobachtung und der Rede, eine seltene Scharfe und Raschheit des Urtheils waren hier mit Humor und Ironie zu einem Manne ganz eigenthümlicher Art verschmolzen. Es war ein ganzer Mann, und ein deutscher Mann, eine Individualität aus dem festesten Stoffe gemacht, gerade dadurch so prägnant, so energisch in ihren Wirkungen, besonders auf die Jugend. Die guten Studenten trauern um ihn, wie um einen Vater; die schlechten müssen sich sagen: ein scharfer Rüger, eine Geißel ist von mir genommen, denn in unerbittlichen Sarkasmen züchtigte er die Halbheit, das Altthun seiner Zuhörer, und doch glänzten dabei seine geistigscharfen Augen von väterlicher Gutmüthigkeit.

In der That, wer den Mann unter der akademischen Jugend hat wirken sehen, der mußte eine Freude haben an dem achten Universitätsleben. Auf Geist und Gemüth konnte Döllinger bildend, anregend, umstimmend wirken. Er kannte die Geschichte, die Natur, kannte den Menschen; er verschmähte nicht mit den Jungen jung zu seyn, hielt fest am klaren Verstandesbegriff, am scharfen Ausdruck, schwebelte und nebelte nicht, mysticirte nicht, blieb im Philosophiren bei der Klinge, züchtigte die Halbwisser und die Scheinheiligen, und ließ die Jungen, denen es um etwas Höheres Ernst ist, Blicke thun, tiefe, helle Blicke in das Paradies der Wissenschaft! Was soll ich, heute, im ersten Sturme meines Gefühls über den Verlust eines solchen Mannes, sagen von seiner Stellung in der Wissenschaft, von seiner weitgreifenden Wirksamkeit auf dem Felde der Anatomie, der vergleichenden Anatomie, der Physiologie! Man frage Johannes Müller in Berlin, und Carns in Dresden und Baer in Petersburg, und Rudolph Wagner - seinen liebsten Schüler - jetzt in Göttingen, und alle die andern trefflichen Männer seines Faches, in nah und fern, die werden ein Zeugniß geben, was Döllinger war, was er in der Wissenschaft für alle Zeiten gethan hat! Seine Untersuchungen über das bebrütete Ei, über die Entstehung und Entwickelung der Gefäße, über die Natur des Blutlaufes, seine geistreich organisch gefaßte und durchgeführte Physiologie, die leider wohl nur in den Manuscripten einiger ausgewählten Schüler vollständig seyn dürfte, sind Werke bleibenden Werthes. Dabei war er in frühern Zeiten ein rüstiger Rector. Kurz, ein Mann, der seines Gleichen sucht, ist von uns geschieden. Sit ei terra levis! Und mögen seine unmittelbaren Collegen ihm ein Denkmal setzen, wie er's verdient!

Allgemeine Zeitung Nr. 17. Augsburg. Sonntag, 17. Januar 1841.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.