Kein Grab ist stumm

 

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Der Bayerische Eilbote (1844)

14. April. Gestern Nachmittags 5 Uhr fand die feierliche Beerdigung des kgl. geh. Raths und Leibarztes v. Wenzl statt. Der hochwürdige Herr Dompfarrer Schmid hielt eine gediegene, die vorzüglichsten Lebensmomente und die großen Verdienste des Dahingeschiedenen hervorhebende Grabrede. Der greise Vater des Verstorbenen, mit seinen ehrwürdigen Silberhaaren und seiner schlichten, ländlichen Kleidung stach rührend ab von den reichen Uniformen der an der Spitze des Leichengefolges stehenden Staatsbeamten und Mitglieder des kgl. Hofstabes.

Wenzl war ein als Mensch wie als Arzt gleich ausgezeichneter Mann. Er wird allen denen, welche seiner theilnahmvollen Hilfe, seines verlässigen Rathes, seines freundlichen - Zutrauen, Trost, Beruhigung und Ehrfurcht einflößenden Umgangs sich erfreuten, unvergeßlich und - unersetzlich bleiben.

Sein Grab befindet sich an der östlichen Seite der Kirchhofmauer neben jenem seines ehemaligen Freundes, des Obermedicinalrathes Simon v. Häberl. Es ist vielleicht mehreren von Wenzl's Verehrern nicht bekannt, daß er sich diese Begrabnißstätte für sich und seine Familie absichtlich deßwegen wählte, um dereinst neben genanntem seinem Freunde ruhen zu können. Er hat diesen schönen Zug seines Herzens und seines innigen über den Tod hinausreichenden Freundschaftsgefühles durch die Inschrift verewigt, welche das großartige für seine (ursprünglich an einer andern Stelle begrabene und erst nach einigen Jahren hierher transferirte) Gemahlin errichtete Grabdenkmal trägt, so lautend:

Annae uxori dilectissime, 19. Jul. 1834 aetat. 41 ann. defunctae et quinque infantibus ante mortius hoc pietatis ac desiderii monumentum

Dr. J. B. de Wenzl,

Ius medicus reg. Bav. Lud. I. cons. reg. int. ord. cor.
Bav. eques etc. ponendum curavit.
Hunc et sibi tumulum vivus selegit, ut quibuscum amicitia, sanguine, arte ac dignitate conjunctus vixit, iisdem defuncius quoque, post miram sortis ac terrarum commutationem, consociatus requiescat in resurrectionem vitae aeterne.

(Der geliebtesten Gattin Anna, gestorben am 19. Juli 1834 im 41. Jahre ihres Alters, und fünf im Tode vorausgegangenen Kindern, hat dieses Denkmal der Liebe und des Sehnsuchtsschmerzes setzen lassen

Dr. J. B. v. Wenzl,
Leibarzt Ludwigs I., Königs von Bayern, k. geheimer Rath, Ritter des Ordens der bayerischen Krone etc.

Er hat sich schon bei seinen Lebzeiten auch für sich diesen Grabhügel auserwählt, damit er zu denjenigen, mit welchen er durch die Bande der Freundschaft, des Blutes, des Berufes und der Würde im Leben vereinigt war, auch im Tode gesellt, nach den wundersamen Wechselfällen des Schicksals und irdischen Daseyns, ruhe bis zur Auferstehung des ewigen Lebens.)

Der Bayerische Eilbote No. 46. Mittwoch, den 17. April 1844.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.