Kein Grab ist stumm

 

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Der Alpen-Freund (1870)

Gallerie berühmter alpiner Persönlichkeiten. IV.

† Karl Hofmann.

(Mit Porträt.)

Ein kurzes, der alpinem Wissenschaft unermüdlich geweihtes, im Tode für das Vaterland dahin gegebenes Leben, das war unser - Karl Hofmann. Ja, unser Karl Hofmann! Denn gerade im »Alpenfreund« hat er die zartesten und lieblichsten Blüthen seines geistigen Schaffens entfaltet.

Karl Hofmann war der Sohn des in München noch in Segen wirkenden Universitätsprofessors Dr. Joseph Hofmann und wurde daselbst am 26. Oct. 1847 geboren. Mit zärtlichster Sorgfalt, großer Umsicht und vielem Takt leitete namentlich seine vortreffliche Mutter, eine feingebildete Frau voll tiefen Gefühls, die Erziehung des Knaben und brachte all' die herrlichen Fähigkeiten, die in ihm schlummerten, frühzeitig zur vollen Geltung. 1866 absolvirte er das Gymnasium und widmete sich auf der Münchener Universität den juristischen Studien, die er, neben seinen in diese Periode fallenden alpinen Arbeiten, mit Eifer bis zu seinem am 18. Juli 1870 abgelegten Staatsexamen betrieb. Während seiner Studienzeit hatte er in der Armee als Freiwilliger gedient und war nach bestandener Officiersprüfung zum Landwehrlieutenant im sechsten bayerischen Landwehrbataillon ernannt worden.

Aus dem Staatsexamen in sein friedliches Arbeitsstübchen heimkehrend, um nun sofort eine größere Alpentour anzutreten, fand er seine Einberufungsordre vor. Freudig und mit glühender Begeisterung folgte er dem Rufe des Vaterlandes. Am 31. Juli marschirte er, nachdem er auf seinen Wunsch aus der Landwehr in die Linie versetzt worden war, als Lieutenant im dritten bayerischen Infanterieregiment (3. Bataillon, 11. Compagnie) in das Feld. Bei Wörth zeichnete er sich aus. Er erstürmte dort, nachdem alle höheren Officiere seiner Compagnie momentan kampfunfähig geworden, an der Spitze derselben eine Schanze und machte 80 Gefangene. Wegen dieser Heldenthat und der dabei gezeigten persönlichen Bravour war er zum Ritter des höchsten bayerischen Militärordens, des Max-Joseph-Ordens, und preußischerseits des eisernen Kreuzes in Vorschlag gebracht.

Er hat die ihm zugedachte Ehre nicht erleben sollen. Am 1. September erhielt er bei Erstürmung von Bazeille in dem Augenblick, als er seine Leute, welche zu weichen begannen, zum Vordringen anfeuerte und sich zu dem Zwecke umwandte, durch einen Schuß von hinten in die rechte Seite, welcher Lunge und Zwerchfell durchbohrte, eine tödliche Wunde. Im ersten Augenblick die Bedeutung derselben nicht merkend, drang er noch etwa 20 Schritte vor, dann brach er zusammen. Ein Soldat und sein Diener brachten ihn aus dem Gewühl in das in einem großen Gartenhaus im Park errichtete französische Lazareth. Dort fand ihn Hermann Boget, Berichterstatter der Frankfurter Zeitung, und überbrachte ihm die Nachricht von dem großen erfochtenen Sieg. »Ich möchte im Stande sein,« schreibt Boget in einem Briefe an Hofmann's Eltern, »Ihnen das Auge zu malen, mit dem er die Nachricht begrüßte. »»Gern und freudig lasse ich mein Leben für das Vaterland««, gewiß zwölf Mal sagte er das zu mir, dazwischen immer summend und halblaut singend: Lieb Vaterland, kannst ruhig sein!« Gegen Abend gelang es, den Armen, dessen sehnlichster Wunsch es war, von den fluchenden und schreienden französischen Verwundeten, die um ihn her lagerten, hinweg zu kommen, in das große Schloß zu bringen, wo meist deutsche Verwundete untergebracht waren. Dort ist er, im Speisesalon, am 2. September nachts ½11 Uhr gestorben, im Vollbewußtsein seiner Lage, wie ein Held der letzten Minute entgegensehend, dankbar seiner Eltern und Freunde gedenkend.

Am 3. September wurde er neben zehn bayerischen Officieren im Park zu Bazeille in einem Separatgrabe, welches ein einfaches Holzkreuz mit seinem Namen auf sich trägt, zur ewigen Ruhe bestattet! Ewig! Du theurer, verklärter, junger Freund, hast vielleicht Dein Ende geahnt, als Du dem Unterzeichneten gegen Ende Juli den letzten schriftlichen Gruß aus München in den wenigen Worten sandtest: »Lieber Freund! Ich bin seit gestern auf meinen Wunsch von der Landwehr in die Linie versetzt, morgen verlasse ich München, leben Sie wohl, vielleicht auf - ewig!«

Mit Karl Hofmann hat das Vaterland einen seiner edelsten Bürger verloren, dessen ungewöhnliche Begabung, gründliches Wissen, Begeisterung für alles Schone und Gute eines längeren Lebens werth gewesen wäre! Die alpine Wissenschaft aber trauert an seinem Grabe um einen ihrer auserwählten Jünger, um einen körperlich und geistig hoch bevorzugten, treuen, opferbereiten, liebenswürdigen Liebling der »lieben Berge«! Hofmann war aber auch zur Durchforschung des Hochgebirges wie geschaffen; Sehnen wie von Stahl, unbeugsame Energie, zähe Ausdauer, Kühnheit und Unerschrockenheit, tiefes Gemüth, innige Liebe zur Natur, rastloser Fleiß und nie versiegender Humor waren in ihm vereinigt, um ihn gleichsam spielend alle Schwierigkeiten überwinden zu lassen, so daß ihm kein Studium zu schwer, keine Gefahr zu groß, keine Wanderung zu mühsam, kein Gipfel zu hoch erschien!

Nur einer so angelegten Natur konnte es möglich werden zu leisten, was Hofmann in den wenigen Jahren seiner eigentlichen Thätigkeit (man kann dieselbe kaum auf vier Jahre bemessen, von 1866 bis Anfang 1870) vollbracht hat. So sehen wir ihn denn, nachdem er schon 1857 (als zehnjähriger Junge) den Wendelstein, 1860 den Walberg, 1863 den Herzogenstand bestiegen hatte, 1864 auf einer längeren Wanderung durch das Innthal, 1865 in den bayerischen Alpen, 1866 im Zillerthal, Etschland, im Berchtesgadner Lande und am Untersberg, 1867 in Oberbayern, in den Tauern (Großglocknerbesteigung), Salzburg, Salzkammergut (Dachsteinbesteigung), 1868 in Oberbayern (Zugspitzbesteigung), Tirol (Venediger, erste Besteigung des Hochgall in der Riesenfernergruppe in Verbindung mit Val. Kaltdorff), Salzburg (im Ganzen sieben Reisen in dem einen Sommer); 1869 in Tirol (Durchforschung des Kaisergebirges) und nachdem ihn der Unterzeichnete zur Verabfassung des 2. Bandes seiner »Führer in die deutschen Alpen«, eines »Salzburgerführers«, gewonnen hatte und die Veranlassung zur Herstellung von Einzelmonographien über die verschiedenen Tauerngruppen geworden war, mit Herrn Joh. Stüdl im Berchtesgadner Lande (Besteigung der mittleren Watzmannspitze) und mehrere Wochen in der Umgebung des Großglockner (erste vollkommene Erforschung der Glocknergruppe; über die Touren der beiden Freunde s. Alpenfreund I. S. 78), später im Salzkammergut, in Steyermark (im Ganzen sechs Reisen in dem Sommer).

Der Sommer 1870 war, gemeinsam mit Joh. Stüdl, für die speciellere Bereisung der Venedigergruppe bestimmt. An dem lange vorher festgesetzten, seit Monaten ersehnten Tage der Abreise - selbst die Führer waren bereits bestellt - mußte Hofmann die Feder, statt mit dem Alpenstock, mit dem Schwerte vertauschen, um seine lieben Alpen - nie wiederzusehen

Daß aber Hofmann die Alpen nicht blos um zu bummeln besucht hat, davon liefern die zahlreichen, lebensfrischen, ungemein klaren, verläßlichen, naturwahren Schilderungen einzelner Alpenparthien aus seiner Feder den besten Beleg. Ich erinnere hier an seine Artikel

Die Kolowrathöhle (Morgenblatt der bayerischen Zeitung, 1866, Nr. 288).
Der Hohe Göhl (Morgenblatt der bayerischen Zeitung, 1866, Nr. 308).
Eine Glocknerfahrt (Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung, 1868, Nr. 102-104).
Eine Dachsteinbesteigung (Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung, 1869, Nr. 42-44).
Die Zugspitze im bayerischen Oberland (Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung, 1869, Nr. 60-62).
Das Wiesbachhorn (Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung, 1870, Nr. 24-25).
Das Guffertjoch (Jahrbuch des österr. Alpenvereins, Bd. V, S. 287).
Erste Besteigung des Hochgall (Jahrb. d. österr. Alpenvereins, Bd. V, S. 290).
Aus dem Berchtesgadner Land (Hoher Göhl, Kahlersberg, Hundstod, steinernes Meer), (Tourist, Bd. I, Nr. 5-8).
Aus der Glocknergruppe (Zeitschrift des deutschen Alpenvereins, Bd. I, S. 71; jedenfalls die wissenschaftlich bedeutendste Arbeit Hofmanns, die bisher im Druck erschienen ist).
Das Kaisergebirge (Zeitschrift des deutschen Alpenvereins, Bd. I, 513).
Der Untersberg (Alpenfreund, B. I, S. 36).
Auf dem Watzmann (Alpenfreund, Bd. I, S. 81).
Von Kals über den Großglockner zur Pasterze (Alpenfr., Bd. I, S. 257).
Das Kitzsteinhorn (Alpenfreund, Bd. II, S. 58).
Die Hohenburg im Kaprunerthal (Alpenfreund, Bd. II, S. 233).

Das bedeutendste literarische Product jedoch, welches Hofmann (und zwar im Verein mit Joh. Stüdl) geschaffen, bilden die »Wanderungen im Gebiet des Großglockner«, die im Manuscript vorliegen. Hofmann wollte sie im Laufe dieses Winters nochmals überarbeiten, und dann sollten sie im Verlage des Unterzeichneten erscheinen. Auch für den »Salzburgerführer«, der 1871 das Licht der Welt erblicken sollte, hat Hofmann Vorarbeiten hinterlassen.

Wenn man zu alle dem noch die riesige Arbeit hinzunimmt, die Hofmann als Schriftführer der Section München und des erstjährigen Centralausschusses des Deutschen Alpenvereins, dessen Mitbegründer und Hauptförderer er gewesen ist, zu überwinden hatte (man vergleiche nur seinen »Bericht über das 1. Vereinsjahr des Alpenvereins«, »über die 1. Generalversammlung des Alpenvereins«), und bedenkt, daß er in den Sitzungen der Münchner Alpenvereinssection mannichfache wissenschaftliche Vorträge gehalten hat, daß er als Präsident des Münchner akademischen Gesangvereins (er selbst war ein ausgezeichneter Sänger) fungirte und dabei doch auch seine juristischen Fachstudien nicht vernachlässigen durfte - so muß man über eine solche in so wenige Jahre zusammengedrängte Thätigkeit eines 19, bis kaum 23jährigen jungen Mannes mit Recht erstaunen!

Die Liebe zur Sache hat ihm Alles leicht gemacht! Was aber hätte sie ihm nicht noch Alles leicht machen, welche weitere wissenschaftliche Thaten hätte eine Kraft wie Hofmann, bei seiner Liebe zur Sache, noch weiter vollbringen können!!

Die Thränen möchten einem darob aus den Augen stürzen, und das Herz sich versteinern! - Doch nein, wir wollen mit der Vorsehung, die so edles, kostbares Blut unschuldig vergießen läßt, nicht rechten! Aber in Ehren wollen wir den Namen unseres guten Karl Hofmann halten, des deutschen Helden und Märtyrers unter den Alpenfreunden, der im Leben eine Zierde seiner »lieben Alpen« gewesen und im Tode noch einen Glorienschein um sie gewoben hat!

Möchte man bald in den Alpen Hofmanns Namen verewigt lesen!

Dr. Ed. Amthor.

Dr. Eduard Amthor: Gallerie berühmter alpiner Persönlichkeiten. Der Alpen-Freund; Gera 1870.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.