Kein Grab ist stumm

 

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Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1829 (1831)

Hermann Joseph Mitterer, Prof. der Zeichnungskunst a. d. polytechnischen Central-, Feiertags- u. Bauwerksschule u. Ehrenmitgl. der königl. Akademie der bildenden Künste zu München; geb. d. 8. Oct. 1764, gest. d. 28. April 1829. (Tübing. Kunstbl. 1829. Nr. 46 u. 47.)

M. war ein Mann, dessen thätiges Leben einflußreich und segensvoll wie Weniger war, und der die große Anerkennung seiner vielfachen Verdienste in der ausgebreiteten Wirksamkeit finden mußte, die seine unermüdeten und von geringen Hilfsmitteln unterstützten Bemühungen schnell und sichtbar in vielen Zweigen der Künste und Gewerbe äußerten. Ein Münchner Blatt enthält über ihn eine authentische biographische Mittheilung, aus der wir folgendes entnehmen. - Er war eines Krämers Sohn von Osterhofen im Unterdonaukreise und wurde von seinen Eltern sorgfältig und christlich erzogen. Da sie an ihm sehr gute Geistesanlagen und Lust zum Lernen gewahrten, ließen sie ihn nicht nur in Elementargegenständen, sondern auch in Kunstfächern unterrichten, unter andern im Singen. Im J. 1771 kam derselbe als Singknabe nach dem Kloster Fernbach am Inn, hatte aber im J. 1772 das Unglück durch den Tod seine Mutter und bald nachher 1776 auch seinen Vater zu verlieren. Ein Klostergeistlicher erbarmte sich seiner, als eines armen verlassenen Waisen und sandte ihn mit Empfehlungen nach Passau, um dort seine Studien weiter fortzusetzen. Es gelang ihm hier, bei einem angesehenen Bürger einige Unterstützung zu erhalten. Im September d. J. 1782 kam er nach München, wo er wieder mit Wohlthaten von mehreren dortigen Bürgern unterstützt wurde. Uebrigens mußte er sich seinen Unterhalt größtentheils durch Privatunterricht erwerben, und er setzte dabei seine Studien und Ausbildung in Kunstfächern bis zur Theologie fort.

Hier blickte er auf seine bisher durchwanderte Studienbahn zurück und bemerkte, daß er mit Lust und Vorliebe die besten Fortschritte in der Mathematik, Physik, in der Zeichnungs- und Malerkunst gemacht habe; er fühlte sich daher mehr für das Kunstfach berufen und widmete sich ganz dem Zeichnen, der Architektur und Technik.

Als der damalige Zeichnungslehrer Joseph Ott am Gymnasium mit Tod abging, überreichte er seine Bitte dem kurpfalz-baierschen geheimen Schulkuratel, worauf er im J. 1791 d. 26. Mai die Anstellung als Zeichnungslehrer am Gymnasium mit einem jährlichen Gehalt von 150 fl. erhielt, wovon er aber jährlich 100 fl. der Ott’schen Wittwe und ihren Kindern überließ und für sich nur 50 fl. behielt. Den übrigen zu seinem Unterhalte nöthigen Bedarf suchte er sich durch Privatlehrstunden im Zeichnen zu verdienen. Von diesem Zeitpunkte an hatte er mit vielen Mühseligkeiten zu kämpfen, die damals schon seine Gesundheit zerrütteten und ihm mehrere Krankheiten zuzogen.

Ueberzeugt wie wichtig die Zeichnungskunst für technische Arbeiter sei, erlaubte er mehreren lernbegierigen Handwerksgesellen und Burschen an Sonn- und Feiertagen auf sein Zimmer zu kommen, um ihnen hierin den nöthigen Unterricht zu ertheilen. Er legte hierauf dem geheimen Schulkuratel einen Plan einer ordentlichen Feiertagszeichnungsschule für Künstler und Handwerker vor, um seine bestgemeinte Absicht um so nachdrücklicher bei der damaligen hohen Landschaft unterstützen zu können und erhielt die Genehmigung dazu am 26. März 1792.

Im folgenden Jahre 1793 eröffnete Prof. Kefer, sein innigster Freund, in München die erste Feiertagsschule für Gesellen und Handwerkslehrlinge in Elementargegenständen und lud M. ein, seine feiertägliche Zeichnungsschule mit seiner Elementarschule zu vereinbaren, und so entstand vor 36 J. die dortige im In- und Auslande rühmlichst bekannte Feiertagsschule.

Bisher bezog M. für seine Bemühungen immer nur eine Remuneration von jährlichen 50 fl. Auf sein Gesuch um eine Zulage erhielt er aber zur Antwort: »Nachdem er den gemeinnützigen Zeichnungsunterricht sehr emporgebracht hat, so wünschen Se. kurfürstl. Durchlaucht einen so eifrigen Lehrer unterstützt zu sehen; es soll ihm demnach eine Zulage von 100 fl. in so lange jährlich angewiesen werden, bis der Gnadengehalt der Wittwe seines Vorfahrens Ott zurückfällt.« Im Jahre 1797, nach der öffentlichen Prüfung der Feiertagsschüler im August, bewies sich der Magistrat in München in einem Schreiben sehr dankbar gegen den Verewigten und überreichte demselben zum Beweise der gänzlichen Zufriedenheit und seiner Aufmunterung zur fernern Fortsetzung seines Lehreifers, die größere magistratische Ehrenmedaille. Auch beschloß die löbliche Landschaft in Baiern vom Jan. 1798 an, in gleicher Absicht, den Zeichnungsunterricht auch in den deutschen Schulen fortzusetzen, dem Zeichnungslehrer M. vom 1. Jan. 1798 an einen jährlichen Gehalt von 100 fl. verabfolgen zu lassen. So aufgemuntert, setzte M. in Verbindung mit dem Prof. Kefer seinen Unterricht der auf 800 angewachsenen Schüler in einem landschaftlichen Gebäude auf dem Anger 9 J. hindurch unermüdet fleißig fort, als vor dem feierlichen Schlüsse der ersten Schuldecade Prof. Kefer am 11. September 1802 mit Tod abging. Bald nachher 1803 im Monat Mai wurde die Feiertagsschule wegen der noch immer anwachsenden Schülermenge vom Anger auf das Kreuz in das ehemalige Waisenhaus versetzt und mit derselben, als einer Musterschule, zugleich ein Schullehrerseminar und die Knabenschule daselbst verbunden. Auch fing M. an in den geräumigen Lehrsälen dieses neuen Schulhauses die Bauhandwerker im Wintersemester 3 bis 4 Monate hindurch zu unterrichten, und legte so den ersten Grund zu der gegenwärtigen planmäßigen Bauhandwerksschule. Ja spätern Jahren ruhte er nicht, bis er mit der so gemeinnützigen bürgerlichen Feiertagsschule vom Magistrate die Genehmigung erhielt, mit derselben die so höchst nothwendige Bossirschule zu verbinden.

Den 20. Januar 1803 wurde ihm vom obenerwähnten Generalschuldirectorium angezeigt, daß demselben kraft allergnädigsten Rescripts vom 1. Jan. d. J., für den Unterricht im Zeichnen an der Feiertagsschule 200 fl. angewiesen worden seien, mit dem Beifügen, daß man von seiner Kunst und Jugendliebe erwarte, er werde den Schülern auch Vormittags Unterricht ertheilen, dann auch den Schulcandidaten den Zutritt in die Zeichnungsschule gestatten, um sich in der Kunst, wenn sie dazu Anlagen haben, oder wenigstens in der Kalligraphie zu üben.

Ferner wurde genehmigt, daß derselbe sogleich einen Gehilfen in Antrag bringe, der dann 50 fl. jährlich Gratifikation aus der Schulfondskasse erhalten solle. Die Zahl der in dem neuen Schulgebäude versammelten Schüler belief sich nun bald über 1000. Für so eine Schülermenge fehlte es nun an einer hinreichenden Anzahl von zweckmäßigen Zeichnungsvorlagen für Künstler und Handwerker und M. machte sich anheischig, die nöthigen Zeichnungsmuster in Vorlagen nicht nur für die Zeichnungsschule, sondern für alle Kunstschulen im ganzen Reiche zu bearbeiten, wenn das königl. Generalcommissariat zu diesem Zwecke das Arcanum der Lithographie zur Schule ankaufen würde, welches Gesuch der unvergeßliche verdienstvolle Schulrath Steiner unterstützte und vermittelte.

Nun öffnete sich für den hochverdienten M. ein weites Feld zur Bearbeitung; es war noch sehr wenig kultivirt, denn die Lithographie, wie sie damals aus den Händen ihrer Erfinder kam, war noch in ihrer Kindheit. M. gelang es erst nach langem rastlosen Bemühen und vielen Experimenten für obige Zeichnungsrequisiten die Ingredienzien nach einem bestimmten Maße, nach Zahl und Gewicht zu bestimmen und gehörig zu mischen, so daß damit auch Baupläne und freie Handzeichnungen auf Stein gebracht und davon rein abgedruckt werden konnten. Er ruhte nicht, bis er die Lithographie zu einem so hohen Grade der Vollkommenheit brachte, daß man damit alle Kunstartikel der technischen und freien Handzeichnung, ja selbst Porträts auf Stein zeichnen und davon meisterliche Abdrücke machen konnte. Mit zahllosen Hindernissen, theils chemischen, theils mechanischen, hatte er zu kämpfen; allein er besiegte sie alle und hat sich dadurch unsterbliche Verdienste um die Lithographie erworben. Er begründete dadurch die nun durch ganz Europa rühmlichst bekannte erste lithographische Kunstanstalt an der männlichen Feiertagsschule zu München; unter welcher Firma noch immer Nachfragen und Bestellungen von Kunsthändlern und Kunstschulen vom In- und Auslande einlaufen, indem diese Kunstanstalt auch nach dem Ableben des Urhebers noch fortbesteht. Diese Kunstanstalt, welche M. nach 7 Jahren 1815 als sein Eigenthum an sich kaufte, und seine vielen produzirten lithographischen Arbeiten bleiben in der Geschichte der bildenden Künste ein ewig unzerstörbares Denkmal, das er sich selbst erbaut hat.

Bei seinem letzten Werke, einer vollständigen Anleitung über die verschiedenen Zeichnungen und Muster für Schlosserarbeiten, überraschte ihn der Tod. Der Schlagfluß, der ihm 2 J. zuvor die rechte Seite lähmte, berührte ihn jetzt zum zweitenmale und beschloß im 63. J. seines gemeinnützigen Wirkens seine irdische Laufbahn.

M. W.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1829 (1831).

 

 

 

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