Kein Grab ist stumm

 

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Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik für das Jahr 1895.

Erinnerung an Dr. Adolf Steinheil.

Von kais. Rath L. Schrank.

Eine Zierde der deutschen Wissenschaft, ein Mann der in jeder Beziehung den geistigen Inhalt seiner Zeit in sich aufgenommen, ja ihn durch seine Genialität gewaltig vertieft hat, der mit starker Hand selbst in das Culturleben unseres Jahrhunderts erfolgreich eingriff, Dr. Hugo Adolf Steinheil, wurde am 4. November 1893 in seiner Vaterstadt München dem irdischen Walten entrissen.

Er war am 12. April 1832 als der Sohn des berühmten Physikers Dr. Carl August Steinheil geboren und zeigte schon in seiner Jugend ein ausgesprochenes Talent für Zahlenverhältnisse.

Man erzählt dass er als fünfjähriger Knabe, bei Betrachtung seiner gewürfelten Bettdecke an seine Mutter die Frage richtete: Nicht wahr zweimal 6 giebt genau so viel als 3 mal 4? Auch später in der Volksschule und in dem Gymnasium überraschte er seine Lehrer durch die Schärfe und Gewandheit mit der er rechnerische Aufgaben löste.

In den Jahren 1849 und 1850 besuchte Steinheil das Polytechnikum in München, übersiedelte in dem letzteren Jahre nach Wien und vollendete daselbst an der Wiener technischen Hochschule und der Universität seine theoretische Ausbildung.

1851 fand seine Aufnahme in den Staatsdienst als Assistent im Telegraphenfache statt und wurde ihm noch im selben Jahre die Ausgestaltung des schweizerischen Telegraphennetzes übertragen, obwohl er damals erst 19 Jahre zählte.

In das Jahr 1853 fällt sein Staatsconcurs als Ingenieur, im Mai 1855 endlich begründete Dr. Carl August von Steinheil (geb. 14. October 1801 zu Rappoldsweiler, gestorben 14. September 1870 in München) die seinen Namen tragende optische und astronomische Werkstätte in Schwabing nächst München.

Er war dazu veranlasst worden durch den speciellen Wunsch des Königs Maximilian II., und erfreute sich der Mitarbeiterschaft seines Sohnes Adolf.

Es galt nach des Monarchen Wunsch, die durch Fraunhofer für München gewonnene Führerschaft in der praktischen Optik dauernd der bayerischen Hauptstadt zu erhalten.

Die erforderlichen umfangreichen Vorarbeiten ruhten fast ganz auf den Schultern Adolf Steinheil's, und trotzdem die Anstalt jede seiner Tagesstunden absorbirte, feierte er 2 Monate später am 31. Juli seine Promotion.

Justus von Liebig gab hierzu den Anstoss, indem er den jungen Gelehrten, dessen Begabung er schätzte, in freundschaftlicher Weise aufmunterte: »Ein Mann von Ihrem Wissen sollte doch seinen Doctor machen!« Adolf Steinheil musste aber die Zeit zur Vorbereitung seiner Dissertation den der Erholung bestimmten Stunden der Nachtruhe absparen.

Die einzige Erquickung bildeten seine Lieblingswissenschaften Botanik und Entomologie, wie ja auch seine umfangreichen Sammlungen bis in die späteren Jahre, wo sein Augenleiden die Pflege derselben unmöglich machte, für ihn ein Quell ungetrübter Freude blieben.

Im Jahre 1860 trat Eduard Steinheil (Bruder des Dr. A. Steinheil) in die Firma und erhielt Adolf die Procura.

Im Jahre 1862 wurde die optische und astronomische Werkstätte von Schwabing nach München verlegt.

Am 4. November 1865 trat der Vater Dr. Carl August von Steinheil, k. b. Ministerialrath und Academiker, aus der Firma und übernahm Adolf Steinheil käuflich das Institut, wobei er sich mit seinem Bruder Eduard associirte.

Seitdem ist alles, was dort wissenschaftlich geleistet wurde sein ausschliessliches Verdienst.

Ein in den »Münchener Neuesten Nachrichten« enthaltener Nekrolog citirt mit Genugthuung den Ausspruch Dr. Jos. Eders: »Vom Jahre 1865 datirt eine neue Epoche der Objectivconstructionen. Es gebührt Dr. Ad. Steinheil das Verdienst, das erste aplanatisch-symmetrische Objectiv construirt zu haben. Er übersandte es am 20. Juli 1866 an Monckhoven.«

In das Jahr 1865 fällt die Construction der Periskope sowie jene der Fernrohrobjective mit Vorausstellung der Flintglaslinse, wodurch die von dem Objective entworfenen Bilder ausser der Achse richtiger und freier von Reflexen gewonnen werden; endlich die der neuen Mikrometeroculare, aus drei zusammengesetzten Linsen (monocentrische Oculare). Doch die Vollendung des Typus der Aplanate und ihre Patentirung fällt bereits ins Jahr 1866.

1867 erhielt Dr. Steinheil auf der Pariser Weltausstellung die goldene Medaille für Optik (Aplanate) und die bronzene für das erste Exemplar der Weitwinkelaplanate. Im Jahre 1868 wurde ihm die goldene Medaille für die Aplanate auf der photographischen Ausstellung in Hamburg verliehen, bei welcher Schreiber dieser Zeilen neben Dr. Julius Stinde als Juror functionirte. Lebendig steht Steinheil's Bild in seiner Erinnerung, die schlichte fast schüchterne Erscheinung, mit dem sympathischen Ausdrucke, welcher sich aus dem treuherzigen Auge und der hohen Denkerstirne zusammensetzte. Der Vollbart, den er damals trug, gab ihm zwar ein männlich kräftiges Aussehen, war aber von jeder Koketterie oder besonderer Zierlichkeit weit entfernt, gewissermassen nur zufällig vorhanden. Es war an ihm alles echt, bestimmt, klar, wie das Sprichwort sagt: ein Mann ein Wort. Mit der Logik des Mathematikers beurtheilte sein Geist auch die Erscheinungen und Begebenheiten der Tagesgeschichte.

Als eine Frucht unserer Begegnung in Hamburg ist wohl jene Publication zu betrachten, die Dr. Adolf Steinheil im Märzhefte 1869 der Photographischen Correspondenz unter dem Titel: »Das Prüfen und Wählen der Photographen-Objective« in Druck gab, in welcher er versuchte die Elemente der praktischen Werthbestimmung der Objective dem Fachpublicum populär zu vermitteln.

In das Jahr 1868 fiel auch noch die Abänderung der Firma C. A. Steinheil in C. A. Steinheil's Söhne.

Zu jener Zeit war bereits der Ruf des gelehrten Optikers so allgemein begründet, dass ihm seine Mitbürger auch in politischen und wirtschaftlichen Dingen ihr Vertrauen schenkten und ihn in den Gemeinderath von München beriefen, wo er von 1870 bis 1881 segensvoll wirkte.

Im Jahre 1871 construirte Dr. Adolf Steinheil die Weitwinkel-Aplanate für Reproductionsarbeiten über Verlangen des österr. Kriegsministeriums zum Gebrauche des Militär-Geographischen Institutes.

In das Jahr 1872 fällt die Construction der aplanatischen Objective zur Photographie der Himmelskörper (Astrophotogr. Objective) anlässlich des Venusdurchganges. Und im selben Jahre, am 25. August, wurde ihm die königl. bayr. Ludwigsmedaille für Kunst und Industrie verliehen, zwei Jahre später, am 24. April 1874, das Ritterkreuz des Franz-Josefs-Ordens.

Im Jahre 1878 verlor Steinheil seinen Bruder Eduard, der ihm einen so grossen Theil der Geschäftssorgen abgenommen hatte, indessen die technische Entwicklung seines Geschäftes wurde dadurch nicht gehemmt, sondern erreichte erst in den nächsten Jahren ihren Höhepunkt, denn 1879 nahm er das Reichspatent für Gruppen Aplanate und 1881 für die Antiplanete.

Hierbei hatte Dr. Steinheil den genialen Gedanken, dass er durch Combination zweier absichtlich entgegengesetzter fehlerhaft construirter Linsen zu einem besseren Resultate kommen würde, als durch die denkbar fehlerfreiesten.

Im Jahre 1882 erhielt Steinheil den bayr. Michaels-Orden I. Cl. für seine Thätigkeit als Juror bei der Kunst- und Industrie-Ausstellung in Nürnberg.

Wieder nach zwei Jahren, am 19. März 1884 erhielt er sein Reichspatent auf panorthische Doppelfernrohre. Das Jahr 1885 war für Steinheil verhängnisvoll. Wir wissen nur, dass er am grünen Staar leidend, sich am 9. October einer Operation unterziehen musste, dass jedoch trotz dieses operativen Eingriffes die Entzündung des rechten Auges weiter um sich griff und am 4. November 1885 die Entfernung desselben nöthig wurde, um wenigstens das zweite zu retten. Als ihm jede Anstrengung seiner Sehnerven ärztlich untersagt wurde, setzte er durch sein Rechenbureau gleichwohl die optisch-mathematischen Arbeiten fort und, unterstützt durch sein phänomenales Gedächtniss, konnte er vorgelesene Zahlenreihen im Geiste überprüfen und verbessern.

Im Jahre 1886 ernannte ihn die Photographische Gesellschaft in Wien zu ihrem Ehrenmitgliede, aber den Gipfelpunkt der Ehren und Anerkennung erreichte Steinheil im Jahre 1887 durch die Ernennung zum Mitgliede der internationalen Conferenz für Photographirung des Himmels Seitens der Pariser Academie. Es waren wesentlich nur Astronomen geladen, Steinheil war überhaupt der einzige Optiker, der diesem Congresse angehörte. Dort gab er auch die Bedingungen zu Protocoll nach denen die Objective zur Herstellung der Himmelskarten construirt werden mussten. »Niemals«, heisst es in dem oben erwähnten Blatte, »ist Dr. Adolf Steinheil in seinem Leben so geehrt und gefeiert worden, wie auf diesem internationalen Congresse in Paris, bei dem ihm und dem Professor Dr. J. M. Eder aus Wien zu Ehren ein Fest gegeben wurde.»

Persönlich ein Feind jedes Aufsehens, freute er sich still des Gethanen und so ist es gekommen, dass bis zu seinem Tode kaum bekannt wurde, mit welchen Ehren der Sohn Münchens bei jener Gelegenheit überhäuft wurde.

Wie indessen in wissenschaftlichen Kreisen die Sache betrachtet wurde, geht daraus hervor, dass er am 1. August desselben Jahres ins Curatorium der physikalisch tech. Reichsanstalt berufen wurde und im folgenden Jahre (1888) seine Ernennung zum ausserordentlichen Mitgliede der Academie der Wissenschaften in München erfolgte. Der grosse materielle Erfolg der optischen Werkstätte, welche von 1868-1890 30000 Objective fertiggestellt hatte (darunter einige von 33 bis 36 cm Oeffnung) machte es nöthig, dass neue, der Ausdehnung des Geschäftes entsprechende Räume geschaffen werden mussten und so verliess das Institut 1890 die bisherigen Localitäten in der Landwehrstrasse und übersiedelte nach der Theresienhöhe 7, allwo ein musterhafter Neubau aufgeführt wurde.

Diese letzte grosse Entwickelungsphase vollzog sich jedoch bereits unter den Auspicien des neuen Mitinhabers der Firma, seines Sohnes Dr. Rudolph Steinheil, der am 1. October jenes Jahres als öffentlicher Gesellschafter beitrat und im Geiste seines Vaters das Steuer mit kräftiger Hand führte.

Die folgenden Daten seines Lebensganges muthen uns an, wie jene Verfügungen, die jemand für den Fall seines voraussichtlichen Hinscheidens trifft. So hatte er 10000 Mk. zur Gründung einer optischen Prüfungsstation am Polytechnicum in München gewidmet, welche im Jahre 1891 ins Leben trat und von Prof. Dr. Ernst Voit geleitet wird. Mit diesem Gelehrten zusammen gab Steinheil auch sein »grosses Handbuch der angewandten Optik« heraus, wovon im Jahre 1891 der erste Band erschien.

Hier tritt eine unheimliche Pause in der Thätigkeit Dr. A. Steinheil’s ein, welche nur durch das Diarium seines ordinirenden Arztes ausgefüllt werden könnte.

Es folgte jene Leidensstation, welche von der Vorsehung dazu bestimmt zu sein scheint, die Liebe zum Leben abzuschwächen, und die uns den Tod nicht mehr als grösstes aller Uebel betrachten lässt. Diese Wandlung führte bei Steinheil die Bright’sche Nierenentzündung herbei.

Er verschied am 4. November 1893 und man wird im Verfolge dieser Zeilen die Ueberzeugung gewonnen haben, dass die Wissenschaft an ihm einen unermesslichen Verlust erlitten hat.

Wir aber können diese Chronik eines Genies nicht besser abschliessen, als mit den Worten des Nachrufes, den ihm am 7. November 1893 Prof. Eder in der Wiener Photographischen Gesellschaft hielt: »Das Andenken dieses im Leben so schlichten, in der Wissenschaft so hochstehenden Gelehrten wird ein unvergängliches sein!«

L. Schrank: Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik für das Jahr 1895. Halle a. d. Saale, 1895.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

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