Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Himmel und Erde (1894)

Dr. Adolph Steinheil †.

Am 4. November vorigen Jahres verschied in München Dr. Adolph Steinheil; der Zweiundsechzigjährige erlag nach kurzem, schwerem Krankenlager einem Leiden, das schon längere Zeit sein reges, dem Wohle der Wissenschaft und der Technik gewidmetes Wirken hemmte. Das Hauptfeld seiner Wirksamkeit war die praktische Optik, der er als Chef und Inhaber der weltbekannten Firma C. A. Steinheil Söhne in München hervorragende Dienste leistete.

Am 12. April 1832 als Sohn des Physikers, Astronomen und Mathematikers Carl August Steinheil zu Perlachseck, dem Familiengute, geboren, wurde er väterlicherseits schon frühzeitig mit seiner späteren Laufbahn vertraut gemacht. Infolge der 1832 erfolgten Berufung seines Vaters als Professor der Mathematik und Physik an die Universität München erhielt er seine Erziehung und fachmännische Ausbildung zunächst in Bayerns Hauptstadt und später in Wien, wo er 1851 an der Universität Assistent im Telegraphenfach wurde, während sein Vater als Vorstand der telegraphischen Abtheilung des österreichischen Handelsministeriums wirkte. Durch Fleiss und Klarheit des Geistes wurde er bald zur unentbehrlichen Stütze des Vaters bei dessen vielseitigen, namentlich telegraphischen Unternehmungen. 1851 fiel nämlich dem älteren Steinheil die Aufgabe zu, die ersten Telegraphenanlagen in der Schweiz einzurichten, mit deren Lösung er seinen erst 19jährigen Sohn in ihren Haupttheilen betraute.

Hiermit begann die öffentliche Wirksamkeit des aufstrebenden jungen Mannes, welcher nach Fertigstellung der Anlagen auch die ersten 80 schweizerischen Telegraphenbeamten technisch auszubilden hatte. Im Jahre 1854 begründete Professor Steinheil auf besonderen Wunsch des Königs Max II. von Bayern, welcher seinem Lande die durch Fraunhofer auf dem Gebiete der praktischen Optik errungene Bedeutung zu erhalten wünschte, in München eine optisch-astronomische Anstalt, deren Leitung Adolph Steinheil mit seinem Bruder Eduard schon 1862 vom Vater übernahm. Der Verstorbene hatte die wissenschaftliche Abtheilung des Instituts zu leiten, und hier liegen die Hauptmomente seiner erfolgreichen Wirksamkeit. Schon bei der Einrichtung hatte er die meisten erforderlichen Berechnungen für den Vater auszuführen, und bald war - nicht zum mindesten durch seine Thätigkeit - der Ruf der Werkstätte sicher begründet, namentlich wegen der vorzüglichen Fernrohrobjektive, der mit Kirchhoff und Bunsen zusammen konstruirten Spektralapparate, der Okularheliometer u. s. w. In den Jahren 1865/66 fertigte Adolph Steinheil nach ganz neuen Prinzipien ein aplanatisches Objektiv für photographische Zwecke, das für alle späteren Konstruktionen vorbildlich geworden ist und einen enormen Fortschritt in der praktischen Optik darstellt. Ausser einer grossen Zahl von ähnlich erdachten photographischen Linsenkombinationen, die besonderen Zwecken dienten, entstammen eine Reihe grösserer Fernrohr-Objektive der Münchener Werkstätte, z. B. diejenigen der 13- und 14-zölligen Refraktoren der Sternwarten in Potsdam, Catania, Upsala u. s. w. Um die Beschaffung von geeigneten Objektiven, welche dem Zweck der Herstellung einer photographischen Himmelskarte dienen sollten, hat sich der Verstorbene besonders verdient gemacht, und so konnte im Jahre 1890 das 30000. Objektiv die Werkstätte verlassen und damit einen deutlichen Beweis für die Blüthe des Münchener Betriebes geben. Der Ruf und das Ansehen, dessen sich der Inhaber erfreute, rechtfertigte auf das glänzendste das Vertrauen, welches die Bayrische Regierung dem Unternehmen von Anfang an zugewendet hatte.

Zum 100jährigen Geburtstage Fraunhofers im Jahre 1887 durfte Steinheil am Münchener Polytechnikum eine optische Prüfungs-Station ins Leben rufen, welche 1891 feierlich eröffnet wurde. Die Leitung derselben übernahm Professor E. Voit; mit diesem zusammen gab Steinheil im selben Jahre auch noch den ersten Band eines »Handbuches der angewandten Optik« heraus.

In Anerkennung so vieler Verdienste ernannte 1888 die Bayrische Akademie der Wissenschaften Steinheil zum ausserordentlichen Mitglied, für einen Mann, der sich hauptsächlich auf praktischem Gebiete bethätigte, eine besonders hohe Auszeichnung. Die Reichsregierung berief ihn ebenfalls 1888 bei Begründung der »Physikalisch-Technischen Reichsanstalt« in das Kuratorium derselben, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Im Jahre 1887 war er der einzige Optiker, welcher zur Theilnahme an dem Pariser astrophotographischen Kongress aufgefordert wurde.

G. W.

Himmel und Erde. Illustrirte naturwissenschaftliche Monatsschrift. Herausgegeben von der GESELLSCHAFT URANIA ZU BERLIN. Berlin, 1894.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.