Kein Grab ist stumm

 

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Neuer Nekrolog der Deutschen (1837)

Friedrich Freiherr von Zentner, königl. baier. Staatsminister zu München; geb. am 27. Aug. 1752, gest. den 20. Oct. 1835.

v. Zentner nimmt in der Reihe der ausgezeichnetsten Staatsmänner Baierns und seiner Zeit einen wohlverdienten Rang ein, zu welchem er sich, hervorgegangen aus den untern Classen der bürgerlichen Gesellschaft, was ihn in der Achtung jedes Vernünftigen nur höher stellen kann, in einem seltenen Stufengange emporgeschwungen hatte.

Er ward geboren in der ehemaligen Rheinpfalz zu Heppenheim an der Bergstraße, wo seine Eltern in der friedlichen Wirksamkeit eines ländlichen Gutsbesitzes lebten. Den ersten Unterricht genoß er unter den Jesuiten zu Mannheim, studirte im Seminarium und an der Akademie zu Heidelberg und ward daselbst 1770 nach einer Disputation ex universa philosophica zum Magister ernannt.

Um sich in der französischen Sprache zu vervollkommnen, verlebte er anderthalb Jahre zu Metz und Nancy, ging dann nach Göttingen, wo er sich unter Pütter, Selchow, Bödmer, Beckmann, Satterer und Schlözer ausbildete, prakticirte eine kurze Zeit am Reichskammergerichte zu Wetzlar und ward darauf zum Professor des Staatsrechts an der Universität Heidelberg ernannt. Ehe er diesen Lehrstuhl wirklich betrat, erhielt er noch von dem Kurfürsten Carl Theodor die Erlaubniß, zwei Jahre einer gelehrten Reise widmen zu dürfen.

Er besuchte nochmals Göttingen, benutzte daselbst vorzüglich die Bibliothek und veranlaßte Selchow durch eine zufällig hingeworfene Aeußerung, über das Territorial-Staatsrecht zu lesen, welches Beispiel dann von den übrigen Akademien befolgt wurde.

Von Göttingen reiste er 1777 nach einigen Seitenausflügen nach Wien, um die Geschäfte und das Verfahren am damaligen höchsten Reichsgerichte, dem Reichshofrath, kennen zu lernen. Nachdem er auf der Rückreise von Wien zu Ingolstadt zum Doctor beider Rechte ernannt worden war, kehrte er 1779 nach Heidelberg zurück und eröffnete unter dem Titel eines Regierunsraths seine Vorlesungen über das Staatsrecht und die allgemeine Reichsgeschichte, welche sich des größten Beifalls und eines außerordentlichen Andrangs von Zuhörern zu erfreuen hatten, unter welchen sich auch der noch in voller Mannskraft wirkende, um Baierns Heer und seinen Ruhm hochverdiente Feldmarschall Fürst von Wrede befand.

Im J. 1780 erwählte ihn die gelehrte deutsche Gesellschaft zu Mannheim zu ihrem außerordentlichen und drei Jahre nachher zu ihrem ordentlichen Mitgliede, wo er bei feierlichen Gelegenheiten über sehr interessante Gegenstände Vorträge hielt.

Der Herzog von Würtemberg, der Stifter der berühmten Carls-Schule, wählte ihn in dieser Zeit öfter zu seinem berathenden Gesellschafter. Im J. 1786 genoß er die Ehre, die zur Jubiläumsfeier der Universität Heidelberg von dem Kurfürsten Carl Theodor mit Abordnung seines Staatsministers, Grafen von Oberndorff, veranstalteten Feste als Rector magnificus zu leiten.

Während seines Lehramts wurde er bei besondern Gelegenheiten, vorzüglich in Schulsachen, von dem genannten Kurfürsten um Rath befragt, bald darauf aber, um von seinen tiefen publicistischen Kenntnissen Gebrauch zu machen, in die Staatsgeschäfte gezogen und nach vorher erhaltenem Ritterdiplom den Missionen zur letzten Krönung eines deutschen Kaisers in Frankfurt, 1792, und zum Congresse in Rastadt 1797 beigegeben.

Von nun an war der als talentvoll, kenntnißreich und wohlgesinnt erprobte Mann dem weiten Bereiche der Staatsgeschäfte für immer gewonnen. Der unvergeßliche Maximilian Joseph, welcher mit gleichem Rechte der König unter den Guten, oder der Gute unter den Königen genannt wird, berief ihn bei seinem Regierungsantritte 1799 sogleich nach München und ernannte ihn zum geheimen Rarh im Ministerial-Departement der geistlichen und sehr bald darauf auch der auswärtigen Angelegenheiten. Hier öffnete sich dem würdigen Manne ein doppelter fruchtbarer Wirkungskreis. Auf der einen Seite stand er bei den beständigen Veränderungen in der innern Staats-Organisation, welche die von Zeit zu Zeit sich gefolgten Friedensschlüsse nothwendig machten, an der Spitze der Berathung; auf der andern Seite gingen von ihm die äußerst merkwürdigen Anordnungen aus, welche die Verbesserung des Erziehungswesens in den Volks- und gelehrten Schulen und die Verbreitung der Kultur und einer vernünftigen Aufklärung unter dem Volke bezielten.

Sein Werk war die denkwürdige Instruktion vom Jahr 1802 für die Aufhebung der Klöster, welche in der Residenzstadt mit besonderer Humanität für die Ordensmitglieder vollzogen wurde und welcher die bei der schnellen Ausführung einer allgemeinen Maßregel nicht ganz vermeidlichen Mißgriffe einzelner Commissäre im Lande nicht aufgerechnet werden können.

Bei der Errichtung des Staatsministeriums des Innern und dessen organischer Abtheilung in Sectionen, im Jahr 1808, wurde er zum Vorstand der Section für Erziehung und Unterricht ernannt, in welcher Eigenschaft er die Hoch- wie die Volksschulen mit gleicher Liebe umfaßte und seine besondere Aufmerksamkeit den philosophischen und philologischen Studien zuwandte. Bei der im Jahr 1817 eingetretenen Einsetzung eines Staatsraths und Umgestaltung des Gesammtministeriums, ward er zum Staatsrath und Generaldirector im Staatsministerium des Innern erhoben. Das Jahr 1818 führte den in der Staatengeschichte glänzenden Tag herauf, an welchen der hochherzige König Maximilian Joseph seinen Baiern aus freiem Entschlüsse eine Verfassungurkunde gab, deren Bearbeitung und Zusammenstellung wesentlich dem Geiste und der Feder Z.'s angehörte.

Es gewährte einen erhebenden, allen Anwesenden unvergeßlichen Eindruck, als der König, nachdem er den Akt der Beeidung des Staatsraths auf die Verfassung vollzogen hatte, den Mann des Werkes an seinen Thron berief, ihn mit dem Großkreuze des Civil-Verdienstordens der baierschen Krone eigenhändig schmückte und als Großmeister umarmte. Bald nach dieser Auszeichnung fühlte sich der Magistrat der Residenzstadt berufen, von dem durch die Verfassung den Gemeindekörpern wiedergeschenkten Rechten den ersten würdigen Gebrauch zu machen, indem er durch eine Deputation mit dem ersten Bürgermeister an der Spitze dem neuen Ordensträger das Diplom des ersten Ehrenbürgers der Stadt München überreichte.

Es verdient bemerkt zu werden, daß die baiersche Verfassung bald in ganz Deutschland Nachahmung gefunden hat, und daß einige ihrer Artikel selbst in die portugiesische Constitution Don Pedro’s übergegangen sind. Als die neu begründeten ständischen Verhältnisse in Deutschland einen neuen Minister-Congreß in Wien 1819 hervorriefen, war es die natürlichste Wahl des Königs, den vorzüglichsten Mitbegründer der Verfassung, nachdem er ihn zuvor in den Freiherrnstand erhoben hatte, dahin abzusenden. Hier gelang es ihm sehr bald, durch sein von Einsicht, Klugheit und Mäßigung geleitetes Benehmen das Vertrauen des ersten Staatsmannes der Zeit, des Staatskanzlers Fürsten von Metternich zu gewinnen, an der Redaction der Wiener Schlußakte wesentlichen Antheil nehmen zu dürfen und so sein Verfassungswerk siegreich zu schirmen.

Bei seiner Zurückkunft ward ihm von seinem Könige die höchste Anerkennung seines ausgezeichneten Wirkens und Benehmens zu Theil, durch Ernennung zum Staatsminister mit Sitz und Stimme im Ministerrathe und durch Verleihung eines ansehnlichen Lehens in der vormaligen Oberpfalz, mit Uebergang auf den Sohn seiner einzigen Tochter, nachdem er früher schon seinen einzigen hoffnungsvollen Sohn in den Gymnasialstudien verloren hatte.

Auch auswärtige Monarchen schmückten ihn nun in Anerkennung seiner Verdienste, begleitet von den schmeichelhaftesten Schreiben, mit ihren Orden: Oesterreich mit seinem Leopoldsorden, Preußen mit seinem rothen Adlerorden, Würtemberg mit seinem Orden der Krone, das Großherzogthum Hessen mit seinem Hausorden. Der jetzige König Leopold von Belgien beehrte ihn bei seiner mehrmaligen Anwesenheit in München jedesmal mir seinem persönlichen Besuche. Endlich schloß sich der Cyklus seiner Bestimmung unter König Maximilian, nachdem er ihn zuletzt noch zum lebenslänglichen Reichsrath und zum Staatsminister der Justiz 1823 ernannt hatte.

Es durfte erwartet werden, daß der Erbe des Throns, König Ludwig, Er, der »Gerecht« an die Spitze seines Wahlspruchs gestellt hat, einen solchen Mann nicht minder würdigen werde. Er vertraute ihm neben dem Ministerium der Justiz auch längere Zeit hindurch jenes des königlichen Hauses und des Aeußern und als dem hochverdienten Staatsmanne das seltene Glück erwuchs, 1827 sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum zu feiern, erhielt er, vorher schon unter die Ehrenritter des Ludwigordens aufgenommen, den St. Hubertusorden - der erste nicht adelig Geborne, der dieser großen Auszeichnung würdig gehalten wurde, indem dieser Orden sonst nur den Mitgliedern der königl. Familie und andern fürstlichen Häuptern verliehen wird. Auch der Staatsrath hatte diesem feierlichen Tage eine prächtige Festmedaille gewidmet. Nachdem Z. noch einige Jahre das Ministerium der Justiz mit ausdauernder Thätigkeit verwaltet hatte, fand er in den wachsenden Beschwerden seines hohen Alters die Mahnung, sich den Ruhestand zu erbitten, welcher ihm in den huldvollsten Ausdrücken der Zufriedenheit und des Dankes Ende Decembers 1831 gewährt wurde. Dies hinderte ihn jedoch nicht, bei eintretenden Stände-Versammlungen in den wichtigern Ausschüssen thätig zu fein. Uebrigens lebte er in seinen letzten Jahren seinen Freunden und mit Vorliebe den Studien, welche sich auf den Zustand des öffentlichen Lebens beziehen, als ein durch tiefe Einsicht und lange Erfahrung zur Weisheit und dadurch auch zur innern Ruhe gereifter Greis, von der Achtung Aller umgeben, die ihm näher zu stehen das Glück hatten. Am oben genannten Tage setzte eine Entkräftung nach kurzem Krankenlager, welches ihm sein nahes Ende nicht fühlen ließ, im vier und achtzigsten Jahre seinem thatenreichen und viel bewegten Leben ein für König und Vaterland immer noch zu frühes Ziel. Seine edle, männliche Erscheinung ist von uns gewichen, aber die Werke seiner hervorragenden Geisteskraft und seines besonders zur Vermittelung geneigten Gemüths leben in dem Andenken seiner Zeitgenossen fort und werden auch bei den Nachkommen ein ehrendes Gedächtniß finden.

Neuer Nekrolog der Deutschen für das Jahr 1835. Weimar, 1837.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.