Kein Grab ist stumm

 

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Die bildende Kunst in München (1842)

Elektrine, Freifrau von Freyberg,

geboren 1797 zu Straßburg, ist die Tochter des Landschaftmalers Johann Stuntz, welcher zu seinem Aufenthalt München wählte, in dessen Nähe er zu Thalkirchen ein Landgütchen, die jetzige verschönerte Villa Freyberg besaß. Sie widmete sich frühe der Kunst und bildete ihre herrlichen Anlagen in München, dann auf Reisen in Frankreich und Italien, vorzüglich während eines längeren Aufenthaltes in Rom, aus. Von der Natur mit einem tiefen poetischen Gefühle beglückt wußte sie ihre innersten Anschauungen bald mit einem zarten Pinsel voll Geist und Leben vorzutragen, daß ihre Bilder überall die verdiente Anerkennung fanden und sie schon während ihres Aufenthaltes in Italien zum Ehrenmitglied der Akademie von St. Luca ernannt wurde.

Wie ihr Leben selbst vom poetischem Geiste durchdrungen ist - nach einer durch viele Hindernisse schwer geprüften und von beiden Seiten mit romantischer deutscher Treue bewährten Liebe vermählte sich im J. 1821 mit der liebenswürdigen Künstlerin der wackere Freiherr Wilhelm von Freyberg, - so weiß sie die zartesten Gefühle mit jungfräulicher Anmuth und Wahrheit zu schildern, und in jedem Beschauer die Gefühle der stillen Freude, der Andacht und Liebe durch ihre Darstellung zu erwecken.

Mit welchem zarten Pinsel ist der Besuch der Frauen am Grabe des Heilandes geschildert, wie ihnen der auf dem Rande des geöffneten Grabes sitzende Engel die fröhliche, kaum glaubliche Botschaft verkündet, und die eine der Frauen, deren aufgelöstes Haar die Eile ihrer Annäherung bezeichnet, mit dem Salbengefäße in den Händen, am Grabe in stiller Freude niedersinkt, während die beiden anderen noch wie zweifelnd stehen. Das schöne Bild war schon längst für die Leuchtenbergische Galleite erworben und ist jetzt durch den Steindruck von Strixner allgemein bekannt.

Wer erinnert sich nicht an die schöne Madonna, die jetzt ebenfalls für die Leuchtenbergische Gallerie erworben ist? Wie ist die anmuthvolle Mutter (in halber Lebensgröße ausgeführt) im Anblicke des göttlichen, blonden Kindes beseligt, das vor ihr steht und in eben so milden als kräftig warmen Fleischestönen gehalten ist? Wie lieblich naiv ist in einem anderen Bilde der Hirtenknabe, welcher die Flöte bläst! Wie edel das kleine Brustbild einer betenden Madonna! Wie oft, treu und wahr und beseligend schilderte die Künstlerin nicht die Mutterliebe in der Madonna, welche sie mit dem göttlichen Kinde in den mannichfaltigsten Gruppen darstellte! So in einem Bilde, wie sie, in einer Rebenlaube sitzend, das Kind auf ihrem Schooße hält, welches den vor ihm stehenden kleinen Johannes liebkosend umfängt. Sinnend und voll inniger Freude ruht der Blick der Mutter und jedes Beschauers auf der schönen Gruppe.

Eigenthümlich ist der Künstlerin der mehr oder minder bräunliche Ton, welchem sie ihre Gemälde wie in einem zarten Grundtone zu halten pflegt.

Prof. Dr. Johann Michael Söltl: Die bildende Kunst in München. München, 1842.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.