Kein Grab ist stumm

 

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Biographische Skizze

Leopold Lenz,
k. bayr. Hofsänger und Hof-Opern-Regisseur.

Biographische Skizze
von Karl Regnet.

An Leopold Lenz, der am 18. Juni 1862 Nachts eilf Uhr in München mit Tod abging, verlor die edle Tonkunst einen ihrer begeistertsten Jünger, ihren treuesten Priester. Die Familie, aus welcher er hervorgegangen, gehört jenem südöstlichen Theile des bayerischen Waldes an, der unter dem Hochstifte Passau stand. Sein Vater war der Sohn eines Bauern aus Unterkreuzberg im Bezirke Freiung. Wir finden die Lenz seit mehreren Jahrhunderten als bischöfliche Hintersassen und wackere Bürger in den Annalen jenes Territoriums aufgeführt.

Leopold Lenz ward am 22. Juli 1804 in Passau geboren, wo sein Vater als Beamter lebte. Er war noch nicht fünf Jahre alt, als schweres Unglück die Familie traf. Der Vater, dem neuen Landesherrn treu ergeben, hatte in seiner Stellung als Polizeidirektor den damals Bayern feindlich gegenüberstehenden österreichischen Truppen mancherlei Schaden zugefügt, ward eines Tages von ihnen in seiner Wohnung ausgehoben, aus den Armen der Seinigen gerissen und fortgeschleppt, um als Geißel zu dienen. Längere Zeit blieb die Familie über sein Schicksal im Ungewissen, bis endlich die Nachricht kam, Lenz sei mit den übrigen aus Bayern weggeführten Geißeln auf die Feste Spielberg oberhalb Brünn in Mähren gebracht worden. Dort schmachtete er Monate lang mit Entbehrungen aller Art, selbst mit dem Hunger kämpfend. Als ein Mann von eiserner Kraft war er von seiner Familie geschieden, mit völlig zerrütteter Gesundheit wurde er ihr wiedergegeben, um später neuem unverschuldeten Mißgeschicke entgegen zu gehen.

Leopold Lenz machte seine ersten Studien am Gymnasium seiner Vaterstadt. Schon damals regte sich die Lust an der edlen Tonkunst in des Knaben Seele, vielleicht ein Erbe aus dem liederkundigen Oesterreich, dem Lenz von mütterlicher Seite angehörte; seine Mutter war aus Linz geboren. Aber es blieb nicht bei der Freude an der Musik, der Knabe schon versuchte sich frühzeitig in eigenem Schaffen, und mancher musikalische Zögling der Studienanstalt zu Paßau denkt noch der »grünen Hefte«, in denen der junge Student Lenz mit eigener Hand seine Erstlinscompositionen einschrieb.

Indeß setzte Lenz seine wissenschaftlichen Studien fort und erst im Jahre 1824 veranlaßten ihn ungünstige häusliche Verhältnisse, denselben, wenn auch mit schwerem Herzen, zu entsagen. Eiserne Nothwendigkeit wies ihm einen andern Weg, der ihn in kürzerer Frist an das ersehnte Ziel Selbstständigkeit führen sollte. So verließ er denn nach manchem schweren Kampf mit sich selbst die bisherige Bahn und betrat am 21. März 1824 zum erstenmale die Bühne. Ein halb Jahr nachher ward er als Eleve beim k. Hof- und Nationaltheater in München aufgenommen. Daß sich der bisherige Studirende, dem sich in den Hörsälen des Lyceums daselbst die inneren Schönheiten der Wissenschaften enthüllt hatten, in der neuen Lebens-Sphäre nicht behaglich fühlen konnte, war vorauszusehen. Im Besitze einer wohltönenden Baritonstimme fand er jedoch bald mehrseitige Verwendung und ward am 4. Jänner 1826 als Hofopernsänger angestellt, der er denn auch bis zum Jahre 1856 als aktives Mitglied angehörte.

Wie es nicht innere Lust an der Sache gewesen, die ihm diesen Lebensweg gewiesen, sondern der Zwang äußerer Verhältnisse, so konnte er sich auch nie recht mit seinem Berufe befreunden, obschon er sich demselben mit dem größten Fleiße und der Gewissenhaftigkeit eines Mannes widmete, der seine Pflicht kennt. Seiner vielseitigen höheren Bildung hatte er es zu verdanken, daß er im Jahre 1838 mit dem ebenso ehren- als mühevollen Amte eines Regisseurs der k. Oper betraut wurde, welcher schwierigen Aufgabe er mit eingehendem Verständnisse und feinem Gefühle für das Schöne bis zum Jahre 1856 gerecht wurde. Als er endlich in diesem Jahre sich von der Bühne für immer zurückgezogen hatte, athmete er neu auf und schien frischen Lebensmuth in sich aufgenommen zu haben. Aber leider zeigten sich noch im nemlichen Jahre während eines Sommeraufenthalts im freundlichen Schliersee die ersten Anfänge einer gefährlichen Krankheit, welche ihren Sitz in einer Verbildung des Herzens zu haben schien und in ihren Erscheinungen äußerst beunruhigend war. Häufig wiederkehrende Anfälle erschöpften die eisernen Kräfte des Mannes und beängstigten ihn und seine Familie, der er Alles war.

Monate vor seinem Ende schon ward das Leiden immer und immer schmerzhafter, und klar, daß er rettungslos verloren wäre. Am 18. Juni 1862 Nachts 11 Uhr erlag er einem mit großer Heftigkeit wiederkehrenden Anfalle seines Uebels.

Die Theilnahme an seinem Hinscheiben war eine allgemeine und ungeheuchelte; Hunderte, welche ihm im Leben näher gestanden, oder seine Muse verehrten, standen um sein frisches Grab, dem der wohlverdiente Lorbeer nicht fehlte.

Lenz war eine ächte Künstlernatur, leicht erregbar und äußere Eindrücke mit Lebhaftigkeit aufnehmend, ein trefflicher Gatte, ein zärtlicher Vater, ein treuer Freund, ein untadelhafter Charakter nach jeder Richtung des Lebens. Aber in ihm ging nicht blos der Gatte, der Vater, der Freund verloren, sein Verlust trifft das ganze Volk »so weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt.« Wenn er sich auch in späteren Jahren, ja noch kurz vor seinem Tode mit kirchlichen Composttionen beschäftigte, die Kenner ihrer Tiefe wegen sehr hoch schätzen, so war doch das Lied dasjenige Element, in dem er sich mit vorwiegender Liebe bewegte und das er mit vollster Sicherheit beherrschte.

Schon die Erstlingswerke seiner Jugend, sein Marienlied »Stern auf dieses Lebens Meere«, sein »Gott ist mein Lied, er ist der Herr der Stärke« deuteten die Richtung an, auf der Lenz als Compositeur so Hervorragendes leisten sollte. Im Jahre 1826 trat er mit einem Hefte »Deutscher Lieder« (Augsburg bei Gombart), vor ein größeres Publikum. Es waren zum weitaus größten Theile bereits von Andern componirte Texte. Lenz aber behandelte sie so trefflich, daß seine Compositionen gleichwohl sehr viele Theilnahme fanden, und gerade darin, daß sie sich nicht blos neben, sondern über vielen älteren bekannten Bearbeitungen derselben Texte erhielten, gibt den sichersten Beweis ihres Werthes. Auch die Critik erkannte damals dieses an und munterte den durch Uebung und Studium sich nachgerade fühlenden, sein Talent verstehenden Mann auf, seine Mußestunden auch ferner der Gesangscomposition zuzuwenden. So veröffentlichte er denn auch rasch hinter einander eine größere Reihe von Compositionen, bei denen die Hauptstimme das größere Interesse hat, jedoch ohne daß die Begleitung je einförmig oder uninteressant wäre. Die Melodieen sind allen gebildeten Sängern gerecht und die Art und Weise, wie sie dem Text angepaßt sind, verräth den Mann von Geschmack und Bildung. Lenz war der erste, welcher nach den einfachen singbaren Weisen eines Zelter, Schulz und Reichardt die romantische Seite der Lieder Göthe's erfaßte und ihr einen mustkalischen Ausdruck gab. Die anmuthige, klare Einfachheit und innerste Natur-Wahrheit der Göthe'schen Lieder zog ihn am lebhaftesten an, und wie er in den Geist des unsterblichen Dichters einzugehen vermochte, beweist am besten dessen eigenste vollste Anerkennung.

Am hervorragendsten unter diesen GesangsScompositionen dürften die Lieder aus Wilhelm Meisters Lehrjahren und die Gesänge aus Faust genannt werden. Selbst das unendlich schwere Gedicht »der König in Thule« ist durchweg originell. Ganz besonders trefflich und von außerordentlichem Effecte aber sind »Gretchen am Spinnrade«, »Gretchen vor dem Marienbilde«, die »Lieder in Auerbachs Keller«, »das Ständchen Mephisto's« und das frische lebendige »Soldatenlied«. Des Teufels »Flohlied« ist geradezu teufelmäßig jovial.

Viel gesungen ward seiner Zeit Lord Byrons »Mädchen von Athen« und das unvergleichliche Männer-Quartett nach Göthes reizendem Gedichte: »Ueber allen Wipfeln ist Ruh« ist eine Schöpfung, die mit vielen andern desselben Tondichters nicht blos vorübergehenden Werth hat. Lenz gehört zu den populärsten Tondichtern Deutschlands. Alle deutschen Liedertafeln haben seine Gesänge ihrem Repertoire einverleibt und seine Lieder klingen bei Lust und Leid an tausend Orten wieder. Unermüdlich thätig, wie er bis in die letzten Wochen vor seinem für die Kunst allzufrühen Ende war, übersah er kaum eine literarische Erscheinung von Belang, und so fühlte er sich wie zu Platens, so zu Geibels und Heine's Dichtungen hingezogen, die er mit großem Glücke in Musik setzte. Wenn der Verfasser dieser biographischen Skizze das fast Unglaubliche erzählt, daß Lenz für seine schönen und allgemein gesungenen Lieder von den Verlegern nie ein Honorar erhielt, so stützt er sich dabei auf des Künstlers eigene Worte. Was aber könnte die deutschen Kunstzustände besser charakterisiren als diese Thatsache? Darum mag sie auch der Nachwelt aufbewahrt werden!

Noch muß einer hervorragenden Thäligkeit des Künstlers Erwähnung geschehen. Lenz besaß ein Lehrtalent, das geradezu, um einen Lieblingsausdruck Altmeisters Göthe zu gebrauchen, incommensurabel war. Im Besitze dieser musikaler Bildung und überreicher Erfahrung hatte er sich ein außerordentlich schätzbares System geschaffen, dessen praktische Anwendung von den bedeutendsten Erfolgen begleitet war. Es genügt wohl, von seinen zahlreichen Schülern und Schülerinen nur zwei zu nennen, welche Jahre lang die Zierde der Münchener Hofbühne, in Lenz dankbar ihren dereinstigen Lehrer verehren: Fräulein Hetzenecker, jetzt Frau von Mangstl, und Frau Dietz. Andere zu nennen würde hier zu weit führen.

Dieses ungewöhnliche Lehrtalent veranlaßte die bayerische Regierung denn auch, Lenz bei Errichtung eines Conservatoriums für Musik (1846) für die Anstalt zu gewinnen, und ihm einen Lehrstuhl an selber anzubieten, und als er sich später von der Bühne zurückzog, übernahm er, an die umfassendste Thätigkeit gewohnt, den Gesangs-Unterricht am k. Wilhelms-Gymnasium in München.

Lenz hinterließ bei seinem Tode eine tieftrauernde Wittwe und sieben Kinder. Seine älteste Tochter Leopoldine erwarb sich durch ihre umfassende musikalische Bildung und namentlich als Klavierspielerin einen sehr geachteten Namen und des Vaters wie der Mutter, welche als k. Hofsängerin angestellt ist, Liebe zu ihrer Kunst machten ihr Haus von jeher zu einem Tempel derselben.

Im Nachlasse des Verstorbenen findet sich ein reicher Schatz von musikalischen Manuskripten, deren Veröffentlichung, so wünschenswerth dieselbe auch im allgemeinen Interesse sein möchte, doch unter den dermaligen Zeitverhältnissen kaum räthlich genannt werden kann.

Karl Regnet: Leopold Lenz, k. bayr. Hofsänger und Hof-Opern-Regisseur. Biographische Skizze.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.