Kein Grab ist stumm

 

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Enyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften (1841)

Pellegrini, Julius, Königl. baierischer Hofsänger und erster Bassist des Königl. Hoftheaters zu München, wurde am 1sten Januar 1806 zu Mailand geboren, trat 1817 in das K. K. Konservatorium, wo er den ersten musikalischen und Gesangsunterricht erhielt, und verließ dasselbe 1819 wieder, um sich ausschließend der Gesangskunst unter der Leitung des berühmten Davide Banderoli, K. K. Capellsängers und ersten Gesanglehrers zu Mailand, zu widmen.

Der Unterricht dieses großen Gesanglehrers, welchen er mit dem größten Eifer benützte, und das seltene Glück, schon im Alter von 14 Jahren eine von der Natur völlig ausgebildete Baßstimme zu besitzen, förderten seine Gesangsausbildung so sehr, daß er schon 1821, also im Alter von noch nicht vollen 16 Jahren im Theater Carignano in Turin zum ersten Male in Paccini’s »Talegname di Livonia« auftreten konnte und sich einer sehr günstigen Aufnahme zu erfreuen hatte.

Nicht gar lange nachher wurde er als Mitglied der damals bestehenden Königl. italienischen Hofoper nach München berufen, wo er neben Santini in den ersten Baßparthien beschäftigt wurde, durch den Wohllaut seiner schon damals sehr schönen Stimme und die gute Schule, welche er in seinem Gesange zeigte, schon gleich Anfangs sehr interessirte, bei längerem Aufenthalte aber die Zufriedenheit Ihrer Königl. Majestäten und die Achtung des Publikums durch die auffallenden Fortschritte seiner Ausbildung so wie durch seinen regen Berufseifer und ein in jeder Hinsicht achtungswerthes Betragen mit jedem Jahre in höherem Grade erwarb.

Als nach dem betrübenden Hintritte Sr. Majestät des Königs Maximilian Joseph die italienische Oper aufgelöst wurde, entschloß sich Pellegrini, der während seines dasigen Aufenthalts einige deutsche Ausdrücke durch seine Gattin, eine geb. Deutsche, erlernt hatte und in derselben eine bei einem Ausländer seltene Richtigkeit der Aussprache zeigte, auf den Rath des K. Hofmusik-Intendanten Freiherrn von Poißl, der damals auch Intendant des deutschen u. italienischen Theaters war, u. das vorzügliche Talent dieses Sängers für die deutsche Oper zu erhalten wünschte, die deutsche Sprache regelrecht zu erlernen und sich der deutschen Oper fortan zu widmen. Er wurde hierauf bei dem deutschen Königl. Hoftheater mit einem 10jährigen Contrakte engagirt, und man versprach, ihm die nöthige Zeit zu lassen, ehe man ihm Leistungen in deutscher Sprache zumuthen würde, selbst wenn er länger als ein Jahr die Gage beziehen müßte, ohne für die Anstalt thätig seyn zu können. Wie mancher Andere würde es sich unter solchen Verhältnissen bequem gemacht und mit dem wirklich schweren Studium einer gewiß nicht so leicht zu erlernenden Sprache sich gar nicht übereilt haben! Aber Pellegrini’s Ehrgefühl spornte ihn zu bald möglichster Erfüllung seiner einmal übernommenen Verpflichtungen an, und er studirte, im strengsten Sinne des Wortes, Tag und Nacht unermüdet, so daß er schon fünf Monate nach dem Beginne seines Engagements sich als zur Dienstleistung bereit erklären und gegen Ende Februars 1826, also fünf Monate nach der Auflösung der italienischen Oper, zum ersten Male die Rolle des Commandeurs im »Don Juan« in deutscher Sprache singen konnte.

Der Versuch gelang weit über alle Erwartung, und Correctheit und Deutlichkeit der Aussprache ließen Nichts zu wünschen übrig. Intendant, Sänger und Publikum freuten sich aufrichtig des vollständig gelungenen Unternehmens, und kaum ein Jahr verging, so war der ehemalige italienische Sänger schon im Besitze eines ausgebreiteten deutschen Repertoirs und eine der wesentlichsten Stützen der damals so trefflichen deutschen Oper Münchens, die mit vollstem Rechte damals für die beste in Deutschland allgemein anerkannt war. Noch im nämlichen Jahre wurde P. von Sr. Majestät dem Könige zum Hof- und Capellsänger ernannt, und so durch die Königl. Gnade und Anerkennung die Bande noch fester geschlossen, welche ein so achtungswerthes Talent für immer an die dasige Kunstanstalt fesseln sollten.

Den ihm kontraktmäßig alle zwei Jahre bewilligten Urlaub benützte Pellegrini im Jahre 1829, um einem an ihn gelangten Rufe nach Venedig zu folgen, wo er für den Carneval im Theater alla Fenice mit seiner Gattin engagirt war; und 1831, um einem andern Rufe nach London zu folgen, wo er als erster Bassist bei der im Kings-Theater zum ersten Male unternommenen deutschen Oper neben der Schröder-Devricnt, Haitzinger und anderen vorzüglichen deutschen Künstlern sang u. so wie zu Venedig sich des ehrenvollsten Erfolges zu erfreuen hatte. Seit dieser Zeit konnte er auf eine längere Dauer von der Königl. Kunstanstalt, welcher seit einigen Jahren ein minder zahlreiches Opernpersonal zu Gebot steht, nicht mehr entbehrt werden, und folglich größere Reisen nicht mehr unternehmen, erfreut aber bei Gelegenheit kurzer Ausflüge nach den vornehmsten Städten der baier. Monarchie die kunstliebcnden Bewohner derselben durch sein herrliches Talent, u. widmet sich mit dem größten Eifer dem Dienste der K. Kunstanstalten, bei denen er angestellt u. nun wahrscheinlich für immer gewonnen ist, da vor Kurzem sein Kontrakt auf eine weitere Reihe von Jahren erneuert und ihm das Indigenat verliehen wurde.

Die Stimme P’s ist eben so klangvoll und kräftig als weich und biegsam, ihr Umfang vom großen Baß E bis zum eingestrichenen Fis von einer Gleichheit der Töne, die Erstaunen erregt, und durchaus leicht ansprechend und ohne alle Anstrengung hervorgebracht. Seine Schule ist gut, u. sein Vortrag eben so vorzüglich in heroischen wie in sentimentalen Rollen; der Ausdruck wilder Leidenschaften dagegen dürfte seinem Genius und seiner Naturgabe weniger zusagen. Da er immer mit Eifer und Liebe in seiner Kunst wirkt, ist er auch, bei Naturgaben und einer Ausbildung wie die seinigen, wohl in allen seinen Darstellungen gut zu nennen; allein das hindert nicht, daß ihm die eine im höheren, die andere im geringeren Grade gelingen kann. Unter sehr vielen wahrhaft gelungenen Leistungen, die er liefert, kann man als einige der allergelungensten mit vollem Rechte folgende nennen: Graf Almaviva in »Figaro’s Hochzeit«; Sarastro in der »Zauberflöte«; Osmin in der »Entführung aus dem Serail«; Mose; Tell; Bey Mustapha in der »Italiana in Algeri«; Mahomet in der »Belagerung von Corinth«; Fernando in der »diebischen Elster«; Macbeth im »Macbeth«, u. Herrmann in der »Herrmannsschlacht« von Chelard; Sultan im »Kreuzritter« von Meyerbeer; Joad in der »Athalia« u. Odorich im »Untersberg« von Poißl; Oberpriester in der »Vestalin« von Spontini; Waldeburgo in der »Straniera« von Bellini. Solche Rollen sagen nicht nur seiner Stimme am besten zu, sondern die ganze Haltung derselben ist entweder eine heroisch-imposante oder eine würdevolle, und meistens eine ziemlich ruhige, wohl in manchen Momenten von tiefem Gefühle überströmende, aber selten in gewaltsame Ausbrüche der Leidenschaft übergehende, und daher sind sie auch seiner Darstellungsgabe am entsprechendsten.

Enyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst. Fünfter Band. Stuttgart, 1841.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.