Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Schechner Nanette, geboren 1806 in München, wurde zuerst im Chor der italienischen Oper in München verwendet, woselbst sie, kaum fünfzehn Jahre alt, eintrat. Durch ein Gastspiel des italienischen Sängers Grassini gelang es ihr, eine kleine Solopartie zu erhalten, die sie zur außerordentlichsten Zufriedenheit durchführte. Ihr hübsches Stimmchen fiel auch der anwesenden Königin auf, die sich für die junge Künstlerin zu interessieren begann und sie 1822 zur weiteren Ausbildung nach Italien sandte.

Nach München zurückgekehrt, trat sie sofort in die Reihen der ersten Sängerinnen. Die Wirkung der italienischen Schule blieb nicht aus, denn jede Partie, die ihr anvertraut wurde, führte sie zur größten Zufriedenheit der Kunstkenner durch. Doch trotzdem ihre Erfolge an der italienischen Opernbühne in München von Rolle zu Rolle wuchsen, trieben sie doch ihr Geist wie ihr Talent immer mehr und mehr zur deutschen Oper hin.

Sie nahm daher 1825 einen schmeichelhaften Antrag an das Hoftheater in Wien an, wo sie Gelegenheit hatte, sich in einem höchst ehrenvollen Wirkungskreise zu bewegen, und sich aus ihre weitere Laufbahn entsprechend vorzubereiten. Nach zweijähriger, wirkungsvoller Tätigkeit am Wiener Hofoperntheater, folgte sie einer Gastspieleinladung nach Berlin. Mit diesem Gastspiel, das von sensationellem Erfolge begleitet war, begann eigentlich ihre großartige Entwicklung.

Der Beifall steigerte sich zum Jubel der von Rolle zu Rolle immer stürmischer, immer enthusiastischer wurde. Sie feierte damals einen doppelten und dreifachen Sieg, denn zu gleicher Zeit gastierten auch die Sontag und die Catalani, mit denen sie jedoch die Konkurrenz bestand, ja es gab damals sogar Stimmen, die sie in gewissen Partien der einen oder der anderen berühmten Kollegin vorzogen.

Fortab flatterten ihr nun die schmeichelhaftesten Gastspieleinladungen von den bedeutendsten Bühnen Deutschlands ins Haus, und eine jede wollte die nun »berühmte Schechner« nach ihrem großen Wettstreit in München zuerst bei sich als Gast empfangen. Sie schlug jedoch vorläufig alle dies bezüglichen Anträge aus und trat als Mitglied in den Verband des Münchner Hoftheaters, und erst von dort aus erschien sie von Zeit zu Zeit aus den bedeutendsten deutschen Theatern. 1832 vermählte sie sich mit dem Maler Waagen.

Eine heftig auftretende Brustkrankheit bedingte die größte Schonung. 1835 erschien sie das letztemal auf den Brettern. Der Verlust, den die deutsche Oper hierdurch erlitt, war grenzenlos. Am 29. April 1860 verschied sie. Die Stimme der Sch. war von seltenster Schönheit und Fülle, von reinstem Metallklange und rief eine unwiderstehliche, wahrhaft bezaubernde Wirkung hervor. Neben ihren bedeutenden Stimmmitteln glänzte sie auch durch ihre schlichte, einfache, natürliche Darstellungsart, die ohne alle Prätension einen geradezu bedeutenden Eindruck hervorrief. Da bei war sie noch durch bestechende äußere Mittel von der Natur ausgezeichnet. Für den »Fidelio«, die »Emmeline«, »Donna Anna«, »Euryanthe« soll es keine geeignetere Sängerin gegeben haben.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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