Kein Grab ist stumm

 

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Über Land und Meer (1901)

Das Marionettentheater in München

Zwischen dem alten, vielumstrittenen Sendlingerthor und der mächtigen Schrannenhalle in München liegt ein dicht mit Bäumen und Strauchwerk bepflanzter Anlagenplatz, der mit seinem künstlichen kleinen Teich und dem daraus abfließenden Bächlein eine ziemlich bescheidene Rolle unter den grünenden Oasen der Stadt einnimmt; er ist deshalb auch zumeist von Kindern und deren Hüterinnen beschlagnahmt. Eines schönen Tages kam nun eine hohe Magistratskommission des Weges und besichtigte besagte Anlagen in recht verdächtiger Weise. Nach einigen Monden begann eine Schar von Arbeitern ihre Thätigkeit; ein Teil der Bäume und des Gesträuches wurde entfernt, und allmählich wuchsen an deren Stellen massive Mauern aus dem Boden heraus, die sich gar bald zu dem eigenartigen Bau gestalteten, der sich heute als das Münchener Marionettentheater präsentiert.

Die bescheidene Äußerlichkeit des Gebäudes, das eine halbvergessene Stilart aufweist, hat natürlich dem Volkswitz verschiedentlich Anlaß gegeben, sich an der magistratischen Schöpfung zu erproben; als aber der ganze Bau, ein derbes Mauerviereck mit hohem Ziegeldach, vollendet dastand, zeigten sich die Leute schon zufriedener, und als der Giebelschmuck des Säulenportals, der die Figur des lustigen Helden Kasperl an der Hand einer Altmünchnerin und geleitet von einer allegorischen Frauengestalt zeigte, farbenprächtig auf die Passanten herabblickte, da war man zufrieden, und heute freut sich jedermann über den kleinen Musentempel, den der städtische Architekt, Bauamtmann Fischer, mit so richtigem Verständnis hergestellt hat. Das hübsche Giebelbild ist von Hans Beatus Wieland flott gezeichnet und gemalt.

Die innere Ausstattung des Theaterchens ist durchweg den praktischen Anforderungen entsprechend, im großen ganzen aber ziemlich einfach gehalten. Die Bühnenöffnung ist mit einer dekorativen Wandmalerei umgeben, die nach innen zu zwei kleine Porträtmedaillons, darstellend die seitherigen Direktoren der Bühne - von Heydeck und J. Schmid - zeigt. Im Zuschauerraum, dessen Sitzplätze sich in starker Steigung amphitheatralisch erheben, sind als einziger Wandschmuck sechs Medaillons mit in Sepiamanier ausgeführten Bildern aus der deutschen Märchenwelt zu ersehen. Münchener Künstler haben der Sache zuliebe freiwillig die diesbezügliche Arbeit übernommen, und zwar A. Balmer Dornröschen und Rotkäppchen, Otto Tragy den Gestiefelten Kater und die Sieben Raben, Adelbert Niemeyer Hansl und Gretl und Schneewittchen.

Ueber dem Bühneneingang ist ein beinahe lebensgroßes Porträt des berühmten Marionettentheaterdichters und Kinderfreundes Franz Grafen von Pocci, gemalt von seiner in München weilenden Tochter, angebracht. Elektrische Beleuchtung und zweckmäßige Beheizung fehlen in dem für etwa dreihundert Personen berechneten Raume natürlich nicht.

Von den Geheimnissen des Bühnenraumes soll nicht mehr verraten werden, als daß auch hier Vorsorge getroffen wurde, den sprechenden Künstlern Luft, Licht und Platz in ausreichender Weise zu bieten. Die Darsteller müssen sich freilich eine andre Behandlung gefallen lassen. Kein Theater der Welt kann sich rühmen, eine so große Anzahl ständigen Personals zur Verfügung zu haben. Es sind über tausend vortrefflich, teilweise künstlerisch geschnitzte und mit peinlichster Sorgfalt kostümierte Figuren vorhanden, die über dem Bühnenraum, in Säckchen verpackt und numeriert, gebrauchsbereit aufgehängt sind und zwar ohne Unterschied ihrer Stellung und ihres Charakters. König und Handwerksbursche, Engel und Teufel, Kasperl und sein Weib müssen sich da vertragen, bis die Direktion ihnen gestattet, in ihren Wirkungskreis einzutreten. Es existiert bereits eine Menge von »Theaterstücken«, die für die Zwecke dieses Bühne teils neu geschaffen, teils entsprechend bearbeitet wurden.

Der Ursprung des Marionetten- und Puppenspiels reicht bekanntlich bis in die fernsten Zeiten zurück, und sowohl die Franzosen als auch die Italiener haben seit mehr als einem Jahrhundert dasselbe in größerem Maßstabe betrieben. In München wurde das erste derartige Marionettentheater durch den damaligen Generalmajor von Heydeck Ende der vierziger Jahre eingeführt, der alles hierzu Gehörige eigenhändig angefertigt hatte. Im Jahre 1858 wurde dasselbe von dem derzeitigen Leiter Joseph Schmid übernommen.

Einen unermüdlichen Förderer und Protektor hatte die Sache seinerzeit an dem obenerwähnten Grafen Franz von Pocci - gestorben im Jahre 1876 - gewonnen. Dieser, einer der höchsten Kronbeamten des Landes, versorgte die kleine Bühne mit über fünfzig lustigen und gemütvollen Dramen, wie sie kindlicher Anschauung und Auffassung entsprechen; neben ihm findet man aber in der Theaterbibliothek hervorragende Schriftsteller- und Komponistennamen vertreten; bedeutende Künstler haben sich zeitweise an der Gestaltung und Kostümierung der Figuren und an der Ausschmückung der Bühne beteiligt.

Das Theaterunternehmen, solchermaßen trefflich organisiert und ausgestattet, untersteht auch in seiner neuen Gestalt der bewährten Leitung des »Papa Schmid«, der sich dem achtzigsten Lebensjahre nähert, auf eine zweiundvierzigjährige »Direktionsführung« zurückblicken kann und endlich den langgehegten Wunsch nach einem eignen Haus erfüllt sieht.

Am 4. November wurde das Theater für die kleine Welt eröffnet. Es kamen hierbei zur Aufführung ein Festspiel von B. Rauchenegger, »Das Glück ist blind«, Zaubermärchen von Pocci, und »Des Kinderfreundes Huldigung« von E. von Destouches. In dichten Scharen drängt sich jetzt wieder alt und jung durch die Pforte des Hauses. Der laute Jubel der Kleinen zeigt deutlich, welche Fülle von Vergnügen ihnen aus den Bühnenvorgängen erwächst; aber auch die großen »Kinder«, deren Zahl eine nicht geringe ist, verraten durch ihre zufriedenen Mienen, wie sehr es ihrem Gemüte wohlthut, sich nach Kinderart freuen und sich an der Freude der Kinder ergötzen zu können. B. R.

Über Land und Meer. Das Marionettentheater in München. Stuttgart, 1901.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.