Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Spemanns goldenes Buch des Theaters (1902)

Münchener Marionettentheater. Eine seit langen Jahren berühmte Heimstätte hat das Marionettentheater in München, wo es durch den bayrischen Generalmajor Karl Wilhelm v. Heydeck, einen hervorragenden Maler, begründet worden ist. Zuerst als Liebhaberei geschaffen, wurde es bald ein starkwirkendes Moment im Volks- und Kunstleben von Isar-Athen. Dies geschah, als der Aktuar Josef Schmid das zierliche Miniaturtheater übernahm, das über allerlei technischer Wunder, Requisiten, Fugwerke und Versenkungen verfügte.

Seine Stücke schrieb zuerst der phantasiereiche Dichter und Schriftsteller Franz Graf v. Pocci, ein in vielen Künsten bewanderter trefflicher Mann. Sein erstes Stücklein hieß: Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß; hiermit wurde das Marionettentheater am 5. Dezember 1858 eröffnet, vorher gab es einen gleichfalls von Pocci verfaßten Prolog. König Ludwig I. interessierte sich lebhaft für die wieder einmal neue Kunst und überließ ihr wiederholt einen Saal des Odeon zu den Aufführungen.

Nachdem die Schmidschen Puppenspieler wie eine echte Schauspielergesellschaft in München von Ort zu Ort wandern mußten, erhielten sie seit dem Jahre 1885, (wie uns Arthur Roeßler in der vortrefflichen Theaterzeitschrift »Bühne und Welt« erzählt), endlich ein eigenes Heim, das erste und einzige ständige Puppenspieltheater Deutschlands. Es ist im Biedermeierstil erbaut und sein »Fundus«, wie man in der Theatersprache sagt, ist ein wahrhaftes Archiv von Künstlerreliquien.

Größen der Münchener Universität, wie der Philosoph Prantl, der Theologe Ringseis, der große Mineralog und Dialektdichter Franz v. Kobell u. a. dichteten Zauberstücklein für die kleine Bühne, Musiker wie Lachner und Krempelsetzer lieferten die Musik dazu und erste Künstler schnitzten für Papa Schmid die darstellenden Puppen, wie auch erste Maler den kleinen Theatersaal mit ihren Zeichnungen schmückten.

Es ist ein Universalkunstwerk, diese Münchener Marionettenbühne, an der alles Grazie und Eleganz ist, an der alle Effekte der modernen Bühnentechnik mit Fixigkeit von statten gehen, wie denn mehrere von Schmids Mitarbeitern bereits seit über 30 Jahren an dem kleinen Werke thätig sind. Die Puppen sind künstlerische Meisterwerke in der Charakteristik, diese behäbigen Wirte, Bürgermeister mit Zipfelmützen, Dirndln, Handwerksburschen und Soldaten, Könige und Nachtwächter, Geister, Feen und Bürger - über 1200 Figuren enthält Papa Schmids feine Truppe.

Das Repertoire besteht außer den über 50 Stücken des Grafen Pocci, auch aus altüberlieferten Puppenspielen und aus Bearbeitungen moderner Bühnenwerke, »Afrikanerin«, »Freischütz«, »Walküre« - natürlich wirkt in allen der liebe, lustige Kasperle mit, der noch ebenso hungrig und durstig ist, wie sein Ahnherr im Mittelalter.

Spemanns goldenes Buch des Theaters. Berlin & Stuttgart, 1902.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.