Kein Grab ist stumm

 

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Landshuter Zeitung (1858)

Das Münchner Marionettentheater - eine zeitgemäße Unternehmung.

München, 8. Dezbr. Gelegentlich der Eröffnung des Marionettentheaters haben wir diese Art kindlicher Unterhaltung eine zeitgemäße genannt, was wohl draußen in den kleinen Städten und auf dem Lande als Ironie aufgefaßt werden ist. Und doch ist es uns vollkommen Ernst damit!

Die Kinder in einer großen Stadt haben heutzutage eigentlich keine Jugend mehr. Sie werden gemeinlich unter Aufsicht von Hofmeistern und Gouvernanten gehalten, denen - letztere sind meist Französinen - die eigene Kindheit selbst längst verloren gegangen ist. Der junge »Herr« und das junge »Fräulein« vom dritten Jahre an dürfen beileibe keinen Luftsprung mehr machen oder nach Kinderart sich tüchtig austollen! Fi donc! heißt es da gleich, mon cher, oder ma chère, c'est tout à fait à l'ordinaire ce que vous faitez! Aber sein gerade halten, die Füße ordentlich setzen, nicht links und nicht rechts schauen, die kostbaren Kleidchen nicht beschmutzen, die »Fräuleins« tragen natürlich bereits einen verhältnißmäßigen Reifrock, das ist die erste und höchste Aufgabe, die sich das Kind einprägen muß.

Wohl kaum ist diese Erziehungsweise drastischer dargestellt worden, als auf einem kleinen Gemälde, das hier im Kunstverein ausgestellt war, wo ein eifriger Hofmeister Mühe hat, das Gelüsten seiner beiden jungen Zöglinge zu bemeistern, sich unter die seitwärts vom Wege im kühlen Schatten erlustigende Dorfjugend zu mischen und da nach Herzenslust Purzelbäume zu machen! Die Lust, sich körperlich zu ermüden steckt in der Jugend und auch die besten jungen »Herren« schlagen über die Stränge, wenn sie sich unbeachtet fühlen, nur - arten sie dann aus, denn sie verfallen gewöhnlich ins Extrem.

Sind nun die armen Dingerchen erst sechs Jahre alt geworden, so kommt die gelehrte Dressur bei den Knaben, die Institutsdressur bei den Mädchen, und da wird in den meisten noch der letzte Rest kindlicher Natürlichkeit hinausdressirt!

Diese Kinder großer Städte haben keine Jugend, ihre Jugendfreuden verhalten sich zu denen anderer Kinder wie künstliche Blumen zu natürlichen. Was wissen sie denn von dem seligen Herumstreifen in Flur und Wald, was vom Baumklettern, vom Beerensuchen u. s. w. u. s. w.? Nichts, rein gar nichts! Die Heiterkeit naht sich ihnen stets nur im bordirten Kleide, sie salvirt ängstlich alle Dehors, und ehe sie recht da gewesen, ist sie auch schon wieder fort!

Für diese Jugend ist ein wohlgeleitetes Marionettentheater mit seinen köstlichen Späßen ein wahrer Segen! Da athmen sie andere Luft und die steifen Körper recken sich aus und durch die jugendliche Seele weht ein seltener Frühlingshauch, eine ganz andere Luft, wie sie in die Salons und Instituts-Lehrzimmer nie eindringen kann und auch nie eindringen mag. Die armen Kleinen können und dürfen hier doch einmal recht von Herzen lachen, was sonst gewöhnlich auch für sie ein verboten Ding und sehr à l'ordinaire ist! Der Humor, welcher in dem Puppenspiele herrscht, theilt sich dann auch der dressirten Kinderseele mit und hindert so deren ganz einseitiges Auswachsen.

Es hat uns immer in die tiefste Seele weh gethan, bei der Aufführung von Possen und Balletten Kinder im Hoftheater zu sehen! Um wieviel besser ist ihr Platz im Marionettentheater! Da hören und sehen sie doch nichts wirklich Unanständiges und verwöhnen nicht frühzeitig Aug und Ohr. Attitüden kommen da schon gar nicht vor und um die Erklärung von Zweideutigkeiten, und weshalb die Leute darüber lachen, haben sie hier nicht nöthig, die verehrlichen Eltern fragen zu müssen, denn in unserm Marionettentheater kommen zwar Späße, aber keine Zweideutigkeiten vor.

Der große Zudrang zu dem neuen, und wie man uns versichert, allerliebst ausgestatteten Theaterchen beweist, daß der Zweck seiner Gründung vom Publikum verstanden und gewürdigt wird. Für die Jugend kann es nur gut wirken, und darum und aus den angeführten Gründen haben wir es eine zeitgemäße Unternehmung genannt.

Landshuter Zeitung Nr. 282. Samstag, den 11. Dezember 1858.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.