Kein Grab ist stumm

 

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Allgemeine Zeitung (1898)

Ein Jubiläum. An jedem Sonntag Nachmittag eilen Schaaren von Kindern, aber auch zahlreiche Erwachsene einem einfachen Gebäude am Maffei-Anger zu, drinnen nehmen sie in einem bescheidenen Raume Platz, der sich durch eine Bühne als Theatersaal kennzeichnet. Weist er auch nichts von modernem Prunke, ja von irgendwelchm Schmucke auf, so birgt er doch ein wahres Kleinod: J. Schmids Marionettentheater hat hier sein Heim aufgeschlagen. Morgen feiert es sein 40jähriges Jubiläum. Einer solch eigenartigen und einzigartigen Schöpfung, wie diese Bühne sie darstellt, muß an solchem Tage wohl gedacht werden.

Uralt ist das Puppenspiel. Bei allen Kulturvölkern findet es sich auch heute noch vor, aber die Derbheit drückt ihm seinen Stempel auf. Einem großen Kinderfreunde, einem echten Dichter und Münchener, dem unvergeßlichen Grafen Pocci, war es vorbehalten, dem Puppenspiel die poetische Weihe zu geben. In sechs Bänden hat er seine »Dramatischen Spiele« für Kinder herausgegeben und wieder in sechs Bänden speziell für das Münchener Marionettentheater, das heute noch das alleinige Aufführungsrecht besitzt, sein »Lustiges Komodienbüchlein«.

Der eigentliche Schöpfer unsres Jubeltheaters war aber der bayerische Generalmajor v. Heydeck, der 1861 in München gestorben ist. In Spanien und in Griechenland hat er das Schwert, in seinen Mußestunden den Pinsel des Malers geführt. Für sich und seine Freunde schuf er ein reizendes Marionettentheater. Im Jahre 1858 wurde dasselbe durch Vermittlung des Grafen Pocci an Hrn. Joseph Schmid verkauft, der seitdem das Theater unter unsäglichen Mühen erhalten und verbessert hat und seitdem die Hauptrolle, den Kasperl, mit Hingebung und mit rauschendem Erfolg spricht. Vor 2 Jahren, als »Papa Schmid« seinen 75. Geburtstag feierte, hat es sich gezeigt, wie sehr er sich die Dankbarkeit der Münchener erworben hat.

Am 5. Dezember 1858 nun wurde das Theater im Haus des Schlossermeisters Kölbl in der Prannerstraße eröffnet. Graf Pocci hatte einen Prolog und ein Zauberspiel besonders gedichtet: »Prinz Rosenroth und Prinzessin Edelweiß«. Der Erfolg blieb nicht aus. Der große Förderer wahrer Kunst, in welchem Gewände sie auch auftrat, König Ludwig I., verschmähte es nicht, das Theater zu besuchen. Dieses mußte im Lauf der Jahre, nachdem es auch kurze Zeit im kgl. Odeon gehaust, eine häufige Wanderung antreten, bis es 1885 am Maffeianger seine dauernde Stätte fand.

So bescheiden auch der Zuschauerraum ist, so prächtig wirkt der Anblick der Bühne, wenn sich der Vorhang hebt. Verfügt doch die Regie über 300 brillante Dekorationen und mehr als 1000 reizend kostümirte Figuren, wahre Kunstwerke. Das ist nicht zu viel, wenn man weiß, daß das Repertoire mehr als 200 Stücke enthält. Bald vergißt man, daß man Puppen vor sich hat, von solcher Meisterhand werden sie geleitet, von solch tüchtigen schauspielerischen Kräften, die alle seit langen Jahren aus Lust und Liebe zur Sache thätig sind, werden die Rollen gesprochen.

Wir müssen es uns leider versagen, alle Namen hier aufzuführen, so verdient es auch wäre. Nur von den Dichtern und Künstlern, die am schönen Werke in selbstlosester Weise mitgeholfen, seien einige genannt. Der Universitätsprofessor Dr. Harleß, Franz v. Kobell, Hofmedikus Koch, Frhr. v. Gumppenberg haben Märchen und Schwänke für das Theater geschrieben, Otto v. Prätorius, Georg Krempelsetzer, Heinrich Schönchen haben die Musik zu den Zauberspielen komponirt, Bildhauer Kolp und Professor Knabel Hunderte von Figuren geschaffen. Keine Geringeren als Habenschaden und Simon Ouaglio lieferten die Dekorationen. Die Genannten weilen alle nicht mehr unter den Lebenden. Aber neue Gönner sind dem Theater erstanden, selbst in der Schweiz, im hohen Norden, in Holland. In München z. B. hat Papa Schmids Sohn, Karl Maria Schmid, zu manchem Zauberstück die hübsche Musik geschrieben und Prof. Karl Dietl und Hoftheatermaler Mettenleitner sind stets dazu bereit, ihre künstlerische Kraft zur Verfügung zu stellen.

So ist es möglich geworden und geblieben, in dem J. Schmid'schen Marionettentheater ein Unikum zu erhalten und einen nirgends sonst vorhandenen Quell voll herzerfreuender Frische. Das gereicht den Schöpfern und Gönnern, dem Leiter und der Münchener Bevölkerung zur gleichen Ehre. Möge diese »Spezialität« Münchens auch in der Zukunft erhalten bleiben! Sie ist weit weniger bekannt als andere, aber sie ist nicht die schlechteste. Denn sie gewährt einen Blick in Münchener Eigenart, in die Volksseele und Gemüthstiefe, die manchen Spötter verstummen lassen wird.

Allgemeine Zeitung Nr. 336. München. Sonntag, den 4. Dezember 1898.

 

 

 

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