Kein Grab ist stumm

 

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Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne (1903)

Richter Heinrich, geboren am 18. Oktober 1820 in Berlin, war der Sohn eines Ministerialbeamten und war mit der Familie des Dichters Jean Paul Richter nahe verwandt. Den ersten dramatischen Unterricht empfing er von Eduard Devrient, und wurde auf Empfehlung der berühmten Auguste Crelinger am Stadttheater in Posen am 13. Januar 1839 zu einem Bühnenversuche zugelassen (»Eduard« in »Epigramm« von Kotzebue). Dort verblieb er bis 1841, kam dann an das Stadttheater in Rostock, hierauf nach Bremen, wo er bis 1843 als jugendlicher Liebhaber beliebt und geschätzt, tätig war.

Im selben Jahre erhielt er einen Gastspielantrag ans Hofburgtheater. Er gab demselben mit Freuden Folge und erschien daselbst als »Max Piccolomini«, als »Laertes«, »Konrad« in »Müller und sein Kind«, »Masham« etc., gefiel auch, doch hatte er zu sehr unter der Rivalität Carl Fichtners zu leiden, so daß er es bald vorzog, den Wiener Vertrag zu lösen und als erster jugendlicher Held und Liebhaber in den Verband des Leipziger Theaters zu treten. Sogleich in der ersten Vorstellung errang er als »Don Carlos« einen glänzenden Erfolg, der ihm während seiner 15 jährigen Wirksamkeit daselbst treu geblieben war.

August 1849 folgte er einem Rufe an das Hoftheater in München, nachdem er bei seinem daselbst absolvirten Probegastspiel im März desselben Jahres als »Mortimer«, »Don Carlos« und »Müller« in »Die Sündenböcke« einen durchschlagenden Erfolg erzielt hatte. Der Künstler hat dieses Kunstinstitut nicht mehr verlassen und demselben seine besten schauspielerischen Kräfte geweiht.

Zahllos sind die Rollen, die er erst als Liebhaber, dann als Held und später als Heldenvater (»Cajetan«, »Stauffacher«, »Odoardo Galotti«, »Musikus Miller«, »Der alte Moor« etc.) schuf und die seinen Namen für immerwährende Zeiten mit der Geschichte des Münchner Hoftheaters verbunden haben. Am 1. Februar 1858 übernahm er einen Teil der Schauspiel-Regie, die sich von 1861-1869 ausschließlich in seinen Händen befand. 1878 wurde er zum Professor an der Schauspielschule des königlichen Konservatoriums ernannt.

Nachdem der Künstler volle 40 Jahre mit seltener Pflichttreue an diesem Kunstinstitute gewirkt hatte, trat er am 1. Januar 1890 mit dem Titel eines Ehrenmitgliedes ausgezeichnet, in den wohlverdienten Ruhestand und wenige Jahre später, am 22. Mai 1896 schied er aus dem Leben.

Dieser vortreffliche Darsteller hat sich aber nicht nur als Schauspieler, Regisseur und dramatischer Lehrer reiche Verdienste erworben, sondern zeigte sich in seiner dramaturgischen Wirksamkeit auch als Schriftsteller, indem er von den Molièreschen Lustspielen »Der eingebildete Kranke«, »Die gelehrten Frauen«, »Der Arzt wider Willen«, »Der bürgerliche Edelmann« treffliche Bearbeitungen für die moderne Bühne geliefert hat, die auf sämtlichen deutschen Hofbühnen und an den größeren Stadttheatern zu beifälliger Darstellung gelangten. Seine Verdienste wurden vielfach anerkannt, u. a. gehörte er auch zu den Allerersten denen nach Stiftung der bayr. goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft (1872) diese Dekoration verliehen wurde.

Ludwig Eisenberg’s Grosses Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert; Verlagsbuchhandlung Paul List; Leipzig, 1903.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.