Kein Grab ist stumm

 

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Deutscher Bühnen-Almanach (1873)

Elise Seebach,
Königlich Bairische Hof-Schauspielerin.

Fünfzigjähriges Künstlerjubiläum.

Ein seltenes Fest ist und bleibt ein fünfzigjähriges Jubiläum, welches nur wenigen Menschen vergönnt ist, feiern zu können. Was drängen sich in diese Zahl 50 nicht für Ereignisse im gewöhnlichen, um wie viel mehr in das bewegte Leben des Künstlers!

Der Hofschauspielerin Elise Seebach ward das Glück zu Theil, dieses Fest am 18. August in München feiern zu können. Die Jubilarin ward am 17. April 1806 zu München geboren. Ihr Vater, Musikmeister beim Leibregimente in München, starb schon, als Elise das 9. Jahr erreichte. Verständnis für Musik, aber keine Ausbildung war das einzige, was das Mädchen aus dem elterlichen Hause mitbrachte. Ein unwiderstehlicher Hang zur Kunst hatte sich früh bei ihr eingeschlichen, und so ließ sie der Mutter nicht Ruh, bis sie ihr erlaubte, auf dem damalig bekannten Liebhaber-Theater im »Frohsinn« ein paar Rollen zu spielen. Bei dieser Gelegenheit sah Charlotte Birch-Pfeiffer sie in einer derselben, entdeckte Talent und nahm sich des 15jährigen Mädchens an. Ihr geistvoller Unterricht ging schnell in das empfängliche Gemüth über, und so beschloß die Lehrerin, sie auf der Hofbühne einen Versuch machen zu lassen. Nicht ohne Schwierigkeit ging dies von statten: man erlaubte ihr die selbstgewählte Rolle nicht und schickte ihr 8 Tage vor der Aufführung die Partie der Affanasia in dem Kotzebue’schen Drama »Graf Benjofsky«. Schnelles Studiren war eine Gabe, die ihr verliehen, und so betrat Elise Seebach am 18. August 1822 mit einer Probe zum ersten Male die Bühne und wurde mit großem Beifall, welcher zum Theil auch der Jugend des Mädchens galt, aufgenommen. Hierauf begleitete sie ihre Lehrerin auf einer Kunstreise und spielte in Kassel, Hannover, Hamburg und Berlin an deren Seite, und überall ward das Mädchen gut aufgenommen und aufgemuntert. Nach München zurückgekehrt, trat sie in das Engagement und hatte das Glück, mit Eßlair und Sophie Schröder in Phädra, Sappho und in vielen anderen Stücken zu spielen. Sehr früh ging sie nach dem Wunsche der Intendanz in das ältere, damals ganz verwaiste Fach über, in welchem sie ein Liebling des Publikums geworden ist. Ihrem regen Geiste genügte die Beschäftigung als Schauspielerin nicht, und so entschloß sie sich, jungen, angehenden Künstlerinnen Unterricht zu ertheilen. Sie wurde schon unter dem Intendanten v. Küstner als Lehrerin bestallt, und es gelang ihr namentlich, junge Sängerinnen als Darstellerinnen auszubilden. Sophie Stehle, Mathilde Mallinger, Alma Possart sind Schülerinnen von ihr, so wie viele andere bedeutende Sängerinnen an den deutschen Bühnen.

So kam die Zeit ihres 50jährigen Wirkens heran. Mit frischer Kraft und glücklichem Humor hat der Himmel sie beschenkt, und so war der 18. August 1872 für die Jubilarin wie für alle Anwesenden ein schönes Fest. Schon vor dem 18. kamen Briefe und Geschenke aus allen Städten, am Tage selbst Telegramme, Blumen und Zuschriften. Se. Königliche Hoheit Herzog Max von Baiern ließ ihr Glück wünschen, Prinz Adalbert von Baiern schickte durch seinen Adjutanten ein Bouquet nebst Glückwunsch. Um 12 Uhr war im großen Saale des Theaters das ganze Kunst- und technische Personal versammelt. Se. Excellenz Baron v. Perfall in Gala-Uniform, von Beamten und Regisseuren begleitet, begrüßte die Jubilarin. In feierlicher, ergreifender Rede schilderte er die Verdienste derselben und ernannte sie im Namen Sr. Majestät zum Ehrenmitglied der königl. Hofbühne und heftete ihr die Medaille des Ludwigsordens für 50jährige treue Dienste an. Se. Excellenz betonte noch besonders, daß das eine Auszeichnung sei, welche seit der Gründung des Ordens nur noch einmal einer Dame zu Theil ward. Elise Seebach, tief ergriffen, dankte mit einfach herzlichen Worten Sr. Majestät für diese Auszeichnung, aber auch ihrem Chef, dessen Sorge und Liebe ihr diese Ehren erwirkt hatten. Die Rührung, welche nach diesem Akte auf allen Gesichtern zu lesen war, gaben der Jubilarin den besten Beweis, daß ihre Kunstgenossen sich selbst in ihr geehrt fühlten. Baron v. Perfall hatte in seinem gastlichen Hause ein Diner veranstaltet. Die anwesenden Regisseure mit Frauen bemühten sich, mit passenden Toasten das Mahl zu würzen, und freudig, wie man gekommen, schied man dankend von seinem Vorstande.

Am 19. August war nun die Feier für das Publikum. Elise Seebach spielte in zwei ihrer Glanzrollen: »Die alte Schachtel« und »Des Nächsten Hausfrau«. Das Ankleidezimmer war reizend decorirt, Schiller's und Göthe's Büsten in Blumen und Kränzen, von Künstlern und Verehrern gespendet, zierten dasselbe. Das Haus war gedrängt voll, und als der Vorhang sich hob, die Künstlerin auftrat, brach ein Jubel und Blumenregen aus. Se. Hoheit, Prinz Louis von Baiern warf den ersten Kranz, der Königl. Intendant v. Perfall den zweiten, und viele folgten. Beifall während und nach dem Stücke ward reichlich gezollt. Se. Majestät der König, welcher der Vorstellung beiwohnte, ließ der Jubilarin sein lebensgroßes Brustbild mit eigenhändiger Unterschrift, ein prachtvolles Armband und ein Rosen-Bouquet durch Baron v. Perfall überreichen. Im zweiten Stücke trug die Künstlerin das Bouquet in der Hand und wurde abermals mit Jubel empfangen. Am Schlusse mehrmals gerufen, dankte Elise Seebach für die Theilnahme, welche ihr durch 50 Jahre ununterbrochen gezollt wurde, indem sich dieselbe vom Kinde auf Kindeskinder vererbt hätte. Tief gerührt verließ sie die Bühne, und auch unter den Zuschauern waren viele feuchte Augen zu sehen. Diesem Feste folgte noch ein Nachspiel. Die Collegen hatten sich, als das Publikum sich entfernt hatte, in Festkleidern auf der erleuchteten Bühne versammelt; die Mitglieder der Königl. Volksbühne hatten eine Deputation gesendet. Am Arme des Herrn Regisseur Sigl ward Elise Seebach vorgeführt, und nun hielt Herr Regisseur Richter eine Ansprache mit bewegter Stimme. Ein prachtvolles Gedenkbuch mit Namensunterschrift aller Mitglieder, so wie auf einem Sammelkissen eine schwere goldene Kette mit Kreuz überreichend, schloß er mit einem Lebehoch die Feier, für welche Elise Seebach vor Thränen kaum Worte des Dankes finden konnte. Möchten ihr doch diese zwei Tage noch viele Jahre in Erinnerung bleiben!

Deutscher Bühnen-Almanach. Berlin, den 1. Januar 1873.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.