Kein Grab ist stumm

 

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Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1903)

Rietzler, Franz Xaver, Bildhauer, * 2. Dezember 1838 zu Wald (Allgäu), † 10. März 1900 in München.

Eines Schmiedemeisters Sohn, kam R. nach Besuch der heimatlichen Volksschule zu einem Schreinermeister in die Lehre, wo sich des Knaben eigene Begabung zur Bildnerei kundgab, sodaß man ihn nach München schickte; hier trat bei Prof. Max Widnmann seine innerste Anlage glücklich hervor, zweimal, 1872 und 1873, erwarb derselbe die silberne Medaille. Ein wohlwollender Gönner ermöglichte dem jungen Künstler auf größeren Reisen durch Frankreich und Italien, seine Kenntnisse auch im Gebiete der Architektur möglichst zu erweitern. Nach seiner Rückkehr 1876 begründete R. mit seinem Landsmann, dem Bildhauer Syrius Eberle (* 1844 † 1903) eine Fabrica für christliche Kunst, welche R. nach Eberles Berufung an die Königl. Akademie, allein weiterführte. Von hier aus gingen zahlreiche Altarbauten und andere kirchliche Einrichtungsgegenstände, wobei R. meist die nötigen Statuen und Reliefs herstellte, in die weite Welt: nach Rio de Janeiro, San Paulo, Espiritu-Santo in Brasilien, nach San Francisco in Nordamerika.

Für Kirchen und Kapellen europäischer Gebiete wurden zahlreiche Altäre gebaut: ein zierlicher Altareteto für die Hauskapelle der Fürstin von Bulgarien; ähnliche Arbeiten gelangten nach Turin, Cremona, Rom. Auch nach Spanien und England gingen Aufträge: für die »Englischen Fräulein« in London, für Belgien u. s. w. Ein größeres Arbeitsfeld eröffnete sich in Sachsen, insbesondere für Zwickau und Hof. Viele bayerische Ortschaften erhielten Werke aus R.s Atelier, z. B. Roßhaupten, Eiting, Elbach und Landsberg, die Hauskapelle des Militärlazaretts in der chirurgischen Klinik zu München. Auch viele Porträtbüsten und Grabdenkmäler fertigte R., der auf den Ausstellungen zu Melbourne 1880, Amsterdam 1883 und Chicago Prämierungen erhielt.

Die stilgerechte Restauration des sog. Asam-Hauses (in der Sendlingergasse zu München) 1885 war R.s Werk. Zu dem großen Festzug (1885) bei der Feier des hundertjährigen Wiegenfestes König Ludwigs I. hatte R. den Prachtwagen des »Vereins für christliche Kunst« gerüstet. Drei Jahre versah unser Künstler das Amt eines Armenpflegschaftsrates und saß im Magistratskollegium der Stadt. Nach einer schweren Influenza setzte ein Schlaganfall dieser vielseitigen, eifrigen Tätigkeit ein unerwartetes Ende.

Vgl. Kunstvereinsbericht f. 1900, S. 69 und den warmen Nachruf von Max Fürst im »Rechenschaftsbericht des Vereins für christliche Kunst« München 1901, S. 10.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1903.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.