Kein Grab ist stumm

 

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Eos (1821)

(Beschluß.)

München. Isaballe versteht Einiges von der Portugiesischen Sprache. Durch die Großmuth Sr. Majestät des Königs und Ihrer Majestät der Königin werden die beyden jungen Indianer mit Allem, was sie bedärfen, vollständig versehen, und durchaus erhalten. Viele Freude verursachen dem Knaben, wie dem Mädchen, große, vollkommen gekleidere Pupen, von denen beyde noch jetzt nicht verstehen können, daß dieselben leblos seyn. Man hört sie oft in vollem Ernste behaupten, daß sie leben.

Uebrigens sind die Charaktere der beyden Indianer sehr verschieden, so wie ihr Aeußeres. Isabelle ist von Gesicht und am Körperbau häßlich, Juri entgegen wohlgebaut mit einer nicht unangenehmen Gesichtsbildung; sie hat ein breites Gesicht mit tief liegenden Augen, und schwarze Haare, wie starke Roßhaare, er ein weniger breites Gesicht und hübsche schwarze Augen mit freundlichen Blicken; sie ist entstellt durch ihre durchlöcherte Nase, in welcher die Indianer Ringe und andere Kleinigkeiten zu hängen pflegen, er durch die Tatowirung ringsum den Mund in ansehnlicher Breite.

Isabella von einem der rohesten Urstämme der Indianer entsprossen, hat viele natürliche Anlagen und großen Scharfsinn, dabey wenig Gutmüthigkeit, vielen Widerwillen und immer etwas Unfreundliches, weßwegen dann Ernst bei ihr oftmals nöthig wird. Kleine weibliche Eitelkeiten fehlen bey ihr nicht.

Juri zeigt, daß sein Volksstamm in mehr Berührung mit den Weißen lebt. Er hat Verstand, dabey viel Gutmüthiges und äußert öfter ein Wohlwollen gegen seine Umgebungen, das bey Isabellen fremde ist. Seine Miene ist offen, auch spricht er mehr,als Isabelle. Beyde haben jedoch das zusammen gemein, daß aus ihrem Benehmen unverkennbare Züge von Habsucht hervorgehen, und daß sie unter andern nicht zu bewegen sind, von dem, was sie als ihr Eigenthum erkennen, auch nur das Geringste wegzugeben. So soll Isabelle vorzüglich deßwegen an der Leinewand, welche Ihre Majestät die Königin ihr zu schenken geruhte, so fleißig arbeiten, weil sie weiß, daß das, was sie hieraus bildet, ihr Eiqenthum ist.

Beyde fangen an, sich europäische Sitten und Gewohnheiten anzueignen, wohl behagt ihnen bereits Tisch und Bett. In ihnen erheben sich bereits einzelne Gefühle, die ihnen sonst ganz fremde waren. So konnte unter andern Isabelle, der Sprößling eines Volksstammes, welcher bis auf kleine Leibgürtel ganz nackt geht, vor Kurzem nur mit Mühe überredet werden, sich zu entkleiden, und dem Maler zum Modelle zu dienen, nach welchem in der Reisebeschreibung der beyden Akademiker v. Spix und von Martius einige Indierstämme abgezeichnet erscheinen werden. Ueberhaupt ist das Thun und Handeln der beyden Indianer in psychologischer Hinsicht sehr merkwürdig, und wir werden daher später in dieser Beziehung einen ausführlichen Aufsatz unsern Lesern mittheilen, welcher uns bereits durch Hrn. v. Spix und von Martius gütigst zugesichert worden ist.

Eos Nr. 8. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung. Donnerstag, 25. Januar 1821.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

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