Kein Grab ist stumm

 

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Eos (1821)

Miszellen.

München. Die zwey jungen Indianer, Juri und Isabelle, welche die beyden Akademiker, Dr. v. Spix und Dr. v. Martius aus Brasilien mit sich nach München führten, haben bald nach ihrer Ankunft daselbst durch den Einfluß des Klimas und einer höchst ungünstigen Witterung sehr gelitten. Isabelle wurde zuerst von einem heftigen Husten mit Fieber befallen; einige angewendete Medikamente jedoch und das wärmer Halten derselben brachten sie bald wieder auf dem Wege zur Beßerung, so daß sie gegenwärtig sich wohl befindet, und nur noch ein trockener Husten zu Zeiten sich einstellt. Während ihrer Krankheit betrug sie sich kalt gegen ihre Umgebungen, gleichgültig gegen das, was man für sie that, und überhaupt im hohen Grade gefühllos. Juri nahm an ihrem Zustand wenig Antheil. Isabelle ist von einem Indierstamme, der aus Menschenfressern besteht, Juri aber aus einem Stamme, welcher mehr den Weißen dient.

Kaum als Isabellens Gesundheit sich zu bessern begann, erkrankte Juri, und die Brustkrankheit, welche ihn befiel, stieg bis zu einem Grade, daß man für sein Leben fürchtete. Eine heftige Entzündung stellte sich ein, und veranlaßte die Aerzte, ihm neunmal zur Ader zu lassen. Die größte Heftigkeit des Fiebers ist zwar vorüber, aber doch leidet Juri noch stark an Husten, verbunden mit einem leichten Fieber, so daß man die Krankheit und ihre Folgen noch nicht ganz als beseitigt betrachten kann. Als man ihm das erstemal die Ader öffnete, wurde ihm vorher eine Haube, die er auf dem Kopfe trug, über die Augen gezogen, damit die Operation vorübergieng, ohne daß er sie sah. Später, da er dieselbe mit angesehen hatte, und der Akt der Aderöffnung ihm zu oft wiederholt wurde, fieng er an, über das Benehmen der Aerzte Bedenken zu tragen, und äußerte den Verdacht, daß die Europäer wohl die Absicht haben möchten, ihm das Blut abzuzapfen, und so allmählig aus dem Leben zu schaffen; aber die Vorstellungen der beyden Akademiker, zu denen er großes Vertrauen hegt, und denen er sich in portugiesischer Sprache verständig zu machen im Stande ist, dann die große Sorgfalt, die man, wie er wohl sah, für ihn anwendete, und überhaupt das Benehmen seiner Umgebungen, vorzüglich aber das Gefühl des Besserwerdens flößten ihm Muth und Vertrauen ein. Zuletzt hielt er den Arm bey jeder Aderlässe ruhig hin, und wandte nur das Gesicht weg, um das Blut nicht laufen zu sehen. Anfangs benahm er sich etwas heftig und wild, aber bald wurde sein Betragen ruhig und freundlich, so daß ihn alle, die um ihn waren, liebgewanen. Isabelle nahm an ihm wenig Antheil, und war bey seiner Krankheit ganz gleichgültig. Indeß fangt auch diese junge Indianerinn an, an ihren Umgebungen, an kleinen ökonomischen Gegenständen und überhaupt an dem, was sie bey uns sieht und hört, Geschmack zu finden.

(Die Fortsetzung folgt.)

Eos Nr. 7. Zeitschrift zur Erheiterung und Belehrung. Dienstag, 23. Januar 1821.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

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