Kein Grab ist stumm

 

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Münchener Ratsch-Kathl (1892)

Unsere Minister

Der Herr Cultusminister Dr. von Müller.

Das ist ein liebenswürdiger Herr lauter Artigkeit und Freundlichkeit. Schon als Polizei-Präsident war er von so einer ausnehmenden Liebenswürdigkeit, daß Jeder selber in unangenehmen Sachen gern mit ihm zu thun g’habt hat. Der Herr Dr. von Müller raucht gern und gute Cigarren und Menschen die gute Cigarren rauchen, sind auch angenehme Gesellschafter und gescheidte Leut’. Das stimmt bei seiner Excellenz. Klugheit und Energie steckt in dem kleinen Mann genug und erst als Minister in der Kammer hat man erkennen können, was für Kraft in dem Herrn steckt. So ist auch seine Red’ zierlich und gewandt, regelrecht und formvollendet. Häufig läßt er den Ton fallen und spricht in einem tiefen Baß, den man in dem schmächtigen Herrn gar net suchen thät’, Gegen End verschluckt er gern die Silben und dann wird er unverständlich. Wenn er einmal in einen heftigen Redekampf kommt, was bis jetzt noch nie der Fall war, so muß das sonderbar werden. In einer Hand hält er faßt immer ein Blatt Papier, mit der anderen spielt er mit der schweren Uhrkette. Er ist sehr redelustig und ergreift immer gleich nach dem Referenten das Wort. Das macht er nämlich schlau. Dadurch schneidet er manchem Angeordneten die Rede ab. Manchem ist das vielleicht recht; braucht er nt z’reden.

Münchener Ratsch-Kathl; Mittwoch, 2. März 1892.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.