Kein Grab ist stumm

 

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Die Scheinwelt und ihre Schicksale (1893)

Das Theaterjahr 1871 führte uns eine ausgezeichnete Kraft mit der Sängerin Josefine Schefsky zu, während der, in den letzten Jahren vielfach gefeierte Heldentenor, Anton Schott nur vorübergehend der Unsere war. Ein äußerst dankbares Mitglied gewann unsere Oper dagegen mit dem Baßbuffo Theodor Mayer, der als Dr. Bartolo, Schulmeister (Wildschütz), Kellermeister (Undine) etc. herzerfreuende Gestalten schuf. Der Künstler gehört heute noch unserem Ensemble an und hat sich, 21 Jahre hindurch, stets als eine sehr verlässige, tüchtige und gewissenhafte Kraft bewiesen.

Josephine Schefsky debutirte bereits am 30. März 1868 mit großem Erfolg als Orpheus; die Sängerin wußte bald durch hervorragende Gestaltung der Partien ihre Künstlerschaft in ein glänzendes Licht zu stellen. Unvergeßliches leistete Schefsky als Sides, Acuzena und Amneris. Die Künstlerin gehörte bis zum Jahre 1883 unserer Bühne an und zeigte sich während dieser Zeit als ein besonders fleißiges und gewissenhaftes Mitglied. Der König schätzte ihre Künstlerschaft ungemein hoch und konnte sich an ihrer herrlichen Stimme, die namentlich in der Mittellage und nach der Tiefe zu von bestrickendem Wohllaute war, oft herzlich ergötzen.

Leider ließ sich die Sängerin im Vollbewußtsein des Besitzes königlicher Gunst zu manch’ unkluger That, zu mancher Anmaßung hinreißen, die sie ebenso rasch der königlichen Sonne wieder entrückte, wie sie zum Lichte aufgestiegen ist. Immerhin aber bleibt so viel Schönes und Bemerkenswerthes aus ihrer künstlerischen Thätigkeit jener Zeit übrig, daß ihr von diesem Standpunkte aus für alle Zeiten ein warmes Gedenken gesichert ist.

Josephine Schefsky, deren dramatisches Talent auch Richard Wagner schätzen lernte, zählte anfangs zu den ersten Stützen des Bayreuther Festspielhauses. Nach ihrem Weggange von München wirkte die Sängerin, zuerst in Straßburg, dann in Nürnberg; jedoch es war, als könnte sie ihrer Künstlerschaft nicht mehr froh werden und ihre Erfolge blieben weit hinter ihren Münchener Triumphen zurück. Josephine Schefsky hat sich nunmehr ganz von der Bühne zurückgezogen und ihren dauernden Wohnsitz an der Stätte ihres einstigen Ruhmes und Glanzes genommen.

Max Leythäuser: Die Scheinwelt und ihre Schicksale. Eine 127jährige Historie der Münchener kgl. Theater in populärer Form und als Juniläums-Ausgabe. München, 1893.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.