Kein Grab ist stumm

 

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Der neue Kunstfreund (1870)

Königl. Hof-Theater.
Oper.

Nach langer Zeit hörten wir endlich am 30. v. M. wieder einmal etwas Gediegenes, etwas Gutes. Wir meinen Spohr's »Jessonda«.

Dieser Oper folgte am 3. d. Mts. - die »Walküre«. - Welch Unterschied der Opern in der kurzen Spanne Zeit!

Der Werth dieses Wagner'schen Werkes wurde in diesen Blättern bereits besprochen und wir würden jener kaum Erwähnung thun, hätte nicht eine Neubesetzung der Rolle der Frika durch Frl. Schefsky stattgefunden.

Frl. Schefsky betrat als Frika die k. Hofbühne zum ersten Male als engagirtes Mitglied. Ehe wir nun über die Rolle und ihre Durchführung selbst sprechen, wollen wir einige Worte über Frl. Schefsky sagen. Diese Dame wurde durch k. Munificenz in die Lage versetzt, ihre Studien zu Ende führen zu können. Wie wir hören wurde die Dame auf königlichen Befehl engagirt, da Herr v. Perfall entschieden dagegen protestirte. Wir müssen in dieser Richtung Herrn v. Perfall vollkommen Recht geben, warum eine junge Dame engagiren, für die nichts zu singen da ist - warum ein junges Talent fesseln, wenn es sich nicht zu entwickeln vermag? Wir finden also keinen Grund, der für das Engagement der Dame spräche. Wäre Frl. Schefsky Altistin, dann könnten wir ein Engagement begutachten, damit beim Abgang des Frl. Ritter Ersatz vorhanden ist.

Die Leistung des Frl. Schefsky’s als Frika wollen wir nicht unbedingt verwerfen, die Dame übernahm schnell die Rolle. Wer Wagner'sche Musik kennt, weiß, daß ein solches Unternehmen gewagt erscheint, und dem zur Folge entschuldigen wir die Unsicherheit dieser Dame. Was ihr Spiel anbelangt, so wirkte das beständige Herabfallen der Krone sehr beeinträchtigend. Es kam uns vor, als wäre Frl. Schefsky etwas heiser gewesen, eine Bemerkung, die wir zwar bei jedem Auftreten der Dame machen mußten; sollte dies ein Stimmmangel sein? Entschieden angegriffen war die Mittellage und die hohen Töne waren forcirte. Se. Majestät schickte nach dem zweiten Actus Frl. Schefsky ein prachtvolles Bouquet nebst einigen anerkennenden Worten.

Der neue Kunstfreund Nr. 6. Organ für Kunst und Literatur. München, den 10. Novembder 1870.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.