Kein Grab ist stumm

 

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Fremden-Blatt (1873)

Julie Ebergenyi †.

Das Drama, das sich im Sommer des Jahres in München auf so entsetzliche Weise abgespielt und dem die Gattin des Oberlieutenants Grafen Gustav Chorinsky, die ehemalige Schauspielerin Mathilde Rueff, zum Opfer durch die Hand der Giftmischerin Julie v. Ebergenyi und ihres eigenen Mannes, gefallen war, hat durch den Tod der Ebergenyi seinen Abschluß gefunden, indem sämmtliche Betheiligte nun aus dem Leben geschieden sind.

Julie Ebergenyi starb Donnerstag Abends um halb 9 Uhr in der niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt am Brechdurchfall.

Allsogleich meldete Dr. Maresch das Ableben Julie Ebergenyi's der Mutter derselben und gestern Abends 8 Uhr langte auf telegraphischem Wege folgende Antwort an:

Euer Wohlgeboren!
Gewähren Sie meiner Tochter eine anständige Leichenbestattung im eigenen Grabe.

Dieser Wunsch wird auch ausgeführt.

Julie Ebergenyi, welche in Neudorf ihre 20jährige Kerkerstrafe abbüßen sollte, verfiel nach etwa zwei Jahren in dieser Strafanstalt in Wahnsinn. Sie mußte in die Landes-Irrenanstalt gebracht werden. Sie ahmte die Rufe eines Kukuks und Hahnes nach, tobte oft stundenlang in ihrer Zelle und verfiel in letzterer Zeit, in Tanzwuth, an der sie durch Stunden in einer thatsächlich entsetzlichen Weise litt.

Anfangs war sie in die erste Zahlklasse der Irren eingetheilt, bis ihr, nach dem vor etwa einem Jahre erfolgten Tode ihres Vaters, der ihr jede Unterstützung versagt hatte, eine halbe Kost- und Toilette-Zulage von Seite ihrer Mutter zu Theil wurde. Stets dachte sie an »ihren Gustav« und stets war ihr Sinnen auf ihn gerichtet. Und merkwürdiger Weise, als sie von seinem Ableben Kunde erhielt, wurde sie ruhiger und in den letzten Monaten hörte man sie fast selten den ihr so theuer gewordenen Namen nennen. Sie schrieb zwar noch immer Briefe wie vorher an den Mann ihres Herzens, doch adressirte sie sie an den Himmel. Ihr einstens so feuriges und sinnliches Auge war starr und nur hie und da flammte es in seiner alten Kraft, viele Tage und Stunden kehrte ihr Bewußtsein wieder und da war es vorzüglich ihre Toilette, die sie auf's Sorgfältigste beachtete.

Verflossenen Montag veranstaltete die Direktion des Irrenhauses ein Kränzchen, an dem auch die Verstorbene Theil nahm. In einem braunen Seidenkleide. mit langem weißen Ueberwurf und prachtvollem Kopfputze, trat sie in den Saal und für die »Königin des Abends« wurde Julie Ebergenyi allgemein gehalten. Heiter drehte sie sich im Tanze und wohl Niemand hätte in ihr die Geisteskranke erkannt und noch weniger geahnt, daß sie schon in einigen Tagen eine Leiche sein werde.

Es ist wohl eigenthümlich, ob Verhängniß oder Zufall, daß Gustav Graf Chorinsky und Julie Edergenyi, beide aus der Straf- in die Irrenanstalt gebracht werden mußten und nach so kurzer Zeit einander ins Grab folgten.

Die Leiche der Verstorbenen wurde zur Obduktion, die morgen Vormittags stattfindet, ins allgemeine Krankenhaus gebracht und werden derselben außer den Haus- auch die Irrenärzte beiwohnen.

Fremden-Blatt Nr. 252. Wien. Samstag, den 13. September 1873.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.