Kein Grab ist stumm

 

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Der Neue Pitaval (1868) VI.

VI. Der Prozess gegen Julie Ebergenyi

Am 22. April 1868, früh halb 10 Uhr, begann vor dem kaiserlichen Landesgericht in Wien die Schlußverhandlung wider die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes. Der Saal war gedrängt voll. Unter den Zuhörern bemerkte man die Fürsten Esterhazy und Bathiany, Mitglieder auswärtiger Gesandtschaften, Reichsrathsabgeordnete u. s. w. Die Angeklagte ging langsamen Schrittes und sichtlich erschüttert auf ihren Platz, schlug die Augen nieder und blickte starr vor sich hin. Ihre Toilette war einfach, aber geschmackvoll: sie trug eine schwarze, weißgesteppte Seidenrobe, um den Hals geschlungen ein leichtes blauseidenes Tuch, in den Ohren Diamantringe.

Ihre Gestalt ist von mittlerer Größe, ihre Züge sind nicht unschön, das spitzige Kinn und die schmalen Lippen lassen auf Energie schließen. In den Augen brennt ein unedles, wollüstiges Feuer und um den Mund bemerkt man einen häßlichen Zug. Ihre Stimme ist dünn und hart. Oft greift sie mit den Händen nach den pochenden Schläfen und drückt das Tuch vor das Gesicht. Auf die Fragen des Präsidenten nach ihrem Namen und Stand antwortet sie leise, unter vielen Thränen.

Nachdem der Staatsanwalt die Anklage entwickelt hat, beginnt das Verhör, aus welchem wir zur Charakteristik der Angeschuldigten Folgendes hervorheben:

Präsident. Sie haben in Wien verschiedene Wohnungen gehabt und es ist Ihnen gekündigt worden, weil Sie Männerbesuche empfingen.

Angeklagte. Das ist Verleumdung.

Präsident. Wann haben Sie den Grafen Gustav Chorinsky kennen gelernt?

Angeklagte. Im Sommer 1867.

Präsident. Wann hat er Sie besucht?

Angeklagte. Schon am nächsten Tage.

Präsident. Wann wurden die Beziehungen inniger?

Angeklagte. Nach ein paar Tagen.

Die Angeklagte räumt ein, daß der Graf und sie sich sehr bald ernstlich mit dem Gedanken beschäftigten, sich zu heirathen. Sie sagt, sie habe gewußt, daß Chorinsky verheirathet sei, aber geglaubt, er könne durch einen Religionswechsel die Scheidung erreichen.

Präsident. Sie haben Ihrer Schwester mitgetheilt, daß Sie die Braut des Grafen Chorinsky seien, daß seine Frau an einem unheilbaren Halsübel leide und Ihnen bald Platz machen werde.

Angeklagte. Ich hatte gehört, daß sie bereits todt sei.

Präsident. War bereits ein Termin zur Abschließung der Ehe festgesetzt?

Angeklagte. Nein. Es war nur unser heiligster Wunsch, uns recht bald zu heirathen.

Präsident. Sie haben sich zu Ihrer Vermählung ein Spitzenkleid gekauft. Ist das richtig.

Angeklagte. Richtig.

Präsident. Der Graf Chorinsky schrieb an Ihre Schwester: »Hochgeborene gnädige Frau! Gestatten Sie, daß ich als zukünftiger Gatte meiner angebeteten himmlischen Julie an Sie schreibe.« In einem andern Briefe des Grafen an Sie heißt es: »Ich möchte Dich heirathen. Du mußt es mir ermöglichen, Gott wird uns helfen!«

Angeklagte. Der gute Gustav! Er hat mich innig geliebt.

Präsident. Sie hatten schon früher ein Verhältniß mit einer Person, welches als ein leichtgeschürztes bezeichnet wird.

Angeklagte. (Erröthend.) Seit ich meinen Gustav kenne, stand ich nie in solchen Beziehungen.

Präsident. Die Person, die gemeint ist, hat Sie im Juli zum letzten mal besucht. Sie löste die Verbindung mit Ihnen, weil Sie zu große materielle Ansprüche machten.

Angeklagte. Schweigt.

Präsident. Hatten Sie jemals die Befürchtung, daß Ihr Verhältniß zum Grafen Folgen haben könnte?

Angeklagte. Ja.

Präsident. Sie waren deshalb bei dem Frauenarzt Dr. Schlesinger und bei einer Hebamme?

Angeklagte. Ja.

Präsident. Verlangten Sie nicht Medicamente, um Ihren Zustand zu beseitigen?

Angeklagte. (In höchster Aufregung.) Verleumdung!

Präsident. Wie sprach der Graf von seiner Gattin?

Angeklagte. Nicht mit besonderer Liebe.

Präsident. Waren es nicht Aeußerungen des tödlichsten Hasses?

Angeklagte. Weint.

Präsident. Es heißt in einem Briefe des Grafen an Sie: »Wenn es Dir nur gelingt, sonst müßten R. und D. hin.« Was bedeuten diese Worte?

Angeklagte. Ich wollte nach München gehen, um zwischen dem Grafen und der Gräfin eine Versöhnung anzubahnen.

Präsident. Sie wollten die beiden Gatten versöhnen?

Angeklagte. Ja, wenn nicht, wollte ich die Gräfin bestimmen, in eine Scheidung zu willigen.

Es kommt nun zur Sprache, daß Chorinsky und seine Geliebte sich an den Baron Lo Presti gewendet haben und daß derselbe gerathen hat, der Graf solle seine Gattin nach Presburg kommen lassen und sein Züchtigungsrecht so schonungslos geltend machen, daß sie dieser Cur nicht widerstehen könne. Ferner, daß die Angeklagte den Baron gebeten hat, ihr einen Todtenschein der Gräfin zu besorgen.

Sie räumt es ein und bemerkt, ihre Freundin Victoria Horvath habe ihr den Tod der Gräfin mitgetheilt.

Präsident. Kennen Sie diese Annonce: »Gift, Composition für Ratten und Mäuse?« Wie kommt sie unter Ihre Liebesbriefe?

Angeklagte. Durch Zufall.

Präsident. Was wollten Sie damit machen?

Angeklagte. Ich wollte ein Mittel haben, um - um (sie trocknet sich den Schweiß ab) um die Ratten im Keller zu tödten.

Präsident. Haben Sie das Gift bestellt?

Angeklagte. Ja.

Präsident. Unter Ihrem Namen?

Angeklagte. Nein, unter dem Namen Marie Ernst, Marchande de Modes.

Präsident. Wußte der Graf darum?

Angeklagte. Nein.

Präsident. Was geschah mit dem Gifte?

Angeklagte. Ich habe es zurückgeschickt, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß keine Ratten dawaren.

Die Angeklagte gesteht zu, von dem Photographen Camillo Angerer Chemikalien, darunter vier Loth Cyankali, erhalten zu haben, behauptet aber, sie habe das Packet mit der Post an den Photographen Knebel geschickt, um diesem ein Geschenk zu machen.

Die Sendung der candirten Früchte anlangend beharrt Julie von Ebergenyi dabei, die Schachtel sei ihr von Victoria Horvath übergeben und dabei gesagt worden, sie solle die Sendung anonym und von Brünn aus machen, weil es sich um eine Ueberraschung handle.

Das Verhör kommt dann auf die Reise nach München.

Präsident. Was war der Grund Ihrer Reise?

Angeklagte. Ich wollte sehen, ob eine Versöhnung möglich sei.

Präsident. Das ist neu. Sie sprechen heute von einer Versöhnung, die Sie bewerkstelligen wollten, was meinen Sie damit?

Angeklagte. Bewerkstelligen? Nein. Ich wollte die Gräfin nur ausforschen und wenn keine Versöhnung möglich wäre, sie zur Scheidung überreden.

Präsident. Und wenn nun eine Versöhnung erfolgt wäre?

Angeklagte. Dann hätte ich zwar meine Liebe zum Grafen nicht aufgeben können, aber ich hätte doch dem Rechte einer andern gegenüber zurücktreten müssen.

Präsident. Erzählen Sie das Nähere über Ihre Reise nach München.

Die Angeklagte erzählt, daß sie am 20. Nov. früh in München angekommen sei.

Präsident. Haben Sie die Gräfin Chorinsky am ersten Tage in München besucht?

Angeklagte. Nein.

Präsident. Was geschah weiter?

Angeklagte. Vor meinem Besuche bei der Gräfin traf ich die Witwe Horvath auf der Straße und füllte in ihrem Aufträge zwei Fläschchen mit Wein. Dann gingen wir zusammen zur Gräfin zum Thee. Die Gräfin trank keinen Thee, weil es ihr zu warm war; sie nahm die Lampe, um sich für das Theater anzukleiden, sie bat mich, die Frau Hartmann nach einer Droschke zu schicken. Ich that es und als ich zurückkehrte, machte mir die Witwe Horvath bemerklich, daß sie mit der Gräfin allein zu bleiben wünsche. Ich nahm den Hut, die Gräfin und die Baronin zündeten mir eine Kerze an.

Präsident. Beide Damen zündeten Ihnen die Kerze an?

Angeklagte (verwirrt). Das, das weiß ich nicht mehr.

Präsident. Wer hat Ihnen die Kerze gegeben?

Angeklagte. Ich glaube, ich glaube, die Horvath. Sie pflegt immer ein Stückchen Kerze bei sich zu führen.

Präsident. Das ist eine sehr sonderbare Gewohnheit.

Angeklagte. Ich ging hinab; nach wenigen Minuten kam die Horvath und erzählte mir, die Gräfin sei vom Schlage getroffen. (Tiefe Stille. Die Angeklagte fährt mit einem Tuche über die Stirn und wischt große Schweißtropfen ab.) Die Horvath verbot mir hinaufzugehen und stellte mir ein Packet zu, welches ich aufheben sollte. Ich habe das Packet nicht näher angesehen. Die Horvath hat mir auch einen Schlüssel eingehändigt und mich beauftragt, denselben in die Donau zu werfen.

Präsident. Woher wußten Sie, daß die Gräfin ermordet war?

Angeklagte. Die Horvath hat mir gesagt, sie habe die Gräfin mit Wein vergiftet.

Präsident. Was für ein Interesse hatte die Horvath am Tode der Gräfin?

Angeklagte. Sie wollte deren Curmacher heirathen, wenigstens sagte sie mir dies.

Präsident. Sagen Sie mir, was ist es mit der Baronin Vay? Ihre Aussagen sind voller Widersprüche. Sie haben einen Brief durchzuschmuggeln versucht, welcher ein Geständniß der Vay enthält. Sie haben dieselbe als eine Dame geschildert, welche Ihre Toilette nachahmt.

Angeklagte. Das ist wahr.

Präsident. Die Vay existirt also?

Angeklagte. Die Vay nicht, aber die Horvath hat es so gemacht.

Der Präsident hält ihr das von ihr in der Voruntersuchung abgelegte, aber später von ihr widerrufene Bekenntniß vor.

Angeklagte. Ich habe es nur abgelegt, um die Horvath zu retten. Ich bin unschuldig.

Diese Bruchstücke des Verhörs werden genügen. Man sieht, daß die Angeklagte den wuchtigen Beweisen nur ein albernes Märchen entgegenzusetzen hat. Ihre Erfindungskraft ist erschöpft, sie vermag nur noch zu leugnen und klammert sich an die Fiction einer unbekannten Person. Das Dunstgebilde sinkt zusammen und jedermann weiß, daß Julie von Ebergenyi das gethan hat, was sie der angeblichen Horvath aufbürdet. Dennoch haben die Freunde der Angeklagten den hoffnungslosen Versuch gemacht, die Täuschung aufrecht zu erhalten.

Es gingen während der Verhandlung vor dem Landesgerichte Briefe ein, welche die Existenz der Witwe Horvath darthun sollten. In dem ersten, datirt Josephstadt-Wien, 23. April 1868, meldet sich die Horvath selbst und schreibt:

»Hohes Untersuchungsgericht!
Ich mache dem hohen Gerichte bekannt, daß ich mich in Wien befinde, um in den mir bekannten Proceß «mitzugehen». Meine Ankunft in Wien fand am 21. April 1868 statt und bitte ich, diese an das hohe Gericht gerichteten Zeilen mit Genauigkeit durchzulesen. Ich habe die Gräfin Chorinsky mit Cyankali vergiftet; ich habe der Julie Ebergenyi sämmtliche von der Gräfin herrührende Sachen zur Aufbewahrung übergeben. Auch den Schlüssel habe ich der Ebergenyi zur Aufbewahrung übergeben, ich habe ihr den Auftrag gegeben, denselben wegzuwerfen; auch die Fläschchen und den Ring habe ich ihr gegeben. Ich erkläre öffentlich, daß ich die Mörderin der Gräfin Chorinsky bin, ich habe den Schlüssel abgezogen, ich habe auf dem Gange draußen gewartet, die Zimmerfrau ist fortgegangen, hat einen Comfortable geholt; ich habe mich mit der Gräfin eingesperrt, ging, als ich wußte, daß die Quartierfrau einigemal bei der Thür war, nach einer Stunde fort, versperrte das Zimmer, packte die Sachen zusammen und übergab sie der Ebergenyi. Ich habe die Kerze angezündet, nahm sie vom Kasten und die Ebergenyi ging fort. Ich kam später hinunter und habe der Ebergenyi gesagt: «Die Chorinsky ist todt, es hat sie der Schlag getroffen.» Sie wurde todtenbleich und wollte noch hinaufgehen, und da sie zum Thor gehen wollte, kam die Droschke. Ich stieg ein und gab ihr das Packet zum Mitnehmen nach Wien. Mich fragte sie: «Du, Wiky, was ist drin in dem Packe?» Ich sagte: «Eine Theekanne.» Da wurde sie wieder todtenbleich; wollte nach der Wohnung der Chorinsky zurückgehen, ich aber ließ es nicht zu.
Ich verfolge den Gang des Processes, werde mich aber nicht früher stellen, als bis die Schwurgerichtsverhandlüng in München vorbei ist. Wird die Ebergenyi als unschuldig erklärt, so bleibt der Schleier über dieses Geheimniß u. s. w.
Wiky Horvath.«

In einem zweiten anonymen Schreiben theilt ein Unbekannter mit: »Die mystische Person der Horvath sei ihm sehr genau bekannt und er werde sie seinerzeit hervortreten lassen.«

Der dritte Brief, ebenfalls anonym, lautet:

»Sollte wirklich eine gewisse Horvath im Processe Julie Ebergenyi verwickelt sein und eine Hauptrolle gespielt haben und kein Gericht, kein Comitat sie zu finden wissen, so bin ich so frei, dem hohen Gericht eine verehelichte Horvath, Baronin, früher Schauspielerin, als eine Dame zu schildern, die auf sehr hohem Fuße lebte, zwar so, daß, als sie Witwe wurde, ihr Vermögen auf die Neige ging.
Sie wohnte im Jahre 1863 in Gießhübel bei Brünn nächst Mödling, ich bin aber nicht im Stande, ihren jetzigen Aufenthalt zu ermitteln. Würden meine Angaben in diesem Proceß dem hohen Gerichtshofe von Wichtigkeit sein, so würde ich nicht zögern, mich zu stellen.«

Die Briefe wurden natürlich nicht beachtet, sondern im Einverständnisse mit dem Vertheidiger zu den Acten gelegt.

Das Zeugenverhör und die sonstige Beweisaufnahme ergab nichts Neues, wir kennen bereits die sämmtlichen Verdachtsgründe, welcher einer nach dem andern bestätigt wurden und sich zu einer die Angeschuldigte erdrückenden Kette zusammenschlossen.

Der Staatsanwalt hatte eine leichte Aufgabe, er brauchte nur zu recapituliren, was in der Verhandlung vorgekommen war. Sein Schlußantrag ging dahin: Der hohe Gerichtshof wolle Julie Ebergenyi von Telekes des vollbrachten Verbrechens des Meuchelmordes als unmittelbare Thäterin für schuldig erkennen, dieselbe zum Tode durch den Strang verurtheilen und des Adels sowie ihrer Würde als Stiftsdame verlustig zu erklären.

Der Vertheidiger griff getreu der Vorschrift des Gesetzes, daß er nichts, was seiner Ueberzeugung widerspreche, vorbringen solle, den Beweis, daß seine Clientin den Mord vollbracht habe, mit keinem Worte an. Er beleuchtete nur die mildernden Umstände, daß die Angeklagte verführt worden, durch einen ihrem Geliebten geleisteten Eid gebunden gewesen sei. Und dann bestritt er die Zulässigkeit der Todesstrafe, weil weder ein Zeuge der That vorhanden, noch das Geständniß der Ebergenyi klar und bestimmt sei. Eins von beiden aber erfordere das Strafgesetzbuch, um die Todesstrafe verhängen zu können.

Am 25. April verkündigte das kaiserliche Landesgericht das Urtheil:

»Julie Ebergenyi von Telekes ist des vollbrachten Verbrechens des Meuchelmordes schuldig und wird deshalb zur schweren Kerkerstrafe in der Dauer von 20 Jahren verurtheilt. Da nach dem Gesetze vom 15. Nov. 1867 die Eisenstrafe entfällt, wird in Supplirung derselben auf eine Woche Einzelhaft nach Schluß jedes Strafjahres erkannt. Gleichzeitig wird der Verlust des Adels für das Geltungsgebiet des österreichischen Strafgesetzes ausgesprochen.«

In den Gründen des Urtheils werden die Verdachtsmomente der Reihe nach aufgezählt, dann heißt es zur Rechtfertigung der erkannten Strafe:

»Als erschwerend wurde in Anrechnung gebracht, daß der Mord an der Ehegenossin des mitschuldigen Theils begangen wurde, die besondere Arglist und Tücke, mit der die Angeklagte bei der Gemordeten sich einführte und die freundliche Aufnahme zur meuchlerischen That benutzte. Als mildernd wurde in Erwägung gezogen die außerordentliche Gemüthsaffection der Angeschuldigten, der Umstand, daß die That offenbar auf Antrieb eines Dritten verübt wurde, und die frühere Unbescholtenheit der Verurtheilten. Der Gerichtshof mußte sich sagen, daß die Schuld jenes Dritten weit schwerer in die Wagschale fiele, als die eines Weibes, das auf sein Geheiß handelte, und daß die Idee der Gerechtigkeit Abbruch leiden würde, wenn der Anstifter seine Schuld etwa durch eine zeitweilige Freiheitsstrafe leichtern Kaufes bezahlen würde.«

Die Angeklagte athmete, als sie hörte, daß der Spruch auf 20 Jahre schweren Kerker lautete, auf, als wenn ihr ein Stein von der Brust fiel. Sie wandte Berufung ein, aber vergeblich, das Oberlandesgericht bestätigte das Erkenntniß, sie ward nach Neudorf in das Zuchthaus abgeführt, der erste Act des gerichtlichen Dramas war geschlossen.

Im Publikum und in der Presse hat sich keine Stimme erhoben, welche die Gerechtigkeit des Schuldig bezweifelte, nur die Milde des Urtheils wird von verschiedenen Seiten getadelt, und wir glauben nicht mit Unrecht. Der Tod durch den Strang wäre nach unserer Ueberzeugung für diese listig vorbereitete, verwegen ausgeführte, heimtückische That, bei welcher die Mörderin den Entschluß lange vorher gefaßt und hartnäckig festgehalten hatte, die einzig und allein entsprechende Strafe gewesen. Wir vermögen auch die geltend gemachten Milderungsgründe nicht anzuerkennen, denn wir glauben nicht, daß Julie die Verführte war, noch weniger, daß der Eid, den sie ihrem Gustav schwur, einen erheblichen Einfluß auf ihren Willen gehabt hat. Gift ist des Weibes Waffe. Julie Ebergenyi hat das Rattengift bestellt, sie hat sich schlau das Cyankali verschafft, sollte nicht auch der ganze Plan in ihrem Kopfe entsprungen sein? Ein warmblütiger Mann wie der Graf hat diesen Schlangenweg, die Gräfin los zu werden, gewiß nicht vorgeschlagen. Nach allen psychologischen Erfahrungen und nach dem Charakter des Mörderpaares muß man vielmehr annehmen, daß Julie die Anstifterin und Gustav nur ihr Gehülfe war, allerdings aber ein Gehülfe, der mit der ganzen Glut seines Hasses auf den Gedanken einging, für die Reise und das Gelingen des Mordes that, was er thun konnte, und mit verzehrender Ungeduld erwartete, ob das Gift in der Hand seiner viel kälter und besonnener handelnden Geliebten ihm die heißersehnte Freiheit zurückgeben würde. Auch die teuflische List, mit welcher man die Gräfin durch einen Empfehlungsbrief ihrer Freundin Mariot berückte, trauen wir dem jähzornigen, rohen und gemeinen Grafen nicht zu, das ist der Streich einer geriebenen Courtisane, wie die Ebergenyi war, und der Graf hat nur gehorsam ausgerichtet, was sie ihm aufgetragen hatte.

Wir können ferner die Entschuldigung nicht gelten lassen, die Angeklagte habe unter der Herrschaft einer mächtigen, den ganzen Menschen packenden Leidenschaft gestanden. Eine Buhlerin wie sie ist keiner tiefen Liebe fähig, sie gab ihren Leib, während sie mit dem Grafen verlobt war, andern Männern preis, sie hatte, den Giftbecher in der Hand, noch Zeit, sich, mit einem Commis, der ihr zufällig in den Wurf kam, einzulassen, sie würde unbedenklich ihrem Gustav den Laufpaß gegeben haben, wenn sie einen reichern, vornehmern Freund gefunden hätte.

Endlich gehören wir nicht zu den unbedingten Gegnern der Todesstrafe, sondern erachten, daß Verbrecher wie diese den Galgen von Gott und Rechts wegen verdienen und daß es nichts weniger als human ist, solche Giftmischer nach 20 Jahren wieder auf freien Fuß zu setzen. Ja wir besorgen, daß Julie Ebergenyi, wenn sie, 46 Jahre alt, aus dem Kerker entlassen wird, von neuem der menschlichem Gesellschaft gefährlich wird, wenigstens fehlt es an jeder Garantie, daß wirklich Reue und Buße in dieses harte, verlogene Herz einkehrt.

Allein wir räumen ein: nach dem österreichischen Strafrechte durfte nicht auf den Tod erkannt werden, denn kein Zeuge war dabei gewesen, als die Ebergenyi der Gräfin den vergifteten Wein oder Thee reichte, und ihr Geständniß, welches sie in continenti zurücknahm, war lückenhaft und nicht detalllirt. Warum man aber bei dieser Lage der Dinge nicht lebenswieriges Zuchthaus für angemessen gehalten hat, vermögen wir nicht einzusehen. Dasselbe kaiserliche Landesgericht verurtheilte, wie wir in dem Proceß »Albert Troll und Katharina Petrfilka« berichtet haben, den Raubmörder Albert Troll, der in Gemeinschaft mit seiner Geliebten einem jungen Mädchen, Elise Kolb, zu Pfingsten 1867 in der Vorstadt Gumpendorf den Hals abgeschnitten hatte, zu schwerem Kerker auf lebenslang. Hier war ebenfalls ein Mord begangen, ein Mord im Complot wie dort. Die Mörderin gehörte den höhern Lebenskreisen an, sie war also desto strafbarer, sie hatte noch weit größere Heimtücke angewendet, und ob auch ihr Motto ein anderes war, ihre Bosheit war darum wahrhaftig nicht geringer, ihr Werkzeug, das Gift, noch gefährlicher, ihr ganzes Thun noch durchdachter und raffinirter. Nach unserer unmaßgeblichen Meinung hätte sie mit demselben Maße gemessen werden müssen wie der Raubmörder Troll und dessen Geliebte Katharina Petrfilka.

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.