Kein Grab ist stumm

 

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Der Neue Pitaval (1868) VII.

VII. Der Prozess gegen Gustav Chorinskyi

Am 22. Juni 1868 stand der Graf Chorinsky vor dem Schwurgerichte in München. Die Verhandlung wider ihn, der ebenfalls ein sehr gewählter Kreis von Zuhörern, unter ihnen der Herzog Karl Theodor von Baiern, der Justizminister von Lutz u. a. beiwohnten, gewann dadurch ein besonderes Interesse, daß Zweifel entstanden, ob der Angeklagte bei gesundem Verstande gewesen sei. Wir müssen deshalb das Verhör des Angeklagten, was die Zeugen über seine Person und sein Vorleben, was die Sachverständigen über seine Zurechnungsfähigkeit gesagt haben, wir müssen auch das Plaidoyer ausführlicher mittheilen, als dies in Betreff des Processes wider Julie Ebergenyi geschehen ist.

Früh halb 9 Uhr wurde der Angeklagte in den Schwurgerichtssaal eingeführt. Ohne ein Zeichen innerer Erregung schritt er auf die Anklagebank und beantwortete ruhig und klar die an ihn gerichteten allgemeinen Fragen.

Bei Verlesung der Anklageschrift fährt er, als darin die Ebergenyi leichtsinnig und genußsüchtig genannt wird, auf: »Ist nicht wahr.« Vom Präsidenten zur Ruhe verwiesen, unterbricht er zwar nicht wieder, aber bewegt die Lippen fieberhaft, rückt unruhig auf dem Stuhle hin und her, reibt die Finger heftig gegeneinander und stößt etliche male mit dem Absatze des Stiefels stark auf den Boden.

Bei jener Stelle in einem Briefe an seinen Vater, in der es heißt: Man möge ihm helfen, er wolle Geistlicher werden, gleitet ein Lächeln über sein Gesicht.

Auf Befragen des Präsidenten gibt der Angeklagte an:

»Was ich früher gesagt habe, bitte ich nicht so zu nehmen, als wenn ich es nur aus Bosheit gesagt, oder aus Bosheit nicht alles gesagt hätte, was zur Erklärung diente, denn solange ich die Ebergenyi in ihrer schrecklichen Lage gewußt habe, fürchtete ich, daß irgendein Ausdruck von mir ihr schaden könnte, und deshalb habe ich immer zurückgehalten und nichts gesagt; aber jetzt werde ich die Wahrheit sagen von dem Momente an, wo ich die verstorbene Mathilde Ruef kennen gelernt habe. Ich kam im Jahre 1858 von Agram nach Linz in Garnison und bemerkte dort nach einiger Zeit im Theater von der Loge aus, daß mich eine Dame scharf fixirte. Ich schaute auch hin und sie gefiel mir so ziemlich. Ich machte ihre Bekanntschaft bei einer dortigen Schauspielerin, bei welcher wir uns öfters trafen, weil mein damaliger Oberst den Offizieren streng verboten hatte, sich mit Schauspielerinnen öffentlich zu zeigen. Bei einer solchen Gelegenheit war ein kleines Gelage mit Maitrank, und da war es, wo ich in beiderseitigem etwas starkem Rausche sie überredete, in einem Extrazimmer .... (Hier murmelt der etwas schwer zu verstehende Chorinsky einige Worte, welche der Journalistenloge und dem Saale unverständlich bleiben.) Nur das ist mir erinnerlich, daß sie nicht Jungfer war. Sie erzählte mir alle Familiengeheimnisse, sie wäre eine von Ruef, ihre Familie stamme aus Würtemberg und sei dort sehr angesehen; ihre Mutter sei eine Gräfin. Sie sagte ferner, sie besitze Vermögen, welches ein gewisser Moritz Hirsch in Würtemberg in Verwahrung habe. Sie hat mich gebeten, ihr Vorschüsse zu leisten, und ich habe ihr versprochen, sie zu heirathen, allein dies hätte in Oesterreich schwer gehalten, weil in Oesterreich ein Offizier keine Dame, die beim Theater ist, heirathen darf. Sie sprach auch von einer Verlobung, die ich mit ihr geschlossen hätte, aber eine Verlobung ist das nicht gewesen; ich habe ihr wie vielen andern Frauenzimmern gesagt, ich wollte sie heirathen, es ist mir aber hinterher nicht eingefallen. Sie brach ihren Contract, verließ das Theater und reiste nach München und Augsburg. Später ging sie nach Brünn und Troppau. Wir correspondirten und ich schickte ihr öfter Geld. Hierdurch kam ich so in Schulden, daß mein Oberst mir empfahl, den Dienst zu quittiren. Auch mein Vater gab mir denselben Rath und meinte, ich sollte nach Olmütz gehen, ins Kapitel eintreten und Domherr werden.
Endlich schrieb mir Mathilde, ich möchte zu ihr nach Salzburg kommen. Das that ich und lebte einige Zeit mit ihr. Als mein Vater es erfuhr, veranlaßte er ihre Ausweisung.
Ich machte den Feldzug in Italien mit und wurde bei Solferino Oberlieutenant. Auf der Heimkehr traf ich mit Mathilde in Verona zusammen und reiste mit ihr nach München und Augsburg. Ich trat dann wieder bei einem Regiment in Graz, später in Wien ein und hatte hier ein Verhältniß mit der Tochter eines pensionirten Artillerieobersten. Es kostete mir das viel Geld und ich ward wieder hart von meinen Gläubigern gedrängt. Da schrieb mir ein General, er wüßte im päpstlichen Heere eine famose Stelle für mich. Es würden Offiziere gesucht, die schon einen Feldzug mitgemacht hätten und eine Division oder ein Bataillon als Hauptleute commandiren könnten. Ich trat sofort ein.«

Der Präsident forderte den Angeklagten auf, sich kürzer zu fassen und nur das auf die Gräfin Bezügliche zu erzählen. Der Graf fuhr fort:

»Meine Vermählung mit Mathilde Ruef hat stattgefunden, als ich noch in päpstlichen Diensten war. Aber ich war nur acht Tage bei ihr, da bemerke ich, daß ich nicht mit ihr leben konnte, weil sie einen so fürchterlichen Geruch hatte.«

Präsident. Das hätten Sie aber schon früher merken können.

Angeklagter. Ich hatte ihr früher nie beigewohnt.

Präsident. Sie haben aber selbst gesagt, daß Sie in Linz den Beischlaf mit ihr vollzogen hätten.

Angeklagter. Bei Tage bemerkte man diesen Geruch nicht so wie bei Nacht. Uebrigens war sie auch zänkisch und ich erfuhr, daß sie kein Vermögen besaß und nicht von Adel war.

Präsident. Ihre Briefe an Mathilde aus jener Zeit athmen die glühendste Liebe.

Angeklagter. Das ist ganz richtig, weil ich erst viel später hörte, daß sie mit einem preußischen Offizier Umgang gepflogen hatte.

Präsident. Welche Liebesverhältnisse haben Sie in der ersten Zeit nach dem Zerwürfnisse mit Mathilde unterhalten? Haben Sie nicht eine gewisse Baronin Schrei in Brünn kennen gelernt?

Angeklagter. Ja, ich bin öfters zu ihr nach Brünn gekommen, aber weiter war es nichts.

Präsident. Haben Sie nicht auch ein Verhältniß mit einer gewissen Hottovy gehabt? Es liegen Briefe vor, in denen Sie ihr sehr zärtlich geschrieben haben.

Angeklagter. Ich habe ihr sehr zärtlich geschrieben, weil sie sehr gebildet ist und ich ihr noch 100 Fl. schuldig war.

Präsident. Wann haben Sie die Bekanntschaft der Stiftsdame Ebergenyi gemacht?

Angeklagter. Ich sah sie zum ersten mal am 6. Mai vorigen Jahres.

Präsident. Sie haben ein Verlobungsfest mit ihr gefeiert?

Angeklagter. Nein, wir haben blos Champagner getrunken.

Präsident. Hat die Ebergenyi gewußt, daß Sie verheirathet waren?

Angeklagter. Ja, ich habe es ihr gesagt.

Präsident. Ist nichts über den Zeitpunkt der Verehelichung bestimmt worden?

Angeklagter. Nein.

Präsident. Sie haben in einem Briefe an Ihre Frau erklärt, eins von Ihnen sei überflüssig, und dadurch zu erkennen gegeben, sie solle sich selber das Leben nehmen.

Angeklagter. Nein, ich habe ihr nie einen solchen Antrag gemacht.

Präsident. Wo war Julie Ebergenyi vom 19.-22. Nov. 1867?

Angeklagter. Hier.

Präsident. Warum haben Sie das anfangs geleugnet?

Angeklagter. Ich habe es anfangs nicht gesagt, weil sie mich gebeten hatte, es niemand zu sagen.

Präsident. Sie geben also zu, daß Julie mit Ihrer Einwilligung in München war?

Angeklagter. Nein, mit meiner Einwilligung nicht.

Präsident. Sie haben Zeugen verleiten wollen, auszusagen, daß Julie damals in Szecsen war.

Angeklagter. Ich habe es nur gethan, weil sie mich darum gebeten hatte.

Präsident. Was hat die Ebergenyi für eine Veranlassung gehabt, nach München zu reisen?

Angeklagter. Sie hat mir eine Dame vorgestellt, welche sie Horvath nannte, mit deren Hülfe wollte sie Papiere meiner Frau, die für die von mir beabsichtigte Scheidung von Wichtigkeit waren, bekommen.

Präsident. Sie haben sich also auf unrechtem Wege der Papiere bemächtigen wollen?

Angeklagter. Nein, nicht auf unrechtem Wege.

Präsident. Was sollen das für Papiere sein?

Angeklagter. Der Todtenschein des von Mathilde geborenen Kindes u. dgl.

Präsident. Warum haben Sie hiervon nichts in der Voruntersuchung gesagt?

Angeklagter. Weil ich der Ebergenyi nicht schaden wollte.

Präsident. Wer hat der Ebergenyi die Pässe besorgt?

Angeklagter. Ich habe sie besorgt, einen für die Horvath, einen für sie.

Präsident. Man besorgt doch nicht für fremde Leute Pässe.

Angeklagter. Das kommt in Wien öfters vor, und ich kannte die Horvath ja.

Präsident. Wie oft hatten Sie dieselbe gesehen?

Angeklagter. Drei- oder viermal.

Präsident. Ich glaube, daß die Ebergenyi beide Pässe gehabt hat, denn diese Horvath ist eine Person, die in ganz Ungarn nicht aufgefunden werden konnte.

Angeklagter. Dieselbe wurde mir vorgestellt.

Präsident. Warum reiste die Ebergenyi auf den falschen Namen einer Baronin Vay?

Angeklagter. Ich weiß nicht, warum.

Graf Chorinsky leugnet, daß die Ebergenyi Visitenkarten auf den Namen einer Baronin Vay habe machen lassen, und stellt in Abrede, ihr das Reisegeld verschafft zu haben. Er gesteht dagegen, daß sie durch ihn einen Empfehlungsbrief an Mathilde von Fräulein Agnes Mariot bekommen habe.

Präsident. Was hat die Ebergenyi nach ihrer Rückkehr von München gethan?

Angeklagter. Sie hat mich durch einen Dienstmann rufen lassen, und auf meine Frage, ob sie etwas bekommen habe, gesagt: »Nein, nein! Ich werde es Dir später erzählen!« Später machte sie mir Andeutungen, die Horvath möchte der Mathilde etwas gethan haben, und hierüber erschrocken, schickte ich den Rampacher nach München, um sich zu erkundigen, wie es mit Mathilde stehe.

Präsident. So etwas thut nur, wer seine Frau liebt, dies war aber nach Ihrem eigenen Zugeständnisse nicht der Fall.

Angeklagter. Ich habe eben geglaubt, es sei der Mathilde etwas geschehen.

In Betreff der Uebersendung der candirten Früchte gibt der Angeklagte an: die Horvath habe ihm die Schachtel zugestellt, er habe geglaubt, seiner Frau solle von der Horvath ein Schabernack gespielt werden, und deshalb die Besorgung durch Rampacher veranlaßt.

Weiter räumt er den Rath Lo Presti's, seine Frau nach Ungarn zu holen und sie dort so zu tractiren, daß sie in die Scheidung willige, ein. Dagegen bestreitet er, von der Anschaffung des Rattengiftes und der Chemikalien, insbesondere des Cyankali, durch seine Geliebte das Geringste zu wissen. Auf Vorhalt aus den Briefen, die er schrieb, während Julie in München war, gibt er an: Wenn darin von einem Ziele, was zu erreichen sei, gesprochen werde, so beziehe sich das auf die Erlangung der den Ehebruch Mathildens nachweisenden Dokumente. Unter der Gefahr, in die sich Julie rächt stürzen solle, habe er ein sich zwischen Mathilde und ihr etwa entspinnendes Handgemenge verstanden. Die Worte: »Gib Acht, daß Du die Pulver nicht verwechselst«, erklärt er damit, daß die Ebergenyi zweierlei homöopathische Pulver bei sich gehabt habe.

Präsident. Nachdem Ihnen diese Briefe in der Voruntersuchung vorgelesen worden waren, versprachen Sie, Geständnisse abzulegen. Dies ist nicht geschehen. Was haben Sie zu gestehen?

Angeklagter. Der Untersuchungsrichter fragte mich, ob ich ein Geständniß ablegen wollte, und ich antwortete blos Ja.

Präsident. Die Sache ist etwas anders. Im Protokolle heißt es: »Graf Chorinsky erklärte, er werde sich in einigen Tagen zum Verhör melden und ein vollkommenes Geständniß ablegen; und im Verhör vom 27. Dec. 1867 erklärte der Angeklagte, er wolle ein reumüthiges Bekenntniß ablegen, und bat, man möge ihm nur einige Tage Zeit lassen, um alles gehörig in seinem Geiste zu sammeln und zu ordnen.«

Angeklagter. Das habe ich nicht gesagt, das ist ein Irrthum des Untersuchungsrichters.

Präsident. Die Ebergenyi hat in der Voruntersuchung gestanden, die Gräfin mit Cyankali umgebracht zu haben.

Angeklagter. So eine That hat Julie nicht gethan. Dazu ist sie ein zu frommes und religiöses Mädchen.

Präsident. Julie Ebergenyi ist schuldig erklärt worden des Mordes und Sie werden der Anstiftung dieses Verbrechens und der Hülfeleistung dabei beschuldigt.

Angeklagter (heftig). Nein, das ist nicht wahr; ich glaube es nicht, nie und nimmermehr, daß Julie das gethan hat. Ich habe nichts gethan.

Präsident. Ich frage Sie zum Schluß: Bleiben Sie bei der Behauptung stehen, daß Sie an den Ihnen zur Last gelegten Handlungen unschuldig sind?

Angeklagter (rasch und entschieden). Ja.

Das Zeugenverhör und die verlesenen Urkunden erhoben zur Gewißheit, was wir bereits über den objektiven Thatbestand des Mordes und die Inzichten wider Julie Ebergenyi und den Grafen Chorinsky als feststehend früher mitgetheilt haben. Wir beschränken uns deshalb lediglich auf die Aussagen derjenigen Zeugen, welche über die Erziehung, den Charakter und das Benehmen des Angeklagten deponirt haben.

Ritter von Glanz war im Jahre 1844 und 1845 Hofmeister des Grafen. Er schildert ihn als einen sehr erregbaren Knaben und sagt: »Bei den geringsten Anlässen gerieth er in die höchste Aufregung und geberdete sich dann so widerspenstig, daß seine Mutter gerufen werden mußte. Auf ihre Ermahnungen hin warf er sich ihr mitunter plötzlich an den Hals, umarmte sie, küßte sie stürmisch und bat sie um Verzeihung. Manchmal halfen aber diese Ermahnungen auch nichts. Gewöhnlich kam der Knabe nach einiger Zeit von selbst zu mir und gab seine Reue zu erkennen. Eine Zeit lang ging es nachher gut, aber bei der unbedeutendsten Ursache ereignete sich wieder eine ähnliche Scene. Ich wußte nicht, was daraus werden sollte, wenn das so fortginge.
Das Studiren war nicht seine Sache, er wollte nicht aus eigenem Antriebe lernen, sondern es mußte ihm alles durch wiederholtes Repetiren eingeprägt werden.«

Der Buchhalter Mari, welcher früher als Feldwebel unter dem Grafen diente, gab an:

»Der Graf Chorinsky war zornig und leichtsinnig. Er ließ sich von seiner Umgebung leiten. Als ich einmal einen Mann in Arrest hatte setzen lassen, geberdete sich der Graf ganz wüthend und schrie mich so an, daß ich wol sah, es rappelte bei ihm, er war ein Narr.«

Präsident. Man nennt im gewöhnlichen Leben oft einen Menschen einen Narren, ohne damit sagen zu wollen, er sei geisteskrank. Wollen Sie durch das Wort Narr ausdrücken, der Graf sei geisteskrank?

Mari. Nein, ganz und gar nicht.

Angeklagter. Der Zeuge kann über mich gar nichts sagen. Ich war in päpstlichen Diensten und besitze die besten Zeugnisse, auch habe ich drei Decorationen.

Mari. In der päpstlichen Armee wurde bekanntlich alles decorirt, Herr Graf. Jeder Kapitän bekam den Piusorden.

Nach der Versicherung des jungen Mikulitsch (des Geliebten der Gräfin Chorinsky) hat letztere geäußert: es komme ihr manchmal vor, als ob ihr Mann etwas rappele; er sei ihr ein Räthsel, denn sie könne nicht begreifen, wie man ein schuldloses Weib so leidenschaftlich Hassen und verstoßen und auf der andern Seite doch wieder so gut sein könne.

Die Ebergenyi hat sich gegen eine Freundin über den Jähzorn und die Heftigkeit des Grafen beklagt.

Die Gräfin Stohm lernte den Grafen 1863 und 1864 in Brünn kennen: »Er hatte ein sehr gutes Herz. Seine schwache Seite war seine fürchterliche Schreibwuth. Er wollte mit einer Stiftsdame in Brünn eine Liebschaft anknüpfen und schrieb ihr Briefe von zwanzig enggeschriebenen Seiten. In die Briefe packte er ganze Packete von Blumen, sodaß man sie auf der Post nicht nehmen wollte. Er ging stundenlang vor ihrem Zimmer auf und ab und warf Blumen in die Fenster. Ein Stück von einem ihrer Kleider trug er auf dem Herzen, einen von ihr benutzten Schuh bewahrte er wie ein Heiligthum auf und schenkte ihr Haare aus seinem Barte.
Er beklagte sich über die Untreue seiner Gattin und wünschte von ihr geschieden zu sein. Als die Scheidung nicht durchzusetzen war und sein Verhältniß mit jener Stiftsdame gelöst werden sollte, gab er sich dem heftigsten Schmerze hin. Er bekam Zuckungen und lag länger als eine halbe Stunde ohne Besinnung da. Auf den Knien flehte er mich an, ihm noch eine Zusammenkunft zu gestatten, und erbot sich, er wolle sich als Bettelmann mit einem großen Barte verkleiden, sodaß ihn gewiß kein Mensch erkennen werde.
Kurze Zeit darauf sah er ein Fräulein von Prohaska nur ein einziges mal und sofort behauptete er, es habe ihn bei ihrem Anblicke ein magnetisches Feuer durchströmt, jetzt sei er ganz glücklich, sie sei ein Engel und nebenbei Millionärin.«

Der Oberst Döpfner, in dessen Bureau Chorinsky seit dem November 1866 beschäftigt war, spricht sich dahin aus: »Er ist seiner dienstlichen Aufgabe immer fleißig und pünktlich nachgekommen: sein Auftreten aber war unstet und unsicher. Er schien ganz von einer Richtung des Geistes eingenommen zu sein.«

Aehnlich der Rittmeister von Prittwitzer im Generalstabsbureau: »Während der Dauer seiner Dienstleistungen habe ich nie eine Geistesstörung wahrgenommen. In seinem Charakter ließ sich zeitweise ein heftiges Aufbrausen wegen geringfügiger Ursachen bemerken, doch war er schnell wieder besänftigt und ich schrieb dies seinem lebhaften Temperament zu. Für geistig gesund hielt ich ihn immer.«

Uebrigens hatten Döpfner und Prittwitzer nur dienstliche und keine nähern persönlichen Beziehungen zu Chorinsky.

Graf Wilczek, ein entfernter Verwandter des Angeklagten, hat nie eine Spur von Aufregung, noch weniger von Geistesstörung wahrgenommen. Chorinsky war bei seinen Kameraden beliebt und hatte sehr feine Begriffe von militärischer Ehre, weshalb er gern als Vermittler bei militärischen Ehrensachen in Anspruch genommen wurde; sein Charakter zeigte Herzensgüte, Anhänglichkeit an die Familie und er hielt ihn für einen ganz ehrenhaften Mann.

Dagegen lautet die vom Generalmajor Erzherzog Heinrich unterzeichnete Conduitenliste über seine letzte Dienstzeit im 12. Infanterieregiment: »Graf Chorinsky entstammt einer sehr achtbaren alten adelichen Familie, besitzt eine schwächliche Gesundheit, ist sehr leichtsinnig, lügenhaft, ohne ausgebildeten Charakter, ohne Ausdauer, von gewöhnlicher geistiger Begabung, ein großer Schwätzer, hat wenig Ehrgefühl, ist ohne besondere militärische Kenntnisse, spricht italienisch, französisch und englisch ziemlich gut, auch etwas russisch, kann gut reiten, fechten und schwimmen, benimmt sich brav vor dem Feinde - in der Schlacht von Königgrätz erhielt er einen Säbelhieb in die Brust und wurde mit dem Militärverdienstkreuz und der Kriegsdecoration ausgezeichnet -, ist ehrerbietig, aber nicht offen gegen seine Vorgesetzten, gegen Gleichgestellte herablassend und gefällig, wegen seines Leichtsinnes aber nicht angesehen; gesellig, artig, zieht sich aber von der bessern Gesellschaft zurück und sucht gern schlechte auf, ferner hat er eine große Neigung zum Schuldenmachen.«

Dem Operateur Bacher, welcher den Grafen im April sechs Wochen lang behandelte, ist der Angeklagte als sehr verwirrt aufgefallen, so, als ob es bei ihm nicht richtig sei. »Er redete oft auf der Straße mit sich selber, bemerkte oft die besten Bekannten nicht, ging bald schnell, bald langsam, bald machte er eine Miene, als ob er eine Festung stürmen wollte.«

Chorinsky fährt auf und ruft: »Daß er mich wegen meiner erfrorenen Füße operirt hat ist wahr, alles andere, was er sagt, ist unwahr und dumm.«

Der Feldmarschallieutenant Marenzi ist nur oberflächlich mit dem Grafen zusammengetroffen. Er hat gehört, Chorinsky sei in Laibach, wo er sich aufhielt, um Mannschaft für die päpstliche Armee anzuwerben, in eine Dame aus achtbarer Familie derart verliebt gewesen, daß er mehrere Stunden mit einer Pistole vor ihrem Fenster auf- und niederspazierte und drohte, er werde sich erschießen, wenn sie nicht am Fenster erscheine. In der Garnison habe man sein Betragen als das eines verrückten Kopfes bezeichnet, im persönlichen Umgange aber nichts Ungewöhnliches an ihm bemerkt.

Der Zeuge Rampacher bemerkt bei seiner Vernehmung beiläufig: er halte den Grafen für einen völligen Narren.

Der Angeklagte stampft mit dem Fuße, verzerrt das Gesicht, verdreht die Augen, gesticulirt mit den Händen und ruft: Ich bin nicht närrisch.

Rampacher erzählt nun, die Ebergenyi habe dem Grafen, wenn er fortgegangen sei, stets aus dem Fenster nachsehen müssen. Wenn sie es unterlassen, sei er jedesmal umgekehrt und habe ihr Vorwürfe gemacht. Er habe oft vor ihr auf den Knien gelegen, aus Eifersucht geweint und sich überhaupt äußerst excentrisch geberdet, sodaß er zu der eben von ihm ausgesprochenen Ueberzeugung gekommen sei.

Der Angeklagte schreit: »Die Behauptung geistiger Beschränktheit ist eine freche Unwahrheit, eine schwere Beleidigung, die ich mir ein für allemal verbitte.«

Die Witwe Marie Hottovy räumt ihr Verhältniß mit dem Grafen ein, behauptet aber, es sei in den letzten Monaten ein rein freundschaftliches und nicht mehr unkeusch gewesen. Sie will oft geistige Störungen an ihm beobachtet haben und fährt dann fort: »Wenn er recht erregt war, zerkratzte er sich die Brust mit seinen Nägeln und verwundete sich mit einem Messer. (Die Aerzte fanden allerdings derartige Narben.) So oft ich ein carrirtes oder geblümtes Kleid anhatte, suchte er den Anfang und das Ende des Musters, er zählte die Felder und berechnete deren Zahl. Ebenso machte er es mit dem Muster der Tapeten. Er sagte oft: «Geh' weg mit dem Kleide, es macht mich confus.»
In derartigen Erregungen agirte er mit den Händen, wiederholte eine Viertelstunde hindurch dieselben Worte und verdrehte die Augen. Einmal stach er sich mit einer Schere, stürzte nieder und war besinnungslos. Er hatte die seltsame Gewohnheit, seinen Geliebten statt der Haare Nägel zu schenken.«

Präsident. Warum thaten Sie das?

Angeklagter. Nägel bedeuten Glück, Haare Unglück. Die Narben auf meiner Brust rühren von einem Duell her und ich war nie närrisch.

Der Eisenmeister in der Fronfeste zu München bezeugt: »Der Graf wollte anfänglich immer Briefe heimlich wegschicken und suchte die Aufseher zu bestechen. Er war leidenschaftlich und erregbar, namentlich höchst empfindlich gegen die geringste Nachlässigkeit in Bezug auf Essen und Trinken. Bei einem kleinen derartigen Versehen wurde er ganz wüthend, ging mit geballten Fäusten auf mich los und schrie, er wolle nichts mehr essen. Auf ein ernstes Wort von mir wurde er wieder ruhig und bat mich bald nachher wegen seiner Ungebührlichkeit um Verzeihung. Er hatte einmal eine Wasserflasche zerbrochen und war darüber außer sich. Als ich ihm sagte, sie kostete nur 18 Kreuzer, freute er sich kindisch, so billig wegzukommen.
Im Frühjahr wurde ich in der Nacht an sein Bett gerufen. Er lag im Fieber und klagte über Herzkrampf. Ich legte ihm Senfteig auf die Brust, am andern Morgen verordnete Professor Dr. Martin Bäder und der Anfall wiederholte sich nicht.
Die Aufregung des Grafen war am stärksten im Anfang seiner Haft und in der letzten Zeit, nachdem ihm das Urtheil gegen die Ebergenyi durch einen Brief mitgetheilt worden war. In den ersten Tagen schlief der Graf fast gar nicht; als er die ersten Briefe von der Ebergenhi empfangen hatte, wußte er sich vor Freuden nicht zu lassen, der Jubel dauerte fünf Tage, dann ging es wieder los.«

Auf einige Fragen des Directors der Irrenanstalt von München, Dr. Solbrig, fügte der Eisenmeister noch hinzu: »Zuckungen habe ich nur in jener Nacht, wo ich gerufen wurde, Schaum vor dem Munde nie bemerkt. Ich glaube, der Graf könnte in seiner Aufregung einen Mann angreifen, z. B. einen Burschen niederschlagen, wenn derselbe auf seinen Ruf nicht gleich käme, aber er war gutmüthig und leicht zu besänftigen. Ueber die neuen Kleider, die ihm sein Vater in das Gefängniß schickte, freute er sich wie ein kleines Kind.«

Der Untersuchungsrichter Geiger gibt seine Aussage dahin ab: »Ich habe den Grafen Chorinsky während der Untersuchung oft besucht und zwar nicht blos in meiner amtlichen Eigenschaft, sondern auch wegen seiner Privat- und Familienverhältnisse, besonders wohnte ich auch den Unterredungen bei, wenn sein Bruder Karl ihn besuchte. Er hatte einiges Zutrauen zu mir gefaßt und ich glaubte, daß er sich mir gegenüber so gegeben hat, wie er wirklich war. In seinem Benehmen, seiner ganzen Vertheidigungsweise und seiner Korrespondenz lag für mich kein Anhaltspunkt für die Annahme, daß er geistig irgendwie getrübt sei. Er war auffallend gereizt und reizbar; es beherrschte ihn stets eine besondere Unruhe, er konnte bei keinem Gegenstand länger bleiben. Es scheint ihm die reifere Ueberlegung abzugehen und ich halte ihn trotz seiner 38 Jahre für keinen wirklichen Mann, denn er besitzt nicht die gemessene Ruhe eines Mannes. Der Graf Chorinsky wird, wie ich glaube, von seinen Leidenschaften überwältigt und fortgerissen und ich spreche ihm jene sittlichen Grundsätze nicht zu, vermöge deren andere Menschen ihre Leidenschaften zügeln. Seine Liebe zur Ebergenyi ist mir besonders aufgefallen. Sinnliche Naturen pflegen zu erkalten, nachdem sie ihr Ziel erreicht haben, bei ihm aber ist die Leidenschaft eher gestiegen.
Merkwürdig ist ferner seine Schreibsucht; er schrieb Briefe nicht von 3 oder 4, nein von 12-20 klein- und enggeschriebenen Quartseiten an die Ebergenyi, auf allen Seiten stehen dieselben überschwenglichen Betheuerungen seiner innigsten Liebe.
Sein Blick ist mitunter stier. Mit seiner Familie hat er, seitdem sein Vater die von ihm aus dem Gefängniß feierlich begehrte Einwilligung zu seiner Verehelichung mit der Ebergenyi versagt hat, zwar nicht ganz gebrochen, spricht aber in undankbarer und indiskreter Weise über sie. Seit dem Beginn der Untersuchung hat er sich den Nagel des kleinen Fingers wachsen lassen, um denselben später der Ebergenyi zu schenken. Ich halte ihn in Bezug auf seine geistigen Kräfte nicht für geschmälert, ich suche seine Schwäche nicht auf der intellektuellen, sondern auf der moralischen Seite.«

Vertheidiger. Halten Sie ihn für gutmüthig?

Geiger. Wenn ich absehe vom Gegenstande der vorliegenden Untersuchung, könnte ich ihn als gutmüthig ansehen, wie dies sinnliche Menschen ja gewöhnlich sind.

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.