Kein Grab ist stumm

 

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Der Neue Pitaval (1868) VIII.

VIII. Der Prozess gegen Gustav Chorinsky - Gutachten und Urteil

Am 26. April begann die Vernehmung der Sachverständigen, welche ihre Gutachten über den Geisteszustand des Angeklagten abzugeben hatten.

Professor Dr. Martin aus München, der ihn in der Haft bereits besucht und beobachtet hat, erklärt: »Die körperliche Untersuchung des Angeklagten berechtigt nicht zu einem Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit, denn der Kopf ist vollkommen proportional und normal, abgesehen von einer kleinen Erhöhung über dem linken Scheitelbein, welche jedoch die Entwickelung des Gehirns nicht hemmt. Sein Brustbein hat eine Einsenkung, welche von einer rhachitischen Bildung aus der Jugendzeit herrührt, was jedoch keinerlei störenden Einfluß übt, da der übrige Theil des Brustkorbes ausgedehnt ist. Kein anderes edles Organ desselben ist krank. Auffallend ist, daß die rechte Pupille etwas weiter ist als die linke, und daß sich die Pupillen träger zusammenziehen als bei andern Personen, dann die Bewegung seiner Extremitäten im Affect. Auch in der Fronfeste habe ich keine Erkraukmg und keinen epileptischen Anfall beobachtet; nur jene Aufregung war bemerkbar, die jeder Mensch unter solchen Umständen hat. Dies war namentlich so lange der Fall, als er über der Ebergenyi und sein Schicksal nicht im Klaren war. Auch beobachtete ich diese Aufregung immer, wenn ihm der Untersuchungsrichter eine Frage vorlegte, auf welche er nicht die passende Antwort wußte. Hier suchte er sich den Untersuchungsrichter vom Leibe zu halten, bis er mit der Antwort im Reinen war. Was sein Abspringen von einem Gegenstande zum andern betrifft, so habe ich dies nicht gefunden; doch bemerke ich, daß ich das Gespräch mit ihm geleitet habe. Gegen mich war er stets sehr freundlich, küßte und umarmte mich bei jedem Besuche. Nach allen diesen Beobachtungen geht mein Gutachten dahin: ich habe weder in der Voruntersuchung noch in der Verhandlung irgendwelche Anhaltepunkte zu der Annahme gefunden, daß die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten zur Zeit der That, insbesondere aber am 19., 20.-33. Nov. 1867 irgendwie alterirt und seine Urtheilskraft beschränkt gewesen sei.«

Uebereinstimmend hiermit sagt der Director der Irrenanstalt Professor Dr. Solbrig:

»Der Angeklagte spricht nicht immer gleichmäßig, er stößt hier und da mit der Zunge an, namentlich wenn er rasch und in Aufregung spricht. Der Graf hat mir erzählt, er sei öfters an der Lunge, am Typhus, an seinen Verwundungen krank gewesen, indeß hätten diese Krankheiten keinen weitern Einfluß auf sein persönliches Gesundheitsgefühl gehabt, nur habe er hier und da Ohnmachtsanfälle. Er bekomme Zuckungen, Herzklopfen und bei sehr hohen Affecten oder großen körperlichen Anstrengungen werde er ohnmächtig.

Diese Abnormitäten sind jedoch nicht als Seelenstörungen zu betrachten und überdies ist es, wenn der Angeklagte wirklich zu solchen Zufällen hinneigt, auffallend, daß die nun schon seit vier Tagen gegen ihn andauernde Procedur bei ihrer Einwirkung auf sein Gemüth, die Hitze, das große Publikum keine solche Ohnmacht hervorgerufen haben.

Aus allen Lebensperioden des Angeklagten liegen Zeugnisse über sein sittliches Verhalten vor. Alle sagen, daß Chorinsky eine nervöse, reizbare, launenhafte, zornmüthige, zu heftigen Reactionen geneigte Natur ist. Andererseits sind aber auch Belege da für seine Gutmüthigkeit, seinen Humor und für sein phantastisches, excentrisches und etwas komödienhaftes Benehmen. In der Liebe besonders war er zu Abenteuern aufgelegt, eine Neigung, die er allerdings mit vielen Offizieren seines Alters und Standes theilt. Er scheute auch den Spott seiner Kameraden nicht, wenn er seine wirkliche oder affectirte Liebe kundthun wollte. Psychologisch fällt dies jedoch nicht ins Gewicht. Für junge Offiziere ist es nichts Unerhörtes, wenn sie gelegentlich von einer geliebten Dame den Strumpf, den Schuh, den Handschuh oder ein Stück Kleid mitnehmen, an die Brust drücken und tragen, oder in einer schönen Sommernacht Blumen in das Fenster der Geliebten werfen, oder mit einem geladenen Revolver, der aber niemals losgeschossen wird, drohend auf- und abgehen.

Ein launischer Mensch, ein zorniger Mensch ist noch kein Narr, wenn man ihn auch mitunter so nennt.
Eine Geistesstörung des Angeklagten ist weder aus körperlichen Abnormitäten noch aus psychologischen Momenten abzuleiten. Dies beweisen auch seine Briefe. Sie sind meist aus der kritischen Zeit, immer lebhaft in der Form, aber stets logisch gegliedert, der Inhalt immer der Sachlage angepaßt, nichts confus. Die Liebesbriefe sind alle gleich, überschwenglich, aber das sind auch die Liebesbriefe anderer. Die Ebergenyi ist sicher keine phantastische Person, dennoch schreibt sie ebenso phantastisch. Wo es sich um ernste Dinge handelt, schreibt Chorinsky eindringlich und völlig angemessen, wie z. B. die Briefe an seine Frau wegen der Scheidung zeigen. Er.stellt ihr darin vor, wie sie ohne ihn leben könne, schmeichelt und wird, da er sieht, daß er sein Ziel nicht erreicht, grob.

Die Conduitenlisten ergeben, daß Chorinsky Verstand hat, denn kein dummer Mensch lernt so viele Sprachen und zeichnen wie er. Die Briefe an die Ebergenyi, während sie in München war, sind allerdings im Stil eines italienischen Bravo gehalten, der die Madonna für das Gelingen, eines Mordes anfleht, aber eine geistige Störung verrathen sie nicht. Der Schreiber ist nur sehr ungeduldig und weiß sehr gut, um was es sich handelt, was die Folgen der That sind.

In meinen Unterredungen mit ihm hat er immer formell correct gesprochen, er war unbefangen und gesprächig, weil es sich um unbedeutende Dinge handelte. In der Verhandlung, wo etwas darauf ankam, sprach er wenig, er leugnete die Thatsachen nicht, sondern suchte sie nur für sich weniger gravirend zu machen, sodaß ich glaube, vom Standpunkte des Angeklagten konnte keiner geschickter operiren. Ferner habe ich die große Selbstbeherrschung des Angeklagten beobachtet. Wo er auffuhr, oder im Begriff war aufzufahren, wurde er auf einen Wink des Vertheidigers wieder ruhig. Das thut kein Geisteskranker. Vor und nach den Sitzungen war er nicht aufgeregt, sondern benahm sich cavaliermäßig. Dies erkläre ich mir daraus, daß er den Willen hatte, ruhig zu sein, und es scheint mir dies natürlich, weil ein tapferer Soldat gerade in der Gefahr kaltblütig ist.

Ich bin demnach überzeugt, daß, wenn die dem Angeklagten zur Last gelegte That juristisch erwiesen werden kann, seine Zurechnungsfähigkeit nicht zu beanstanden ist. Wenn er in großem Affect ein Verbrechen mit Anwendung von Gewalt begangen hätte, würde ich sehr zweifelhaft sein, hier aber handelt es sich um einen prämeditirten Mord, es gingen mehrere Versuche voraus, der Angeklagte hatte, wenn dabei auch der Affect des Hasses im Spiele war, Zeit genug zur Ueberlegung. Ich wiederhole deshalb meine schon ausgesprochene Ansicht.«

Director Morel aus Rouen dagegen glaubt, daß der Angeklagte sich nicht in einem Zustande des Gemüths und der Seele befinde, um als verantwortlich erscheinen zu können. Wollte man aber auch annehmen, daß dieser Schluß etwas übertrieben sei, so werde man doch zugeben, daß er eine sehr beschränkte Urteilsfähigkeit besitze, wofür man Beispiele in allen Umständen seines Lebens ohne Ausnahme habe. »Ich will nun aber«, fährt er fort, »in Kürze zu beweisen versuchen, wie ich zu obigem Schlusse gekommen bin. Die Krankheit, an welcher der Angeklagte leidet, ist eine nervöse, die sowol in England als auch in Frankreich und Deutschland wohl bekannt ist. Man heißt sie «moralischer Wahn» oder auch «Handlungenverrücktheit». Solche Menschen glauben jedoch nie, daß sie verrückt sein. Sie haben es selbst an dem Angeklagten sehen können. Man heißt diese Krankheit auch die «Raisonnirkrankheit», in Frankreich auch den «heitern Wahnsinn». Solche Menschen sind manchmal geistreich, großmüthig, wie auch dieser Unglückliche hier, freundschaftlich, und wollen alles küssen und embrassiren. Bei alledem ist ihr Urtheil ein beschränktes; jedoch besitzen sie natürliche Fähigkeiten. Wenn ich Herrn Solbrig richtig verstanden habe, so hat er gesagt, daß Narren gewöhnlich nicht viele Sprachen lernen. Dagegen muß ich ihm bemerken, daß ich in meiner Anstalt Kranke habe, welche die verschiedensten Sprachen sprechen. Als ich in Deutschland reiste, um die Cretins zu studiren, habe ich sogar welche gefunden, die die Orgel in der Kirche spielten und zeichneten. Leute wie der Angeklagte schwanken von einem Extrem zum andern; sie können nicht anders; rasch gehen sie von der Liebe zum Haß über. Auf meine Frage, woher auf einmal dieser gewaltige Haß kam gegen die, welche er vorher so sehr geliebt, gab er mir blos zur Antwort: «Diese hasse ich, diese ist eine Jüdin, sie stinkt wie eine Jüdin.» Dieser rasche Uebergang ist gerade das Charakteristische an diesen Unglücklichen. Als Kinder schon bringen sie ihre Aeltern in Verzweiflung, als Familienväter plagen sie Weib und Kinder, und werden sie Beamte, so bringen sie alles in Unordnung und Verwirrung, und am Ende kommt es so weit, daß man sie in eine Irrenanstalt thun muß. Diese Art von Irren kennt man schon seit langem. Herr Collega Solbrig hat darauf hingewiesen, daß Narren nicht so leicht zu beruhigen seien. Da muß ich aber gleichfalls widersprechen. Bei richtiger Behandlung beruhigen sie sich sehr leicht, sodaß eine Zwangsjacke etwas ganz Ueberflüssiges ist. In meiner Anstalt wenigstens werden Sie keine finden. Kindisch bleiben diese Leute immer, sie sind eben «Grands enfants».

Wenn der Angeklagte freigesprochen wird und seinen frühem Lebenswandel fortsetzt, wird er ganz gewiß in etlichen Jahren paralytisch werden. Auf dem Wege dazu ist er jetzt schon, das beweisen die erweiterten Pupillen.«

Dr. Mayer, Universitätsprofessor zu Göttingen und Irrenhausdirector dortselbst: »Ich bedaure, daß der Angeklagte während seines ganzen Lebens nur einmal einer gründlichen ärztlichen Untersuchung unterworfen worden ist. Ich gestehe, daß ich mit einem gewissen Mistrauen an die Beobachtung der sich mir im Gefängnisse bietenden Erscheinungen gegangen bin. Der Angeklagte begegnete mir aber so unbefangen, daß jeder mögliche Verdacht einer Simulation vollständig entschwand. Der Widerwille des Angeklagten gegen jede Zumuthung, daß sein Geist gestört sein könnte, beweist, daß er nicht durch Simulation von Wahnsinn seine Strafe zu mildern gedenkt. Die Beobachtungen des Ritters von Glanz, der den Angeklagten in seinem dreizehnten Lebensjahre beobachtete, scheinen mir nach der Qualität des Zeugen von besonderer Wichtigkeit zu sein. Hiernach war dem Grafen ein gewisses nervöses Wesen eigen, was nach den Berichten der Familie schon lange vorher bestanden haben soll. Bei sehr geringfügigen Anlässen gerieth er in unbezwingliche Aufregung, sodaß mit Recht Herr von Glanz bemerkte, was daraus werden solle, wenn das so fortgehe. Mit 16 Jahren, als die sexuelle Entwickelung begann, verließ er das väterliche Haus und trat in die Armee. Er wurde wegen seines Leichtsinns vom Obersten getadelt und bestraft; noch ernster ist, daß er sich von einer Geliebten zur andern stürzte, und nachdem er den vollen Genuß des Erstrebten schon erlangt hatte, heirathete. Kaum war er einige Monate im Besitze einer Geliebten, so trat er wieder in ein neues Verhältniß. Frau Gräfin von Stohm hat von einem Verhältnisse in Brünn erzählt, dazwischen spielt has Verhältniß mit der Zeugin Hottovy, woraus das Verhältniß mit der Ebergenyi begann. Ich habe natürlich viel mit ihm über dieses Verhältniß gesprochen, welches das Centrum seiner Seelenbewegung bildet. Obwol die Ebergenyi eine offenbare Courtisane war, was man nur mit geschlossenen Augen nicht bemerken konnte, so blieb ihm doch diese Thatsache fremd; dies weist auf Mangel der Beobachtungsgabe und des Urtheils hin. Es frappirte mich, zu hören, mit welcher Begeisterung er von ihr sprach; sie war seine Heilige, das Ideal seines Lebens. Auffallend ist das magnetische Feuer, mit welchem er zu seiner Frau, dann zu der Dame, von der die Gräfin Stohm erzählt, zu der Hottovy, endlich zu der Ebergenyi hingezogen wurde. Selbst von einer Geistesstörung abgesehen, muß es frappiren, wie er eine nach der andern liebte und dann mit Fußtritten wieder fortjagte. Alle Zeugen bezeichnen seine nervöse Reizbarkeit als charakteristisch; ich glaube nicht, wie Herr Collega Solbrig, daß diese eigenthümliche Reizbarkeit sich in der Sphäre des gesunden Lebens bewegt. Ob ihn der Gedanke an ein entgegenstehendes Hinderniß, ob ihn die Verweigerung eines Wunsches erregt, er fällt in gleich große, excentrische Heftigkeit, ist aber rasch wieder gut. Ein gutes Wort, ein ruhiges Zusprechen besänftigt ihn vollständig. Ich glaube nicht, wie Herr Collega Solbrig - wenn ich ihn richtig verstanden habe - daß sich ein Narr so leicht beruhigen lasse.«

Solbrig (unterbrechend). »Ich habe nicht gesagt, daß Irre überhaupt nicht zu beruhigen seien; ich will nur sagen, daß eine Person, von der man sieht, daß sie eine bei irgendwelcher Gelegenheit entstandene heftige Aufregung sofort wieder dämpfen kann, ein gewisses Maß der Selbstbeherrschung hat.«

Professor Mayer (fährt fort). »Ebenso auffallend ist mir ein anderer wichtiger Umstand. Die Stimmungen im normalen Leben pflegen gewöhnlich den Vorstellungen zu folgen. Obwol mir Collega Morel den Angeklagten als lebhaft irritirt schilderte, so fand ich ihn doch unmittelbar nach dieser Angabe traurig und sehr still dasitzend. Als ich ihn fragte, ob er sich vielleicht vor der Verhandlung ängstige, verneinte er es und sagte, es werde sich schon machen mit seinem Proceß; sein Gemüthszustand entstehe von selbst und er sei besonders in den Morgenstunden davon befallen. Ein solcher Wechsel der Stimmung ohne äußere Gründe scheint mir sehr auffallend.

Ich darf ferner die Erzählung des Angeklagten nicht unerwähnt lassen, daß ihm die Ebergenyi erschienen, vor sein Bett getreten sei und zugerufen habe: «Gustav, komm, komm!» Auch glaubte er das Rauschen ihres Kleides zu vernehmen, und wähnte auch zu hören, wie sie hinausging. Ich lege gerade kein großes Gewicht auf einzelne Erscheinungen, da ich nach meiner Methode den ganzen Fall in seinen gesammten Erscheinungen auffasse, ohne das einzelne Symptom zu sehr zu betonen. Für bedeutender halte ich daher die Beobachtung der Zeugin Hottovy, daß der Angeklagte halbe Stunden lang gezählt habe, auch wenn sie ihn zu hindern suchte. Es scheint mir das zu den Erscheinungen zu gehören, welche die Aerzte als Zwangsgedanken bezeichnen.

Ich glaube, daß er hauptsächlich unter dem Einflusse der geschlechtlichen Aufregung in jene epileptischen Anfälle gerieth, von denen mehrere Zeugen sprachen. Dafür spricht auch der Umstand, daß sie im Gefängnisse seltener wurden, weil er dort den geschlechtlichen Excessen entzogen war. Die Anfälle sind epileptischer Natur, wenn auch die Convulsionen fehlen, was ja öfters stattfindet. Nach den heutigen Erfahrungen der Wissenschaft halte ich demnach den Angeklagten für geisteskrank von Natur, und halte ihn nicht blos für zeitenweise mehr oder weniger zurechnungsfähig, wie Dr. Morel, sondern rechne ihn zu jenen Wesen, denen man ihre Thaten gar nicht zurechnen darf.«

Dr. Gudden, Direktor der Irrenanstalt zu Werneck, führt des genauern aus, daß die kleinen Abnormitäten der Schädelbildung des Angeklagten von einer Zangengeburt herrühren, daß solche in einzelnen Fällen zwar große Diversionen der Schädelknochen hervorbringen können, daß aber im vorliegenden Falle nicht die mindeste Einwirkung auf die Ausbildung des Gehirns vorliege. Auffallend sei die größere Weite der rechten Pupille, auch sei ihm die Unruhe im Gesichte aufgefallen, welche während der Verhandlung, namentlich wenn er aufgeregt wurde, unverkennbar sei. Diese Erscheinungen dürften sich vielleicht doch auf Vorgänge im Gehirn zurückführen lassen, welche mit seiner Erregtheit im Zusammenhange stünden. Im übrigen theile er völlig die Anschauungen der Collegen Martin und Solbrig, und gebe sein Gutachten dahin ab, daß dem Angeklagten, wenn er nach dem Urtheile der Geschworenen der Theilnahme an der Ermordung der Gräfin für überwiesen erachtet werde, die volle Verantwortlichkeit für dieses Verbrechen zur Last falle, d. h. daß er in diesem Falle für vollkommen zurechnungsfähig erachtet werden müsse. Ganz anders würde er urtheilen, wenn der Graf Chorinsky persönlich z. B. einen Nebenbuhler in der Aufregung erstochen hätte, so aber habe er nicht nur die Tragweite seiner Handlungen berechnen und überlegen können, sondem er habe auch die Folgen gekannt, wie dies aus seinen Briefen, die er in den kritischen Tagen schrieb, deutlich hervorgehe. Die Auffassung des Hrn. Dr. Morel sei ihm nicht geläufig; er wisse nicht, was er sich unter dem »moralischen Wahn« oder der »moralischen Krankheit« denken solle.

Der Staatsanwalt richtet noch an Dr. Mayer die Frage, ob die Lehre von dem moralischen Wahne in der Wissenschaft sich schon Geltung verschafft habe.

Dr. Mayer erklärt, diese Lehre gehöre zwar noch in das Bereich der Controversen, aber sie gewinne täglich mehr Anhänger.

Der Angeklagte war während des Verhörs der Sachverständigen aus dem Saale entfernt worden, jetzt trat er wieder ein und der Präsident eröffnete ihm den Inhalt der verschiedenen Gutachten.

Am Nachmittage des 26. Juni 1868 begann das Plaidoyer. Der Staatsanwalt Wülfert faßte in einem zwei volle Stunden in Anspruch nehmenden gediegenen Vortrage alle die einzelnen Indicien, welche die Verhandlung für die Theilnahme des Angeklagten an dem Morde geliefert hatte, zu einem umfassenden klaren Bilde zusammen und ging darauf zur Prüfung der Frage über, ob der Graf Chorinsky im strafrechtlichen Sinne für die That verantwortlich gemacht werden könne. Er sagte: »Wer die Folgen einer That kennt, ist strafgesetzlich verantwortlich, wenn sich auch in seinem geistigen Leben nicht überall ganz normale Erscheinungen zeigen. Es gibt eine Reihe von Verfehlungen gegen das Gesetz, deren Strafbarkeit nicht sofort jedem Menschen erkennbar ist; aber es gibt auch gewisse Handlungen, die selbst dem geistig Beschränkten als unrecht erscheinen, weil sie ein grober Eingriff in die Rechtssphäre sind. Unter diesen Verbrechen ist der Mord das schwerste; es wird mithin der geringste Grad von geistiger Erkenntniß nöthig sein, um dessen Strafbarkeit einzusehen. Jedermann, ist im Stande, die Rechtswidrigkeit des Mordes zu erkennen. Und da es sich hier um einen Mord handelt, der unzweifelhaft monatelang überdacht, die Frucht reiflicher Ueberlegung gewesen ist, so wird um so mehr darauf zu bestehen sein, daß die Unfähigkeit, das Rechtswidrige zu erkennen, klar vorliege. Nun frage ich, erkannte der Angeklagte die Strafbarkeit seines Unternehmens oder nicht? Ich glaube, Ihnen die Antwort hierauf am deutlichsten durch die Niederschreibungen des Angeklagten vom 19.-22. Nov. 1867 geben zu können, welche von Angst und Sorge strotzen, und in welchen sich klar das Bewußtsein der Rechtswidrigkeit der Handlung ausspricht. Ebenso hat der Angeklagte in seiner ganzen Vertheidigungsweise von Anfang an ein Verhalten eingeschlagen, welches erkennen läßt, daß er sich klar bewußt war, welche Gefahr über ihm schwebte. Man hat in seinen Antworten anfänglich nichts Auffälliges gefunden, er hat sich mit größter Unumwundenheit über gleichgültige Dinge geäußert; als aber die eigentlichen Verhöre begannen, da hat er so knapp als möglich geantwortet und Erklärungen gegeben in Hülle und Fülle, welche seine Unschuld darthun sollten. Auch sein ganzes Auftreten hier im Saale beweist klar, daß er vollständig erkennt, um was es sich handelt. Er ist sich auch jetzt bewußt, eine rechtswidrige That begangen zu haben. Sein ganzes Handeln in dieser Sache ist das eines Vernünftigen; es entspricht jedes Wort, jede Handlung, jede That dem Zwecke, den sie verfolgt. Wer so zweckmäßig handelt, wer einsieht, was er begangen, und sich so zu vertheidigen weiß, ist nicht unzurechnungsfähig. Die zwei Sachverständigen, welche sich für die Unzurechnungsfähigkeit ausgesprochen haben, suchen dieselbe auf dem Gebiete des Willens - ob er nämlich sich frei bestimmen konnte für die Handlung, die er beging. Es liegen jedoch schlagende Beweise vor, daß Chorinsky vollkommen Herr seines Willens ist; die ganze Art seines Auftretens beweist dies. Die andern Experten haben mit Recht betont, daß er außerordentliche Proben von Selbstbeherrschung gegeben hat. Es wäre auch nicht möglich, das ein Mann, der die Freiheit des Willens im strafrechtlichen Sinne nicht hat, eine Stellung wiederholt und zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten hätte behaupten können. Man weiß nichts von Strafen und Ungehörigkeiten; mit Ausnahme von Schuldenmachen und leichtsinnigen Streichen war sein Verhalten im Dienste immer entsprechend, obwol gerade der Militärstand den größten Gehorsam und die strengste Selbstverleugnung auferlegt. Hier ist es erster Grundsatz, den eigenen Willen einem fremden unterzuordnen, und wir haben auch nicht die leiseste Andeutung, daß der Angeklagte sich gegen diesen ersten Grundsatz jemals verfehlt hat. Im Gegentheil, er wird als tüchtiger Soldat geschildert, und ganz gewiß kann niemand sagen, daß, wer eine Compagnie im Felde führen kann, nicht die nöthige Herrschaft über sich selbst besitze. Gewiß war es also rechtlich durchaus in die Willensfreiheit des Angeklagten gestellt, ob er seine Gattin ermorden wollte oder nicht. Daß er nicht den moralischen Fond gehabt habe, einem solchen Entschlüsse von Anfang an kräftig zu widerstehen, macht ihn in den Augen des Gesetzes nicht straflos, denn jeder ist eben verpflichtet, die sittlichen und rechtlichen Gesetze zu beobachten, und wenn er dies nicht thut, weil er vorzieht, seinen Trieben und Neigungen zu folgen, so ist er den Strafgesetzen verantwortlich. Angesichts dessen, was über das ganze Leben und die dienstliche Stellung des Angeklagten bekannt ist, bestreite ich entschieden, daß von den erwähnten zwei Sachverständigen der Beweis geliefert ist, der Graf sei so mangelhaft geistig ausgestattet, daß er die Strafbarkeit seiner Handlungen nicht hätte einsehen können, ich pflichte deshalb dem Gutachten der drei übrigen Sachverständigen bei. Die zwei andern Sachverständigen constatiren nur, daß der Graf, vorzüglich in Liebesangelegenheiten, besonders erregbar war; diese Erregung war aber vorübergehend, und außer diesem Zustande handelte er so vernünftig wie jeder andere. Sie werden mir daher beistimmen, wenn ich schließe, daß jenes ahnungsvolle Wort der Gräfin auf der ersten Seite ihres Tagebuchs: «Meine Liebe ist mein Hort, und in diesem Horte will ich sterben», sich erfüllt hat, freilich ganz anders, als sie dachte. Daß die selbstgewollte Zerrüttung der Ehe, daß das Hinderniß, welches die Ehe für die Vereinigung mit einer andern bildete, daß diese Umstände die Gründe des Verbrechens geworden sind, und daß Graf Chorinsky die Ebergenyi veranlaßt hat, seine Gattin zu tödten, darin werden Sie mit mir gewiß einverstanden sein.«

Hierauf erhielt der Vertheidiger Dr. Schauß das Wort. Er spricht sich zunächst über die Zurechnungsfähigkeit seines Clienten aus, indem er geltend macht: »Alle Zeugen geben dem Beschuldigten ein Zeugniß, welches dahin lautet: «Er ist ein gutmüthiger Mensch.» Entweder sprechen alle diese Zeugen die Unwahrheit, oder was er gethan und gesprochen ist Wahnsinn. Verbinden lassen sich die beiden Behauptungen, daß er ein gutmüthiger Mensch sei und daß er dieses Verbrechen verübt habe, absolut nicht. Man hat Ihnen gesagt, daß der Beschuldigte ein in der Liebe excentrischer Mensch sei. Ich habe alle Hochachtung vor der Liebesexcentricität, und ich glaube, keiner in diesem Saale ist so unglücklich, daß er sie nicht einmal in seiner jungen Brust gefühlt; aber nicht einer von uns ist in seiner Liebesexcentricität so weit gekommen wie in hundertfältigem Maße der Angeschuldigte. Wo sind die Verliebten zu finden, die sich die Brust zerfleischen, das Messer in die Brust stechen, ganze Nächte in den Straßen zubringen, alte Schuhe an sich nehmen und herumschleppen, Theile ihres Körpers abschneiden und der Geliebten aufdringen zur ewigen Erinnerung? Das ist Wahnsinn. Ich will nun zu beweisen versuchen, daß der Beschuldigte wirklich verrückt ist. (Angeklagter protestirt jedesmal, so oft ihn der Vertheidiger einen Verrückten u. dgl. nennt.) Ich will vor allem anführen, was der Untersuchungsrichter gesagt hat. Er sagte: «Der Angeschuldigte ist unruhig, aufwallend, leicht reizbar, einer ruhigen Ueberlegung nicht fähig, von den Leidenschaften nicht nur beeinflußt, sondern gänzlich bewältigt.» Ich glaube nun, gerade das ist das Kriterium der Unzurechnungsfähigkeit, daß man seine Leidenschaften nicht zügeln kann. Wir wissen, daß seine Geburt nicht ohne Schwierigkeiten vor sich ging, ein Umstand, der, wie wir von den Sachverständigen gehört haben, bei der Frage über die Zurechnungsfähigkeit schwer ins Gewicht fällt. Auch wissen wir, daß der Angeschuldigte in den ersten Jahren seines Lebens krank war und einen schweren Typhus durchgemacht hat. Auf meine Frage, warum er die Verstorbene in dem Maße gehaßt habe, daß der Haß selbst über das Grab noch hinausreiche, erhielt ich keine Antwort. Erst als ich ihn bearbeitete mit dem Einflusse, den ich über ihn habe, und den ich dem eines Irrenarztes über seinen Kranken vergleiche, vertraute er mir das Geheimniß an, daß sie einen ekelhaften Geruch, so einen Judengeruch gehabt habe. Ich lege die Hand ins Feuer für die Ueberzeugung, daß er glaubte, was er mir mittheilte, weil es unsinnig gewesen wäre, mir gegenüber einen derartigen Umstand aufzutischen. Man hat gesagt: die moralische Krankheit würde zur Immoralität. Das hätte einem grauen Haupte, wie Morel ist, nicht gesagt werden sollen. Morel vertritt keine Principien, die zur Immoralität führen. Er ist die erste Größe Frankreichs in seiner Wissenschaft und Führer einer ganzen Schule. Betrachten Sie ihn, ob er der Mann ist, um in seinem reifen Alter als Schwindler eine Krankheit zu erfinden, damit die Spitzbuben frei werden!

Meine Herren Geschworenen! Sie werden, wenn Sachverständige sagen: wir halten den Beschuldigten für reif, in eine Irrenanstalt gebracht zu werden, sich dreimal besinnen, ihn dem Henker auszuliefern. Glauben Sie denn, daß in Deutschland, ja in ganz Europa, nur die Frage der Thäterschaft geprüft werden wird, o nein, auch die psychiatrische Frage wird geprüft werden, und jedes nicht überlegte Wort wird gerichtet werden. Glauben Sie, daß ein Mann wie Morel ausgesprochen haben würde, in wenig Jahren ist der Angeklagte paralytisch, auf die Gefahr hin, daß man ihm dann vorwerfe: du hast die Unwahrheit gesagt? Wenn Sie aber auch glauben sollten, daß der Angeklagte Herr über seinen Willen war und moralische Kraft genug besaß, um seinen Trieben widerstehen zu können, so werden Sie mindestens geminderte Zurechnungsfähigkeit annehmen, die nach dem Wortlaute des Gesetzes gegeben ist, wenn die Fähigkeit der Selbstbestimmung oder die zur Erkenntniß der Strafbarkeit der That nöthige Urtheilskraft oder Freiheit der Willensbestimmung des Handelnden zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber doch in erheblichem Grade gemindert war. Die Anwendbarkeit dieses Artikels auf den Angeschuldigten wird wol niemand bestreiten. Ich erinnere Sie nochmals an das, was schon Morel bemerke: das ganze psychische Dasein des Angeklagten habe zwei Pole, Liebe und Haß. Wenn sich seine Seelenstimmung diesen beiden Polen nähert, ist sie krank, und alles, was zwischen diesen beiden Polen liegt, was er innerhalb derselben zu thun hat, kann trotzdem recht vernünftig sein.

Erlauben Sie, daß ich jetzt aus die Frage eingehe, ob Chorinsky an der That überhaupt betheiligt ist. Ich sage: diese Betheiligung ist nicht erwiesen. Mit Andeutungen und Folgerungen aus Briefen kann kein Verbrecher überführt werden, es würde sonst jede Gerechtigkeit aufhören; besonders muß ich das bestreiten bei der Anstiftung zu einem Verbrechen. Art. 54 des Strafgesetzbuchs verlangt hierzu ausdrücklichen Rath oder Auftrag durch Ueberreden, Versprechen oder Geben eines Lohnes u. s. w., mit andern Worten, man muß der geistige Vater der That sein. Was liegt nun für die intellektuelle Urheberschaft hier vor? Nichts! Eigentlich hat der Staatsanwalt dies selbst zugegeben. Die Beweise sind nur aus der Individualität des Angeklagten genommen; das genügt aber nicht.«

Der Vertheidiger sucht nun zu deduciren, daß die Ebergenyi auch möglicherweise aus eigenem Antriebe nach München gereist und den Mord verübt haben könne. Vielleicht habe sie das ungewisse Verhältniß mit dem Grafen satt bekommen und sich entschlossen, selbst zu handeln. Er schließt, indem er nochmals die Gutmüthigkeit des Grafen betont: »Es ist viel schneller gerichtet als geprüft. Prüfen Sie, aber lassen Sie sich nicht auf Vermuthungen ein. Urtheilen Sie nur nach wirklichen Beweisen und lassen Sie sich nicht beherrschen von der öffentlichen Meinung. Das würde eine große Gefahr für die Gerechtigkeit sein und das Institut der Schwurgerichte gefährden, welches uns so heilig ist.«

Nach dem Résumé des Präsidenten wurden den Geschworenen drei Fragen vorgelegt, die erste bezog sich darauf, ob der Graf Chorinsky der Anstifter des Mordes sei, die dritte betraf die Zurechnungsfähigkeit, die zweite Frage lautete: »Ist der Angeklagte schuldig, das Verbrechen der Theilnahme an einem Verbrechen des Mordes dadurch begangen zu haben, daß er die von Julie Ebergenyi beschlossene That unterstützte, der Julie Ebergenyi vor Beginn der Ausführung der That Belehrungen über die Art und Weise der Vollbringung derselben ertheilte, und behufs der Ausführung der That der Julie Ebergenyi mehrfache Hülfe leistete, so insbesondere durch Ermittelung und Bekanntgabe der Wohnung seiner Gattin Mathilde, durch Verschaffung falscher Reisepässe von Wien nach München, durch Verschaffung eines Empfehlungsbriefes, durch Einwechseln süddeutscher Münze, Bezeichnung hiesiger Gasthöfe, Besorgung des Wagens, mit dem die Ebergenyi auf die Eisenbahn fuhr, sowie durch vorherige Rathschläge und die Zusicherung eines Alibibeweises den vollbrachten Mord befördert und dazu Hülfe geleistet hat?«

Diese ebengedachte Frage wurde von den Geschworenen nach zweistündiger Berathung bejaht, die erste und dritte dagegen verneint. Hierauf beantragte der Staatsanwalt, den Angeklagten zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe zu verurtheilen.

Der Vertheidiger hielt mit Rücksicht auf die vorliegenden Milderungsgründe das Strafminimum von acht Jahren für ausreichend.

Der Gerichtshof erwog, daß hier ein monatelang vorbereiteter, raffinirt ausgeführter Gattenmord vorlag, andererseits daß der Angeklagte von einer der mächtigsten Leidenschaften zum Verbrechen getrieben worden war und überhaupt ein aufgeregter, nervös gereizter Mensch ist, und erkannte wider ihn eine zwanzigjährige, auf einer Festung zu erstehende Zuchthausstrafe und Landesverweisung nach verbüßter Strafe. Die Umwandlung der Zuchthaus- in Festungsstrafe ward gerechtfertigt durch seine Standes- und Familienverhältnisse, sowie durch die Zeugnisse seiner Vorgesetzten, die ihn als einen tapfern Offizier bezeichneten.

Der Angeklagte hörte das Urtheil ohne sichtliche Bewegung an. Er war unangenehm berührt, als der Staatsanwalt in seinem Strafantrage ihn nicht mehr Graf, sondern nur noch Gustav Chorinsky titulirte, und sprach sich nach dem Schlusse der Verhandlung verwundert darüber aus, daß die Strafe so hart ausgefallen sei. Wie er überhaupt auf seine Geburt und seinen Stand großen Werth legte, schien er auch erwartet zu haben, daß man es in Baiern nicht wagen würde, einen österreichischen Grafen, den Sohn eines kaiserlichen Statthalters, wie jeden andern gemeinen Verbrecher zu behandeln.

Die Manie zu schreiben verließ ihn auch nach Beendigung seines Processes nicht. Kurz vor seiner Abführung auf die Festung Rosenberg in Oberfranken schrieb er einen langen Brief an seinen Vater und bat darin um die Erlaubniß - Marie Hottovy heirathen zu dürfen. Er erging sich in den feurigsten Betheuernngen seiner Liebe und schwur, er werde wirklich verrückt werden oder sich das Leben nehmen, wenn diese seine Bitte nicht erfüllt werde.

Nach diesem Briefe ist seine zärtliche Liebe zur Ebergenyi in bittern Haß umgeschlagen. Die Ebergenyi ist der Dämon, der ihn für kurze Zeit seiner Marie entrissen. Er sagt: »Es war ja blos ein Wahnsinn diese Epoche mit Julie, die ich verfluche, nachdem ich durch beschworene Zeugen erfahren habe, wie elend sie mich betrogen. Unter dem Schwure, mich durch gerichtliche Schritte von Mathilde zu befreien, versicherte sie mich ihrer Unschuld und täuschte mich aufs künstlichste. Sie ließ sich für Geld im Arrest und in den Hotels verkuppeln und hatte noch eine Anzahl Liebhaber, was ich zu meinem höchsten Schmerze und meiner Wuth von allen beschwören hören mußte. Selbst im Arrest hat sie mit Arrestanten innige Verbindungen angeknüpft. Das muß zum Haß und zur Verachtung führen. Ich habe alles von ihr vernichtet und verfluche jene Zeit; nie will ich ihren Namen mehr hören.«

Dieser Brief scheint zu bestätigen, was der Direktor Morel sagte: »Leute wie der Angeklagte schwanken von einem Extrem zum andern, sie können nicht anders; rasch gehen sie von der Liebe zum Haß über.« Dennoch können wir uns nicht davon überzeugen, daß der Graf Chorinsky unzurechnungsfähig oder auch nur in dem Zustande geminderter Zurechnungsfähigkeit gewesen wäre, als er mit der Ebergenyi den Mordplan beredete und zur Ausführung des Verbrechens mitwirkte.

Chorinsky hat einen ganz bestimmten Zweck vor Augen gehabt - den Tod seiner Frau, die Ehelichung der Geliebten - und, um diesen Zweck zu erreichen, als es mit der Scheidung nicht ging, zunächst in einer Schachtel candirte Früchte geheimnißvoll und listig abgesendet, um entweder seine Gemahlin zu vergiften, oder sie für spätere giftige Geschenke empfänglich zu machen; dann hat er bei einem höchst zweifelhaften Menschen, dem Baron Lo Presti, sich Rath geholt, den Rath verworfen und zwei andere nicht minder zweifelhafte Subjecte Rampacher und Dierkes gedungen; endlich hat er den Mord durch seine Julie vollziehen lassen. Wir sehen also einen durchdachten, consequenten Plan. Nachdem der letzte Entschluß gefaßt ist, besorgt der Graf den Empfehlungsbrief, das bairische Geld, die Paßkarten, den Wagen. Er ertheilt Verhaltungsmaßregeln, lebt jede Stunde im Geiste mit der Mörderin zusammen, spricht von den Folgen der That und wie man sich vor ihnen schützen könne. Daraus folgt unwiderleglich, daß er weiß, um was es sich handelt, und auf die Vertheidigung bedacht ist. Ferner nach der That die Sendung Rampacher's, der von ihm mit in Scene gesetzte Alibibeweis, die von ihm erfundene Witwe Horvath, sind das nicht schlagende Beweise, daß er logisch richtig denkt? Und sein Benehmen in München, die Scheu vor der Polizei, seine enorme Lügenhaftigkeit - sind das Zeichen von Wahnsinn? Seine im Arrest geschriebenen Briefe, die Bitte an seinen Vater, zum Kaiser zu gehen, die Vermittelung einflußreicher Staatsmänner in Anspruch zu nehmen, die Bitte an den Freund, ihm eine Pistole zu senden, um sich tödten zu können, das sind doch alles deutliche Belege dafür, daß er seinen vollen Verstand besaß.

Endlich seine Haltung und Taktik in der fünftägigen Verhandlung! Er antwortet, er lügt sogar ganz correct, wo er die Lüge für zweckdienlich hält, er versteht alles, er folgt den Verhören genau und hat sich in der Gewalt. So benimmt sich kein Mensch, der den Verstand verloren hat.

Wir räumen ein, Chorinsky ist ein aufgeregter, leidenschaftlicher, jähzorniger, nervöser Mann, aber das ist himmelweit verschieden von einem Verrückten. Wir gestehen zu, Chorinsky ist ein Querkopf und hat seine Schrullen, aber ein Querkopf ist noch kein Narr, und wer Schrullen hat, gehört noch nicht ins Irrenhaus. Nein, Chorinsky wußte genau so gut wie jeder Leser dieser Zeilen, daß der Mord ein Verbrechen ist, deshalb hat er die That in seiner Weise vorsichtig und listig vorbereitet, deshalb hat er schon im voraus über seine Vertheidigung nachgedacht, deshalb hat er mit der Waffe der Lüge sich vor dem Schwerte der Gerechtigkeit retten wollen.

Wir bedauern, daß in einem solchen Falle, wo der Laie wahrhaftig nicht zweifelhaft sein wird, zwei angesehene Aerzte eine unhaltbare Theorie aufgestellt und noch dazu dieselbe auf einen Menschen, auf den sie nicht entfernt paßte, anzuwenden versucht haben. Es beweist dies, daß große Gelehrte mitunter sehr weit neben das Ziel schießen. Wir sind fest davon überzeugt, das sittliche Gefühl würde sich empört haben, wenn der Spruch der Geschworenen auf Nichtschuldig gelautet hätte.

Möglich, daß Gustav Chorinsky, entnervt durch seine Ausschweifungen, gebrandmarkt für immer, mit der Blutschuld auf dem Gewissen, in der Einsamkeit der Festung wahnsinnig wird. Zu der Zeit, wo der Mord vollbracht wurde, war er sicher ebenso Herr seiner Vernunft wie jeder andere Mörder, der, fortgerissen von der bösen Lust, Hand legt an ein Menschenleben.

Was die Höhe der Strafe anlangt, so dünkt es uns, daß 20 Jahre auf der Festung kaum eine ausreichende Buße sind für einen mit solcher Tücke verübten Gatten- und Giftmord; indeß geben wir zu, daß der Gerichtshof in München nicht wohl ein anderes Urtheil fällen durfte als das Landesgericht in Wien. Von dem mörderischen Paare konnte nicht ein Theil zum Tode oder zu lebenswierigem Zuchthause, der andere aber nur zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurtheilt werden, und man hatte, nachdem der Spruch in Wien ergangen war, in München kaum noch eine Wahl.

Das Drama ist zu Ende, entrüstet wenden wir uns ab von den Personen, die darin aufgetreten sind, mit Entsetzen blicken wir in den Abgrund von Unzucht, Lüge, Roheit, sittlicher Fäulniß und Gemeinheit, der sich vor unsern Augen öffnet; wir schließen mit dem Wunsche: möchte die Welt nie wieder einen solchen Criminalproceß sehen, der dadurch noch widerwärtiger und skandalöser wird, daß er in den Kreisen der ersten Gesellschaft spielt!

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.