Kein Grab ist stumm

 

Sektionen | Register | Suchen

 

<<< | >>>

 

 

 

Der Neue Pitaval (1868) I.

I. Der Mord

Im Anfang des Monats Oktober 1867 hatte sich unter dem Namen Mathilde Baronin von Ledske eine Dame bei der Cabinetsdienerwitwe Elise Hartmann in München eingemiethet. Sie lebte äußerst einfach und sparsam, fast ohne allen gesellschaftlichen Verkehr. Am 20. Nov. wurde ihre Einsamkeit durch Besuch unterbrochen. Sie erzählte der Witwe Hartmann, daß aus Wien eine ihr bis dahin unbekannte, aber von sehr lieber Seite empfohlene Dame angekommen sei, und traf Anordnungen, aus denen hervorging, daß sie die Fremde für den nächsten Abend zum Thee gebeten hatte. Die letztere kam schon am Morgen des 20. Nov. zweimal auf kürzere Zeit zu der Baronin; am 21. Nov. gingen beide Damen aus und kauften im Laden des Kaufmanns Kaiserberger einen Unterrock. Nachmittags um 4½ Uhr stellte sich der Gast aus Wien wieder ein und beide brachten mehrere Stunden in heiterer und vertraulicher Unterhaltung zu. Der nebenanwohnende Student Struve hörte, daß sie von Bekannten aus Rom, von Photographien u. dgl. m. miteinander plauderten. Schon im Laufe des Tages hatte Frau von Ledske zu Fanny Hartmann, der Tochter ihrer Hauswirthin, geäußert, sie wollte mit ihrem Gast das Actientheater besuchen; um 6 Uhr abends erbat sie sich von Fanny, die zufällig in ihr Zimmer kam, ein Opernglas und um 6½ Uhr rief die Fremde vom Gange aus nach der Frau Hartmann und frug, als die letztere infolge dessen erschien, ob die Stiege beleuchtet und ob ihre Tochter zu Hause sei? Frau Hartmann beantwortete beide Fragen und bemerkte zu ihrer Verwunderung, daß die fremde Dame sie nicht einen einzigen Blick in das Zimmer der Baronin thun ließ. Auf ihre dringende Bitte, sofort eine Droschke herbeizuholen, entfernte sich Frau Hartmann, kam aber schon nach fünf Minuten zurück, um zu melden, daß der Wagen augenblicklich Vorfahren werde. Das Zimmer der Baronin war verschlossen, es ließ sich niemand sehen und sie glaubte, daß die Damen, ohne die Droschke abzuwarten, den Weg ins Theater zu Fuß angetreten hätten. Die Baronin zeigte sich auch am 21. Nov. nicht, indeß Frau Hartmann hielt es für wahrscheinlich, daß sie bei ihrer Freundin aus Wien geblieben wäre. Als sie auch am 22. Nov. kein Lebenszeichen gab, erkundigte sich ihre Wirthin im Gasthof Zu den vier Jahreszeiten, wo die Fremde abgestiegen war. Hier erfuhr sie, daß die letztere bereits am Abend des 21. Nov. und zwar allein abgereist sei. Nun ward sie ernstlich besorgt und drang mit ihrer Tochter durch eine nicht benutzte Seitenthür in das Zimmer der Frau von Ledske. Der Anblick, der sich den beiden Frauen darbot, war grauenerregend: die Leiche der Baronin lag auf dem Fußboden zwischen dem Tisch und dem Sofa, mit dem Kopf auf dem Rande des Sofas, so, als ob sie langsam hinabgeglitten wäre. Aus dem Munde war ein Blutstrom hervorgequollen. Spuren äußerer Gewalt bemerkte man nicht; der Tod schien schon seit längerer Zeit eingetreten zu sein. Der Tisch war noch gerade so wie am Nachmittag des 21. Nov., zum Thee servirt, es standen zwei Tassen da, jede halb gefüllt, ferner Backwerk, Fleisch und Obst. Der Thee war aus der Kanne in den gläsernen Wasserkrug gegossen, die Theekanne fehlte, ebenso der Schlüssel zur Stubenthür und ein Kommodenschlüssel. Die Kerze war nicht heruntergebrannt, sondern ausgelöscht.

Diese auffallenden Umstände deuteten auf ein Verbrechen hin und es wurde deshalb am 24. Nov. von dem Gerichtsarzt Professor Dr. Martin und dem Professor Dr. Riedinger die gerichtliche Obduction der Leiche vorgenommen. Es ergab sich, daß der Tod weder durch eine innere, aus dem Organismus sich entwickelnde Krankheit, noch durch äußere Gewalt verursacht worden war. Der charakteristische Geruch des Mageninhalts, die Blutüberfüllung der Gefäße des Kopfes und der Brust, ein bedeutender Blutaustritt auf der Magenschleimhaut, die abnorme Flüssigkeit des nicht gerinnenden Blutes waren untrügliche Beweise für eine Vergiftung durch Blausäure. Die chemische Untersuchung bestätigte diese Annahme. Der Thee, die Milch, der Rum, die Früchte waren zwar frei von Gift, aber im Speisebrei des Magens wurde Blausäure nachgewiesen. In dem betreffenden Vortrage heißt es: »Der dickbreiige Mageninhalt, welcher hauptsächlich aus zerkleinertem Schinken und Kartoffelresten bestand, roch etwas faulig, aber außerdem so auffallend nach Blausäure, daß man schon dadurch auf die Vermuthung einer Blausäurevergiftung geführt wurde. Dieser mit Wasser verdünnte Magenbrei röthete Lackmuspapier ziemlich stark; als ein Theil davon destillirt wurde, ging gleich anfangs so viel Blausäure über, daß das Destillat nicht nur den charakteristischen Blausäuregeruch in hohem Grade besaß, sondern auch die bekannten chemischen Reaktionen der Blausäure in unverkennbarer Weise zeigte.

Nach beiläufiger Bestimmung war im Mageninhalt am neunten Tage nach dem Tode der Gräfin Chorinsky etwa 1-2 Gran wasserfreier Blausäure enthalten, d. h. so viel, als in 1 Quentchen der officinellen Blausäure und in ungefähr 2 Unzen Bittermandel- oder Kirschlorberwassers enthalten ist. Gräfin Chorinsky mußte aber eine größere Menge Blausäure erhalten haben, weil ein Theil des Giftes, abgesehen von der Verdunstung, in das Blut und andere Organe überging und deshalb nicht mehr im Magen gefunden werden konnte.

Bei einer wenige Tage nach der Section vorgenommenen mikroskopischen Beobachtung des Blutes waren die meisten rothen Blutkörperchen darin zerstört. Um zu sehen, ob sich in diesem Blute, welches wie ganz frisches Blut, aber durchaus nicht nach Blausäure roch, diese Säure am fünften Tage nach dem Tode chemisch nachweisen lasse, wurde ein Theil desselben gehörig mit Wasser verdünnt und der Destillation unterworfen. Die erste Portion des Destillats, welche besonders aufgefangen wurde, besaß den Geruch nach Blausäure ganz unverkennbar. Silberlösung brachte darin sogleich eine weiße Trübung hervor, die sich beim Schütteln zu einem flockigen, sich wie Cyansilber verhaltenden Niederschlag zusammenbegab. Das mit Kalilauge und hierauf mit ein paar Tropfen Eisenoxydul-Oxydlösung vermischte Destillat wurde beim Ansäuern mit Salzsäure intensiv blau und bildete nach einiger Zeit einen Niederschlag von Berlinerblau. Mit einigen Tropfen Schwefelammonium vermischt und auf ein kleines Volumen eingedampft, gab es mit Eisenchlorid eine intensiv blutrothe Färbung, welche bewies, daß sich hier Rhodanammonium gebildet hatte, das nur aus der im Destillat vorhandenen Blausäure entstanden sein konnte.

Durch diese Versuche ist also der Beweis auf das bestimmteste geliefert, daß sich noch am fünften Tage nach dem Tode Blausäure in dem Blute damit Vergifteter sicher erkennen läßt. Es ist dies selbst ein paar Wochen später noch gelungen; ja sogar in dem fast vertrockneten Blute, welches sich aus der Mundhöhle der Leiche über den obern Theil der Kleidung und auf die Stelle des Zimmerbodens ergossen hatte, auf welcher die Baronin Ledske am zweiten Tage nach ihrer Ermordung liegend gefunden wurde, konnte man auf die vorhin beschriebene Weise Spuren von Blausäure deutlich nachweisen, ebenso in den zur Untersuchung überschickten Eingeweiden, und namentlich in der Leber und Milz.«

Auf Grund des Befundes und des Gutachtens der Chemiker erklärten die Gerichtsärzte, daß die Baronin an rascher Zersetzung des Blutes infolge einer Vergiftung mit Blausäure gestorben sei, daß der Tod recht wohl zwei Tage vor der Auffindung der Leiche erfolgt sein könne, daß die Beibringung der Blausäure in Verbindung mit Kali, mithin als Cyankali, erfolgt sein möchte, daß schon das im Magen gefundene Quantum, welches indeß nur der geringere Theil des Giftes sei, zur Tödtung eines Menschen hinreiche, daß neben der Blausäure keine andere Ursache mitgewirkt habe und daß der Tod unter raschem Schwinden des Bewußtseins und ohne Schmerzensäußerungen sehr schnell erfolgt sein müsse.

Schon die ersten Erhebungen schlossen eine Vergiftung durch Zufall sowie einen Selbstmord aus. Es waren nicht die mindesten Anhaltepunkte weder dafür, daß die Baronin im Besitze eines Blausäurepräparats gewesen, noch daß sie ein solches etwa aus Irrthum hätte genießen können, vorhanden. Ihre Bekannten, insbesondere der Student Mikulitsch, welcher mit ihr in einem zärtlichen Verhältniß stand, und ihre Hausgenossen schilderten sie als eine lebensfrohe heitere Frau. Sie hatte sich noch am Abend des 21. Nov. vergnügt unterhalten und das Theater besuchen wollen, also offenbar nicht an eine Selbstentleibung gedacht. Das Auslöschen des Lichts, das Verschwinden des Zimmerschlüssels und der Theekanne wiesen ganz bestimmt auf einen Mord durch jene fremde Dame hin.

Die Baronin hatte werthvolle echte Schmucksachen und eine kleine Summe baares Geld besessen. Alles war noch vorhanden, auch die goldene Uhr, welche sie zu tragen pflegte, dagegen wurden Briefe und ein goldener Siegelring vermißt. Man schloß aus diesen Thatsachen, daß man es hier nicht mit einem Raubmorde, sondern mit einem Morde aus andern Motiven zu thun habe, und bot zunächst alles auf, um der fremden Dame auf die Spur zu kommen.

Am Mittwoch den 20. Nov., früh um 5¾ Uhr, war mit dem Zuge von Salzburg her eine junge, mit ausgesuchter Eleganz gekleidete Dame im Hotel Zu den vier Jahreszeiten vorgefahren. Sie hatte sich Maria Baronin Vay aus Wien genannt, ein Zimmer gefordert, Toilette gemacht, ein Gouté eingenommen und sich dann entfernt, um wie sie sagte die Stadt zu besichtigen.

Zugleich mit der Dame war ein Herr eingetroffen, er erhielt ein Zimmer nebenan, machte später seiner Nachbarin einen Besuch, ging abends mit ihr ins Theater und soupirte nachher mit ihr zusammen.

Beide übernachteten im Hotel, die Dame schlief sehr lange und lag noch im Bett, als das Stubenmädchen zwischen 10 und 11 Uhr in die Stube kam. Endlich stand sie auf, war aber offenbar sehr zerstreut, denn sie vergaß sich zu waschen und ließ ihre Fingerringe liegen. Sie brannte sich eine Cigarre an, die sie aus einem sogenannten Schlickpfeifchen rauchte, und zog sich an. Sie trug ein schwarzes mit weißer Seide ausgenähtes Kleid, eine Joppe von demselben Stoff, einen schwarzen Astrachanpelz und ein dunkles Hütchen, mit lilafarbenen Bändern garnirt. Ihr Schmuck bestand in Ohrgehängen und Busennadel von schwarzer Email, couvrirt mit weißen Todtenköpfen.

Sie ging aus, kam aber nachmittags 3 Uhr zurück und ließ sich ein Fläschchen Muscat Lunel und eine halbe Flasche Rothwein geben. Sie genoß von den Weinen nichts, sondern goß sie in zwei kleine Krystallflaschen, welche sie aus ihrem Koffer nahm und von dem Kellner zupfropfen ließ. Bei dem Lohndiener Deininger bestellte sie zwei Theaterbillets und sagte ihm, als er dieselben brachte, sie würde noch zwei Tage in München bleiben. Wie schon erwähnt, war die Fremde von 4½ bis 6½ Uhr bei der Baronin von Ledske und hatte die Frau Hartmann nach einer Droschke geschickt. Während ihrer kurzen Abwesenheit hörte der Student Struve eine Thür heftig zuschlagen, wahrscheinlich die vom Gange zur Treppe führende Thür. Um 7 Uhr erschien die Fremde erhitzt und in höchst aufgeregtem Zustande in ihrem Hotel, verlangte hastig ihre Rechnung und äußerte: sie habe soeben ein Telegramm von ihrem Gemahl erhalten und müsse unverzüglich nach Paris abreisen. Ein Telegramm war im Gasthofe nicht abgegeben worden, indeß es wurden die Sachen eilig gepackt, auch die beiden Fläschchen, von denen das eine mit Muscat-Lunel, wie die Dienerschaft im Gasthofe bemerkte, theilweise geleert war, und alles zur Abreise gerüstet. Die Dame war offenbar in großer Verwirrung, sie theilte brillante Trinkgelder aus, dem Kellner gab sie zweimal und wollte ihm sogar zum dritten mal Geld in die Hand drücken, endlich fuhr sie in Begleitung desselben Herrn, der am Tage zuvor ihr Cavalier gewesen war, auf den Bahnhof, reiste aber nicht nach Paris, sondern nach Wien.

Der Verdacht, daß diese Dame die Mörderin sei, war unter solchen Umständen ein sehr starker, allein sie war entflohen und der Name Marie Baronin Vay aus Wien ein falscher. Man erlangte indeß sehr bald und in höchst wundersamer Weise die nöthigen Aufschlüsse über ihre Person. Die Polizei hatte bei Durchsuchung des Nachlasses entdeckt, daß die Verstorbene nicht eine Baronin Ledske, sondern die Gräfin Mathilde Chorinsky-Ledske war. Seit dem Jahre 1862 lebte sie von ihrem Gatten, dem Oberlieutenant Gustav Grafen Chorinsky Freiherrn von Ledske, freiwillig geschieden, anfänglich in Wien im Hause ihrer Schwiegerältern, später in Augsburg und in Ulm, seit 1866 aber in München. Den Sommer des Jahres 1867 brachte sie in Kirchberg bei Reichenhall zu, am 4. Sept. miethete sie bei der Witwe Hartmann ein Logis. Sie erhielt von ihrem Schwiegervater monatlich 50-80 Fl., die Zinsen einer Caution von 12000 Fl., welche ihr Gatte hinterlegt hatte, und wurde von dem letztern bitter gehaßt. Aus mehrern Briefen, die man in ihrer Wohnung fand, ging hervor, daß der Graf in seiner Gemahlin geradezu den Fluch seines Lebens erblickte, weil sie seinen auf eine andere Verbindung gerichteten Wünschen im Wege stand und er die Zinsen jener Caution sehr ungern entbehrte.

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

<<< | >>>

 

Sektionen | Register | Suchen

 

ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.