Kein Grab ist stumm

 

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Der Neue Pitaval (1868) IV.

IV. Die Beweisführung

Der Graf Chorinsky war also in München, Julie von Ebergenyi in Wien verhaftet. Die Untersuchung wider den erstern wurde von dem bairischen Bezirksgerichte in München geführt, weil in dem Sprengel dieses Gerichts der Mord verübt und der Angeschuldigte betroffen worden war. Die Ebergenyi dagegen ward bei dem Landgerichte in Wien processirt, weil kein Staat einen seiner Unterthanen, der im Auslande wider das Strafgesetz gefrevelt hat, ausliefert.

Beide Untersuchungen greifen natürlich vielfach ineinander, beide waren Männem anvertraut, die ihr Fach gründlich verstanden. Es ist dem Scharfsinne, dem unermüdlichen Fleiße und der Geduld des bairischen und des österreichischen Untersuchungsrichters gelungen, in allen wesentlichen Stücken die Wahrheit aufzudecken. Man erhielt ein Bild, welches treu ist bis in die kleinsten Züge.

Wir zählen nun nacheinander die in der Untersuchung erhobenen Belastungsgründe auf, und man wird die Ueberzeugung gewinnen, daß in der Kette des Beweises auch nicht ein einziges Glied fehlt.

Wir sagten schon, daß der Graf Chorinsky seine Gemahlin anfänglich heiß liebte, allmählich aber kalt und gleichgültig gegen sie wurde und zuletzt sein Eheband nur noch als eine qualvolle Fessel, die ihn von Zukunft, Glück und Reichthum schied, fühlte. Seine Liebe schlug um in grimmigen Haß, er wollte von ihr geschieden sein und wenn eine Scheidung nicht durchzusetzen wäre, das Aeußerste wagen, um seine Freiheit wieder zu erringen. Die Stiftsdame Julie von Ebergenyi liebte er bis zum Wahnsinn, sie hatte ihm bereits alle Rechte des Gatten eingeräumt und die Hochzeit war festgesetzt.

Die Untersuchung erhob alle diese Punkte zur Gewißheit, insbesondere fielen ein Tagebuch der Gräfin Chorinsky, Briefe des Grafen an seine Frau und ein Brief von der Schwester Juliens, Agathe von Ebergenyi, an den Grafen Chorinsky in die Hand des Gerichts, welche volles Licht über die Sache verbreiten.

In dem Tagebuche, welches mit den Worten beginnt: »Meine Liebe ist mein Hort und in diesem Hort will ich sterben«, schreibt die Gräfin bald nach ihrer Verhei-rathung: »Gott segne meinen Mann und lasse mich nie vergessen, wie edel er an mir gehandelt hat! Amen.« Ferner: »Heute früh fuhr mein Mann fort; es ist nun so todt und öde; als der Zug an meinen Fenstern vorüberfuhr, stand gerade noch ein Stern am Himmel, möge er ihm Glück bedeuten.«

An einer andern Stelle: »Heute kam ein Brief von Brünn, der mich sehr gefreut hat, weil mir mein Gustav darin sagt, daß alle mich achten, sein Vater und die ganze Familie; ich bin glücklich, sehr glücklich darüber, und ich möchte den guten lieben Schwiegervater persönlich sehen und sprechen. Auch die Mutter hat mich lieb und achtet mich; ich küsse ihre Hände und danke Gott, daß er mir beistand, beide zu versöhnen.« ... »An Gustav's Geburtstag: Gott erhöre mein Gebet und gebe meinem Manne Glück, daß er bald (in die Armee) eintreten könne; ich werde zwar sehr traurig sein und weiß nicht, wie ich ohne ihn leben soll. Das Leben hat für mich wirklich viel Trübes: Gott gebe mir diesen braven Mann, denn ich liebe ihn und weiß es, er liebt auch mich und doch sind wir getrennt; möge ihn Gott segnen, ihm beistehen, damit er wieder froh sein kann, dann werde auch ich wieder zufriedener sein. Gebe der Allgütige, daß Gustav's Liebe nie erkalte, ich würde sonst lieber den Tod wünschen; ich lebe so nur halb, und fern von ihm leben zu müssen - o ich habe mir das nie gedacht; Gott segne mein Leben, mein Glück, meinen Gustav! Bleibe mein, Gustav, behalte mir Deine Liebe, ich lebe mit Dir! Gute Nacht an Deinem Geburtstage, glückauf; o nur einen Moment bei Dir, was wäre ich so froh!«

Der Ton des Tagebuchs wird indeß bald ein anderer. Wir lesen: »Ich ahnte, was er mir schreiben wollte; es bleibt mir also nichts übrig, als in ein Kloster zu gehen, damit er wieder frei werde und eine reiche Partie machen könne; es ist zu hart, zu viel auf einmal für mich; mein Gott, sei mir barmherzig! - O, Du mein armer Gustav!« - Oder: »Heute kam ein Brief von Gusti, der mir sehr wehe that, aber ich sage ihm das nicht, denn er muß sehr unglücklich sein, weil er dies schreiben konnte. Ich will alles, alles dulden, denn ihn treibt nur die Verzweiflung zu so bittern Worten.« Später: »Ich bin empört; was ich schon früher beschlossen, ich lasse mich nicht scheiden, wegen zu empörender Behandlung«; dann: »Als ich zur Abreise bereit war, kam ein Brief meines Mannes; zitternd öffne ich ihn; o Gustav, das habe ich nicht verdient; - Du schreibst zu grausam; welcher böse Dämon hat Dich solche Worte finden lassen? Du bist es nicht mehr; es ist ein anderer, der schrieb; so mich kränken! Herr, Gott, mein Gott, ich habe genug gelebt. Adieu, mein liebes Zimmerchen; ich küsse die Stelle, wo sein liebes Haupt gelegen; o, wie war ich glücklich hier.« - Ferner wieder: »Bis 12 Uhr (Mittag) erwartete ich in furchtbarer Aufregung meinen Gustav; endlich höre ich seine Schritte; sein erstes Wort beim Eintritt war: »Was thust Du hier? Wann gehst Du wieder?« Was weiter für Reden folgten, will ich nicht sagen. Es ist genug der Täuschung; er liebt eine andere.« ... In einer andern aus Brünn datirten Stelle: »... Ich habe eine Scene erlebt, von der besser wäre, ich hätte sie nie erlebt. Ich habe ihn mehr geliebt als Gott, dafür bin ich auch bestraft. Er behandelte mich so empörend, daß ich ihm die Thür wies und ihn einen Elenden nannte. Er sagte, er wolle die schändlichsten Lügen gegen mich ersinnen, wenn ich es wagte, in das Haus seiner Aeltern zu gehen. Mein Ideal ist zerstört, mein ganzer sittlicher Halt gebrochen, mein Leben entehrt!«

Aus Frankfurt am Main datirt: »Ich bebe, so oft man mich nach meinem Namen fragt und ob ich ihn noch liebhabe. Ich möchte oft laut aufschreien vor Schmerzen und ich darf den namenlosen Jammer nicht verrathen. Aber mitten drinnen flüstere ich oft den Namen Gustav, und da lachen mich dann die Mädchen aus, necken mich, ohne zu wissen, wie schmerzlich mich das berührt. Gott vergebe ihm, er weiß nicht, was er thut, er müßte sonst sich selbst verachten.
Er sollte meine Stütze bei den Aeltern sein und er wurde mein ärgster Feind. Allerdings sprechen die romanhaften Verhältnisse vor der Ehe gegen mich, aber ich handelte nur so, weil ich ihn liebhatte. Es wäre daher seine Pflicht, jeden Verdacht gegen mich fern zu halten und was ich ihm zu Liebe that, nicht falsch deuten zu lassen.
Es regt sich in mir der Verdacht, daß er mich bei seiner Mutter verdächtigt hat, das wäre das Aergste und Schändlichste, was er je gethan. Ich will die Mutter darüber fragen.
Die Mutter war soeben da, sie sagte, daß er mich nicht verdächtigte - soll ich es glauben, oder war es nur Schonung? Gott, verlasse mich nicht.«

Als die Gräfin in München wohnte, fürchtete sie sich vor einer Gewaltthat ihres Gatten, sie erklärte, sie würde sich um keinen Preis wieder mit ihm vereinigen. Sie besorgte, daß sie eines unnatürlichen Todes sterben würde, und als ihr eine Kartenschlägerin prophezeite: »Es wird eine fremde Dame kommen, die bringt den Tod, dann kommt der Mann und der alte Herr und dann die Todtengräber« - äußerte sie: »Ach das geht meinen Mann an, der hat mir schon früher nach dem Leben getrachtet.«

Die Briefe des Grafen an seine Gattin ergänzen die Notizen des Tagebuchs. Bald nach der Hochzeit schreibt er in den schwärmerischsten, überschwenglichsten Ausdrücken. Als er seine Frau verlassen hat und sich um den Wiedereintritt in die österreichische Armee bewirbt, wird der Ton kühler und dann herzlos und roh. Da heißt es: »Ich muß wieder heirathen und zwar ein reiches Mädchen, wäre es auch eine alte Jüdin, um nur aus der Geldverlegenheit herauszukommen. Du kannst ja wieder protestantisch werden, nach Berlin gehen und einen alten reichen Mann nehmen, damit Du mich mit Geld unterstützen kannst. Ich danke Dir für Deine Liebe, besser als Du kann niemand mit mir sein, allein ich bin jetzt rasend, toll und närrisch. Geld ist die Hauptsache, Liebe ist Sinnestäuschung. Mache mich nur frei, aber verschiebe es nicht auf die lange Bank, sonst machst Du mich noch verzweifelter, noch nie war ich so in Geldverlegenheit wie jetzt.«

In einem andern Briefe: »Ich rathe Dir, meinen Vater um 300 Fl. Geld anzugehen, ferner eine Erklärung beim Notar aufsetzen zu lassen, daß Du nie einen Anspruch auf mein Vermögen machen willst, denn sonst habe ich Schwierigkeiten bei meinem Eintritt ins stehende Heer. Nach Amerika gehe ich nicht zu diesen Schweinstruppen. Wenn es in Oesterreich nichts mehr ist, gehe ich nach Rußland.«

Wieder ein anderes mal: »Eins von uns ist zu viel. Du kannst ja irgendwo in ein «Haus» gehen, besser wirst Du es jedenfalls finden als jetzt. Ich bin wüthend auf Dich, denn wozu erst meine Aeltern fragen, ob wir uns scheiden lassen sollen? Ich will es einmal; ich bereue es, daß ich so dumm war, mein Wort zu halten und Dich zu heirathen. Merktest Du denn nicht schon lange, daß meine Zärtlichkeit erheuchelt war? Jetzt kenne ich ein Wesen, das edel und rein, von angesehenem Hause ist, der ich aber meine Gefühle nicht sagen darf, weil ich gebunden bin ... Du hast meine Carrière zerstört, Du wirst Dich doch nicht länger aufdringen wollen. Wenn Du nach Wien kommst, werde ich mir das Leben nehmen. Du wirst doch nicht glauben, daß Du meiner Familie angenehm bist? Sollten die Aeltern so dumm sein, Dich aufzunehmen, ich bin dagegen, weil Du mich genirst. ... Du bist mein Fluch, oft zuckt mir die Hand nach der Pistole, wenn ich denke, daß ich für ewig verheirathet bin. Schreibe mir nur nichts mehr als höchstens von einer gültigen Ehescheidung. Du kannst ja unter Abänderung des Namens zum Theater gehen.«

Endlich: »Diese Zeilen sind die letzten, die ich an Dich richte. Du bist nicht mehr werth, daß man «Du» zu Dir sagt. Ich werde Ihnen die Hälfte meines Einkommens geben, zu mehr bin ich nicht gesetzlich verpflichtet. Auch sende ich Ihnen Ihre Sachen zurück, die mich immer unangenehm berühren, so oft ich sie sehe.«

Wir werden später erfahren, daß der Graf in Briefen an dritte Personen seine Gemahlin mit den gemeinsten Schimpfworten belegte und den tödlichsten Haß gegen sie aussprach. Vorerst lassen wir noch zwei Briefe des Grafen an die Stiftsdame Ebergenyi, welche von seiner Leidenschaft für sie Zeugniß ablegen, einen Brief von Julie und einen Brief von Agathe von Ebergenyi an den Grafen folgen.

»Gustav an Julie.
Wien, am 2. August 1867.
Mein mehr als abgöttisch angebetetes, schönstes, einziges Weiberl! meine kleine allerliebste erhabenste Jützi! Du mein Abgott! meine Gottheit! mein Alles in Allem! Ich muß Dich bald heirathen. Du mußt mir Alles ermöglichen, wir müssen bald vor der Welt verehelicht sein.
Mein Glück kann ich nur in der Vereinigung, in der Ehe mit Dir finden, ach Deine Versicherungen machen mich so namenlos selig.
Ich schwöre es Dir bei meiner Ehre, bei Gott und der heiligen Maria als Edelmann und Offizier, ich muß und werde Dich heirathen, um auch der Welt zu zeigen, wie abgöttisch ich Dich liebe. Gott hat Dich mir als Schutzengel gesendet. Mehr als selig macht mich Dein Brief, mit Thränen danke ich Dir kniefällig dafür. Du bist so namenlos schön und reizend, ich schwöre Dir bei Gott, daß ich mit der rasendsten Liebe für ewig bin nur Dein Dich mehr als abgöttisch anbetendes Mannerl.
Dein ewig treuester Gustav.«

»Gustav an Julie.
Wien, am 9. August 1867.
Meine namenlos geliebte Jützi! Du mein Abgott! mein Alles, mein schönstes einziges liebstes Weiberl! Ich muß heute beim Obersten bleiben, ich bin so verzweifelt, daß ich weinen und schluchzen möchte, - aber warum kann ich jetzt nicht zu Dir, mein schönstes Weibi? Ich muß Dich im Frühjahr heirathen; ich kann es ohne Dich nicht länger aushalten, wir werden uns auch gewiß im Frühjahr heirathen, sonst sterbe ich. Gott muß uns helfen! Unter Thränen schwöre ich Dir ewige Treue
Dein Dich anbetendes Mannerl Gustav.«

»Julie an Gustav. (Ohne Datum.)
Mein unvergleichlich und über alles geliebter Gustav ! Die gestrigen Zeilen kann ich nur auf diese Weise fortsetzen mit den Worten der unbeschreiblich wahnsinnigen Liebe, die bei mir so überhandnimmt, daß ich mich kaum auskenne, noch ohne Dich mehr leben könnte.
Jetzt wird endlich bald die Zeit heranrücken, wo entschieden wird, ob ich mich mit ganzer Seele dem Vergnügen hingeben kann u. s. w.
Deine treu Dich liebende Julie.«

»Agathe Ebergenyi an Gustav Chorinsky. (Ohne Datum.)
Mein lieber Gustav! Nachdem Julie den Wunsch äußerte, die nächstfolgenden Briefe an Sie zu schreiben, so bitte ich Sie, nicht ungehalten zu sein, daß ich sogar die Pommade an Sie adressire.
Wir wollen ihr das alles so schicken, denn wir wollen alles, was sie bekommt, daß das elegant sei, dann habe ich auch noch eine Frage an Julie zu stellen - lachen Sie mich nicht aus - also ob Julie zu ihrer Staffirung auch Hosen haben will? Das ist eine wichtige Frage, bitte die Antwort ja nicht zu vergessen.
Sobald Eure Heirath declarirt werden kann, so bitte ich Sie, lieber Gustav, daß Sie mir das gewiß im selben Momente schreiben, denn wie es declarirt ist, will ich wenigstens versuchen, auch etwas zu Ihrem Avancement beizutragen - nun aber lachen Sie gewiß über mich, nicht wahr? Aber was wollen Sie, ich bilde mir halt ein bischen etwas ein thun zu können und das wäre so eine immense große Freude halt für mich. Und dann, wenn es declarirt ist, kommen wir auch sogleich nach Wien u. s. w.«

Wenn man diese Briefe liest und sich die Situation vergegenwärtigt, wird man begreiflich finden, daß die beiden Verlobten den Entschluß faßten, die Gräfin auf gewaltsame Weise aus dem Wege zu schaffen. Ueber die Art der Ausführung schwankten sie längere Zeit. Schon im Juli 1867 frug der Graf einen gewissen Theodor Rampacher, der eine Art Factotum im gräflichen Hause war und für geringen Lohn die verschiedenartigsten Dienste leistete, ob er nicht vom Regiment Deutschmeister her, bei welchem er früher gestanden, einen alten Lumpen kenne, dem man eine delicate Angelegenheit anvertrauen dürfe und der sich dazu brauchen lasse. Dabei machte der Graf eine Handbewegnng, als wenn er jemand Niederschlagen oder würgen wollte. Rampacher nannte den Hauptmann Dierkes und übernahm es, denselben zu einer bestimmten Stunde an das Eugen-Monument zu einer Zusammenkunft zu bestellen. Julie Ebergenyi war bei diesem Gespräche zwischen Chorinsky und Rampacher zugegen, es wurde indeß dabei nicht erwähnt, was der Lump von Deutschmeister thun sollte. Einige Tage später traf der Graf den Hauptmann Dierkes am Eugen-Denkmal. Er frug: »Sind Sie bereit, mir eine Gefälligkeit zu erweisen?« Dirkes erwiderte: »Mit Vergnügen!« Hierauf verlangte der Graf seine Karte und sagte: »Ich werde Ihnen schreiben.« Dierkes hörte jedoch nichts wieder und erfuhr nicht, welche Gefälligkeit gemeint war. Die räthselhafte Anwerbung dieses Hauptmanns Dierkes stand jedenfalls mit dem Mordplan in Verbindung, denn in einem Briefe des Grafen an seine Geliebte heißt es:

»Mein einzigstes, herzigstes, schönstes Weiberl! Ich möchte nur schon mit Dir verheirathet sein. Du wirst sehen, wie ich Dich auf den Händen tragen, vergöttern und anbeten werde.
Rampacher und Dierkes traf ich beim Eugen-Monument. Du hast halt in allem recht. Ich sagte dem Dierkes das, was Du mir heute sagtest, und er gab mir seine Adresse an und das Versprechen, stets gleich bereit zu sein.
Dein ewig treuestes Mannerl.
Dein Gustav.«

Bald darauf wurde eine höchst zweideutige Person, ein Baron Louis Lo Presti von Presburg, ein Bekannter der Ebergenyi'schen Familie, flehentlich um Beistand angegangen. Aus seiner Aussage geht hervor, daß die Anwendung der brutalsten Gewalt gegen die Gräfin - angeblich nur, um die Einwilligung zu einer Scheidung zu erpressen - in Vorschlag gebracht wurde. Julie namentlich ging mit Eifer darauf ein, als man proponirte, der Graf solle mit seiner Frau an einen abgelegenen Ort bei Presburg ziehen, seine Herrenrechte geltend machen und sie mishandeln, bis sie selbst die Lösung der Ehe fordere.

Lo Presti ward von ihr wiederholt gebeten, einen Todtenschein der Gräfin beizubringen - wie dies geschehen sollte, erfährt man nicht - und ferner zu ihrem Besten eine Collecte unter der Aristokratie von Ungarn zu veranstalten.

Der Baron scheint seine Mitwirkung abgelehnt zu haben, die Verwendung des Hauptmanns Dierkes gab man auf, wahrscheinlich, weil es bedenklich gefunden wurde, in ein so gefährliches Unternehmen Dritte einzuweihen. Ende August 1867 bestellte Fräulein von Ebergenyi unter der Adresse ihrer Modistin, Maria Ernst, Rattengift. Es ward verabreicht, aber von der Ernst, die nicht wußte, wie sie zu dieser Sendung kam, zurückgeschickt. Die Angeschuldigte gab an, sie habe das Gift, um ihr Holz vor den Ratten zu schützen, in ihren Keller setzen wollen, aber Ratten gab es in jenem Keller nicht und das Holz kam erst im November an.

Kaum war der Versuch, Rattengift zu bekommen, durch ein Versehen der Modistin Ernst misglückt, so wandte sich Julie Ebergenyi brieflich an den Photographen Camillo Angerer, einen ihrer »Freunde«, und bat ihn um Zusendung aller zum Photographiren dienlichen Präparate. Sie bemerkte dabei, daß ihr Bruder diese Chemikalien wünsche, um sich in dieser Kunst zu üben. Angerer übersandte ihr infolge dessen Silber, Chlorgold und ungefähr vier Loth Cyankali, ein Gift, welches gerade damals in Wien zu verschiedenen Aufsehen erregenden Morden und Selbstmorden verwendet worden war.

Der Bruder der Ebergenyi hat sich indeß niemals mit Photographiren beschäftigt und die Präparate dazu nicht erhalten. Als man der Angeschuldigten dies vorhielt, erklärte sie, dem Photographen Knebel in Steinamanger mit jenen Chemikalien ein Geschenk gemacht zu haben. Allein bei der Post war von deren Aufgabe nichts bekannt und Knebel leugnete bestimmt, sie empfangen zu haben.

Die Inquisitin befand sich demnach im Besitze des zum Morde tauglichen Mittels, denn ihre weitern Ausflüchte, sie habe das Cyankali einem Bekannten übergeben und sie habe es in die Donau geworfen, verdienen keinen Glauben.

Es scheint auch, daß das Gift nicht erst am 21. Nov., sondern schon im September benutzt worden ist. Am 11. Sept. nämlich händigte der Graf Chorinsky dem bereits erwähnten Rampacher in der Wohnung seiner Geliebten eine Schachtel mit candirten Früchten ein und beauftragte ihn, nach Brünn zu reisen und die Schachtel dort unter der Adresse der damals in Kirchberg bei Reichenhall weilenden Gräfin Chorinsky zur Post zu geben. Es war ein fingirter Ausgeber »Wammer« bezeichnet, ein Zettel lag dabei: »Jetzt rathen Sie, gnädige Frau, von wem?« Auf einem zweiten Zettel stand: »Ein aller Bekannter.« Versiegelt war die Schachtel mit einem Petschaft, welches die Anfangsbuchstaben von Dierkes' Namen trug. Julie hatte dasselbe eigens in Steinamanger anfertigen lassen.

Die Sendung kam am 13. Sept. 1867 bei der Gräfin an, aber sie genoß nichts von den Früchten, sondern vertheilte dieselben. Die Personen, welche sie verzehrten, verspürten kein Unwohlsein und auch die chemische Untersuchung etlicher noch vorhandener Früchte konnte die Beimengung von Gift nicht feststellen.

Dennoch muß man annehmen, daß ein Vergiftungsversuch gemacht worden ist. Dafür spricht der Umstand, daß dem Grafen Chorinsky und seiner Geliebten gegenüber der gehaßten Gräfin die Ausführung eines harmlosen Scherzes nicht zugetraut werden kann, dafür spricht der für die Ueberbringung der Schachtel nach Brünn gemachte Kostenaufwand von 30 Fl., die Rampacher erhielt, dafür sprechen die Umwege und die Vorsicht in Betreff des Aufgabeorts, des Siegels, der Schrift, dafür die dem Rampacher dringend auferlegte Pflicht der Verschwiegenheit, ferner die Aengstlichkeit, welche Julie über das Schicksal der Schachtel an den Tag legte, endlich der Umstand, daß Graf Chorinsky hartnäckig jede Kenntniß von dieser Sendung leugnete. Julie von Ebergenyi räumte übrigens halb und halb den Mordversuch ein, indem sie in der Untersuchung erklärte: »Eine gewisse Horvath, von der sie die Schachtel erhalten haben wollte, habe im Nebenzimmer daran herumhantiert und müsse etwas hineingethan haben, denn sie habe nach ihrem Zugeständnisse es schon damals auf die Gräfin abgesehen gehabt.«

Am 14. Sept. nahm Graf Chorinsky ein versiegeltes Packet, aus dem sich ein Klirren wie von Gläsern entnehmen ließ, mit nach Szecsen und gab es seiner Schwägerin Agathe, von der es später zurückverlangt wurde. Wahrscheinlich befand sich darin das vorsichtigerweise beiseitegeschaffte Gift, welches er sich wiedergeben ließ, als man es von neuem bedurfte.

Im Zusammenhange mit dieser Sendung und die darangeknöpften Erwartungen enthüllend, steht das von dem Grafen gerade damals verbreitete Gerücht, seine Frau sei in Reichenhall an einem Halsleiden plötzlich gestorben.

Daß die Früchte unschädlich waren, erklärt ein Chemiker auf eine sehr einleuchtende Art. Er sagt: »Nach seiner durch viele Versuche erprobten Erfahrung gehe bei einer Vermischung von Cyankali mit Zucker das Kali in sehr kurzer Zeit eine Verbindung mit dem Zucker ein, die Blausäure werde frei, verflüchtige sich und es könnten daher solchergestalt vergiftete Zuckerstoffe schon nach wenigen Tagen genossen werden.«

Im October und November 1867 sehen wir das Liebespaar Vorbereitungen treffen, welche auf einen direkten Angriff gegen das Leben der Gräfin deuten. Der Graf wandte sich an Fräulein Agnes Mariot, die von 1850-59 Erzieherin im Hause seiner Aeltern und mit seiner Gemahlin befreundet war, bat sie für eine geschiedene Frau Namens Marie Berger um ein Empfehlungsschreiben an die Gräfin und erhielt ein solches. Gleichzeitig zog er genaue Erkundigung über den Aufenthalt und die Wohnung seiner Gattin ein, vermied es aber, sich diese Aufschlüsse von seinem Vater, der, wie er wußte, mit der Schwiegertochter correspondirte, geben zu lassen, sondern wendete sich zuerst vergeblich an den Polizeicommissar Breitenfeld in Wien, dann mit Erfolg an den Legationsrath Zwierzina bei der österreichischen Gesandtschaft in München. Julie von Ebergenyi wurde von ihm mit Geld Süddeutscher Währung und zwei auf die Namen Marie Vay und Victoria Horvath lautenden Paßkarten versehen, welche er am 10. Nov. seinem Vater, dem Vorstande der Statthalterei, unter dem Vorwand einer Gefälligkeit für den Grafen Karl Esterhazy, abgeschwindelt hatte. Julie hatte sich bereits vorher Visitenkarten auf den Namen Marie Baronin Vay stechen lassen, um als solche auftreten zu können. Ihr Geliebter theilte ihr die Adressen einiger Hotels in München mit, gab ihr den Brief der Mariot, durch welchen sie sich bei seiner Gemahlin als Marie Berger vorstellen sollte, besorgte einen Wagen und fuhr mit ihr auf den Westbahnhof.

Julie von Ebergenyi ist am 19. Nov. nach München gereist, sie hat die Gräfin besucht und ist unmittelbar vor ihrem Tode mehrere Stunden lang allein mit ihr zusammengewesen.

Wir erwähnten bereits, daß sie die Reise nach München anfänglich zugab, später aber leugnete. Sie versuchte sogar einen Alibibeweis zu führen. Schon vor der Verhaftung schrieben sie und der Graf je zweimal nach Szecsen und baten die Angehörigen Juliens, im Falle einer gerichtlichen oder polizeilichen Anfrage zu beschwören, daß Julie vom 19.-22. Nov. in Szecsen gewesen sei. Auch nach der Verhaftung wurden diese Bemühungen von beiden fortgesetzt.

Ein Brief, den Julie heimlich im Gefängniß an ihren Bruder Stephan schrieb, lautet: »Lieber Stefi! Vertrauensvoll bitte ich Dich, indem Gustav sowol als ich vollkommen unschuldig sind, wenn Du es noch nicht gethan, gleich heute oder morgen bei meinem Rath (dem Untersuchungsrichter) zu beschwören, daß ich vom 19.-22. in der Früh bei Euch war.
Was die Zeitungen anfangs gebracht haben, ist alles unwahr, und ungültig. Wenn Du meine Bitte befolgst, so sind Gustav und ich dieser Tage rehabilitirt, bestell. Morgen habe ich noch großes Verhör. Wenn Du entweder schon geschworen hast, oder gewiß heute oder morgen beschwörst, so werde ich und Gustav vielleicht schon morgen freigelassen.
Zerreiße diese Zeilen. Obzwar wir ganz unschuldig sind, so will ich Dich doch bitten um Verzeihung, daß Ihr so vielem Kummer ausgesetzt seid.
Meine Heirath mit Gustav wird jetzt sehr bald zu Stande kommen. Mit der Bitte, nicht mehr zu zürnen und gewiß meine Bitte zu befolgen, küßt Dich Deine mit größtem Vertrauen ergebene Julie.
Lege jedenfalls den Eid ab und desto früher, desto besser, im Falle Du es noch nicht gethan.«

Juliens Verwandte weigerten sich, die Angeschuldigte herauszuschwören, und Agathe schrieb ihrer Schwester: »Ich zittere, das Bisherige hilft nichts, sinne etwas anderes aus, das ist unmöglich. Schreibe mir um Gottes willen schnell wieder. Du denkst nicht, wie die Menschen sind. Ich beschwöre Dich, auf die Hiesigen berufe Dich nie, die werden nichts für Dich thun.«

Die Identität der fremden Dame, welche am 20. Nov. in München anlangte und sich als Baronin Marie Vay in das Fremdenbuch einzeichnete, mit der Stiftsdame Julie von Ebergenyi ist über allen Zweifel erhoben worden.

Ihr Hausmeister in Wien und ihr Dienstmädchen haben sie am 19. Nov. abreisen sehen, sie trug damals ein schwarzes seidenes Kleid, eine dergleichen Jacke, einen Hut mit Lilabändern, einen Astrachanpelz, eine schwarz-emaillirte Schmuckgarnitur mit weißen Todtenköpfen und ein Cigarrenpfeifchen mit einer auf Emaille gebrannten Krone. Als Reisegepäck führte sie einen kleinen grauen Koffer bei sich. Alle diese Gegenstände sind im Besitz der Stiftsdame Ebergenyi vorgefunden und von den Zeugen, mit denen die Baronin Vay in München zusammenkam, anerkannt worden.

Der Kutscher, welcher sie in Wien auf den Westbahnhof fuhr, wurde ermittelt, ebenso zwei Träger, die dort ihr Gepäck besorgten. Der eine löste für sie eine Eintrittskarte in den Wartesalon erster Klasse und wollte sie bei dem Abgange des Zugs in ein Damencoupe placiren, sie stieg aber mit den Worten: »Ich rauche ja selbst«, in ein Coupé für Herren.

Die Hauswirthin der Gräfin Chorinsky und deren Tochter, die Dienstleute in dem Hotel Zu den vier Jahreszeiten, der Lohndiener Deininger, der ihr die Theaterbillets brachte, und ein Ladenmädchen in der Handlung des Kaufmanns Kaiserberger recognoscirten die Angeschuldigte als die unter dem Namen Baronin Vay reisende Dame. Bei Kaiserberger, wo sie in Gesellschaft der Gräfin Chorinsky einen grauen Unterrock kaufte, sagte sie noch beim Herausgehen zur Gräfin: »In anderthalb Stunden komme ich zu Ihnen zum Thee.«

Heinrich Umlauft, ein Handlungsdiener aus Tirol, stieg in Salzburg in das Coupé, wo Julie von Ebergenyi saß, er war in München ihr galanter Cavalier, begleitete sie am 20. Nov. ins Theater, soupirte nachher mit ihr und fuhr mit ihr am 21. Nov. auf den Bahnhof. Auch Umlauft erkannte sie wieder, und endlich ward sie in Salzburg auf der Rückreise nach Wien von mehrern Personen gesehen.

Anfänglich behauptete die Inquisitin trotz alledem, sie sei nicht in München gewesen. Die Baronin Vay habe ihre Toilette täuschend nachgeahmt, von ihr den Schmuck und das Cigarrenpfeifchen geborgt, für sie den Unterrock besorgt und ihr denselben nebst zwei Fläschchen mit Muscat Lunel und Rothwein zugesendet.

Ihre Taktik ging darauf hinaus, das Gericht glauben zu machen, daß die von ihr fingirte Baronin Vay den Mord vollbracht habe. Sie berief sich darauf, die Baronin habe ihr in einem Briefe mitgetheilt, daß die Gräfin plötzlich an einem Schranke stehend mit einem Fluche gegen die Familie ihres Mannes auf den Lippen todt niedergefallen sei. Den Brief wollte sie kurz vor ihrer Verhaftung im Beisein ihrer Schwester Agathe verbrannt haben.

Im Gefängnisse verfaßte sie unter dem Namen der Baronin Vay ein Schreiben, welches ein Geständniß der letztern enthielt und sogar die Sendung der Schachtel mit candirten Früchten in einer Nachschrift bespricht. Es sollte durch die Nichte ihrer Zellengenossin, Pauline Wiedermann, aus dem Arrest geschmuggelt, von dieser copirt und von Linz oder Presburg mit der Post an das Untersuchungsgericht geschickt werden.

Gleichzeitig fertigte sie eine Instruction für den Grafen Chorinsky, wie er seine Aussagen einrichten sollte, damit sie beide freikämen.

Beide Schriftstücke wurden saisirt und verwandelten sich in gefährliche Waffen wider Julie von Ebergenyi.

Der Brief der angeblichen Baronin Vay lautete:

»Liebe Julie! Mein so langes Stillschweigen wirst Du als Undankbarkeit deuten, was aber nicht der Fall, denn Du bist die einzige Seele, gegenüber der ich alles selbst schriftlich berühre, was an mein Herz liegt, weil ich Deiner Discretion so überzeugt bin, als wäre es dem Gott geweiht. Dir von diesen Worten den vollen Beweis zu geben, will ich Dir sagen, daß ich die letzte Zeit mit so viel Kummer und Sorgen zu kämpfen gehabt, der größten Enttäuschung unterworfen gewesen, daß ich selbst bei meiner Dir bekannten Heiterkeit, beinahe Leichtsinn, es kaum ertragen kann und vom Fluch Gottes mich begleitet glaube, indem mir jetzt alles misglückt, was ich unternahm.
Oberflächlich glaube ich Dir erzählt zu haben, daß ich ein intimes Verhältniß habe, wodurch ich meine Zukunft verbessern zu hoffen glaubte. Jetzt, wo der Moment hier wäre zu der günstigsten Folge, habe ich so bittere Erfahrungen gemacht, daß ich diesen Menschen, ohne seinen Namen zu verrathen, den elendesten Schuft nennen kann.
Verzeih, wenn ich mich etwas ereifere, er verdient die schändlichsten Namen. Ich habe ihm zu Liebe meine ganze Familie geschändet, reiste, was ich zwar genöthigt war, immer zu thun, sowie ich es noch thue - unter fremdem Namen, selbst vor Dir, meine liebste Bekannte, stellte ich mich unter einem andern Namen vor, was ich Dir auch bei meiner mittheilsamen Stimmung aufkläre, weil ich Dich nicht betrügen will, - bitte Dich aber doch um Verzeihung, und schenke mir das Glück, daß Du mir mit diesem falschen Namen Marie Vay nicht weniger zürnen wirst und vielleicht auffassen, daß die Verhältnisse mich dazu bewogen.
Außer diesen Sachen hat mich dieser Lump zu so vielen schlechten Thaten gebracht, daß ich jetzt gar nicht weiß, wie und wo es zu verantworten; denn daß ich bisjetzt so glücklich durchgekommen, daß auf mich kein Verdacht gefallen, nur durch seine verdorbene Leitung, wo er mich mit allen Schleichwegen bekannt gemacht und mit verschiedenen Anerkennungsmitteln versehen.
Leider, daß ich das alles zu spät einsehe, und würde ich mich nicht abhalten, als Verrätherin dazustehen, - so könnte er auf das Schlimmste gefaßt sein, was er wirklich verdienen möchte.
Ich bin zwar auch nicht so ganz schuldlos, aber gewiß nicht mit so schlechten Absichten gethan. Habe, liebe Julie Geduld mit meiner langen Beschreibung - mir erleichtert auf das meiste, eine so genaue freundschaftliche Mittheilung machen zu können, mein so sehr tiefbetrübtes Herz - daher will ich Dir auch eine That schildern, was Du Dir vielleicht nie gedacht, noch vorstellen hättest können. Wenn er auch Baron ist, so bleibt er vor mir doch nur der elende Schuft, der mich selbst zu diesem Verbrechen gebracht, welches Schauder erregend ist.
Aus diesem Grunde konnte ich Dir eine so ausführliche Beschreibung geben über den Tod der Mathilde Chorinsky, weil ich diejenige war, die es zwar mit den bittersten Thränen - aber vor Dir gestehe, es gethan zu haben, weil er mich mit dem Versprechen, mich zu heirathen, dazu brachte, und jetzt hörte ich, daß er eine so häßliche Maitresse haben soll.
Die gute Mathilde hat zwar mehrere Curmacher gehabt - hat aber diesen am meisten gefesselt, wenigstens hat er es behauptet - und, da er sich doch losmachen wollte, hat dieser infame Lump mich zu diesem furchtbaren Verbrechen auserkoren, welchen Dank ich dafür habe, daß ich lebelang das unglücklichste Wesen bleib.
Ich machte mich auch gefaßt, wenn in paar Tagen noch keine Seelenruhe bei mir eintrifft, mir das Leben zu nehmen und auf eine Weise, daß ja niemand meinen Körper findet, daß ich nach meinem Tod wenigstens verhüten kann, daß meiner armen Familie diese unbeschreibliche Schande nicht zutheil wird. Ich glaube, die Fluchworte der Mathilde, ungeachtet daß ich kein Glied der Chorinsky'schen Familie kenne, sind mehr auf mich übergegangen, was ich zwar eines Theiles verdiene, jedoch nicht mit so schlechter Absicht geschehen, als von seiner Seite.
Hier halte ich mich nur ein, zwei Stunden auf, bin ganz incognito; wann ich nach Wien kommen, oder überhaupt, ob ich je mehr kommen kann, ist in große Frage zu stellen; daher, liebe Julie, bitte ich Dich, die Gegenstände, die ich Dir Freitag, 22. geschickt, entweder sogleich zu vertilgen, oder Dir behalten, wenn Du es benöthigen könntest - nur diese kleine Flasche mit die weißen Zuckerln werfe sogleich weg, daß niemand es in die Hände bekommen kann, noch gesehen wird, alles übrige stelle ich Dir zur Verfügung.
Da ich glaube und hoffe, daß Dich interessiren wird, daß ich gestern das letzte Cigarette geraucht, welches Du so gut warst mir zu geben - aber auch das Cigarrenspitz, welches ich auch nach den Deinen auf poreellaine gemalt von dem elenden Kerl mit seiner Baronkrone bekommen, zerbrochen.
Wie Du siehst, liebe Julie, wie in allen diesen Kleinigkeiten, so in allen andern habe ich Unglück - ich sehe schon meinen baldigen Untergang. Wenn Gott es will, werde ich mich ergeben trachten.
Seither, als Dir die Gegenstände geschickt, war ich für 2 Tage in Wien, wollte Dich auch aufsuchen, da aber am Fenster nicht die Erkennungszeichen war, so hab' ich es unterlassen, eben aus diesem Grund, weil ich nicht bestimmt weiß, ob Du in Wien bist oder Heimath, so adressire ich diesen Brief zu Deiner Freundin und hoffe, daß sie es Dir auf das sicherste einhändigen wird, wo Du immer sein solltest.
Ich war auch ein paar Tag in Paris, wo ich einen Curmacher von Dir kennen lernte, er läßt Dir die Hände vielmals küssen, er wird bald in Deine Heimath kommen, wo er Euch aufsuchen wird.
Indem ich Dir einen meiner Gewohnheit gemäß Dir gegenüber einen ausführlichen Brief geschrieben, so nehme ich mit schwerem Herzen Abschied von Dir, wer weiß, ob ich nicht genöthigt sein werde, bald meinem Leben ein Ende zu machen. Meine Stunde zur Abreise naht, ich bin hier wieder unter einem fremden Namen. Es küßt Dich viel tausendmal im Geiste, was ich viel lieber thäte in Wirklichkeit, weil ich überhaupt viel, ja unendlich viel mit Dir besprechen möchte, Deine Rathschläge zu erbitten, weil ich durch Dich veredelt werden könnte. Indem ich mein Herz erleichtert, so weit es bei mir möglich, nehme ich wiederholt Abschied mit dem dankbarsten Kuß Deine ergebene
Marie Vay.
Ich kann Dir gar nicht sagen, wie mich neugierig macht und es wissen möchte, was die Mathilde Chorinsky mit dieser Schachtel gemacht, welches ich durch die Gefälligkeit ihr nach Reichenhall zukommen hab lassen - daß Du mir diese Gefälligkeit erwiesen - danke ich Dir sehr dafür, überdies war dies auch durch die Bitten, diesen infamen Schuften zu Folge, daß ich Deine Güte in Anspruch genommen. Adieu wiederholt, zerreiße diesen Brief, daß niemand in die Hände bekommt.«

Die Instruction der Ebergenyi aus dem Arrest an den Grafen Chorinsky geht dahin: »Wegen der Schachtel von Brünn, Rampacher, sage, daß Du nicht weißt, was darin war. Du es nicht schicken wolltest, wie Du die Adresse gelesen, ich aber Dich durch alle möglichen Sachen genöthigt - ich da gesagt hätte: infolge eines Versprechens ich das wegschicken muß, sonst wäre ich selbst nach Brünn, was Du vermeiden wolltest, daher den Rampacher dazu aufgefordert.
Wegen den Verdacht des Todes Mathilde sage, daß ich Dir Freitag nachmittags diese Nachricht mitgetheilt, ohne gesagt zu haben, von wem ich es erfahren. Darüber hast Du mir eine Scene gemacht und ich Dir dessenungeachtet noch nichts gesagt u. s. w.
Als Sonntag die bestätigte Nachricht gekommen, warst Du so verzweifelt, daß ich es beinahe verübelt. Wenn Du diese Worte befolgst, sind wir gleich befreit.
Da ich glaube, daß Du andere Unannehmlichkeiten hast, so baue auf mich, sage, daß ich Dir versprochen, die Schulden zu übernehmen. Sollte ich früher hinauskommen wie Du, so werde ich alles thun, was in meiner Macht ist. Sei gefaßt, lasse Dich durch keine Reden des Rathes bethören, glaube an meine Worte und Treue, ich werde Dir in allem beistehen und Dich nicht verlassen und ich bürge Dir, daß wir beide vollkommen rehabilitirt befreit werden. So oft ich hier kann, gehe ich in die Kirche und glaube Dir näher zu sein. Wenn ich huste, so erwidere es. Es küßt Dich viel tausendmal Deine ergebene, treu Dich liebende J.
Lasse Dich beim Rath sogleich melden und sage, daß die Sache sich zu lange hinauszieht, folglich Du ihm jetzt sagen willst, wie die Sachen verhalten. Stilisire die Themas ganz so, wie ich es Dir aufgeschrieben; in 6 bis 10 Tagen sind wir befreit.
Lies diese Zeilen nicht übereilt, sonderst besonnen und ruhig durch. Sage auch, daß ich Dir damals gesagt habe, daß ich zu Hause gewesen. Was Du immer bisjetzt gesagt, sage alles so, wie ich Dir die Punkte aufschrieb.
Staune nicht, es kommt Dir auf eine verlaßliche Art zu. Gott segne Dich, mein Gustav! Du wirst Deine Stellung zurückerhalten, befolge nur meinen Rath. Es küßt Dich tausendmal Deine Dich treu liebende Julie.
Adresse: zu übergeben an Grafen Gustav Chorinsky beim Rath Nr. 2.«

Als Julie hörte, daß diese beiden Aufsätze in die Hand des Gerichts gefallen waren, rief sie voller Verzweiflung: »Nun bin ich verloren!« Aber nur einen Moment gab sie den Kampf auf, schon in der nächsten Stunde änderte sie ihr Vertheidigungssystem und gestand, als Baronin Marie Vay nach München gereist zu sein. Eine Freundin, welche sie aus Discretion nicht nennen dürfe, habe sie aufgefordert, in die bairische Hauptstadt zu kommen, um dort jemand kennen zu lernen, der sie zu heirathen wünsche. Sie sei, da sie auf das Glück, Gustav's Frau zu werden, doch keine Aussicht gehabt, auf den Antrag eingegangen und ohne sein Wissen gereist. In München will sie mit einer Dame Namens Victoria Horvath, auf welchen Namen, wie wir uns erinnern, der zweite ihrer Pässe lautete, zusammengetroffen sein. Die Horvath soll sie mit der Gräfin bekannt gemacht, in ihrem Aufträge will sie die beiden Fläschchen gekauft, mit Wein gefüllt, ihr will sie dieselben übergeben haben. Die Horvath soll mit der Gräfin und ihr an jenem verhängnißvollen Abend zusammengewesen sein. Sie erzählt dann weiter: »Die Horvath schickte mich fort unter dem Vorwande, daß sie mit der Gräfin unter vier Augen zu reden habe. Ich ging auf die Straße und bald darauf holte mich die Horvath ein und sagte mir: die Gräfin sei plötzlich mit einem Fluche auf Chorinsky zu Boden gefallen und verschieden. Die Horvath trennte sich von mir und ich reiste ab.«

Es bedarf bei der Abgeschmacktheit dieser Fabel kaum der Erwähnung, daß alle Forschungen nach einer Baronin Vay und einer Victoria Horvath resultatlos geblieben sind. Niemand hat eine solche Person mit Julie in Verkehr gesehen, auch ihre Freunde und Diener nicht. Nach einem aufgefangenen Briefe des Grafen Chorinsky ist die Idee »dieser Horvath« von ihm ausgegangen und infolge einer zwar nicht nachweisbaren aber gelungenen Verständigung zwischen beiden Gefangenen von der Ebergenyi aufgegriffen worden, obwol sie dem Untersuchungsrichter vorher versichert hatte, sie kenne keine Horvath.

Uebrigens sind beide Angeschuldigte hinsichtlich der Beschreibung der Persönlichkeit der Horvath und ihres Verkehrs mit ihr in die auffallendsten Widersprüche gerathen und das Eingreifen der Horvath oder einer andern dritten Person, wie Julie es schildert, ist nach den durch Zeugenaussagen und Augenschein festgestellten Verhältnissen des Orts und der Zeit eine bare Unmöglichkeit.

Die Ebergenyi hat, als das Trugbild der Baronin Vay ihr nicht mehr haltbar schien, den Namen der zweiten Paßkarte Victoria Horvath substituirt und diese Fiction mit mehr Ausdauer als Verstand festgehalten.

Die Freunde der Ebergenyi scheinen selbst nicht daran geglaubt zu haben, daß ihre Erfindung eine glückliche sei, wenigstens suchte man ihr einen andern Rath zu ertheilen. In einem Coupé zweiter Klasse des Zuges von Pesth nach Wien fand man ein Blatt Papier, welches ihr heimlich zugestellt werden sollte, folgenden Inhalts: »Geben Sie alle Umstände so an, wie sie waren, nur behaupten Sie, daß der Tod der Gräfin durch ein auf Gift verabredetes Duell erfolgte, daß Sie durch Ziehen der Sacktuchspitzen, an deren einer ein Knopf war, das Los entschieden, daß die Gräfin den Knopf zog. Dieses Geständniß ist erst dann zu machen, wenn bei der Zusammentreffung in vierzehn Tagen bis drei Wochen Sie durch das Schnurrbartdrehen eines auf dem Gange oder auf der Stiege stehenden Herrn die Nachricht erhalten, daß Chorinsky ebenfalls derart verständigt wurde.«

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

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