Kein Grab ist stumm

 

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Der Neue Pitaval (1868) II.

II. Mathilde & Gustav

Gustav Chorinsky, der Sohn des Statthalters von Niederösterreich, einem alten mährischen Geschlecht entsprossen, war im Jahre 1832 geboren und schon mit 17 Jahren ins Militär eingetreten. Im Sommer 1858 stand er zu Linz in Garnison und lernte daselbst seine spätere Frau, die damalige Schauspielerin Mathilde Ruef, die Tochter eines gräflich Herding'schen Privatsecretärs, kennen. Der junge Offizier war groß, von einnehmendem Aeußern, ein guter Gesellschafter, aber leichtsinnig, immer in finanziellen Verlegenheiten, weil er mit dem Gelde nicht umzugehen verstand, und in hohem Grade leidenschaftlich. Fräulein Ruef galt, obwol bereits 25 Jahre alt, für hübsch und talentvoll, die schlanke Figur, das schöne blonde Haar, die dunkeln Augen und der blendend weiße Teint machten sie zu einer anmuthigen Erscheinung. Ihr Ruf war tadellos, ihr Benehmen trug das Gepräge der Noblesse. Graf Chorinsky näherte sich der liebenswürdigen Schauspielerin und suchte ihre Liebe zu gewinnen. Fraulein Ruef erinnerte ihn an den Unterschied des Standes, der sie trennte, und beschwor ihn, von ihr abzulassen. Aber gewohnt, in Herzensangelegenheiten nur dem Drange seines Gefühls und nicht der Stimme der Vernunft zu gehorchen, besiegte er ihren Widerstand, verlobte sich im Mai 1858 mit ihr und einige Wochen später ergab sie sich ihm vollständig. Der Graf war, wie wir sagten, stets in Geldnoth, die Braut half aus und streckte ihm verschiedene Summen als Darlehn vor. Im Februar 1859 quittirte er den Dienst, sie verließ die Bühne und beide siedelten sich in Glusersbach bei Salzburg an. Auf Veranlassung des Vaters wurden sie jedoch von der Polizei getrennt, er ging nach Wien, sie nach Baiern. Schon am 20. April 1859 finden wir den Grafen Chorinsky wieder bei einem in Italien stehenden Regiment. Er ließ die Geliebte nach Verona kommen, dort blieb sie während des Feldzugs und gebar ein todtes Mädchen. Der Graf zeichnete sich aus und avancirte zum Oberlieutenant. Nach dem Friedensschlusse von Villafranca reiste das Paar nach Deutschland, Mathilde trat in Augsburg zur katholischen Religion über, ihr Bräutigam kehrte zu seinem Regiment zurück und bemühte sich, die Heirathserlaubniß zu erhalten. Als ihm dieselbe versagt wurde, trat er in die damals in Organisation begriffene päpstliche Armee ein und wurde vom General Lamoricière am 1. März 1860 dem zweiten Jägerbataillon in Ancona als Hauptmann zugetheilt. Am 12. Juli erhielt er die heißersehnte dienstliche Einwilligung zu seiner Vermählung. Er theilte dies seiner Braut schriftlich und telegraphisch in Ausdrücken des höchsten Entzückens mit, sie kam und am 17. Juli fand in Foligno im Kirchenstaat die Trauung statt.

Die Aeltern des Grafen verziehen dem Sohne den von ihnen gemisbilligten Schritt und erkannten seine Gattin als Schwiegertochter an.

Am 4. März 1861 wurde die Gräfin vorzeitig von einem Knaben entbunden, der bald nach der Geburt wieder starb. Im April mußte der Graf das nach der Schlacht von Castelfidardo bereits zertrümmerte und nun aufgelöste päpstliche Heer verlassen und zog mit seiner Gattin nach Heidelberg. Das eheliche Glück war schon in dieser Zeit gestört, ja der Graf scheint sich sogar bis zu Mishandlungen seiner Frau vergessen zu haben, wenigstens stellte er am 1. Aug. einen sehr merkwürdigen Revers aus, in welchem er sich verpflichtete, seine Gemahlin künftig nicht zu schimpfen, nicht zu kneipen, nicht zu schlagen.

Im November 1861 gingen beide zu einer befreundeten Familie in Nancy, er verließ seine Gattin im December und begab sich nach Brünn zu seinem Vater, der damals Statthalter von Mähren war, um seine Aufnahme in die österreichische Armee zu betreiben. Allein da er ohne Vermögen und von früher her tief in Schulden die erforderliche Caution nicht aufzubringen vermochte, scheiterten vorläufig seine Bemühungen.

Mit der Gräfin blieb er in lebhaftem Briefwechsel und die Briefe aus den ersten Monaten der Trennung athmen noch Liebe, mitunter sogar Sehnsucht. Aber die Briefe wurden kälter und seltener, denn sein leicht reizbares und unbeständiges Herz war für eine junge Dame des adelichen Stifts Maria-Schul in Brünn in heftiger Neigung entbrannt. Jetzt empfand er seine Ehe als eine lästige Fessel, deren er sich um jeden Preis entledigen wollte. Er suchte seine Frau zur Scheidung zu bestimmen, anfänglich schrieb er schonend, heuchelte Schmerz über die unseligen Verhältnisse und spiegelte ihr vor, das Bündniß mit ihr hindere seinen Eintritt in das Heer. Als sie nicht sofort zustimmte, trat er mit einer wahrhaft empörenden Rücksichtslosigkeit und Roheit auf. Ohne alle Geldmittel sah sie sich genöthigt, ihre Pretiosen zu veräußern und so ihr Leben zu fristen, endlich faßte sie den Entschluß, persönlich nach Brünn zu reifen. Sie hoffte auf eine Versöhnung, allein sie wurde furchtbar enttäuscht. Kalt und grausam stieß er sie zurück, seine Liebe hatte sich in Haß verkehrt. Die Gräfin suchte Schutz und Unterkommen bei einer Schwester, die in Berlin wohnte, ließ sich indeß von ihr bereden, noch einen Versuch zu machen und kam noch einmal nach Brünn. Es erfolgte eine Scene, die, wie sie in ihrem Tagebuche schreibt, den Glauben an den Mann, welchen sie so innig und so treu, mehr als Gott geliebt hatte, völlig zerstörte. Er entblödete sich nicht, ihr für den Fall, daß sie es wagen sollte, sich den Seinigen zu nahen, mit schändlichen Lügen und Verleumdungen zu drohen; er forderte sie geradezu auf, Hand an sich zu legen und ihm dadurch die Freiheit zurückzugeben, ja er war so schamlos, der Frau, die seinen Namen trug, anzusinnen, daß sie ihre Reize verwerthen und ihr Fortkommen durch Prostitution suchen sollte! Die in ihren heiligsten Gefühlen und in ihrer Würde tief gekränkte Frau suchte Schutz bei den Aeltern ihres Mannes und fand dort liebevolle Aufnahme. Sie blieb in ihrem Hause wohnen und ward wie ihr Kind geehrt und geachtet, er aber schied aus der Familie, ging auf die Güter eines Vetters und vergaß seine Gattin und die Stiftsdame aus Brünn bald in den Armm einer andern ehebrecherischen Frau.

Im Jahre 1864 vor dem Ausbruche des schleswigholsteinischen Kriegs wurde der Graf wieder in die Armee aufgenommen und bekam, nachdem er durch die Vermittelung eines freigebigen Verwandten Caution gestellt hatte, das Patent als Offizier. Er zog 1866 wieder mit in den Krieg, wurde in der Schlacht von Königgrätz verwundet und verlangte, nach Wien zurückgekehrt, die Entfernung der ihm verhaßten Gattin aus seinem Vaterhause.

Mathilde war gefügiger geworden, sie hatte in der Zwischenzeit hinter dem Rücken ihrer Schwiegerältern mit dem schon genannten Studenten Albert Mikulitsch einen vertrauten Umgang angefangen und fühlte sich schwanger. Gern räumte sie ihrem Mann unter solchen Umständen den Platz. Es ward nun ein Arrangement getroffen, daß sie die Zinsen jenes Cautionskapitals angewiesen erhielt und Wien verließ. Sie begab sich, wie wir bereits sagten, erst nach Augsburg, dann nach Ulm, zuletzt nach München und gebar daselbst am 13. Nov. 1866 einen Knaben, den sie der Feinbüglerin Marie Ciski anvertraute. Den Verkehr mit Mikulitsch setzte sie fort und schrieb ihm noch drei Tage vor ihrem Tode einen zärtlichen Brief.

Der Graf Chorinsky genas von seiner Wunde und wurde sodann bei einer Abtheilung des Generalstabs im Kriegsministerium zu Wien verwendet.

Infolge eines Telegramms der münchener an die wiener Polizei, welches den plötzlichen Tod der Gräfin, aber nicht den Verdacht eines Mordes mittheilte, reisten der Statthalter Graf Chorinsky und sein Sohn von Wien nach München; am 25. Nov. früh trafen sie dort ein, der Statthalter machte dem Polizeidirector von Burchtorff einen Besuch und bat um Auskunft über die nähern Umstände des Ablebens seiner Schwiegertochter. Sein Sohn, der zunächst Betheiligte, war nicht mit erschienen. Der Polizeidirector begleitete den Statthalter - gegen dessen Willen - in das Hotel Zum Bayerischen Hof. Hierbei fiel ihm auf, daß der Graf nicht direct auf die Einfahrt des Gasthofs zu, sondern unter dem Vorwande, die Monumente auf dem Promenadenplatz ansehen zu wollen, die er jedoch keines Blickes würdigte, über den Platz wegging. Dort stießen sie auf einen Herrn im Civilanzug, welchen der Statthalter dem Polizeidirector zu dessen nicht geringer Ueberraschung als seinen Sohn vorstellte. Der junge Graf war sichtlich bestürzt, sein scheues, verlegenes Wesen, die ängstliche Art, wie er bei einem Gange zur österreichischen Gesandtschaft die des Weges kommenden Gensdarmen ansah und sich angelegentlich nach ihren Dienstobliegenheiten erkundigte, bestärkte den bereits rege gewordenen Verdacht des Polizeidirectors: er machte den Eindruck eines Schuldbewußten. Der Verdacht wuchs, als der Graf sich weigerte, die Wohnung seiner Frau zu betreten, ihre Leiche zu sehen und der Beerdigung beizuwohnen. Es entschlüpften ihm Aeußerungen des glühendsten Hasses gegen die Verstorbene, er sprach von seiner übeln pecuniären Lage und daß ihn der Verlust der Zinsen vom Cautionskapital sehr genirt habe. Herr von Burchtorff hatte Vater und Sohn gebeten, ihn abends um 6 Uhr nochmals zu besuchen, traf aber, durch einen dienstlichen Weg verhindert, erst halb 7 Uhr auf der Polizeidirection wieder ein. Der Graf Chorinsky jun. ging auf der Straße auf und ab und wollte anfänglich durchaus nicht in das Bureau eintreten; er wich den Blicken des Polizeidirectors augenscheinlich aus.

Inzwischen hatte man in Erfahrung gebracht, daß vor einigen Wochen von Wien aus durch die österreichische Gesandtschaft Erkundigungen nach der Wohnung der Gräfin Chorinsky eingezogen worden waren, und vor wenigen Stunden hatte der Polizeidirector ermittelt, daß jene Erkundigungen von dem Gatten der Gräfin ausgegangen und daß der Ruf des letztern kein unbefleckter war. Der Polizeidirector setzte den Untersuchungsrichter unverweilt von allen diesen verdächtigen Thatsachen in Kenntniß, es ward ein Verhaftsbefehl ausgefertigt und der Oberlieutenant Graf Chorinsky noch an jenem Abend auf dem Bureau der Polizeidirection festgenommen. Er war auf das äußerste betroffen, erging sich aber gleich darauf in Aeußerungen des wüthendsten Ingrimms gegen seine verstorbene Frau.

Bei Durchsuchung seiner Effecten fand man außer einem Rosenkranz, mehrern Gebeten und andern Dingen vier Photographien, die in verschiedenen Aufnahmen eine und dieselbe junge Dame darstellten. Ein Medaillon, welches er am Halse trug, zeigte dasselbe Bild.

Man legte die Bilder sofort denjenigen Personen vor, welche mit der angeblichen Baronin Vay in München in Beziehung gekommen waren, und alle erkannten das Porträt dieser Dame mit der größten Bestimmtheit wieder. Der Gefangene bezeichnete sie auf Befragen als die Stiftsdame Julie von Ebergenyi, wohnhaft Wien Krugerstraße 13, und räumte nur zögernd ein, mit ihr genauer bekannt zu sein.

Der Telegraph meldete, was man in München entdeckt, nach Wien, und es begann nun jener das Interesse der ganzen gebildeten Welt im höchsten Grade spannende Doppelproceß, welcher den Grafen Gustav Chorinsky in München, die Stiftsdame Julie von Ebergenyi in Wien wegen des Verbrechens des Mordes auf die Anklagebank führte.

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.