Kein Grab ist stumm

 

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Der Neue Pitaval (1868) III.

III. Julie & Gustav

Julie Malvine Gabriele Ebergenyi von Telekes ist am 9. Febr. 1842 zu Szecheny, dem Gute ihres Vaters, Victor Ebergenyi von Telekes, im eisenburger Comitat in Ungarn geboren. Sie erhielt eine standesmäßige Erziehung, aber eine nur oberflächliche Bildung, und war nicht sonderlich begabt. Sie wuchs heran zu einer zwar nicht gerade schönen, aber sehr gefallsüchtigen Jungfrau und blieb bis zum Jahre 1867 im älterlichen Hause. Ihre Mutter war gestorben, ihr Vater hatte wieder geheirathet und zwar ein Mädchen aus dem Bürgerstande. Dies nahm Julie zum Vorwande, nach Wien zu gehen, wo sie für ihre Genußsucht und ihre Unternehmungslust mehr zu finden hoffte als auf dem einsamen väterlichen Schlosse. Im Januar 1867 machte sie in Wien bei der Baronin Skaletz, ihrer Taufpathin, einen Besuch und blieb einen Monat bei ihr; dann miethete sie sich eine eigene luxuriös eingerichtete Wohnung und schlug die Aufforderung ihres Vaters, heimzukehren, rundweg ab.

Sie besaß nur ein jährliches Einkommen von 300 Fl., es fehlten ihr also die Mittel, standesgemäß zu leben. Sinnlich, leichtfertig, ohne sittliche und religiöse Grundsätze, trat sie mit bekannten Lebemännern der Residenz in Verbindung und verkaufte ihre körperlichen Reize. So stand sie nach ihrem eigenen Geständnisse bis Mitte Juli 1867 in einem intimen Verhältnisse mit einem ältern hochgestellten Offizier, welcher die Verbindung nur deshalb löste, weil er ihre immer höher steigenden Anforderungen an seinen Beutel nicht mehr befriedigen konnte und wollte. Ein anderer »Freund« hatte sie nach ihrer Versicherung so lieb gewonnen, daß er ihr seine Kasse zur Verfügung stellte, die sie um 3000 Fl. erleichterte.

Um einen Titel für ihr selbständiges Leben zu haben, wünschte sie Ehrenstiftsdame des freiwilligen adelichen Damenstifts Maria-Schul in Brünn zu werden, ihre Bitte ward gewährt und sie bezahlte die Taxe von 50 Dukaten aus dem Seckel jenes wohlhabenden Freundes.

Im April 1867 machte sie die Bekanntschaft des Grafen Gustav Chorinsky; sie sah ihn zufällig in einem Familiencirkel. Schon am folgenden Tage machte er ihr seine Aufwartung, es dauerte nicht lange, so erklärte er ihr seine Liebe, und ohnehin freigebig mit ihrer Gunst, hatte sie ihm bald nichts mehr zu gewähren. Dieses Verhältniß war anfangs nur sehr lose geschürzt und Julie ließ sich dadurch von ihren Liebschaften mit andern Männern nicht abhalten. Es nahm indeß durch die zügellose Leidenschaft des Grafen und seine Eifersucht bald einen ernsten Charakter an. Chorinsky begnügte sich nicht damit, daß Julie sich ihm ganz hingegeben und an seiner Brust ruhte, so oft er es wünschte, er wollte sie ausschließlich besitzen und glaubte volle Befriedigung nur in dem durch die Ehe gewährleisteten immerwährenden Zusammenleben zu finden. Beide verabredeten die Heirath, es ward ein Verlobungsfest gefeiert, bei welchem Elise von Thurneisen, eine Freundin Juliens, ihr Bruder Stephan und Graf Heinrich Chorinsky, ein Bruder des Bräutigams, anwesend waren. Man befand sich in der heitersten Stimmung, die Gläser klangen auf die baldige Vereinigung des Paares. Gustav Chorinsky stellte sich Bekannten und Verwandten als Verlobter der Baronin von Ebergenyi vor und hielt im September 1867 bei ihrem Vater förmlich um sie an. Er erhielt die Antwort: der Vater ertheile seinen Segen. In Betreff der Ausstattung werde das Mögliche geschehen, damit die Eheschließung nicht aufgeschoben zu werden brauche. Die Ausstattung wurde auch wirklich in Angriff genommen. Julie kaufte ein Brautkleid und ließ zur Auszeichnung der Wäsche einen Stempel mit den Buchstaben J. C. und der Grafenkrone anfertigen. Als spätester Termin der Hochzeit wurde abwechselnd der Herbst 1867 oder das Frühjahr 1868 festgesetzt, und die Liebenden rechneten mit Zuversicht auf das Gelingen ihres Plans.

Die Angehörigen Juliens, insbesondere deren Schwester Agathe, wünschten mit Rücksicht aus die Antecedentien der Braut die Beschleunigung der Hochzeit, und Julie selbst hatte gewichtige Gründe, keine Zeit zu verlieren, denn sie vermuthete, daß sie guter Hoffnung sei. Es wurden von ihr deshalb der Dr. Schlesinger und die Hebamme Reiner in Wien consultirt, beiden präsentirte sie sich als Gräfin Chorinsky. Das einzige Hinderniß der Ehe bildete die noch lebende rechtmäßige Gemahlin des Grafen. Eine Scheidung, an die man wol dachte, war kaum zu erreichen, denn der Graf, der den Ehebruch seiner Gattin erst nach ihrem Ableben in München erfuhr, hatte keine Scheidungsgründe zur Hand und überdies half ihm dieser Ausweg wenig. Julie und Chorinsky gehörten der katholischen Kirche an und würden sich, auch wenn letzterer geschieden worden wäre, nicht haben heirathen können. Es blieb also nur Eins übrig: der Tod der Gräfin. Dieser machte ihn frei und machte auch die Caution von 12000 Fl. verfügbar, deren Interessen sie zog. Dieses Kapital bedurfte der Graf, um einen Hausstand zu gründen, weil er sowol als Julie verschuldet waren und keine andern Einnahmen hatten als die Gage des Bräutigams.

So standen die Sachen, als Julie von Ebergenyi im November 1867 nach München reiste und bald darauf die Gräfin vergiftet durch Blausäure todt in ihrem Zimmer gefunden wurde.

Wir kehren zurück zu dem Moment, wo von München die Verhaftung der Baronin telegraphisch gefordert ward.

Am Abend des 26. Nov., als bereits die Nacht hereinbrach, verfügte sich der Polizeicommissar Breitenfeld in die Wohnung der Stiftsdame Ebergenyi und kündigte ihr an, daß er den Befehl habe, sie als des Mordes verdächtig in das Gefängniß abzuführen. Sie war sichtlich bestürzt, rang nach Fassung und vermochte kaum die an sie gerichteten Fragen zu beantworten. »Mich wollen Sie wegführen? Ich bin unschuldig, wahrhaftig, ich bin unschuldig!« rief sie aus. Ein merkliches Zittern flog durch ihren Körper, während ihr Antlitz von einer tiefen Blässe bedeckt ward. Es war, als ob sie ein Fieberschauer überfallen hätte. Sie wankte und sank weinend in ein Fauteuil. Einige Secunden lang schien sie mit sich selbst zu Rathe zu gehen, dann erhob sie sich und sprach mit fester Stimme, anscheinend ruhig: sie sei bereit, nur bitte sie um Erlaubniß, sich anziehen zu dürfen. Die Bitte wurde ihr, da sie bereits im Nachtkleide war, gewährt; man brachte sie im Wagen in das Polizeigefängniß, ihre Schwester Agathe, die Zeugin des Vorfalls war, reiste sofort nach Ungarn ab.

In Gegenwart des Untersuchungsrichters Dr. Fischer und des Polizeicommissars Breitenfeld legte Julie von Ebergenyi auf dem Polizeibureau folgendes Geständniß ab:

»Es sei richtig, sie habe bei einem Photographen unbemerkt Cyankali genommen und dieses der Gräfin Mathilde Chorinsky, während sie auf beiderseitiges Wohl getrunken hätten, in den Thee gestreut.«

In Gegenwart des Polizeidirectors Hofraths von Strobach und des Protokollführers fügte sie gleich darauf noch hinzu: »Sie sei in München unter dem Namen Baronin Vay im Hotel Zu den vier Jahreszeiten abgestiegen und habe sich der Gräfin Chorinsky als eine Durchreisende unter dem Vorwande, sich von ihrer Liebenswürdigkeit persönlich überzeugen zu wollen, vorgestellt. Beide Damen hätten sich verabredet, am Abend des 21. Nov. das Theater zu besuchen, und sie habe den Nachmittag bei der Gräfin zugebracht. Als sie fortgegangen, habe die Gräfin bereits zwischen dem Tisch und Kanapee auf dem Boden gelegen. Sie wisse nicht, ob das Gift plötzlich gewirkt habe, ebenso wenig, ob die Gräfin todt gewesen.
Die Hauswirthin habe sich zu Hause befunden, deren Tochter aber nicht, dieselbe habe in jener Zeit ein Kleid fortgetragen.«

Als die Angeschuldigte diese Bekenntnisse abgelegt hatte und, wie es schien, im Begriff war, die Einzelheiten und den Zusammenhang der fürchterlichen That mitzutheilen, hielt sie plötzlich inne und sprach mit kühler, beinahe apathisch erscheinender Resignation:

»Ich sage es aufrichtig, ich war es nicht - aber schreiben Sie nur, daß ich es war - ich stürze mich in mein Unglück. Es war jemand aus München, der die Idee gehabt hat, die That zu verüben - daß ich in München war, gestehe ich zu. Aber gehen wir lieber in das Landesgericht hinaus, ich gehe zu Grunde, denn ich kann diese Person nicht nennen.«

Sie bat hierauf, den letzten vollgeschriebenen Bogen aus dem Protokoll zu entfernen, versprach, nun die lautere Wahrheit zu sagen und fuhr fort:

»Ich war in München, aber daß ich sie nicht umgebracht habe, das kann ich hoch und theuer beschwören. Ich war dort bei der Gräfin Chorinsky, das ist so - sie war auch sehr freundlich- sie erzählte mir von ihrer Ehe mit ihrem Manne die nähern Details - sie hat auch einen sehr unglücklichen Brief nach Haus geschrieben. Gewiß hat sie sich selbst umgebracht, denn sie hat so geweint über die Verhältnisse mit ihrem Mann - das ist furchtbar.
Sie erzählte mir auch eine Geschichte, daß sich ihr Mann versöhnen wollte - sie war aber so unglücklich, ich glaube, die Frau hat es auch auf mich abgesehen gehabt, mich ins Unglück zu stürzen.
Ich sah sie beim Wandkasten stehen. Sie trug ihre Schale hin, dann wieder zurück, fiel mir weinend um den Hals, lehnte sich etwas an das Kanapee und stürzte plötzlich leblos zu Boden.«

»Auf das hin« - schloß die Inquisitin sichtlich befriedigt - »bin ich schleunigst fortgegangen und nach Hause zurückgekehrt. Anfangs dachte ich mir, sie habe furchtbar Komödie gespielt, weil sie sonst Komödie gespielt haben soll, dann aber…«

Hier schwieg sie, nach einer Pause setzte sie, um den Verdacht eines Selbstmordes, den sie bereits ausgesprochen hatte, zu bekräftigen, hinzu:

»Ich sagte ihr: ich käme von ihrem Mann, den ich recht lieb hätte und der mich öfter besuchte. Deshalb hat sie es offenbar auf mich abgesehen gehabt, denn sie erklärte, sie fluche allen, welche mit ihrem Mann Sympathie hätten.«

Im weitern Gange des Verhörs ward sie immer verschlossener, sie begegnete allen Fragen mit der stereotypen Phrase: »Es wird sich alles lösen«, und äußerte, als der Richter ihr ernst ins Gewissen redete: »Ich kann höchstens sagen: wenn alles auf die Gräfin Chorinsky anspielt, nun so soll die es sein, bei der ich auf Besuch war. Ich nehme alles auf mich, das heißt, ich nehme die Sache nur pro forma auf mich, bis sich alles lösen wird.«

Zuletzt suchte sie dem Gerichte vorzuspiegeln, daß mit ihr zugleich eine Baronin Vay in München gewesen sei und daß diese das Verbrechen verübt habe, und am Schlusse des ersten Verhörs stellte sie die Reise nach München, die sie bis dahin ohne weiteres eingeräumt hatte, schlechthin in Abrede. Man sieht, unter dem Eindrucke der Verhaftung war eine Regung des bessern Gefühls über sie gekommen, das Gewissen hatte ihr geschlagen und sie bestimmt, die Wahrheit anzugeben. Aber es war nur eine flüchtige Regung. Kaum waren die verhängnißvollen Worte über die Lippen, so standen ihr die Folgen vor der Seele: die Verurtheilung wegen Mordes, der Tod am Galgen! Ihr elastischer Geist schnellte empor, sie entschloß sich, den verzweifelten Kampf aufzunehmen, dem Gewissen wurde Schweigen geboten und sie legte sich noch in derselben Stunde ihren Operationsplan zurecht. Sie wollte nach zwei Seiten einen Stützpunkt suchen: entweder einen Selbstmord der Gräfin wahrscheinlich machen, oder den Verdacht von sich ab auf eine dritte, noch unbekannte Person wälzen.

Es ist einer der merkwürdigsten psychologischen Vorgänge, den wir hier sehen: das Bekenntniß und gleich darauf die entschlossene Lüge. Was sich bei andern Verbrechern auf mehrere Tage vertheilt, das ist hier der Proceß von wenigen Minuten. Auch sonst findet man nicht selten, daß ein Mörder, wenn der Arm der Gerechtigkeit ihn ergreift, bis ins Innerste erschüttert wird und gesteht, aber das Geständniß später widerruft. Allein der Widerruf erfolgt gewöhnlich erst, nachdem längere Zeit vergangen und der Verbrecher wieder kaltblütig geworden ist. Hier haben wir Wahrheit und Lüge dicht beieinander. Julie von Ebergenyi entwirft noch während des ersten Verhörs ihr Vertheidigungssystem, mit jeder Lüge, die sie ausspricht, wächst ihre Keckheit, die zuerst reuhige Sünderin hat sich in unglaublich kurzer Zeit in eine verstockte Lügnerin verwandelt, sie tritt energisch und verwegen in die Schranken, um Leben und Freiheit zu retten.

Der Neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Die Stiftsdame Julie Ebergenyi von Telekes und der Graf Gustav Chorinsky Freiherr von Ledske (Wien und München. Giftmord.). 1867 und 1868. Leipzig, 1868.

 

 

 

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ISSN 2367 - 3907

© Reiner Kaltenegger. 2007 - 2017.